Die Krüppelbewegung - eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahr


Hausarbeit, 2007

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Terminologie „Krüppel“
2.1 Entwicklung und Verwendung
2.2 Bedeutung im Zusammenhang mit der „Krüppelbewegung“

3 Organisation der Menschen mit Behinderung nach dem 2. Weltkrieg
3.1 Kriegsopferverbände
3.2 Elternvereine

4 Die „Krüppelrealität“ – Lebensrealität der „Krüppel“
4.1 Reaktionen, Verhalten und Einstellungen gegenüber Menschen mit körperlicher Behinderung
4.2 Lebensumstände
4.2.1 Mobilität
4.2.2 Wohnen
4.2.3 Ausbildung und Beruf

5 Die Entstehung der Bewegung und ihre Formen
5.1 Club Behinderter und Ihrer Freunde e. V. (CeBeeF)
5.2 VHS-Kurse
5.3 Autonome „Krüppelgruppen“

6 Öffentliches Wirken der Bewegung
6.1 Frankfurter Straßenbahnblockade
6.2 Asylantrag von Franz Christoph in den Niederlanden
6.3 Demonstrationen in Frankfurt
6.4 Aktionen gegen das „Uno-Jahr der Behinderten 1981“
6.4.1 Eröffnungsveranstaltung
6.4.2 Reha 81
6.4.3 „Krüppeltribunal“

7 Der „Krüppelstandpunkt“

8 Entwicklungen nach 1981

9 Lage der Menschen mit Behinderung während des „Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderung 2003“

10 Schlussbetrachtung

Bibliographie

1 Einleitung

Die „Krüppelbewegung“ ist eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre, die sich aktiv dafür einsetzte, die soziale Benachteiligung von Menschen mit einer körperlichen Behinderung aufzuheben. Ihr Ziel war es Chancengleichheit und vor allem Selbstbestimmung in allen relevanten Lebensbereichen zu erreichen. In dieser Arbeit möchte ich die „Krüppelbewegung“ und ihre Bedeutsamkeit für die aktuellen Lebensbedingungen von Menschen mit körperlicher Behinderung darstellen.

Zur Einführung in die Thematik werde ich als erstes klären, wie die Terminologie „Krüppel“ im Zusammenhang mit der „Krüppelbewegung“ zu verstehen ist, denn eigentlich wurde der Begriff – wie sich zeigen wird – als solcher nie von den Menschen mit Behinderung akzeptiert und bereits Mitte der 1950er Jahren offiziell aufgegeben (Kapitel 2). Anschließend gehe ich auf die Situation der Menschen mit Behinderung vor der Entstehung der Bewegung ein, um verständlich zu machen, welche Beweggründe sie hatten. Sie fühlten sich durch die vorhandenen Organisationsformen nicht ausreichend vertreten und waren so nicht in der Lage, ihre beklagenswerten Lebensumstände („Krüppelrealität“) zu verändern (Kapitel 3 und 4). Dies führte letztendlich dazu, dass die Betroffenen eigene Organisationen gründeten (Kapitel 5). Anschließend stelle ich einige Beispiele des öffentlichen Wirkens der Gruppierungen vor, die das Ziel hatten, auf die äußere Benachteiligung aufmerksam zu machen (Kapitel 6). Ein zentraler Aspekt der Bewegung war, dass die Menschen mit Behinderung ein neues Selbstbewusstsein erlangen sollten, indem sie sich von den Wert- und Normvorstellungen der „Nichtbehinderten“ lösten. Diese neue Denkensweise wurde im „Krüppelstandpunkt“ gefordert (Kapitel 7). Zum Abschluss werde ich die Entwicklung nach dem Höhepunkt der Bewegung 1981 (Kapitel 8) kurz darstellen und abschließend auf die Situation der Menschen mit einer Behinderung zum Zeitpunkt des „Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung 2003“ eingehen (Kapitel 9).

2 Terminologie „Krüppel“

2.1 Entwicklung und Verwendung

Die Terminologie „Krüppel“ ist der ursprüngliche, mittlerweile veraltete Begriff für „körperbehinderte, physisch entstellte Menschen“ (Dupuis 1992: 374).

Das älteste Zeugnis für den Wortlaut „Krüppel“ lässt sich in der Form „crupel“ bis in das 11. Jahrhundert am Mittelrhein zurückverfolgen. Im 19. Jahrhundert werden als „Krüppel“ Menschen mit „gekrümmten, verwachsenen oder gelähmten gliedern“ (Gebrüder Grimm 1873, zit. n. Wilken 1983: 212) [Kleinschreibung im Original] bezeichnet. Das Wort „Krüppel“ hatte von Anfang an eine negative, abwertende Bedeutung, wie beispielsweise das Sprichwort „je krümmer, desto tümmer“ (zit. n. Wilken 1983: 212) aus dem deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm (1873) zeigt.

Der Theologe Th. Schäfer schilderte im Jahre 1900 die Probleme von Anstalten, die den Begriff „Krüppel“ in ihrem Namen trugen und an die deswegen der „Vorwurf der Hartherzigkeit gegen die Elenden“ (Schäfer 1900 zit. n. Wilken 1983: 212) gerichtet wurde. Man bemühte sich in den folgenden Jahren darum eine Alternative für das Wort „Krüppel“ zu finden, doch es konnte kein „auch nur annähernd so bezeichnendes Wort von lieblichen Klang“ (Schäfer 1907, zit. n. Wilken 1983: 212) gefunden werden: „Gebrechlicher“ (Biesalski 1924; Merkens 1974, zit. n. Wilken 1983: 212), „Gelähmter“ (ebd.) oder „Hilfling“ (ebd.) waren dabei einige Vorschläge des Deutschen Sprachvereins.

Obwohl 1925 der weniger stigmatisierende Begriff „Körperbehinderter“ aufgrund der zunehmenden Demokratisierung auftauchte, wurde das Anliegen der Betroffenen, nämlich die Abschaffung des Begriffes „Krüppel“, weiterhin ignoriert. Insbesondere die Wissenschaft setzte das Wort gezielt ein, da es nach der Meinung der Fachleute der einzige Begriff sei, der exakt das wiedergebe, was sie meinten. Endgültig setzte sich der Begriff „Körperbehinderte“ erst nach dem 2. Weltkrieg, scheinbar aufgrund der Erlebnisse des Nationalsozialismus, durch. Die Menschen hatten erkannt, dass es wichtig, sogar bedeutend für das Leben wurde, dass man die stigmatisierende Bezeichnung „Krüppel“ zugunsten der Terminologie „Körperbehinderter“ aufgeben musste, um den Menschen als gleichberechtigtes und wertvolles Wesen anzuerkennen.

In der Alltagssprache wurde der Begriff weiterhin verwendet und auch in der Literatur wurde an dem Begriff „Krüppel“ festgehalten.

Mit dem „Gesetz über die Fürsorge Körperbehinderter und von einer Körperbehinderung bedrohter Menschen“ wurde letztendlich im Jahre 1957 die Terminologie offiziell durch den Begriff „Körperbehinderter“ gesetzlich abgelöst (vgl. Wilken 1983: 213 f.).

2.2 Bedeutung im Zusammenhang mit der „Krüppelbewegung“

Während der „Krüppelbewegung“ erlangte der Begriff „Krüppel“ wieder an Bedeutung, allerdings in einem anderen Kontext. Die Bezeichnung „Krüppel“ wurde von Organisationen selbstbewusster Menschen mit einer körperlichen Behinderung, nämlich den Mitgliedern der „Krüppelgruppen“ (vgl. Breuer 1992: 374), selbst verwendet, um die Öffentlichkeit auf ihre Benachteiligung aufmerksam zu machen (vgl. Dupuis 1992: 374). Der Begriff „Behinderter“ verschleierte ihrer Ansicht nach die Realität, so dass sie die Eigenbezeichnung „Krüppel“ verwendeten (vgl. Breuer 1992: 374):

Wir nennen uns Krüppel und sprechen damit aus, was Nichtbehinderte über uns nur denken. Bei dieser Bezeichnung kann über das Machtgefälle nicht hinweggegangen werden, wie es beim seichten, beschönigenden behindert geschieht (Radtke/Sierck 1982: 149).

Mit dem Wort „Krüppel“ wurde dabei ausdrücklich die „Auseinandersetzung, Selbstbestimmung und ein Bewußtsein des Unangepaßten“ (ebd.: 150) assoziiert.

3 Organisation der Menschen mit Behinderung nach dem 2. Weltkrieg

3.1 Kriegsopferverbände

Kriegsbeschädigte waren die erste Gruppe von Menschen mit Behinderung, die sich nach dem Krieg organisierte. Die Alliierten hatten damals die Neugründung und Fortführung reiner Kriegsbeschädigtenverbände verboten, um das Auftreten von scharfen Ideologien und Aktivitäten zu verhindern. So entstanden „gemischte“ Gruppen von Kriegs- und Zivilbeschädigten, in denen sich die Mehrheit aus kriegsbeschädigten Menschen zusammensetzte (vgl. Fandrey 1990: 262). Dabei wurden Menschen mit Behinderung, die seit ihrer Geburt behindert waren, wie Spastiker oder geistig Behinderte, nicht von den Kriegsbeschädigten akzeptiert, da die Kriegsopfer ihre eigene Ideologie verfolgten: „Was hätten auch junge Spastiker beim Heldengedenktreffen berichten sollen? Sie hatten keine Schlacht geschlagen“ (Klee 1987: 201). Besonders junge Menschen mit Behinderung, die nicht Opfer des Kriegs waren, fühlten sich nicht integriert (vgl. Fandrey 1990: 262).

Es bildeten sich dabei zwei große Verbände heraus, der „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e. V.“ (VDK) und der „Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen“, die sich mittlerweile verstärkt Nichtkriegsbeschädigten zuwenden (vgl. ebd.).

3.2 Elternvereine

Seit Anfang der 1950er Jahre organisierten sich Eltern von Kindern mit einer Behinderung und schlossen sich zu Vereinen zusammen. Es entstanden so, entsprechend der Behinderungsart, Vereine wie der „Verein für spastisch gelähmte Kinder“ oder die „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ (vgl. Sierck 1982: 151 f.; vgl. Fandrey 1990: 262; vgl. Brück o. J.).

Die ursprüngliche Idee der Elternvereine war die Rehabilitation der Eltern, um sich durch den Zusammenschluss gegenseitig zu unterstützen. Die Sorge um ihr Kind, deren Förderung und vor allem auch die eigene Entlastung standen dabei im Vordergrund (vgl. Klee 1987: 198; vgl. Sierck 1982: 151 f.). Mit der Organisation von Basaren und Wohltätigkeitsfesten[1] unterstützten die Eltern so den Aufbau und die Neugründung von „Sonderschulen“, „Sonderkindergärten“ und Werkstätten (vgl. Sierck 1982: 151 f.). Der Einfluss und die Wichtigkeit der Elternvereine wird dadurch deutlich, dass „die Eltern […] damit ihren Kindern überhaupt erst die Möglichkeit [schufen – S.-D.T.] behandelt, beschult und beschäftigt zu werden“ (Klee 1987: 198). Sie nahmen sich damit Aufgaben an, die eigentlich vom Staat hätten bewältigt werden müssen.

Trotz der Erfolge, die die Eltern durch ihr Engagement vorweisen konnten, stieß die beibehaltene Sorgehaltung der Eltern im Laufe der Zeit auf Abwehr bei ihren mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern. Diese forderten fortan Mitbestimmung in den Angelegenheiten, die sie selbst betrafen. Dies wurde allerdings abgelehnt, da es so nicht in den Satzungen der Vereine vorgesehen war. Um ihrer Entmündigung entgegen zu wirken mussten sie sich selbst organisieren (vgl. Sierck 1982: 152).

[...]


[1] Hier hat die „Aktion Sorgenkind“ - heute „Aktion Mensch - ihren Ursprung (vgl. Sierck 1982: 152).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Krüppelbewegung - eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahr
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Sonderpädagogik )
Veranstaltung
Geschichte der Sonderpädagogik nach 1945
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V73595
ISBN (eBook)
9783638781015
ISBN (Buch)
9783640708956
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krüppelbewegung, Emanzipationsbewegung, Geschichte, Sonderpädagogik
Arbeit zitieren
Susan Deniz Tümer (Autor), 2007, Die Krüppelbewegung - eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73595

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