Die „Krüppelbewegung“ ist eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre, die sich aktiv dafür einsetzte, die soziale Benachteiligung von Menschen mit einer körperlichen Behinderung aufzuheben. Ihr Ziel war es Chancengleichheit und vor allem Selbstbestimmung in allen relevanten Lebensbereichen zu erreichen. In dieser Arbeit wird die „Krüppelbewegung“ und ihre Bedeutsamkeit für die aktuellen Lebensbedingungen von Menschen mit körperlicher Behinderung dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Terminologie „Krüppel“
2.1 Entwicklung und Verwendung
2.2 Bedeutung im Zusammenhang mit der „Krüppelbewegung“
3 Organisation der Menschen mit Behinderung nach dem 2. Weltkrieg
3.1 Kriegsopferverbände
3.2 Elternvereine
4 Die „Krüppelrealität“ – Lebensrealität der „Krüppel“
4.1 Reaktionen, Verhalten und Einstellungen gegenüber Menschen mit körperlicher Behinderung
4.2 Lebensumstände
4.2.1 Mobilität
4.2.2 Wohnen
4.2.3 Ausbildung und Beruf
5 Die Entstehung der Bewegung und ihre Formen
5.1 Club Behinderter und Ihrer Freunde e. V. (CeBeeF)
5.2 VHS-Kurse
5.3 Autonome „Krüppelgruppen“
6 Öffentliches Wirken der Bewegung
6.1 Frankfurter Straßenbahnblockade
6.2 Asylantrag von Franz Christoph in den Niederlanden
6.3 Demonstrationen in Frankfurt
6.4 Aktionen gegen das „Uno-Jahr der Behinderten 1981“
6.4.1 Eröffnungsveranstaltung
6.4.2 Reha 81
6.4.3 „Krüppeltribunal“
7 Der „Krüppelstandpunkt“
8 Entwicklungen nach 1981
9 Lage der Menschen mit Behinderung während des „Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderung 2003“
10 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit analysiert die Entstehung und die politische Bedeutung der „Krüppelbewegung“ in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland als Emanzipationsbewegung. Ziel ist es aufzuzeigen, wie betroffene Menschen durch die bewusste Aneignung des stigmatisierenden Begriffs „Krüppel“ gegen ihre soziale Benachteiligung, Fremdbestimmung und Ausgrenzung in verschiedenen Lebensbereichen kämpften.
- Historische Entwicklung und Umdeutung des Begriffs „Krüppel“
- Kritik an bestehenden Organisationsformen wie Kriegsopferverbänden und Elternvereinen
- Analyse der Lebensrealität und Diskriminierungserfahrungen
- Methoden und Aktionen der Bewegung (z.B. Blockaden, Tribunale)
- Entwicklung eines neuen Selbstbewusstseins durch den „Krüppelstandpunkt“
Auszug aus dem Buch
6.4.1 Eröffnungsveranstaltung
Während des Auftakts des „Uno-Jahres der Behinderten 1981“ am 24. und 25. Januar in der Dortmunder Westfahlenhalle stürmte die Aktionsgruppe auf die Hauptbühne, kettete sich fest und besetzte die Bühne. In ihrer Resolution ließen sie verlauten, dass sich ihre Aktion „gegen Festreden von Politikern und Fachleuten, die nur der Geltungssucht der Helfer und Prominenten dienen“ (zit. n. Rohrmann 2003: 14) richtet. Dies würde nämlich dazu führen, dass ihr eigenes schwer erkämpftes Selbstvertretungsrecht wieder zunichte gemacht werden würde. Große Kritik richtete die Aktionsgruppe auch an die Politik der Sondereinrichtungen, Sonderheilmittel, Sonderbehandlungen […] [, die – S.-D.T.] nichts gebracht [hat – S.-D.T.] als Ghettobildung, Isolation, Entmündigung und Misshandlung. Auch heute, am 24. Januar 1981 werden Behinderte in Heimen untergebracht und misshandelt (ebd.).
Die Kritik wurde unterschiedlich aufgenommen: Während die Einrichtungen sie oft ohne sich damit auseinanderzusetzen von sich wiesen, distanzierten sich die Kriegsopferverbände aus Rücksichtsname auf die älteren Mitglieder. Verwirrt reagierte dabei die Fachwelt: „Die Heil-, Sonder- oder Behindertenpädagogik ist zur Frage geworden, grundlegend zur Disposition gestellt“ (Speck 1987, zit. n. Rohrmann 2003: 15).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert die „Krüppelbewegung“ als Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre und umreißt den inhaltlichen Aufbau der Arbeit.
2 Terminologie „Krüppel“: Dieses Kapitel erläutert die geschichtliche Entwicklung und abwertende Bedeutung des Begriffs „Krüppel“ sowie dessen bewusste Neubesetzung im Kontext der Bewegung.
3 Organisation der Menschen mit Behinderung nach dem 2. Weltkrieg: Es wird die Situation der Selbstorganisation nach 1945 durch Kriegsopferverbände und Elternvereine beschrieben, deren Bevormundung der Ausgangspunkt für die spätere Bewegung war.
4 Die „Krüppelrealität“ – Lebensrealität der „Krüppel“: Das Kapitel schildert die Diskriminierung, mangelnde Mobilität, Wohnsituation und berufliche Ausgrenzung, die den Alltag von Menschen mit Behinderung prägten.
5 Die Entstehung der Bewegung und ihre Formen: Hier wird die Gründung von Behindertenclubs, VHS-Kursen und autonomen „Krüppelgruppen“ als Reaktion auf die Unzufriedenheit mit herkömmlichen Organisationen dargestellt.
6 Öffentliches Wirken der Bewegung: Dieses Kapitel dokumentiert die Protestaktionen der Bewegung, darunter die Straßenbahnblockade, Asylanträge und das „Krüppeltribunal“.
7 Der „Krüppelstandpunkt“: Der „Krüppelstandpunkt“ wird als Forderung nach neuen, nicht-kapitalistischen Wertmaßstäben und der Entwicklung eines eigenständigen Selbstbewusstseins definiert.
8 Entwicklungen nach 1981: Es werden die Phase nach dem Höhepunkt 1981, das Aufkommen der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ und rechtliche Fortschritte bis in die 1990er Jahre beleuchtet.
9 Lage der Menschen mit Behinderung während des „Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderung 2003“: Das Kapitel vergleicht den Slogan von 2003 mit der fortbestehenden Realität der Barrieren und Ausgrenzung.
10 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass trotz einzelner Verbesserungen die zentralen Forderungen der „Krüppelbewegung“ in Bezug auf Selbstbestimmung weiterhin aktuell bleiben.
Schlüsselwörter
Krüppelbewegung, Menschen mit Behinderung, Emanzipation, Selbstbestimmung, Diskriminierung, Krüppelgruppen, Behindertenpolitik, Inklusion, Franz Christoph, Barrierefreiheit, Krüppeltribunal, Selbstvertretung, Körperbehinderung, Sozialpolitik, Behindertenhilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entstehung und den politischen Aktivismus der deutschen „Krüppelbewegung“ in den 1970er und 1980er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die Geschichte der Selbstorganisation, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung, die Umdeutung der eigenen Identität sowie der politische Protest gegen gesellschaftliche Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Darstellung der „Krüppelbewegung“ und ihrer Bedeutung für das heutige Verständnis von Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse und Literaturrecherche, die verschiedene Zeitdokumente, Resolutionsschriften und sozialwissenschaftliche Berichte verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Terminologie, die Analyse der Lebenswirklichkeit, die Organisationsformen der Bewegung sowie die Dokumentation öffentlicher Aktionen bis hin zu den Entwicklungen der 2000er Jahre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Emanzipation, Krüppelbewegung, Selbstbestimmung, politische Selbstvertretung und die Kritik an der institutionellen Behindertenhilfe.
Welche Rolle spielte Franz Christoph für die Bewegung?
Franz Christoph war eine zentrale Figur der Bewegung; er formulierte den „Krüppelstandpunkt“, initiierte Proteste und machte durch provokative Aktionen, wie den symbolischen Asylantrag, auf die Unterdrückung aufmerksam.
Was war der Zweck des „Krüppeltribunals“ von 1981?
Das Tribunal diente dazu, Menschenrechtsverletzungen in Heimen und Einrichtungen zu dokumentieren, öffentlich anzuklagen und die Missstände der damaligen Behindertenpolitik sichtbar zu machen.
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- Susan Deniz Tümer (Author), 2007, Die Krüppelbewegung - eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahr, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73595