Homo ludens - Der Ursprung der Kultur im Spiel


Seminararbeit, 2006
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Person Johan Huizinga
2.1 Kurzbiographie
2.2 Forschungstradition

3. Die Theorie des Homo ludens
3.1 Definition des Begriffes Spiel
3.2 Huizingas Kulturbegriff
3.3 Der Ursprung der Kultur im Spiel
3.4 Das Spiel in modernen Kulturfunktionen
3.4.1 Spiel und Recht
3.4.2 Spiel und Dichtung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Spiel hat in der menschlichen Gesellschaft bereits eine sehr lange Tradition, die bis in die Anfänge menschlichen Zusammenlebens zurückreicht. Rund um den Globus kennt man bereits seit Menschengedenken die unterschiedlichsten Spiele, die von Karten- und Brettspielen über Rollenspiele bis hin zu Würfelspielen reichen. Archäologische Funde beweisen, dass sich bereits die alten Ägypter mit Spielen beschäftigten. So wurden in einigen Gräber auf einem prädynastischen Friedhof in Umm el-Qaab bei Abydos einige Grabbeigaben entdeckt, die als Überreste von Spielsteinen und Würfelstäben interpretiert wurden. (Vgl. Dreyer 1998: 150 ff.)

Auch in unserer heutigen Gesellschaft wird dem Bereich des Spielens ein großes Gewicht zugemessen1. Dies wird schon deutlich, wenn man die zahllosen Spielwaren betrachtet, die in jedem Jahr pünktlich zu Weihnachten auf den Markt gebracht werden. Richten sich diese noch zu einem großen Prozentsatz an Kinder, existiert doch ebenfalls eine große Bandbreite an Spiele für Erwachsene. Schon das in beinahe jeder Zeitung abgedruckte Kreuzworträtsel zählt in diese Kategorie.

Der Völkerkundler Johan Huizinga beschäftigte sich bereits in den 30’er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Phänomen des Spiels. Jedoch ging er in seinen Betrachtungen über die Ebene der bereits erwähnten Spiele hinaus und beschrieb das Spiel als ein Verhalten, dass nicht nur den Menschen sondern auch den Tieren zu Eigen sei. Das Spiel von jungen Hunden miteinander und der Balztanz der Vögel sind für ihn mit dem menschlichen Spielverhalten wenn nicht als gleichwertig so doch als von den gleichen Prinzipien ausgehend zu betrachten. Basierend auf diesen Überlegungen entwickelte er eine komplexe Theorie über den Zusammenhang von Spielverhalten und dem Ursprung der menschlichen Kultur. Dieser Gedankengang soll in dieser Hausarbeit nachvollzogen werden. Außerdem soll in einer Schlussbetrachtung geklärt werden, ob Huizingas Ansatz für die Kommunikationswissenschaft fruchtbar sein kann.

2. Zur Person Johan Huizinga

In der heute in den Geschichtswissenschaften stattfindenden Diskussion bildet die so genannte „Kulturgeschichte“ seit etwa einem Jahrzehnt wieder ein angesehenes Themenfeld. Sie wird als eine „bestimmte Form des Zugangs zur Vergangenheit“ (Strupp 2000: 9) beschrieben, in deren Zentrum der geschichtliche Wert der Erfahrungen des Individuums und dessen subjektive Verarbeitung des Erlebten stehen. (Vgl. Strupp 2000: 9) Der aus den Niederlanden stammende Historiker Johan Huizinga beschäftigte sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Kulturgeschichtsschreibung und war somit seiner Zeit um einige Jahrzehnte voraus. Nicht umsonst gilt er als der bedeutendste Historiker der Niederlande im 20. Jahrhundert. (Vgl. Strupp 2000: 10)

2.1 Kurzbiographie

Johan Huizinga erblickte 1872 als zweiter Sohn des Physiologieprofessors Dirk Huizinga in Groningen in den Niederlanden das Licht der Welt. Ab 1885 besuchte er das Gymnasium und entdeckte bereits zu dieser Zeit sein Interesse für Sprachwissenschaften und Völkerkunde. Aus finanziellen Gründen studierte er jedoch ab 1891 in Groningen Niederländische Philologie. Mit dem 1893 bestandenen Kandidatsexamen erhielt er die Lehrbefugnis für Niederländisch, Geschichte und Geografie; 1895 bestand er seine Abschlussprüfung. Am 28. Mai 1897 promovierte er und wurde 1903 Privatdozent an der Universität von Amsterdam für altindische Literatur- und Kunstgeschichte. Als seine Frau 1914 starb, kümmerte er sich allein um seine fünf Kinder, bis er 1937 erneut heiratete. (Vgl. Strupp 2000: 34 ff.)

Als Professor für allgemeine Geschichte und historische Geografie 1915 wechselte er zur Universität in Leiden, die er später als Rektor leiten sollte. Als er 1933 bei einem internationalen Kongress Johann von Leers, den Leiter einer Studentendelegation aus Deutschland der Universität verwies, da dieser eine antisemitische Hetzbroschüre verfasst hatte, beschwor er damit einen offiziellen Protest der deutschen Reichsregierung in Den Haag hervor. Seit 1936 wurde Huizinga sogar auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ geführt. Jedoch wurden seine Bücher nicht generell verboten. (Vgl. Köster 1947: 28 ff.)

1940 wurden die Niederlande von deutschen Truppen besetzt und rigorose Maßnahmen wie Judenverfolgung und Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften vorangetrieben. Huizinga leistete 1941 seinen Beitrag zu einer Erklärung, die sich gegen antisemitische Maßnahmen wandte. 1942 wurde die Universität geschlossen und Huizinga in das Geisellager St. Michielsgestel eingewiesen. Aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit und seiner Bedeutung als Geisel wurde er noch im selben Jahr wieder entlassen und siedelte sich mit seiner Familie in De Steeg bei Arnheim an. 1943 wurden seine Bücher in den Niederlanden verboten. Johan Huizinga starb am 1. Februar 1945 nach kurzer Krankheit. (Vgl. Strupp 2000: 41 f.)

Seine wichtigsten Werke umfassen kulturgeschichtliche Bücher wie „Herbst des Mittelalters“(1919), „Erasmus“ (1924) und „Leben und Werk von Jan Veth“ (1927) sowie kulturkritische Ausführungen wie den „Homo ludens“ (1938). (Vgl. Köster 1954: XVIII ff.)

2.2 Forschungstradition

Das 19. Jahrhundert gilt in der geschichtswissenschaftlichen Diskussion als Jahrhundert des Historismus. Dieser Begriff bezeichnet ein historisches Denken und ein Verständnis von Geschichtswissenschaft, das „mit Hilfe fachwissenschaftlich- rationaler Forschung und hermeneutischen Methoden Erkenntnisse erzielen will, die im Verstehen zeitlicher Zusammenhänge durch die Einsicht in die Motive der handlungsleitenden Akteure unter Berücksichtigung der Eigenart bzw. Individualität jeder Epoche und jedes Ereignisses bestehen.“ (Strupp 2000: 17)

Diese Forschungstradition ist eine der grundlegenden Rahmenbedingungen der Geschichtsschreibungen Huizingas und hängt eng mit den Namen Barthold Georg Niebuhr und Leopold von Ranke zusammen. (Vgl. Strupp 2000: 17 f.)

Neben dieser politik- und ereignisgeschichtlichen historistischen Hauptströmung zu Huizingas Zeiten nahmen auch Vertreter der Kulturgeschichte einen großen Einfluss auf seine Werke. (Vgl. Strupp 2000: 20)

Der Ursprung der Kulturgeschichte findet sich bereits in der Zeit der Aufklärung. Voltaire verfasste 1751 sein Werk „Siècle de Louis XIV“, in dem sich bereits der für die Kulturgeschichte bestimmende Gedanke eines qualitativen Kulturbegriffes mit einem universalen Fortschritt in der Geschichte wieder findet. Die meisten Parallelen lassen sich von Huizingas Werken zu denen des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt2 ziehen. Dieser zeichnet ein pessimistisches und zeitkritisches Bild der Kulturgeschichtskonzeption. Für Burckhardt hat die Geschichtswissenschaft die Aufgabe, die bestehenden Traditionen zu erhalten und sich zum Erreichen dieses Ziels von der Welt der Politik abzukehren. Er ersetzt das bloße Sammeln von kulturhistorischen Fakten und die ausschließlich narrative

Darstellung von Ereignissen durch eine Vorführung von menschlichem Verhalten vor einem bildhaften, anschaulich gemachten Hintergrund. (Vgl. Strupp 2000: 21 f.)

Alle diese vielfältigen Strömungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beeinflussten Huizingas Geschichtskonzeption und trugen zu einer Präzisierung seiner eigenen Vorstellungen bei. (Vgl. Strupp 2000: 24)

Bolkestein äußerte sich bereits 19373 kritisch zu Huizingas Theorien bezüglich der Spielnatur des Menschen. Er sah das agonale Prinzip als selbstständig und nicht auf das Spiel beziehbar an. Buytendijks4 sah indem Zeremoniell, dass sich beispielsweise im Kultus und im Rechtswesen zeigt, eine derart große Eigenständigkeit, dass sie nicht zum Bereich des Spiels zugeordnet werden könne. (Vgl. Flitner 1994: 234)

Nach diesen beiden kritischen Bezügen zu Huizingas Ideen wurde die Spieltheorie hauptsächlich in psychologische und psychoanalytische Spielforschung5 weiterentwickelt. Hier werden Neugier und Spannungssuche als Spielursachen untersucht, die Manifestation des Unbewussten im Spiel und das Spiel als Ventil zur symbolischen Auseinandersetzung mit Problemen und Spannungen des seelischen Lebens erforscht. (Vgl. Flitner 1994: 235)

3. Die Theorie des Homo ludens

Als „Homo sapiens“, der vernünftige Mensch, wird der Mensch vielfach bezeichnet. Das 18. Jahrhundert führte im Widerspruch dazu den Begriff „Homo faber“, den schaffenden Menschen, ein. Hierbei wird der Schwerpunkt auf die in dieser geschichtlichen Phase ihren Höhepunkt erreichende industrielle Produktion gelegt. Komplementär dazu führte Huizinga 1938 den Ausdruck „Homo ludens“, den spielenden Menschen, in die wissenschaftliche Diskussion ein. Er beschreibt die menschliche Kultur als Weiterentwicklung einer in ihrer Entstehungsphase geprägten Spieltradition. Auf diese Weise sei die menschliche Kultur nicht nur im Spiel aufgekommen, sondern ebenfalls als Spiel entstanden.6 (Vgl. Huizinga 1991: 7) Bevor ich mich jedoch der konkreten Theorie vom Ursprung der Kultur im Spiel zuwende, erachte ich es als sinnvoll, sich zuerst mit den von Huizinga verwendeten Begrifflichkeiten „Spiel“ und „Kultur“ näher zu beschäftigen.

[...]


1 Zum Zustand der heutigen deutschen Spielkultur siehe http://www.zeit.de/2004/12/Deutschland_2fSpielen_12?page=1

2 Baseler Kulturhistoriker, der ab 1858 einen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Basel innehatte. Er widersetzte sich dem damaligen Geschichtsverständnis als einer stetigen Entwicklung zum Besseren und begründete die Vorstellung eines Fortschrittspessimismus. Wichtige Werke umfassen „Cicerone“, "Cultur der Renaissance in Italien" und "Weltgeschichtliche Betrachtungen". (Vgl. Schley 1999: online)

3 siehe dazu Bolkestein, Hendrik (1937): De cultuurhistoricus en zijn stof. Handelingen van het zeventiende Nederlandsche Philologen congres. Leiden.

4 Mündliche Äußerung zum Verfasser Flitner (vgl. Flitner 1994: 234).

5 siehe dazu Heckhausen 1964, Erikson 1978, Bettelheim 1987

6 Ein Interview mit Konsum- und Marketingforscher Markus Giesler über Tauschbörsen illustriert den Unterschied zwischen dem Homo ludens und dem Homo oeconomicus. Vgl. http://www.heise.de/

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Homo ludens - Der Ursprung der Kultur im Spiel
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V73729
ISBN (eBook)
9783638744553
ISBN (Buch)
9783638956567
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homo, Ursprung, Kultur, Spiel
Arbeit zitieren
Rebecca Müller (Autor), 2006, Homo ludens - Der Ursprung der Kultur im Spiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73729

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