Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum Entwicklungsmodelle? Und was können sie leisten?
2.1 Entwicklungsmodell nach Günther
2.2 Schriftspracherwerb nach Spitta
2.3 Das Stufenmodell der Schreibentwicklung nach Valtin

3. Kritischer Rückblick und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lesen und Schreiben gehört heute zu den wichtigsten Kompetenzen die ein Mensch erwerben muss um in einer Gesellschaft, wie die unsere bestehen zu können und nicht ausgeschlossen zu werden.

Ein Leben ohne diese Fähigkeiten ist geradezu unmöglich und geht einher mit einem hohen Maß an Komplikationen und Kompromissen.

Weltweit lebten im Jahre 2003 knapp 862 Millionen Analphabeten[1]. Dabei gehört zu den Hauptaufgaben eines Grundschullehrers[2], dass er seinen Schülern das Lesen und Schreiben lehrt und die Prozesse der Schreibentwicklung nachvollziehen kann.

Gerade in den letzten 20 Jahren beschäftigten sich Experten vermehrt mit der Thematik des Schriftspracherwerbs. Erst 1976 wurde der Begriff Schriftspracherwerb in die deutsche Diskussion eingebracht, zunächst von Weigl, später vor allem durch Brügelmann.[3]

Nicht zuletzt durch die PISA-Studien wurde auch wieder die Gesellschaft auf dieses Thema mit seiner zusammenhängenden Problematik konfrontiert.

Doch wie erlernt man eigentlich Lesen und Schreiben? Welche Voraussetzungen muss ein Kind haben um Schreiben und Lesen zu erlernen? Welche Stufen und Phasen durchläuft es dabei?

Mit diesen Fragen möchte ich mich in meiner Hausarbeit beschäftigen. Dabei werde ich drei Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs detailliert vorstellen und anschließend einen kurzen kritischen Rückblick vornehmen. Ich habe die Modelle von Günther, Valtin und Spitta ausgewählt, weil sie zu den aktuellsten Entwicklungsmodellen gehören und auch im Hauptseminar „Schriftspracherwerb und Rechtschreibung“ schon vorgestellt wurden.

Zudem möchte ich mich der Frage stellen, was Entwicklungsmodelle leisten und warum man sie für den Schriftspracherwerb ausgewählt hat.

2. Warum Entwicklungsmodelle? Und was können sie leisten?

Während man früher versuchte den Schriftspracherwerb beispielsweise mithilfe der Wortbildtheorie nach Bormann (1840) zu erklären, ist es heute so, dass man sich eher auf Entwicklungsmodelle stützt.

Ent­wicklungsmodelle beschreiben die schriftsprachliche Entwicklung des Kin­des in ihrem zeitlichen Verlauf, das Kind durchläuft also beim Schriftspracherwerb verschiedene Phasen bzw. Stufen. Schriftsprachliche Entwicklungsmodelle gehen davon aus, dass nicht nur der kindliche Spracherwerb einem Entwicklungsprozess unterliegt, sondern dass auch der Schriftspracherwerb durch qualitativ unterscheid­bare Entwicklungsstufen gekennzeichnet ist.

Gerade für Pädagogen scheint die Erkenntnis, dass es sich beim Schriftspracherwerb um einen Entwicklungsprozess handelt, aus verschiedenen Betrachtungsweisen wichtig[4]:

1. Individuelle Entwicklungsverläufe

Jedes Kind ist anders, braucht eine andere Ansprache, lernt anders. Zeit, Raum und Geduld sind wesentliche Aspekte des Schriftspracherwerbs.

2. „Fehler“ geben Hinweise auf den Entwicklungsstand

Fehler gehören mit zur Entwicklung und sind ein wichtiger Bestandteil dessen.

3. Feststellung des Entwicklungsstandes

Um Aufschluss über den tatsächlichen Entwicklungsstandes eines Kindes zu erhalten, können unbekannte Worte (Wörter die nicht in seinem Lernwortschatz vorkommen) geschrieben oder gelesen werden.

4. Prinzipien und Fördermaßnahmen

Durch Ermittlung des Entwicklungsstandes kann gezielt gefördert werden um bspw. das nächst höhere Niveau zu erreichen.

Die Schriftsprachentwicklung wird bei den Entwicklungsmodellen als Denkentwicklung verstanden und - analog zu den Stufen der kognitiven Entwicklung von Piaget - aufeinander aufbauende, qua­litativ un­terscheidbare Stufen annehmen, auf denen jeweils unter­schied­li­che Strate­gien angewendet werden.

Beim Übergang von einer Stufe zur qualitativ höhe­ren kann es dabei zu einer "Phase der Über­lap­pung" kommen in der "bei schwie­ri­ge­ren Wör­tern ... auf die alte, vertrautere Strategie zurückge­grif­fen" wird.[5] Ebenso sind bei diesem Übergang »Über­generalisierungen« zu beobachten, die vorübergehend sogar zu einem Ansteigen der Fehlerzahl führen können. Diese Fehler sind jedoch unter dem Entwicklungsaspekt als Weiterentwicklung zu werten. Wenn z.B. ein Kind den Vornamen »Jörn«, den es bisher naiv-ganzheitlich richtig geschrieben hat, plötzlich »Jiörn« schreibt, zeigt dies den Entwicklungssprung zum lauttreuen Konstruieren an, wenn aus »Kino« »Kieno« wird, ist das Rechtschreibmuster »Abbildung des langen i durch ie« entdeckt - wenn auch im konkreten Fall nicht der Konvention entsprechend eingesetzt - wor­den. Die Weiterentwicklung im schriftsprachlichen Denken kommt zustande, weil das Kind als aktiver Lerner aus seinen Er­fahrungen mit Beispielen der Schriftsprache selbst eine Ordnung konstruiert.

„Der Unterricht im Erstlesen und Schreiben sollte – dies lässt sich als allgemeiner Grundsatz fassen – die Selbstständigkeit des Kindes [...] ermöglichen.“[6]

2.1 Entwicklungsmodell nach Günther

Günther stellte sein „Stufenmodell des Schriftspracherwerbs als Entwicklungsprozess zum Schriftspracherwerb“ im Jahre 1989 vor. Es ist stark angelehnt an das Stufenmodell von Uta Frith (1985/86), jedoch ergänzte Günther sein Modell um drei wichtige Phasen (die präliteral-symbolische Phase, logographemische Phase und integrativ-automatisierte Phase). Aufgrund der ausgeprägten Parallelen beider Modelle werden diese üblicherweise zusammengefasst und als Frith-Günther-Modell bezeichnet.

Günthers Modell besteht aus fünf zweistufigen aufeinanderfolgenden Phasen, die in einer wechselseitigen Beziehung zum Lesen und Schreiben stehen. Nach Günther kann man Lesen (Rezeption) und Schreiben (Produktion) nicht voneinander trennen, sondern sie sind miteinander verstrickt und stehen eher in Abhängigkeit zueinander. In jeder dieser Phasen wird alternierend zwischen den beiden Modalitäten (Lesen und Schreiben) eine neue Strategie angewandt, die den Erwerbsprozess einem höheren Niveau zuführt[7].

Günthers Modell unterscheidet sich insofern von anderen Schriftspracherwerbsmodellen, da er sich gerade mit den frühen Stadien des Schriftspracherwerbs beschäftigt, die besonders entscheidend für das Gelingen des Gesamtprozesses des Erlernens von Lesen und Schreiben sind.[8]

Günther geht davon aus, dass ein Kind zunächst die präliteral-symbolische Phase durchläuft um sich der nächsten (die logographemische) Phase schrittweise anzunähern um dann die alphabetische und orthographische Phase zu erreichen. Schlussendlich gelangt ein Kind dann in die integrativ-automatisierte Phase, wobei es schließlich zur Normorthographie gelangt.

Günther gibt keine Altersangaben an, da sich jedes Kind individuell in jeder Phase befinden kann.

„Schriftspracherwerb ist ein langdauernder, in differenzierten und voneinander strukturell deutlich abgehobenen Phasen ablaufender Entwicklungsprozeß.“[9]

Die präliteral-symbolische Phase:

Günther bezeichnet diese Phase als Vorstufe zum Lesen und Schreiben. Das Kind setzt sich noch nicht bewusst mit dem Lesen und Schreiben auseinander, jedoch werden schon unbewusst wichtige Bedingungen für den Schriftspracherwerb gelegt. Das Kind nimmt Bilder in seinem Umfeld rezeptiv wahr und beginnt sie produktiv umzusetzen. (Bilderbetachtung, Nachahmung, Kritzeln). „Das äußert sich bspw. in mimischen Gesten und in einer Spielsymbolik, im konstruktiven Bauen, aber auch im graphischen Gestalten, wobei sich letzteres, ähnlich wie in der rezeptiven Modalität die Bildwahrnehmung, am direktesten auf das spätere Schreiben vorbereitet. Das Kind beginnt also zu malen und gibt seinem Bild eine Bedeutung.“[10]

Wichtig zu erwähnen sei jedoch, dass die motorischen Fähigkeiten die ein Kind in dieser frühen Phase besitzt nicht sehr ausgereift sind, dadurch sind die graphischen Gestaltungen nicht vollkommen. Sie beinhalten allerdings für das Kind alle wichtigen Merkmale.

„Das kindliche Zeichnen ist eher symbolisch, denn als realistisch zu bezeichnen. Es kommt weniger auf naturgetreue und detailreiche Abbildungen als auf die Darstellung bedeutvoll erachteter Merkmale an, was sich u.a. auch darin zeigt, dass ein Kind ein vorhandenes Original beim Zeichnen nicht anschaut.“[11]

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus. 28.08.06. 17:26

[2] Einfacherhalber wird immer die männliche Form verwendet

[3] http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_II/Grundschul_Paedagogik/. 31.08.06. 20:17

[4] Vgl. Valtin, Renate: Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In: Haarmann, Dieter. Handbuch Grundschule (Bd. 2). Fachdidaktik: Inhalte und Bereiche grundlegender Bildung. Weinheim. 1994. S. 83 - 85

[5] Spitta, Gudrun: Kinder entdecken die Schriftsprache-Lehrer bzw. Lehrerinnen beobachten die Sprachlernprozesse. In: Valtin, Renate; Naegele, Ingrid. „Schreiben ist wichtig“. Grundlagen und Beispiele für kommunikatives Schreiben(lernen). Arbeitskreis Grundschule e. V.. Frankfurt am Main. 1986. S. 69

[6] Valtin, Renate: Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In: Haarmann, Dieter. Handbuch Grundschule (Bd. 2).

[7] Günther, Klaus B.: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: Balhorn, Heiko; Brügelmann, Hans: Rätsel des Schriftspracherwerbs. Neue Sichtweisen aus der Forschung. Libelle. Lengwil am Bodensee. 1995. S. 99

[8] Sassenroth, Martin: Schriftspracherwerb. Entwicklungsverlauf, Diagnostik und Förderung. Wien. 1998. S. 45

[9] Günther, Klaus B.: Ontogenese, Entwicklungsprozeß und Störungen beim Schriftspracherwerb. Schindele. Heidelberg. 1989. S. 16

[10] ebd. S. 47

[11] Günther, Klaus B.: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: Balhorn, Heiko; Brügelmann, Hans: Rätsel des Schriftspracherwerbs.S. 101

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V73751
ISBN (eBook)
9783638780230
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungsmodelle, Schriftspracherwerbs
Arbeit zitieren
Isabelle Neuhaus (Autor), 2006, Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73751

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