Ziel dieser Diplomarbeit ist es, zu versuchen, für diese Fragen anhand psychologischer Modelle Antworten zu finden und diese möglichen Antworten empirisch zu überprüfen. Um Diebstahlverhalten oder eine bestimmte Diebstahlhandlung verstehen und erklären zu können, bedarf es einer Theorie menschlichen Verhaltens. Die Theorie des geplanten Verhaltens ist als eine allgemeine Verhaltenstheorie konzipiert, welche prinzipiell auf beliebige Situationen und Verhaltenweisen angewendet werden kann. Die verschiedenen Komponenten dieser Theorie, wie die Einstellung gegenüber
dem Verhalten, die subjektive Norm, die wahrgenommene Verhaltenskontrolle und die Verhaltensabsicht weisen beachtliche Schnittmengen zu speziellen Theorien abweichenden und Diebstahlverhaltens in Organisationen auf.
Insofern ist sie deshalb theoretisch als Rahmenkonzept im Kontext von
Mitarbeiterdiebstahl in Organisationen geeignet. Um dies zu überprüfen und damit einen Erklärungsbeitrag zu leisten, wird die Theorie in den Kontext von Diebstahlverhalten übertragen und ein Modell des geplanten Diebstahls erstellt. Theorien zu Fairness in Organisationen postulieren, dass erlebte ungerechte Behandlung am Arbeitsplatz negative Gefühlszustände hervorruft, welche die
Grundlage der Motivation für organisationsschädigendes Verhalten bilden kann. So unterstellt z.B. die Equitity Theorie (Gerechtigkeitstheorie) von Adams (1965), dass Mitarbeiter, die ihre Bezahlung als ungerecht empfinden, dazu tendieren, ihre Arbeitserträge durch Diebstahl von Firmeneigentum aufzubessern. Gleichermaßen indizieren Studien zu Arbeitszufriedenheit und zu
Verbundenheit mit dem Unternehmen, dass mangelnde Identifikation und
Unzufriedenheit zu Verringerung der Leistungsmotivation und zu
abweichendem Verhalten führen kann. Das Modell des geplanten Diebstahls und das Modell der Einstellungsbildung werden im Rahmen einer Fragebogenstudie u.a. mit Strukturgleichungsmodellen (SGM) empirisch überprüft. Darüber hinaus werden aus dem Stand der Forschung abgeleitete Einzelfragen empirisch untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Hintergrund und Problemstellung
1.2. Ziel und Aufbau der Arbeit
2. Theoretische Perspektiven
2.1. Verhalten in Organisationen
2.1.1. Arbeitszufriedenheit
2.1.2. Verbundenheit mit dem Unternehmen
2.2. Abweichendes Verhalten in Organisationen
2.2.1. Kontraproduktives Verhalten
2.2.2. „Dunkles Verhalten“
2.2.3. Diebstahlverhalten
2.2.3.1. Diebstahlbegriff
2.2.3.2. Individualistische Erklärungsansätze
2.2.3.3. Sozialpsychologische Erklärungsansätze
2.3. Fairness in Organisationen
2.3.1. Fairness als Heuristik
2.3.2. Dimensionen der Fairness
2.3.2.1. Distributive Fairness
2.3.2.2. Prozedurale Fairness
2.3.2.3. Informationelle Fairness
2.3.2.4. Interpersonelle Fairness
2.3.3. Bedeutung von Fairness für Einstellungs- und Verhaltensänderung
2.4. Theorie des geplanten Verhaltens
2.4.1. Einstellung
2.4.2. Normativer Druck
2.4.3. Wahrgenommene Verhaltenskontrolle
3. Stand der Forschung
3.1. Methoden der Erfassung von Diebstahlverhalten
3.1.1. Nicht-reaktive Messverfahren
3.1.2. Selbstberichte und Fremdbeurteilungen
3.1.3. Schwere der Schäden und Häufigkeit des Auftretens
3.2. Determinanten von Diebstahlverhalten
3.2.1. Wahrgenommene Möglichkeiten
3.2.2. Formelle und informelle Normen
3.2.3. Unfaire Behandlung
3.2.4. Verbundenheit mit dem Unternehmen und Arbeitszufriedenheit
3.2.5. Einstellung zu Diebstahlverhalten
3.2.6. Persönlichkeitseigenschaften
3.2.7. Selbstkontrolle
3.3. Zielgerichtetes Verhalten
3.3.1. Zielgerichtetes Verhalten in organisationsexternen Verhaltenskontexten
3.3.2. Zielgerichtetes Verhalten im Unternehmenskontext
3.3.3. Zielgerichtetes Vergeltungsverhalten im Unternehmenskontext
3.4. Diskussion zum Stand der Forschung
3.4.1. Selbstkontrolle oder Selbstkonzept?
3.4.2. Diebstahlverhalten als zielgerichtetes Verhalten
3.4.3. Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahlverhalten
4. Modelle und Hypothesen
4.1. Das Modell des geplanten Diebstahls
4.2. Hypothesen zu Normativem Druck
4.3. Das Modell der Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahlverhalten
4.4. Weiterführende Hypothesen zur Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahlverhalten
4.4.1. Rolle von Persönlichkeitseigenschaften
4.4.2. Aufenthalt im Unternehmen
4.4.3. Rolle verschiedener Fairnessdimensionen
4.4.4. Finanzielle Lage
4.4.5. Hierarchischer Status
5. Empirische Prüfung der Modelle und Hypothesen
5.1. Methodisches Vorgehen
5.1.1. Ablauf der Datenerhebung
5.1.2. Aufbau des Fragebogens
5.1.3. Stichprobe
5.1.4. Methoden der Datenauswertung
5.1.5. Instrumente und Skalen
5.2. Deskriptive Beschreibung
5.2.1. Unternehmensaktivitäten
5.2.2. Diebstahlverhalten in Unternehmen
5.3. Verfahren zur Prüfung der theoretischen Modelle
5.4. Das Modell des geplanten Diebstahls
5.4.1. Skalen und Messmodelle
5.4.2. Strukturmodell
5.4.3. Analyse
5.4.4. Ergebnisse
5.4.4.1. Messmodelle
5.4.4.2. Strukturmodell
5.4.4.3. Stabilität der Parameterschätzung
5.4.4.4. Beurteilung der Gesamtstruktur
5.5. Hypothesen zu Normativen Druck
5.6. Das Modell der Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahl
5.6.1. Skalen und Voruntersuchungen
5.6.2. Ergebnis
5.7. Ergebnisse der Prüfung weiterführender Hypothesen zur Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahlverhalten
5.7.1. Persönlichkeitseigenschaften
5.7.2. Aufenthalt im Unternehmen
5.7.3. Finanzielle Lage
5.7.4. Hierarchischer Status
5.8. Ein alternatives Modell zu Fairness und Diebstahl
5.8.1. Messmodelle und Strukturmodell
5.8.2. Analyse
5.8.3. Ergebnisse
5.8.3.1. Messmodelle und Strukturmodell
5.8.3.2. Stabilität der Parameterschätzung
5.8.3.3. Beurteilung der Gesamtstruktur
5.9. Zusätzliche Analysen
6. Diskussion der Ergebnisse
6.1. Bestätigung und Ergänzung des Forschungsstandes
6.1.1. Das Modell des geplanten Diebstahls
6.1.2. Das Modell der Bildung der Einstellung gegenüber Diebstahl
6.1.3. Rolle von Persönlichkeitseigenschaften, finanzielle Lage und hierarchischem Status bei der Einstellungsbildung
6.1.4. Fairness, Arbeitszufriedenheit, Commitment und Diebstahlverhalten
6.1.5. Bedürfnis nach Anerkennung, Identifikation, Verbundenheitsgefühle, informelle und formelle Normen
6.2. Probleme und Grenzen der Aussagefähigkeit der Ergebnisse
6.3. Ableitungen für theoretische Erklärungsansätze und zukünftige Forschung
6.4. Ableitungen für die unternehmerische Praxis
6.5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die psychologischen Determinanten von Mitarbeiterdiebstahl in Unternehmen. Ziel ist es, mithilfe theoretischer Modelle – insbesondere der Theorie des geplanten Verhaltens und der Fairness-Theorie – zu erklären, unter welchen Bedingungen Arbeitnehmer Firmeneigentum entwenden, veruntreuen oder missbrauchen, und diese theoretischen Annahmen empirisch mittels einer Fragebogenstudie und Strukturgleichungsmodellen zu überprüfen.
- Diebstahlverhalten in Organisationen als zielgerichtetes Handeln
- Die Rolle der Arbeitszufriedenheit und der Bindung an das Unternehmen
- Einfluss der Fairnesswahrnehmung (distributiv, prozedural, informationell, interpersonell)
- Psychologische Auswirkungen von Persönlichkeitseigenschaften auf abweichendes Verhalten
- Präventionsstrategien und Bedeutung von Unternehmensethik
Auszug aus dem Buch
1.1. Hintergrund und Problemstellung
Im Oktober 2005 sorgten Führungskräfte eines deutschen Automobilkonzerns für Schlagzeilen in der Presse. Die Staatsanwaltschaft ermittelte aufgrund des Vorwurfes der Veruntreuung von Firmengeldern gegen Manager, Mitglieder des Personalvorstands und des Betriebsrats. Den Berichten zufolge wurden mehrfach und über Jahre hinweg die Kosten von Freizeitaktivitäten der Personen illegal von Firmengeldern ersetzt. Zu diesen Aktivitäten gehörten die Inanspruchnahme der Dienste von Prostituierten, einzeln und bei gemeinsamen Feiern. Dazu wurden Appartements gemietet und umgebaut. Auf Kosten des Konzerns wurden Potenzsteigerungsmittel benutzt, Urlaubsreisen auf ferne Inseln gemacht und sogar Schmuck für die betrogene Ehefrau bezahlt. So wurden innerhalb weniger Jahre systematisch Gelder in Höhe von mehreren hunderttausend Euro auf Kosten von Mitarbeitern, Aktionären und Kreditgebern missbraucht. Schadensersatzforderungen und Kündigungen waren die Folge (vgl. Späte Rechnung, 2005; Viagra auf, 2005).
Aber nicht immer wird Firmeneigentum in solchem Ausmaß missbraucht. Ende 2004 wurde eine Gruppe von Mitarbeitern einer Berliner Flughafengesellschaft überführt, die systematisch Sanitärmaterial wie Rohre, Armaturen und Schrauben in großem Stil für private Zwecke und zum Weiterverkauf entwendet sowie Materialbestellungen gefälscht hatten. Teilweise wurden Materialien auch über das Internet-Auktionshaus Ebay versteigert. Kündigungen waren die Folge (Flughafengesellschaft ertappt, 2005). Mitarbeiter gehen bei Diebstahl auch nicht immer in Gruppen oder systematisch vor. Während meines Praktikums bei einem Automobilzulieferer erfuhr ich von einem Diebstahlvorfall, welcher wohl weniger gut geplant wurde. Ein gewerblicher Mitarbeiter der Produktion stahl eine schwere Wasserpumpe aus einer Fertigungslinie. Er verriet sich einige Tage später selbst, indem er im Ersatzteillager nach Gummidichtungen fragte, welche nur für die von ihm gestohlene Wasserpumpe gebraucht wurden. Die Wasserpumpe wurde gefunden und zurückgebracht und ihm wurde gekündigt. Selbst kleinere Diebstähle am Arbeitsplatz rechtfertigen eine Kündigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problemstellung von Mitarbeiterdiebstahl in Unternehmen anhand von aktuellen Presseberichten und statistischen Daten, die die Relevanz des Themas verdeutlichen, und leitet die Forschungsfrage sowie den Aufbau der Diplomarbeit ab.
2. Theoretische Perspektiven: Dieses Kapitel erarbeitet den theoretischen Rahmen, indem es Konzepte wie Arbeitszufriedenheit, Unternehmensbindung, kontraproduktives Verhalten sowie die Theorie des geplanten Verhaltens und Fairness-Dimensionen in Organisationen fundiert darlegt.
3. Stand der Forschung: Hier werden bestehende empirische Methoden zur Messung von Diebstahlverhalten und Determinanten wie wahrgenommene Möglichkeiten, Normen und unfaire Behandlung diskutiert, um den Forschungsbedarf für die eigene Arbeit zu identifizieren.
4. Modelle und Hypothesen: Basierend auf den vorherigen Kapiteln werden Modelle zum "geplanten Diebstahl" und zur "Einstellungsbildung" erstellt und spezifische Hypothesen für die empirische Prüfung formuliert.
5. Empirische Prüfung der Modelle und Hypothesen: Dieser Teil beschreibt das methodische Vorgehen bei der Datenerhebung, die Stichprobengröße sowie die statistische Auswertung der Daten mittels Strukturgleichungsmodellen und präsentiert die detaillierten Ergebnisse der Modelltests.
6. Diskussion der Ergebnisse: Das letzte Kapitel integriert die Ergebnisse in den Forschungsstand, reflektiert Grenzen der Aussagefähigkeit, zieht Konsequenzen für die zukünftige Theoriebildung und gibt praxisnahe Empfehlungen für unternehmerische Strategien zur Prävention von Mitarbeiterdiebstahl.
Schlüsselwörter
Mitarbeiterdiebstahl, Unternehmenskriminalität, Arbeitszufriedenheit, Fairness in Organisationen, Theorie des geplanten Verhaltens, kontraproduktives Verhalten, Commitment, Arbeitsplatzbindung, Strukturgleichungsmodell, Prävention, Wirtschaftskriminalität, Normativer Druck, Selbstkontrolle, Integrität, Mitarbeiterverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht psychologische Faktoren, die Arbeitnehmer dazu bewegen, Firmeneigentum zu entwenden oder zu veruntreuen, und analysiert, wie Unternehmen diesem Verhalten präventiv begegnen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Fairness, Arbeitszufriedenheit, die Bindung an das Unternehmen (Commitment) und die Anwendung der Theorie des geplanten Verhaltens auf abweichendes Mitarbeiterverhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die psychologischen Ursachen für Diebstahlverhalten im Unternehmenskontext durch fundierte Modelle zu erklären und diese Antworten empirisch zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Online-Fragebogenstudie durch und nutzt statistische Analysen, insbesondere Strukturgleichungsmodelle (SGM), um die aufgestellten Hypothesen zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung von Erklärungsansätzen, die Präsentation des Forschungsstands, die Modellbildung, die Durchführung der empirischen Studie sowie die abschließende Diskussion der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Mitarbeiterdiebstahl, Fairness, Arbeitszufriedenheit, Theorie des geplanten Verhaltens, Commitment und Unternehmenskriminalität.
Welche Rolle spielt Fairness bei der Entstehung von Diebstahl?
Die Arbeit zeigt, dass Fairnessurteile (distributiv, prozedural, informationell, interpersonell) eine zentrale Rolle spielen. Fühlen sich Mitarbeiter unfair behandelt, kann dies die Absicht zu kontraproduktivem Verhalten oder Diebstahl verstärken.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die unternehmerische Praxis?
Der Autor schlussfolgert, dass neben technischen Sicherheitskontrollen besonders vertrauensbildende Maßnahmen, eine faire Behandlung im täglichen Umgang und ein offener Austausch zwischen Führungskräften und Mitarbeitern essenziell sind, um Diebstahlverhalten zu verhindern.
- Quote paper
- Christian Richter (Author), 2006, Diebstahlverhalten in Unternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73763