Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der Fremdheitswahrnehmung in der hispanoamerikanischen Literatur
2.1 Unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im 20.Jahrhundert
2.2 Das Konzept des Phantastischen in der hispanoamerikanischen Literatur

3. Der Essay Turismo aconsejable als Beispiel für die besondere Fremdheits-wahrnehmung bei Julio Cortázar
3.1 Julio Cortázar: Leben und Werk des argentinischen Schriftstellers
3.2 Inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays Turismo aconsejable
3.3 Interpretation des ausgewählten Aufsatzes von Julio Cortázar
3.4 Neophantastische Aspekte des Essays Turismo aconsejable

4. Die neophantastische Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar als Beispiel für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20. Jahrhundert

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Auswahlbibliographie

1. Einleitung

Die historische Entwicklung der lateinamerikanischen Literatur gehört zu den wohl bemerkenswertesten der internationalen Literaturgeschichte. Ausgehend von vereinzelten Werken der indianischen Kultur wird der literarische Weg Lateinamerikas aus europäischer Sicht vor allem durch die Entdeckung des amerikanischen Kontinents im Jahr 1492 und der nachfolgend einsetzenden Kolonialzeit interessant. Vom 16. bis zum 18.Jahrhundert steht Lateinamerika nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch in kultureller Hinsicht unter dem Einfluss der europäischen Kolonialmächte, allen voran Spanien und Portugal. Erst im 19. und noch mehr im 20.Jahrhundert kommt es, bedingt durch die politischen Veränderungen, zu einer forcierten Neuorientierung auch der lateinamerikanischen Literatur. Dies zeigt sich in erster Linie an der Entstehung der Nationalliteraturen und an der neuen Gattung des für den Kontinent typisch gewordenen „Magischen Realismus“. Zu den wichtigen neuen Gattungen, die in dieser Zeit in Lateinamerika vorzufinden sind, zählt ebenfalls der Essay, dessen Beitrag zur Transformation der lateinamerikanischen Literatur im 20.Jahrhundert in dieser Arbeit exemplarisch untersucht werden soll.

Die vorliegende Arbeit wird sich im Kern mit der Analyse des Essays Turismo aconsejable von Julio Cortázar beschäftigen und hier insbesondere die Erscheinungsformen des Phantastischen, sowie die besondere Fremdheitswahrnehmung behandeln. Zunächst jedoch sollen im ersten Teil der Untersuchung unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im 20.Jahrhundert vorgestellt werden. Des Weiteren soll das Konzept des Phantastischen in der Literatur im Allgemeinen definiert und erörtert werden, um im Folgenden anhand der Beispiele lateinamerikanischer Autoren spezielle Formen von phantastischer Literatur zu verdeutlichen. Der Hauptteil der Arbeit setzt sich mit dem Essay Turismo aconsejable von Julio Cortázar auseinander, der hier als Beispiel für die besondere Fremdheitswahrnehmung des Schriftstellers angeführt wird, die auch in einigen seiner übrigen Werke vorzufinden ist. Einleitend sollen zunächst kurz die Biographie und das literarische Werk des argentinischen Autors vorgestellt werden. Im Anschluss daran folgt eine inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays, die die Grundlage für die nachfolgenden Kapitel bildet. Diese beschäftigen sich erst mit möglichen Interpretationsansätzen zum Essay, um dann, mit Bezug auf die strukturelle Analyse von Turismo aconsejable, die neophantastischen Aspekte des Essays herauszuarbeiten. Im letzten Teil der Arbeit wird beispielhaft die Bedeutung der neophantastischen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20.Jahrhundert erörtert. Dies soll unter Berücksichtigung der folgenden Leitfragen geschehen, deren Antworten abschließend in einem kurzen Resümee festgehalten werden: Welche Formen der Fremdheitswahrnehmung sind in der neueren hispanoamerikanischen Literatur vorzufinden? Welche Aspekte neophantastischer Literatur sind speziell im untersuchten Essay vorhanden? Inwiefern spiegelt Turismo aconsejable die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20.Jahrhundert wider?

Die hier verwendete Primärliteratur, der Essay Turismo aconsejable von Julio Cortázar, stammt aus dem Sammelband Último Round, der Essays aber auch Gedichte enthält und 1969 in Buenos Aires veröffentlicht wurde.[1] Die im Rahmen dieser Arbeit verwendete Sekundärliteratur ist sowohl deutsch- als auch spanischsprachig und umfasst allgemeine Werke über die phantastische Literatur, sowie über die lateinamerikanische Literaturgeschichte. Aber auch spezielle Beiträge zum Werk Julio Cortázars werden insbesondere bei der Analyse des Essays Turismo aconsejable mit einbezogen.[2]

2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der Fremdheits­wahr­nehmung in der hispanoamerikanischen Literatur

2.1 Unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im 20.Jahrhundert

In den Werken der lateinamerikanischen Literatur des 20.Jahrhunderts lassen sich verschiedene Formen der Fremdheitswahrnehmung erkennen. Zu diesen Formen oder Modellen gehören unter anderem der „Magische Realismus“ (el realismo mágico) und das „Wunderbare Wirkliche“ (lo real maravilloso), die eng miteinander verwandt sind. Darüber hinaus soll als weiteres Beispiel für eine lateinamerikanische Fremdheitswahrnehmung kurz auf die Besonderheiten der „Testimonialliteratur“ (la novela testimonial) eingegangen werden. Alle drei exemplarischen Modelle stehen in einem Zusammenhang zum Konzept der Phantastischen Literatur, den es im Anschluss zu verdeutlichen gilt, wenn einige wichtige Definitionen und Strömungen des Genres aufgeführt werden.

Der Begriff des real maravilloso wurde zum ersten Mal von Alejo Carpentier in dem Vorwort zu seinem Roman El reino de este mundo („Das Reich von dieser Welt“) aus dem Jahr 1942 verwendet. In diesem Werk, das Einblicke in die Geschichte Haitis gewährt, entwickelt der kubanische Autor seine Theorie einer magisch-wunderbaren Realität. Die Besonderheit seiner Fremdheitswahrnehmung liegt darin, dass die Existenz des Wunderbaren und des Außergewöhnlichen, entgegen den Denkweisen der Rationalität, zur Wirklichkeit wird. Aus einer vermeintlichen Utopie wird somit Realität. In diesem realistischen Diskurs entwickelt Carpentier einen Gegenentwurf zu der Meinung positivistischer Ethnologen und Mythenforscher. Das Modell der Fremdheitswahrnehmung des Kubaners beschreibt Walter Bruno Berg als „Erkenntnistheorie lateinamerikanischer Wirklichkeit“, die für den europäischen Leser konzipiert sei.[3] Dieser müsse sich nach Carpentier auf die Theorie des real maravilloso einlassen, um die Werke der lateinamerikanischen Literatur besser verstehen zu können. So sagte Alejo Carpentier selbst einmal, und diese Bedingung setzt wohl auch die Phantastische Literatur im Allgemeinen voraus, Folgendes: „ La sensación de lo maravilloso supone una fe “ („die Erfahrung des Wunderbaren setzt Glauben voraus“). Der Begriff der Wirklichkeit beruht bei dieser „Erkenntnistheorie“ indes auf der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, was wiederum eine „Dekontextualisierung“ der Kultur ermögliche. Das Problem des lateinamerikanischen Kulturverständnisses, des entendimiento, liegt nach Carpentier für den europäischen Leser in der „Relativität des Wunderbaren“. Der Auslöser für diese Relativität ist die eurozentrische Fremdheitswahrnehmung der hispanoamerikanischen Kultur.[4]

In einem engen Zusammenhang mit dem Begriff des real maravilloso taucht in der lateinamerikanischen Literaturtheorie der Gedanke des Magischen Realismus, des realismo mágico, auf. Die Theorie des Magischen Realismus wurde in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts erstmals von dem Deutschen Franz Roh entworfen. In Lateinamerika gehören neben Alejo Carpentier auch der Kolumbianer Gabriel García Márquez, mit seinem Werk Cien años de soledad („Hundert Jahre Einsamkeit“) sowie die Chilenin Isabel Allende, mit La casa de los espíritus („Das Geisterhaus“), zu den bekanntesten Vertretern des realismo mágico. Dieser wird allgemein als die lateinamerikanische Antwort auf die phantastische Literatur des 19. und 20.Jahrhunderts in Europa bezeichnet. Auch die Theorie des Magischen Realismus beruht im Kern auf der Beschreibung beziehungsweise Wahrnehmung des Irrealen und Fremden als etwas Alltägliches und Reales.[5] Nach Walter Bruno Berg formt der realismo mágico gar einen Pool der „Elemente der ,Neuen Welt’, der Fremdes, Mythisches, Transrationales und Phantastisches“ beinhaltet.[6] Zu den wichtigsten Charakteristika des realismo mágico gehört, dass er zwar aus einem realistischen Diskurs besteht, also eine realistische Beobachtung der Welt wiedergibt, jedoch nicht über einen chronologischen Aufbau verfügt (stattdessen zum Beispiel die Anwendung einer zyklischen Zeitordnung) und eine magische, nicht logische, Darstellungsweise verwendet.

Ein drittes Beispiel für die Fremdheitswahrnehmung in der lateinamerikanischen Literatur ist die Testimonialliteratur. Die wohl bekannteste Vertreterin der sogenannten novela testimonial ist die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska, die mit Werken wie Hasta no verte Jesús mío, La noche de Tlattelolco oder Fuerte es el silencio Aufmerksamkeit erregte. Die literatura testimonial kann als „die direkte Quelle einer erzählten Realität“ bezeichnet werden, in der die geschilderten Fakten, in Form von Zeugenaussagen, in die Handlung integriert werden. Grundsätzlich kann hier zwischen den drei Haupttypen des autobiographischen Berichts, der soziologisch-ethnographischen Dokumentation und des auktorialen Berichts unterschieden werden.[7] Der Autor der novela testimonial verfolgt in der Regel eine bestimmte Absicht, die er durch die Verwendung nicht fiktiver Elemente, und die somit entstehende scheinbare historische Authentizität, vermitteln möchte, die darüber hinaus zu einer Identifikation des Lesers mit dem Zeugen führt. Die besondere Herausforderung an den Leser besteht bei dieser Form der Fremdheitswahrnehmung darin, dass er die Aussagen der Zeitzeugen selbst, ohne Hilfe des Autors, kanalisieren und sich in der fremden Welt zurechtfinden muss. Diese Wahrnehmungsform wiederum weist einige Parallelen auf zu den in der phantastischen und neophantastischen Literatur angewandten Formen. Inwiefern daher die drei vorgestellten Modelle einer lateinamerikanischen Fremdheitswahrnehmung zugleich grundlegend und beispielhaft sind für die weitere Transformation der phantastischen Literatur auf diesem Kontinent, zeigt sich bei der Untersuchung der Entwicklung im Verlauf des 20.Jahrhunderts.

2.2 Das Konzept des Phantastischen in der hispanoamerikanischen Literatur

Um die Verwendung phantastischer Elemente in der lateinamerikanischen Literatur zu verdeutlichen, muss zunächst eine Definition der Phantastischen Literatur im Allgemeinen vorgenommen werden. Bis heute gibt es jedoch keine einheitliche und exakte Definition, dessen was Phantastische Literatur eigentlich ausmacht. Die Bezeichnung dieses Genres der Literatur entstand im 19.Jahrhundert in Frankreich und erhielt im 20.Jahrhundert eine erweiterte Bedeutung. Das Phantastische kann allgemein sowohl als literarische, als auch als ästhetische Kategorie definiert werden. In beiden Bereichen gilt ein unmögliches Geschehen oder der Auftritt von unmöglichen Wesen als ausschlaggebend.[8] Hier soll jedoch die literarische Form des Phantastischen im Vordergrund stehen.

In Anlehnung an das Werk von Uwe Durst über die Theorie der phantastischen Literatur soll auch hier zwischen maximalistischen und minimalistischen Definitionsweisen, bezüglich der phantastischen Literatur, unterschieden werden. Ein Grundprinzip der maximalistischen Definition ist das Auftauchen des Unmöglichen in der Literatur. Nach dieser Definition werden alle Texte, „in deren fiktiver Welt die Naturgesetze verletzt werden“ als phantastische Literatur bezeichnet.[9] Zu dem Genre würden demnach sowohl Mythen und Märchen, als auch Science Fiction und Horror zu rechnen sein, was zugleich auch die Hauptkritik an dieser Definition hervorruft, wonach sie zu ungenau sei. Ein weiteres Modell für eine maximalistische Definition ist das von Zgorzelski. Seiner Argumentation zufolge tritt das Phantastische in der Literatur immer dann auf, „wenn die Konventionen der fiktiven Welt geändert werden“.[10] Problematisch bei dieser Definition ist jedoch, dass sie die Definition einer Konventionsänderung erforderlich macht. Es bleibt folglich strittig, bei welchem Grad einer Veränderung eine Konventionsänderung zugrunde liegt.[11]

Die wohl bekannteste und am weitesten verbreitete minimalistische Definition der phantastischen Literatur stammt von dem bulgarischen Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov, der diese zuerst in seinem Werk zur Einführung in die phantastische Literatur, das 1970 erschien, veröffentlichte. Er definiert das Phantastische als „Gegensatz einer natürlichen und einer übernatürlichen Realität“, wobei das Phantastische durch den Zweifel beziehungsweise durch die Unschlüssigkeit des Lesers bezüglich der Gesetze der fiktiven Welt hervorgerufen wird. Zur Veranschaulichung seines Konzepts schuf er ein aus vier genologischen Klassen bestehendes Modell. Die erste Kategorie ist das unvermischt Wunderbare, das auf der Aufhebung der natürlichen Weltordnung, wie zum Beispiel im Märchen, beruht. Die zweite Kategorie ist das unvermischt Unheimliche, das durch unglaubliche oder schockierende Ereignisse begründet wird, die sich allerdings aus den Naturgesetzen erklären lassen, wie beispielsweise die Auferstehung einer Scheintoten. Als dritte Klasse definiert er das Phantastisch-Unheimliche. Hier wird ein zunächst übernatürlich scheinendes Ereignis geschildert, für das am Ende eine natürliche Erklärung gefunden wird (zum Beispiel Täuschung, Wahnsinn oder Traum). Die letzte der vier genologischen Klassen bezeichnet Todorov als das Phantastisch-Wunderbare. Hier werden im Text zunächst Zweifel über die Gültigkeit der Naturgesetze deutlich, die aber am Ende durch die Existenz des Wunderbaren erklärt werden. Diese Klasseneinteilung benutzt Todorov, um die phantastische Literatur besser definieren zu können, die seiner Ansicht nach genau auf der Grenzlinie zwischen Phantastisch-Unheimlichem und Phantastisch-Wunderbarem zu finden ist. Jedoch nur wenn die Unschlüssigkeit zwischen diesen beiden Klassen bis zum Schluss aufrechterhalten wird, kann nach Todorovs Modell von phantastischer Literatur gesprochen werden.[12]

In der lateinamerikanischen Literatur allgemein, aber auch ganz besonders in den eingangs vorgestellten Modellen, erscheinen vielfach Unheimliches und Wunderbares, um bei den Begriffen des Modells von Todorov zu bleiben. Insbesondere die Autoren vieler Werke lateinamerikanischer Literatur, die den Gattungen des realismo mágico oder des real maravilloso zugerechnet werden, verwenden die Darstellungsform des Wunderbaren oder des Unheimlichen und bewegen sich somit im von Todorov definierten Grenzbereich der phantastischen Literatur. Die Literatur der novela testimonial hingegen fällt oftmals eher in den Bereich der neophantastischen Literatur, da sie sich des Phantastischen als Darstellungsform bedient, um bestimmte Ziele des Autors zu verdeutlichen. Zu den Erfindern der phantastischen Literatur im minimalistischen Sinne darf sich in Lateinamerika vor allem der Argentinier Jorge Luis Borges zählen. Er schuf in den dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts mit der Veröffentlichung seiner Essaysammlungen Discusión (1932) und Historia de la eternidad (1936) erste Werke phantastischer Literatur in Südamerika.[13] Doch mit Adolfo Bioy Casares und Julio Cortázar, auf dessen Bedeutung gleich näher eingegangen wird, trugen auch zwei weitere Argentinier zur Verbreitung des Genres auf dem Kontinent bei.

3. Der Essay Turismo aconsejable als Beispiel für die besondere Fremdheits-wahrnehmung bei Julio Cortázar

3.1 Julio Cortázar: Leben und Werk des argentinischen Schriftstellers

In der lateinamerikanischen Literaturgeschichte gehört Julio Cortázar zu den bedeutendsten Autoren des 20.Jahrhunderts. Besonders charakterisierend für ihn sind seine zahlreichen phantastischen Erzählungen und Romane. Gemeinsam mit Borges, Bioy Casares und anderen Mitgliedern der Gruppe rund um die Zeitschrift Sur gehörte er zu den Begründern der Phantastik, sowie der Neophantastik in Lateinamerika.[14]

Julio Cortázar wurde am 26.August 1914, während des Ersten Weltkriegs, im von den Deutschen besetzten Brüssel, in Belgien geboren. Zwei Jahre später zog die argentinische Familie Cortázar in die Schweiz um, wo sie das Ende des Ersten Weltkriegs abwartete. Aufgrund der Kriegswirren war es erst 1918, nach dem Ende des Weltkriegs, möglich nach Argentinien zurückzukehren. Die Familie bezog ein Haus in der Ortschaft Bánfield nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt. In seiner Kindheit galt Julio Cortázar als schüchterner und introvertierter Junge, nachdem sein Vater die Familie schon früh verlassen hatte. Zu Beginn der dreißiger Jahre zog die Familie Cortázar nach Buenos Aires, wo er nach abgeschlossener Ausbildung einige Zeit als Gymnasiallehrer tätig war. 1935 nahm Julio Cortázar an der Universität von Buenos Aires ein Studium auf, das er jedoch wenig später aus finanziellen Gründen abbrechen musste. In den folgenden Jahren war er zunächst wieder als Lehrer tätig und veröffentlichte unter seinem Pseudonym „Julio Denis“ bereits eine erste Gedichtsammlung mit dem Titel Presencia. 1944 begann er, im Alter von 30 Jahren als Literaturprofessor in Mendoza zu dozieren, legte dieses Amt allerdings schon zwei Jahre später aus Protest gegen die Diktatur Peróns nieder. Nachdem er innerhalb von nur neun Monaten Englisch und Französisch gelernt hatte, nahm er 1951 seine Arbeit als freier Übersetzer in Diensten der UNESCO in Paris auf. Dies gab ihm zudem die Möglichkeit viel durch Europa und Asien zu reisen und vor allem weiterhin als Schriftsteller tätig zu sein. In etwa zur selben Zeit veröffentlichte er seine Erzählung Casa tomada („Das besetzte Haus“) in der inoffiziellen argentinischen Literaturzeitschrift Sur und brachte seinen Erzählband mit dem Titel Bestiario heraus. In beiden Werken lassen sich, wie bereits in seinem mythischen Prosagedicht Los Reyes von 1949, Spuren des Wunderbaren und des Phantastischen nachweisen. So wird beispielsweise in Casa tomada ein Ehepaar nach und nach von einer unbekannten und unheimlichen Macht aus der eigenen Wohnung verdrängt.

[...]


[1] Julio Cortázar: Turismo aconsejable, in: Skirius, John (Hrsg.): El ensayo hispanoamericano del siglo XX., Fondo de Cultura Económica, Mexiko Stadt, 2004, S. 437-446.

[2] Zur phantastischen Literatur: Uwe Durst: Theorie der phantastischen Literatur, Tübingen 2001; zur lateinamerikanischen Literaturgeschichte: Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995 und Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2002; zum Werk Julio Cortázars: Julia G. Cruz: Lo neofantástico en Julio Cortázar, Madrid 1988 und Alicia H. Puleo: Cómo leer a Julio Cortázar, Madrid 1990.

[3] Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995, S. 214.

[4] ebd.: S. 211-216.

[5] http://www.public.asu.edu/~aarios/resourcebank/definitions/ (Homepage der Arizona State University vom 24.03.2006)

[6] Walter Bruno Berg: Lateinamerika: Literatur – Geschichte – Kultur. Eine Einführung, Darmstadt 1995, S. 211.

[7] http://www.uni-muenster.de/CeLA/publik/Ah/AH52.html (24.03.2006)

[8] Uwe Durst: Theorie der phantastischen Literatur, Tübingen 2001, S. 17-26.

[9] Ebd.: S. 27.

[10] Ebd.: S. 32f.

[11] Ebd.: S. 26-36.

[12] Ebd.: S. 36-42.

[13] Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte, Stuttgart 2002, S. 360ff.

[14] Ebd.: S. 364f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Literarische Topographien im hispanoamerikanischen ensayo
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V73766
ISBN (eBook)
9783638780247
ISBN (Buch)
9783638776042
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Neophantastischen, Fremdheitswahrnehmung, Julio, Cortázar, Essays, Turismo, Literarische, Topographien
Arbeit zitieren
Magister Artium Björn Schröder (Autor), 2006, Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73766

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden