Die historische Entwicklung der lateinamerikanischen Literatur gehört zu den wohl bemerkenswertesten der internationalen Literaturgeschichte. Ausgehend von vereinzelten Werken der indianischen Kultur wird der literarische Weg Lateinamerikas aus europäischer Sicht vor allem durch die Entdeckung des amerikanischen Kontinents im Jahr 1492 und der nachfolgend einsetzenden Kolonialzeit interessant. Vom 16. bis zum 18.Jahrhundert steht Lateinamerika nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch in kultureller Hinsicht unter dem Einfluss der europäischen Kolonialmächte, allen voran Spanien und Portugal. Erst im 19. und noch mehr im 20.Jahrhundert kommt es, bedingt durch die politischen Veränderungen, zu einer forcierten Neuorientierung auch der lateinamerikanischen Literatur. Dies zeigt sich in erster Linie an der Entstehung der Nationalliteraturen und an der neuen Gattung des für den Kontinent typisch gewordenen „Magischen Realismus“. Zu den wichtigen neuen Gattungen, die in dieser Zeit in Lateinamerika vorzufinden sind, zählt ebenfalls der Essay, dessen Beitrag zur Transformation der lateinamerikanischen Literatur im 20.Jahrhundert in dieser Arbeit exemplarisch untersucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der Fremdheitswahrnehmung in der hispanoamerikanischen Literatur
2.1 Unterschiedliche Formen einer hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung im 20.Jahrhundert
2.2 Das Konzept des Phantastischen in der hispanoamerikanischen Literatur
3. Der Essay Turismo aconsejable als Beispiel für die besondere Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar
3.1 Julio Cortázar: Leben und Werk des argentinischen Schriftstellers
3.2 Inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays Turismo aconsejable
3.3 Interpretation des ausgewählten Aufsatzes von Julio Cortázar
3.4 Neophantastische Aspekte des Essays Turismo aconsejable
4. Die neophantastische Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar als Beispiel für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20. Jahrhundert
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Essay "Turismo aconsejable" von Julio Cortázar, um die Erscheinungsformen des Phantastischen und die spezifische Wahrnehmung des Fremden zu analysieren. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, wie dieser Text als Beispiel für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20. Jahrhundert fungiert und welche neophantastischen Aspekte dabei wirksam werden.
- Analyse der hispanoamerikanischen Fremdheitswahrnehmung
- Definition und Konzept des Phantastischen
- Strukturelle und inhaltliche Interpretation von Cortázars "Turismo aconsejable"
- Untersuchung neophantastischer Schreibweisen
- Bedeutung der Neophantastik für die literarische Transformation in Lateinamerika
Auszug aus dem Buch
3.2 Inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays Turismo aconsejable
Der Essay Turismo aconsejable („Empfehlenswerter Tourismus“) von Julio Cortázar ist 1969 in der Essay- und Gedichtsammlung mit dem Titel Último Round erschienen. In dieser Sammlung bedient sich Cortázar zahlreicher Themen und Stilmittel. Die Themenvielfalt reicht hierbei von der Erörterung der Situation lateinamerikanischer Intellektueller bis zur Auseinandersetzung mit dem Jazz und der Modernen Kunst. Nach der Ansicht von John Skirius wird der Leser durch die extreme bildliche Darstellungskraft der Texte sogar „in die Situation des Zuschauers in einem Zirkus versetzt, in dem die Momentaufnahme der zeitgenössischen Kultur zelebriert wird“.
Einleitend zu seinem Essay Turismo aconsejable hat Julio Cortázar das Gedicht The Market von Gary Snyder eingefügt, auf das jedoch nur kurz eingegangen werden soll. Der amerikanische Lyriker Gary Snyder wird der Gruppe der sogenannten „Black-Mountain Poets“ zugerechnet, die sich in erster Linie durch einen experimentellen Schreibstil auszeichnet. Damit steht er in einer Reihe mit anderen Dichtern wie beispielsweise Allen Ginsburg oder William Carlos Williams. Das Gedicht The Market, mit dem Julio Cortázar seinen Essay einleitet, ist in einem sehr freien assonantischen Stil geschrieben. Es handelt von einem Mann, vermutlich einem Touristen, der, während er auf seine Frau wartet, auf einem Markt in der Nähe des Ganges in Indien Bananen einkaufen möchte. Im Mittelpunkt des Gedichts steht jedoch nicht die Handlung, sondern die Wahrnehmung der für ihn fremden Atmosphäre auf dem Markt durch den Touristen. Eine ähnlich wichtige Bedeutung hat der Aspekt der Fremdheitswahrnehmung auch in dem folgenden Essay Cortázars.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der lateinamerikanischen Literatur ein und definiert den methodischen Rahmen sowie die Leitfragen zur Analyse des Essays von Julio Cortázar.
2. Die Rolle des Phantastischen und unterschiedliche Formen der Fremdheitswahrnehmung in der hispanoamerikanischen Literatur: Hier werden theoretische Modelle wie der Magische Realismus und die Testimonialliteratur vorgestellt und in den Kontext der phantastischen Literatur eingeordnet.
3. Der Essay Turismo aconsejable als Beispiel für die besondere Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar: Dieses zentrale Kapitel behandelt die Biographie des Autors, analysiert die Struktur und den Inhalt des Essays sowie dessen neophantastische Dimensionen.
4. Die neophantastische Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar als Beispiel für die Transformation der phantastischen Literatur in Lateinamerika im 20. Jahrhundert: Das Kapitel verknüpft die Analyse des Essays mit der generellen literaturgeschichtlichen Entwicklung und Transformation phantastischer Genres in Lateinamerika.
5. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, in der die Bedeutung der neophantastischen Fremdheitswahrnehmung für das Werk Cortázars und die literarische Tradition hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Julio Cortázar, Turismo aconsejable, Neophantastik, Phantastische Literatur, Fremdheitswahrnehmung, Lateinamerikanische Literatur, Magischer Realismus, Transformation, Literarische Topographien, Essay, Indien, Identität, Erzählstruktur, Orientierungslosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert den Essay "Turismo aconsejable" des argentinischen Autors Julio Cortázar unter besonderer Berücksichtigung der neophantastischen Darstellungsformen und der Wahrnehmung des Fremden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Entwicklung lateinamerikanischer Literatur, das Konzept des Phantastischen, die Rolle des Essays als literarische Gattung sowie die interkulturelle Fremdheitswahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Cortázar durch einen spezifischen, neophantastischen Schreibstil die Grenzen traditioneller phantastischer Literatur überschreitet und eine neue Form der Fremdheitswahrnehmung etabliert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine strukturelle Textanalyse in Kombination mit einer literaturtheoretischen Einordnung angewandt, wobei auf Definitionen von Theoretikern wie Tzvetan Todorov und Jacques Finné zurückgegriffen wird.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biographische Einordnung, eine detaillierte inhaltliche und strukturelle Analyse des Essays "Turismo aconsejable" sowie eine Interpretation der neophantastischen Aspekte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Neophantastik, Fremdheitswahrnehmung, Julio Cortázar, Transformation der Literatur und Lateinamerika.
Welche besondere Bedeutung hat der Schauplatz Kalkutta in dem untersuchten Essay?
Kalkutta fungiert als Ort der Konfrontation zwischen der westlichen, touristischen Wahrnehmung und der harten sozialen Realität, was zur Dekonstruktion der "touristischen" Erwartungshaltung dient.
Wie unterscheidet sich die "Neophantastik" laut dieser Arbeit von der "Phantastik"?
Während die klassische Phantastik oft durch das Übernatürliche definiert ist, zeichnet sich die Neophantastik bei Cortázar durch einen analytischen und zweckgerichteten Diskurs aus, der das Phantastische als Instrument nutzt, um bestimmte Intentionen oder gesellschaftliche Zustände zu vermitteln.
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- Magister Artium Björn Schröder (Author), 2006, Analyse des Neophantastischen und der besonderen Fremdheitswahrnehmung bei Julio Cortázar anhand seines Essays Turismo aconsejable, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73766