Der Untergang der Filmära - Die Digitalisierung der Filmkultur und ihre Auswirkungen


Seminararbeit, 2007

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

In seiner nunmehr über hundert Jahre währenden Geschichte hat der Film immer wieder technologische Erneuerungen erfahren. Als die Bilder laufen lernten, taten sie dies noch ohne Ton. Der Tonfilm, der immerhin schon 1921 technisch realisierbar gewesen wäre, brauchte noch geschlagene sechs Jahre, um sich tatsächlich durchzusetzen. In Europa wurde der Tonfilm als „unkünstlerisch“ verschmäht und in den Vereinigten Staaten fürchtete man, dass durch die zwangsläufige Festlegung auf eine Sprache, eine Distribution auf dem Weltmarkt begrenzt, wenn nicht gar unmöglich gemacht würde[1]. Aus heutiger Sicht erscheinen uns diese Bedenken kaum noch nachvollziehbar, obwohl die Hollywood-Studiobosse den Tonfilm Ende 1927 lediglich alsaudience-pleasing gimmick[2] betrachteten und tragischerweise nicht realisierten, dass sie damit ihr Starsystem ruinieren würden.[3]

Nichtsdestotrotz hat der Film diesen Wandel genauso überstanden wie die Einführung des Farbfilms und von Cinemascope 1952. Verschiedene Ton- und Filmmaterialien kamen und gingen und oft war dabei nicht die Qualität entscheidend, welches sich durchzusetzen vermochte[4]. Selbst den Siegeszug des Fernsehens in den 60er Jahren überstand das Kino vorerst unbeschadet, wie der Filmkritiker Godfrey Cheshire 1999 in seinem Aufsatz „The Death of the Film/The Decay of Cinema“ erwähnt.

„In the 1960s, the two media bounced off each other in friendly, productive fashion. They were still of comparable size on the cultural landscape; neither overwhelmed the other.“ [5]

Dieser Zustand sollte nicht lange anhalten, doch dazu später mehr.

Seit ungefähr einem Jahrzehnt nun sieht sich die Filmkultur einer anderen und unberechenbareren Art der Bedrohung ausgesetzt, so dass Kinoliebhaber (oder wie Horwath es ausdrückt „cinephile Puristen“[6] ), Film- und Kulturhistoriker, Filmarchivare und Filmschaffende bereits das Ende der Filmära kommen sehen, die Digitalisierung der Medien. „We have entered the age of digital“[7], schreibt der Filmhistoriker Jan-Christopher Horak; andere verwenden drastischere Worte und sprechen gar vom Untergang des Kinos (The Decay of Cinema)[8], Tod des Films (The Death of Film/The Decay of Cinema)[9] , einer Mutationsära[10] oder von einer Revolution und Demokratisierung der Filmkultur, die zwangsläufig den Niedergang des Films herbeiführen wird[11].

Die Schriftstellerin und Theaterautorin Susan Sontag vergleicht 1996 in ihrem Text The Decay of Cinema für die New York Times die Geschichte des Kinos mit einem Lebenszyklus.[12]

„Cinema´s 100 years seem to have the shape of a life cycle: an inevitable birth, the steady accumulation of glories and the onset in the last decade of an ignominious, irreversible decline.“[13] .

Ohne dass sie ein einziges Mal direkt auf die Digitalisierung der Filmkultur zu sprechen kommt, beschreibt sie Phänomene, die in einer nicht zu leugnenden Verbindung zu ihr stehen. Die Hauptursache für den stetig voranschreitenden Zerfall der Filmkultur sieht Sontag im gesellschaftlichen Bedeutungsverlust des Films, dem Schwinden der Cinephilia. „If cinephilia is dead, then movies are dead too...no matter how many movies, even very good ones, go on being made. If cinema can be resurrected, it will only be trough the birth of a new kind of cine-love.“[14]

Die 60´er und frühen 70´er Jahre waren der Höhepunkt der cinephilen Filmkultur, doch schon mit dem in den 70´er Jahren in Hollywood aufkommenden Trend, Methoden der Narration und des Editing erfolgreicher europäischer Filme zu kopieren, war der Zenit der Filmkultur überschritten. Mit dem drastischen Anstieg der Produktionsbudgets in den 80´er Jahren verschwammen die Grenzen zwischen Kino als Kunst und Kino als einer Industrie. Teure Blockbuster verdrängten zunehmend Low-Budget Produktionen aus den Kinos. Der Erfolg an der Kinokasse war wichtiger geworden als die Qualität der Filme. Die Dauer der Auswertung von Filmen in den Kinos nahm ab und viele Filme wurden sogar ausschließlich für eine Videoauswertung produziert, kamen also nie ins Kino. Auf diese Art und Weise wurde der Film sprichwörtlich aus seiner ihm bis dahin vorbestimmten Umgebung gerissen.

„Movie theaters continued to close – many towns no longer have even one – as movies became, mainly, one of a variety of habit-forming home entertainments.“[15]

Dieser Umstand jedoch ist nach Sontag die Ursache für den zunehmenden Verlust des Stellenwertes des Kinos in der Gesellschaft.

„To see a great film only on television isn´t to have really seen that film.“[16]

Dabei geht es ihr nicht vornehmlich darum, dass der Film durch den kleinen Bildschirm des Fernsehers das für seine aufmerksame Wahrnehmung so wichtige „larger-than-you image“[17] aus dem Kinosaal verliert oder dass der Zuschauer zuhause nicht die notwendige Aufmerksamkeit aufbringt. Vielmehr geht es Sontag um das Erlebnis Kino und das soziale Ereignis eines Kinobesuchs, das völlige Eintauchen in einen Film, während man in der Dunkelheit des Saals zwischen anonymen Fremden sitzt, welches nun mehr und mehr verloren geht, denn „cinephilia has no role in the era of hyperindustrial films.“[18].

Der amerikanische Filmkritiker Godfrey Cheshire schreibt in seinem Artikel für die New York Press 1999 von der Digitalisierung der Medien als der Wurzel allen Übels.[19] Zu Beginn seiner Überlegungen stellt Cheshire drei Thesen auf. Seiner Einschätzung nach wird Film (film) [20] als traditionelle, im 20. Jahrhundert allgegenwärtige Technologie des Kinos das 21. Jahrhundert nicht überleben. Filmtheater werden der Vergangenheit angehören und durch digitale Projektionssysteme ersetzt werden. Filme (movies) werden nicht länger die Hauptattraktion in Filmtheatern sein und im 21. Jahrhundert ihre ästhetische Einzigartigkeit und ihre kulturelle Bedeutung verlieren. Das Kino (cinema) als Kunstform hat seinen Zenit bereits vor Jahrzehnten überschritten und seitdem seine kulturelle Macht („culture force“) langsam eingebüßt.

„The end of film help hasten cinema toward past-tense museum status-where it will „thrive“ in the way Renaissance painting now does.“[21]

Diese Veränderungen finden nicht statt, weil die Kinozuschauer nach einer Modernisierung der „old celluloid images“ verlangten, sondern lediglich, weil neue Technologien es ermöglichen und die Industrie sich Profit von ihnen verspricht. Der Kinobesucher wird die technologische Neuerung anfänglich auch gar nicht bewusst wahrnehmen, weil digitale Projektionssysteme der herkömmlichen Celluloidprojektion sehr ähnlich sind, denn auch sie projizieren lediglich ein Bild aus einem Raum hinter dem Publikum auf eine Leinwand. „But the images aren´t produced by light shining trough an unfurling series of photographic transparencies on celluloid. [...] It also eliminates scratches, jumps and the other physical imperfections of film.“[22]

[...]


[1] Vgl. Borgelt (1979)

[2] Cheshire (1999, S.8)

[3] Cheshire (1999, S.8)

[4] Horwath (2006, S.1) „[...]70mm-Film hatte auch einen wesentlich brillianteren Eindruck als 35mm, es gibt ihn aber heute nicht mehr.“

[5] Cheshire (1999, S.13)

[6] Horwath (2006, S.1)

[7] Horak (2002, S.1)

[8] Sontag (1996, S.1)

[9] Cheshire (1999, S.1)

[10] Horwath (2006, S.4)

[11] Cheshire (1999, S.4, S.6)

[12] Vgl. im Folgenden Sontag (1996, S.1-3)

[13] Ebd. S.1

[14] Ebd.. S. 3

[15] Ebd. S. 3

[16] Ebd. S. 1

[17] Ebd. S.2

[18] Ebd. S.3

[19] Vgl. im Folgenden Cheshire (1999, S.1-14)

[20] Vgl. Ebd. (1999, S.1-2) Cheshire gibt hier eine Definition für die Begriffe Film, Movies und Cinema, die wichtig sind, voneinander zu unterscheiden:

„Film refers to the traditional technologiy of motion pictures [...].“, „Movies here refers to motion pictures as entertainment.“, „Cinema refers to movies understood (and practice) as an art.“

[21] Ebd. S. 2

[22] Ebd. S. 2

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Untergang der Filmära - Die Digitalisierung der Filmkultur und ihre Auswirkungen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar für Filmgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V73778
ISBN (eBook)
9783638743853
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untergang, Filmära, Digitalisierung, Filmkultur, Auswirkungen, Seminar, Filmgeschichte
Arbeit zitieren
Viktor Witte (Autor), 2007, Der Untergang der Filmära - Die Digitalisierung der Filmkultur und ihre Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73778

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