Hinwendung zur Kultur - Mit dem Cultural Turn auf dem Weg zur Neuen Kulturgeschichte, dargestellt am Beispiel Lynn Avery Hunts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Lynn Avery Hunt – Leben und Werk
2.1. Biographie
2.2. Forschungsfelder

3. Der Cultural Turn – Weg zur Neuen Kulturgeschichte
3.1. Einordnung der Neuen Kulturgeschichte in die Geschichtswissenschaft
3.2. Grundlagen der Neuen Kulturgeschichte
3.2.1. Das Oeuvre Michel Foucaults
3.2.2. Die Kulturanthropologie

4. Lynn Hunt: Symbole der Macht, Macht der Symbole
4.1. Aufbau und Inhalt
4.2. Bewertung

5. Charakterisierung der von Lynn Hunts praktizierten Neuen Kulturgeschichte

6. Schlussgedanke

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Cultural Turn, die Hinwendung aller Wissenschaften vom Menschen zur Kultur, „ entstammt dem Vorschlag, Prozesse kultureller Vergesellschaftung zum zentralen Gegenstand der historischen Forschung zu machen.[1] Soweit der 2002 von Gangolf Hübinger für das Lexikon Geschichtswissenschaft geschriebene Artikel über die Kulturgeschichte. In der vorliegenden Arbeit geht es aber nicht um die Betrachtung aller Humanwissenschaften, sondern primär um die vom Cultural Turn in der Geschichtswissenschaft angestoßenen Entwicklungen, die schließlich zur Ausbildung der so genannten Neuen Kulturgeschichte geführt haben. Um dieser theoretischen Untersuchung einen praktischen Bezugspunkt anzufügen, wird ihr das exemplarische und gleichzeitig bedeutsame Werk der amerikanischen Kulturhistorikerin Lynn Avery Hunt an die Seite gestellt.

Um sich ein Bild von der Person und den Forschungsgebieten Lynn Avery Hunts machen zu können, wird in dieser Hausarbeit zunächst eine Darstellung ihres Lebens und ihres bisherigen Werkes versucht. Anschließend wird der historiographische Kontext vorgestellt, in dem sich die Autorin bewegt. Die Geschichte der Neuen Kulturgeschichte wird von ihren Anfängen bis in die Gegenwart dargestellt. Zudem wird untersucht, auf welchen theoretischen Grundlagen sie basiert. Den besonders wichtig erscheinenden Ansätzen Michel Foucaults und den anthropologischen Studien wird dabei je ein eigenes Unterkapitel mit einer eigenständigen Betrachtung gewidmet werden. Diese sollen allerdings ausschließlich der Vertiefung dienen und kann auf Grund der zeitlichen Beschränkung dieser Ausarbeitung keine ausführlichen Untersuchungen darstellen.

Dieser theoretische Unterbau wird anschließend mit einer praktischen Ebene ergänzt, nämlich der Vorstellung von Lynn Hunts Hauptwerk, dem 1989 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Symbole der Macht, Macht der Symbole. Dabei wird neben dem Aufbau und dem Inhalt des Werks auch Wert auf die Reaktionen der Fachwelt gelegt. An Hand von vier Rezensionen aus den USA, Frankreich und Deutschland wird die Bewertung sowohl des Buches, als auch des methodisch-analytischen Ansatzes der Autorin betrachtet. Nach der Vorstellung von allgemeiner Theorie und der Betrachtung einer individuellen praktischen Umsetzung der Neuen Kulturgeschichte wird nun mit Hilfe des bereits Erarbeiteten der spezifische Ansatz Lynn Hunts auf abstrakte Art und Weise charakterisiert und untersucht, welchen theoretischen Einflüssen sie verpflichtet ist.

Bevor eine abschließende Zusammenfassung der Untersuchungen über die Theorie der Neuen Kulturgeschichte und das Werk der Autorin vorgenommen wird, möchte diese Arbeit aber auch der Frage nachgehen, welchen Weg die Neue Kulturgeschichte von der Gegenwart ausgehend in Zukunft einschlagen wird und welche Erwartungen man noch in sie setzen kann.

2. Lynn Avery Hunt – Leben und Werk

Lynn Avery Hunt gehört zu den bekanntesten und angesehensten Historikerinnen der USA und gilt als eine der führenden Vertreterinnen der Neuen Kulturgeschichte.[2] International ist sie bekannt für ihre wegweisenden Arbeiten über die Kulturgeschichte der Französischen Revolution, in denen sie sich vorwiegend mit Fragen der politischen Kultur befasst, und ihre theoretischen Aufsätze über die europäischen Kulturwissenschaften.[3] Derzeit lehrt Lynn Avery Hunt als Eugen Weber Professor of Modern European History an der University of California in Los Angeles.[4]

2.1. Biographie

Lynn Avery Hunt wurde am 16.November 1945 in Panama City geboren, verbrachte ihre Jugend aber in St.Paul, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Minnesota.[5] Sie studierte am Carleton College in Northfield, Minnesota, wo sie 1967 ihren Bachelor of Arts machte.[6] Von Northfield zog es sie an die amerikanische Eliteeinrichtung Stanford University nach Massachusetts, wo sie ein Jahr später die Prüfungen zum Master of Arts ablegte und 1973 zum Thema Revolution and Urban Politics in Provincial France: Troyes and Reims, 1786-1790 promovierte.[7] Im Anschluss an ihre Promotion unterrichtete sie von 1974 bis 1987 an der University of California in Berkeley und von 1987 bis 1998 an der University of Pennsylvania in Philadelphia, ehe sie 1999 an die University of California in Los Angeles ging, um dort den dortigen Lehrstuhl als Eugen Weber Professor of Modern European History zu besetzen.[8]

Zwischenzeitlich begleitete sie aber auch eine Reihe von Gastprofessuren in Peking, Amsterdam und Utrecht und an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris.[9] 2002 war Lynn Avery Hunt für ein Jahr Präsidentin der American Historical Association, des US-amerikanischen Historiker­verbandes.[10]

2.2. Forschungsfelder

Hunts Forschung konzentriert sich auf die neuzeitliche Sozial- und Kulturgeschichte und deren Methodik.[11] Große Anerkennung genießt sie für ihre Arbeiten über die sozialen und kulturellen Aspekte der Französischen Revolution, ein Thema, mit dem sie sich seit ihrer Promotion beschäftigt. Aber auch für ihre Untersuchungen über die Beziehung von Pornographie und Körper in der Frühen Neuzeit sowie deren kulturelle und politische Bedeutung hat sie hervorragende Forschungsarbeit geleistet.[12]1984 erschien ihr grundlegendes, vielbeachtetes Werk unter dem Titel Politics, Culture an Class in the French Revolution , das in deutscher Übersetzung 1989 zum Bicentenaire unter dem Titel Symbole der Macht, Macht der Symbole herauskam.[13] Acht Jahre später publizierte sie unter dem Titel The Family Romance of the French Revolution eine Arbeit, in der sie psychoanalytische Annahmen in die politische Geschichte der französischen Revolution einfließen ließ.[14]

Gleichzeitig beschäftigte Lynn Hunt die Methodik der Kulturgeschichte, wo sie sich auch als Begründerin methodischer Neuansätze einen Namen machte.[15]

Bücher wie The New Cultural History aus dem Jahr 1989, Eroticism and the Body Politics (1991), The Invention of Pornography: Obscenity and the Origins of Modernity (1993), das 1994 in Deutschland unter dem Titel Die Erfindung der Pornographie. Obszönität und die Ursprünge der Moderne erschien und Beyond the Cultural Turn: New Directions in the Study of Society and Culture (1999) ließen Hunt zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der in den USA cultural studies genannten Disziplin werden.[16]

In ihren Arbeiten erklärt Hunt die Wichtigkeit dieses noch recht jungen Forschungsfeldes, “not only in history, but also in literary studies, anthropology, sociology, and economics.[17]

3. Der Cultural Turn – Weg zur Neuen Kulturgeschichte

Lutz Raphael schreibt über die New Cultural History[18], der Folge der als Cultural Turn bezeichneten Hinwendung zur Kultur, es handele sich wie bei der Sozialgeschichte „ um eine grundlegende richtungsweisende [sic] Perspektive, als deren kleinster gemeinsamer Nenner das primäre Forschungsinteresse an den symbolischen Formen der Vergangenheit gelten kann: Zeichen, Metaphern, politische Sprachen, kollektive Repräsentationen oder Rituale zogen und ziehen die Aufmerksamkeit der neuen Kulturgeschichte an.[19] Mit dem Ausdruck kleinster gemeinsamer Nenner weist er direkt auf die charakteristische Heterogenität der Neuen Kulturgeschichte hin, er erwähnt aber ebenfalls die Untersuchungsgegenstände, die für diese von besonderem Interesse sind. In diesem Kapitel werden Antworten auf die Fragen gegeben, woraus sich die Neue Kulturgeschichte entwickelt hat und ob es trotz der ausgeprägten Heterogenität gemeinsame Grundzüge dieser weit verzweigten Disziplin gibt?

3.1. Einordnung der Neuen Kulturgeschichte in die Geschichtswissenschaft

Die New Cultural History ist ein Sammelbegriff für die neuen kulturgeschichtlichen Tendenzen der amerikanischen und britischen Geschichtswissenschaft, die sich seit den 1980er Jahren entwickelten.[20] Namens gebend war der 1989 von Lynn Hunt herausgegebene programmatische Aufsatzband New Cultural History, bei dem es sich aber ursprünglich um Beiträge für eine 1987 an der University of California in Berkeley veranstaltete Tagung mit dem Titel Französische Geschichte: Texte und Kultur handelte.[21]

Die Neue Kulturgeschichte stellt „ die vorherrschende Form der heute praktizierten Kulturgeschichte[22] dar, es ist aber umstritten, ob sie einem neuen Paradigma folgt.[23] Während Lutz Raphael dies vehement verneint, da Theorien, Methoden und Themen zu unterschiedlich seien[24], erkennt Peter Burke ein Paradigma der Neuen Kulturgeschichte „ im Sinne einer normalen Praxis, aus der eine Forschungstradition hervorgeht“, an.[25]

Die Neue Kulturgeschichte kann als eine Art Erweiterung der in den 1960er und 1970er Jahren dominierenden Sozialgeschichte angesehen werden.[26] Deren Siegeszug wurde allerdings von einer Fragmentierung des Forschungsgebiets begleitet, sodass die Ergebnisse der damals neuesten Form historischer Forschung zu „ bloßen Bausteinen eines Gebäudes[27] degradiert wurden, anstatt die theoretische Entwicklung der Geschichtswissenschaft mit voran zu treiben.[28] Dennoch sollten die quantitativen Ansätze des Marxismus und des Revisionismus die Hochzeit der Sozialgeschichte überdauern und später als wichtige Komponenten in die Neue Kulturgeschichte einfließen.[29] Eine Reihe der heute führenden Kulturhistoriker, unter ihnen auch Lynn Hunt, bezeichneten sich ursprünglich selbst als Sozialhistoriker und als Bewunderer von Marx.[30] In den 1970er Jahren wurde die Sozialgeschichte dann durch ein wachsendes Interesse an Kultur ergänzt und bereichert.[31] Das Aufkommen von Kulturtheorien im Fahrwasser von Arbeiten französischer Sozialtheoretiker und Philosophen wie Michel Foucault[32] oder Jacques Derrida[33] schärfte das Bewusstsein der Historiker für gänzlich neue oder bisher nicht wahrgenommene Probleme.[34] Das Fokussieren auf Kultur und insbesondere auf diskursive Modelle von Kultur stellte eine Alternative zu den marxistischen und revisionistischen Modellen dar, indem sie demonstrierten, dass alle soziale Realität in Wirklichkeit zuerst einmal kulturell gebildet wird.[35] Zur etwa gleichen Zeit hielten mit den Arbeiten von Nathalie Zemon Davis[36] nun auch anthropologische Methoden Einzug in die Sozialgeschichte.[37] Gerade die Sozialhistoriker wandten sich nun auf der Suche nach einer alternativen Möglichkeit für die Verbindung zwischen Kultur und Gesellschaft der Anthropologie zu.[38] Hinzu kam eine neue Betrachtungsweise in der Geschichte der politischen Philosophie mit der Akzentuierung des historischen Kontextes bei der Untersuchung politischer Ideen und Handlungen.[39] Hier wird bereits ersichtlich, dass das Interesse an Theorien zu den Charakteristika der Neuen Kulturgeschichte gehört.[40] Von der Neugierde für fremde Kulturen, die die anthropologische Forschung weckte, griff nun das Interesse auf die unterdrückten Spuren von Unterschichten und Minderheiten in der Vergangenheit der eigenen Kultur über.[41] Von Vorteil war hier die Parallele mit ihrer Vorgängerdisziplin der 1960er und 1970er Jahre: Das Interesse an den Erfahrungen der so genannten einfachen Menschen.[42] Hinzufügen muss man an dieser Stelle allerdings, dass die Neue Kulturgeschichte im Unterschied zur Sozialgeschichte auch die Kulturen der Elite integriert, die zuvor „ entweder ausgeschlossen oder ignoriert[43] wurden.[44]

[...]


[1] Hübinger 2002: S.201.

[2] http://prelectur.stanford.edu.

[3] Burke 2005: S.152.

[4] http://prelectur.stanford.edu.

[5] Engels 2004 : S.348., www.sscnet.ucla.edu.

[6] www.sscnet.ucla.edu.

[7] http://prelectur.stanford.edu.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] www.historians.org.

[11] Engels 2004: S.348.

[12] Engels 2004: S.348f.

[13] Ebd.: S.348.

[14] http://prelectur.stanford.edu.

[15] Engels 2004: S.348.

[16] http://prelectur.stanford.edu.

[17] Ebd.

[18] Deutsche Übersetzung: Neue Kulturgeschichte (Anm. d. Verf.).

[19] Raphael 2003: S.228.

[20] Metzler Lexikon 2004: S.493.

[21] Raphael 2003: S.228.

[22] Burke 2005: S.75.

[23] Ebd.

[24] Raphael 2003: S.229.

[25] Burke 2005: S.75.

[26] Ebd.: S.76.

[27] Hunt 1994: Gesellschaftstheorie S.100.

[28] Ebd.

[29] Metzler Lexikon 2004: S.493.

[30] Burke 2005: S.61.

[31] Ebd.

[32] Michel Foucault, geboren 1926 in Poitiers, gestorben 1984 in Paris, war ein französischer Historiker und Philosoph (Metzler Lexikon 2004: S.194.). Zu seinem Einfluss auf die Neue Kulturgeschichte, siehe Kapitel 3.2.1. Das Oeuvre Michel Foucaults dieser Arbeit (Anm.d.Verf.).

[33] Jacques Derrida, geboren 1930, ist ein französischer Philosoph und Literaturtheoretiker (Metzler Lexikon 2004: S.109.).

[34] Burke 2005: S.77., Raphael S.229.

[35] Hunt 1994: Gesellschaftstheorie S.109.

[36] Nathalie Zemon Davis, geboren 1928, ist eine amerikanische Kulturhistorikerin, die von den Thesen der Annales-Schule und der historischen Anthropologie nach Clifford Geertz beeinflusst ist (Metzler Lexikon 2004: S.101.).

[37] Hunt 1994: Gesellschaftstheorie S.101.

[38] Burke 2005: S.61.

[39] Ebd.

[40] Ebd.: S.77.

[41] Raphael 2003: S.223.

[42] Es herrscht ein starkes Interesse an Kommunikationsformen, der Geschichte des Alltags, an Freizeitaktivitäten und Festkulturen (Metzler Lexikon 2004: S.493.).

[43] Hunt 1994: Gesellschaftstheorie S.99.

[44] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Hinwendung zur Kultur - Mit dem Cultural Turn auf dem Weg zur Neuen Kulturgeschichte, dargestellt am Beispiel Lynn Avery Hunts
Hochschule
Universität Mannheim  (Historisches Institut - Seminar für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: Was ist Kulturgeschichte?
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V73842
ISBN (eBook)
9783638783637
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hinwendung, Kultur, Cultural, Turn, Neuen, Kulturgeschichte, Beispiel, Lynn, Avery, Hunts, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Daniel Wimmer (Autor), 2007, Hinwendung zur Kultur - Mit dem Cultural Turn auf dem Weg zur Neuen Kulturgeschichte, dargestellt am Beispiel Lynn Avery Hunts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73842

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