Multikulti im Mannheim des 17. Jahrhunderts - Das Mannheimer Experiment im Spiegelbild der französisch-kurpfälzischen Beziehungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 EINLEITUNG

2 VORGESCHICHTE

3 KURZBIOGRAPHIEN WICHTIGER PERSÖNLICHKEITEN
3.1 Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz
3.2 Lieselotte von der Pfalz
3.3 Heinrich Clignet
3.4 Jacob van Deyl

4 WIEDERAUFBAU DER KURPFALZ UND DER STADT MANNHEIM
4.1 Die Mannheimer Stadtprivilegien von 1652
4.2 Der Privilegientext

5 AUFBAU UND BLÜTEZEIT VON 1652 BIS 1688
5.1 Bevölkerung
5.2 Gelebte Integration
5.3 Wirtschaft

6 DIE FRANZÖSISCH-KURPFÄLZISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN 1648 UND 1685

7 ENDE DES EXPERIMENTS: DER PFÄLZISCHE ERBFOLGEKRIEG

8 ZUSAMMENFASSUNG

9 LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Die modernen Gesellschaften in den Einwanderungsländern Westeuropas beschäftigt oftmals die Frage, wie es zu schaffen sei, Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und verschiedener Herkunft in ein Gemeinwesen zu integrieren, um ein friedliches Zusammenleben aller in Freiheit und Toleranz zu gewährleisten. Und bisweilen rückt auch unter dem Eindruck so manches Rückschlags während der wechselseitigen Integrationsbemühungen die Grundsatzfrage in den Mittelpunkt, ob eine derartige Anstrengung überhaupt von Erfolg gekrönt sein kann.

Betrachtet man die kurpfälzische Geschichte etwas genauer, so erhält man den Einblick, dass genau diese Fragen nicht eben charakteristisch für unsere Zeit sind, sondern dass sich schon unsere Vorfahren im 17.Jahrhundert diese oder ähnliche Fragen gestellt haben. Zwar sind die Rahmenbedingungen in der Zeit nach dem Ende des 30jährigen Krieges und die aktuellen Entwicklungen zu verschieden, um eventuelle Parallelen ziehen zu können, doch kann man bei näherer Betrachtung der Stadt Mannheim in der Zeit zwischen 1648 und 1689 ein wenn auch nur für wenige Jahrzehnte verwaltungs- und wirtschaftspolitisch sehr modern anmutendes, in seiner Bevölkerungsstruktur ausgesprochen international ausgerichtetes Gemeinwesen entdecken: Das Ergebnis des Mannheimer Experiments, Menschen aus nahezu allen Teilen Europas und unterschiedlichen Glaubens in einer Stadt gemeinsam wohnen und die Stadt gemeinsam voranbringen zu lassen.

Doch dieses Experiment wäre ohne den Einfluss Frankreichs sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht nicht denkbar gewesen. Das Gros der Zuwanderer kam aus dem Nachbarland, das Mannheim des 17.Jahrhunderts wurde durch das Schaffen der frankophonen Neubürger geprägt. Doch es war auch Frankreich, das dem Mannheimer Experiment im Pfälzischen Erbfolgekrieg ein jähes Ende setzte.

Um das Mannheimer Experiment im Spiegel der französisch-kurpfälzischen Beziehungen des 17.Jahrhunderts darzustellen, beschäftigt sich diese Arbeit zunächst mit der Frage, wie es überhaupt zur Notwendigkeit ausländischer Einwanderung nach Mannheim kommen konnte. Was war die Vorgeschichte, wie hat man im Vorfeld versucht, das Problem der Entvölkerung zu lösen und mit welchen Mitteln konnte man Zuwanderer für den damaligen Trümmerhaufen, der Mannheim war, gewinnen? Dabei ist es auch von Nöten, in Kürze die Biographien der wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt Mannheim und der Kurpfalz kennen zu lernen, um aus deren Denken und Leben Rückschlüsse ziehen zu können und Erklärungen für den Lauf der Geschichte zu finden. Der sicherlich faszinierendste Teil der Arbeit ist aber die Untersuchung der Lebensverhältnisse innerhalb eines so heterogenen Gemeinwesens, das in wenigen Jahrzehnten und in der Zusammenarbeit aller Einwohner zu neuer Blüte geführt werden konnte. Welche Impulse für die Stadt und die Wirtschaft wurden gegeben? Wo lagen aber die Grenzen dieser gelebten Integration?

Um die Rolle Frankreichs als dauerhafte Bedrohung sowohl der Stadtgemeinde als auch der Kurpfalz im Allgemeinen zu beleuchten und um das Ende des Mannheimer Experiments im Jahre 1689 erklären zu können, muss man zudem einen Blick auf die politischen Beziehungen zwischen der Kurpfalz und dem Reich Ludwigs XIV. werfen, was vor der abschließenden Schlussbetrachtung erfolgen wird.

Der Themenkomplex des Wiederaufbaus der Stadt Mannheim unter Karl Ludwig von der Pfalz ist bereits recht ausführlich erforscht, zu nennen ist hier vor allem die Arbeit von Friedrich Walter aus dem Jahr 1907 anlässlich des 300jährigen Stadtjubiläums. Die vorliegende Arbeit legt daher den Schwerpunkt auf die französischen und europäischen Elemente in der damaligen Stadtgemeinde respektive der französischen Momente in der kurpfälzischen Geschichte.

2 VORGESCHICHTE

Am Ende des 30jährigen Krieges war die Kurpfalz eine der am schlimmsten zerstörten Regionen des Deutschen Reiches (vgl. Schaab 1992: 124). Auch die Stadt Mannheim, gedacht als „ Bollwerk der Protestantischen Union “ (Arnscheidt 2002: 88) war durch die Kriegshandlungen schwer gezeichnet, nur wenige Gebäude und zumeist nur die Keller der Häuser waren noch intakt. Schätzungsweise nur jeder vierte Mannheimer hatte den Krieg überlebt (vgl. Kohnle 2005: 138).

Dies lag vor allem an der führenden Rolle des pfälzischen Herrscherhauses innerhalb der Protestantischen Union[1] und der Tatsache, dass der Kurfürst Friedrich V.[2] mit der Annahme des Böhmischen Königsthrons 1619 den Krieg erst zum Ausbruch brachte (vgl. Kohnle 2005: 115f.). Nach dem Westfälischen Frieden 1648 erhielt der pfälzische Zweig der Wittelsbacher seine Stammlande zurück, bis zum 25.September 1649 räumten die bayerischen Truppen der katholischen Seitenlinie der Wittelsbacher die von ihnen besetzten rechtsrheinischen Gebiete (vgl. Walter 1907: 170). Die spanische Besetzung der linksrheinischen Pfalz sollte aber erst im April 1652 mit der Räumung der Festung Frankenthal ein Ende finden (vgl. Schaab 1992: 126).

Die Kurpfalz, wie sie der neue Kurfürst Karl I. Ludwig nach seiner Rückkehr aus dem Exil vorfand, war gänzlich ruiniert (vgl. Schaab 1992: 124). Während der drei vorangegangenen Kriegsjahrzehnte verlor die Kurpfalz ungefähr 60 bis 70% ihrer Bevölkerung, entweder durch direkte Kriegshandlungen oder durch Hunger (vgl. Wolgast 1999: 195). Im Zuge der hohen Bevölkerungsverluste nahm auch das Steueraufkommen rasant ab, was das Land in eine Finanzkrise stürzte (vgl. Kohnle 2005: 138). Von beidem sollte sich die Kurpfalz erst nach weit mehr als 100 Jahren erholen[3] (vgl. Walter 1907: 171). Aus dem Begleittext der zum Zwecke des Wiederaufbaus der Stadt Mannheim erlassenen Mannheimer Stadtprivilegien kann man ebenfalls auf den Zustand der Kurpfalz und der Stadt Mannheim schließen:

« elle [die Stadt Mannheim, D.W.] ait esté peuplée & remplie de Maisons, puis que la guerre tant cruelle & la circonference de la place ne voulut donner lieu à une longue resistence, de forte que la ville a esté prise, reduite en cendres, & si miserablement saccagée, que durant beaucoup d’anées elle est demeurée deserte & sans habitans, sans que quelque chose y soit restée, que les Remparts, la Maison de Ville & quelques Murailles & Caves des Maisons ruinées, […] » (Privilèges authentiques 1652 :13f.).

Handel und Industrie waren völlig vernichtet, auch die Landwirtschaft lag am Boden (vgl. Schaab 1992: 124). Der Boden war praktisch wertlos geworden, ehemals landwirtschaftlich genutzte Fläche wurde zu Ödland, weil die Besitzer nicht mehr lebten (vgl. Walter 1907: 171). Die wenigen überlebenden Bauern fingen zwar alsbald wieder an, das Land neu zu bestellen, doch der Ertrag war sehr gering (vgl. Walter 1907: 171). Sollte die Kurpfalz zu neuer Blüte geführt werden, so konnte das nur über den Zuzug von Arbeitskräften geschehen, eine Notwendigkeit, die fortan den Kern der Wiederherstellungspolitik Karl Ludwigs darstellen sollte (vgl. Kohnle 2005: 139).

3 KURZBIOGRAPHIEN WICHTIGER
PERSÖNLICHKEITEN

Für den Wiederaufbau der Stadt Mannheim nach den Zerstörungen des 30jährigen Krieges mussten neue, unkonventionelle und für die damalige Zeit fast revolutionär anmutende Wege gegangen werden. Es war eine Reihe von Neuerungen im Denken über den Staatsaufbau und die Wirtschaftsorganisation von Nöten. Für die Zeit zwischen dem Westfälischen Frieden 1648 und der erneuten Zerstörung der Stadt durch französische Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 ist vor allem der Einfluss des Kurfürsten Karl I. Ludwig von der Pfalz und seiner Berater, dem Wallonen Heinrich Clignet und dem Niederländer Jacob van Deyl offenbar. Um ihre Ideen und die von ihnen durchgeführten Maßnahmen besser verstehen zu können, bedarf es eines Grundwissens über ihre Biographien. Dies trifft auch auf die schicksalhafte Person der kurpfälzischen Geschichte zu: Elisabeth Charlotte von Orléans, auch Lieselotte von der Pfalz genannt, mit deren angeblichen Erbansprüchen die Verwüstung der Kurpfalz zwischen 1688 und 1693 eng verknüpft ist.

3.1 Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karl Ludwig wurde am 22. Dezember 1617 in Heidelberg geboren, verbrachte aber seine Kindheit und Jugend auf Grund des 30jährigen Krieges im Exil in den Niederlanden und in England[4] (vgl. Taddey 1998: 649). Erst nach Abschluss des Westfälischen Friedens kam er Anfang Oktober 1649 in die verwüstete und größtenteils entvölkerte Kurpfalz zurück (vgl. Probst 2005: 31). Der Calvinist Karl Ludwig erhielt das Stammland seiner Familie zurück, auch wenn die Oberpfalz und die fünfte Kurwürde, die seinem Vater

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Friedrich V. aberkannt worden war, bei Bayern und damit bei der katholischen Seitenlinie der Wittelsbacher blieben (vgl. Taddey 1998: 649). Für die Kurpfalz wurde aber eigens eine achte Kurwürde geschaffen, sodass sich Karl Ludwig fortan als Kurfürst bei Rhein an die schwierige Aufgabe machen konnte, die Kurpfalz wieder aufzubauen und die maroden Staatsfinanzen zu sanieren (vgl. Kohnle 2005: 138). Dabei bediente er sich Zeit seines Lebens der Ideen, die er während seiner Exilzeit vor allem in Holland kennen gelernt hatte: Der Toleranz und der Freiheit, sowohl im Staatsaufbau als auch in Wirtschaftsfragen (vgl. Taddey 1998: 649).

Seit 1650 war er mit Charlotte von Hessen-Kassel verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte, den Kurprinzen Karl[5] und die Tochter Elisabeth Charlotte (vgl. Schaab 1992: 129). Doch bereits 1653 scheint die Ehe zwischen den beiden von Grund auf zerrüttet gewesen zu sein (vgl. Schaab 1992: 129). Karl Ludwigs Liebe galt vielmehr einer Hofdame seiner Frau, der Lutheranerin Marie Luise von Degenfeld[6], die er im Januar 1657 in Frankenthal kirchlich heiratete.

Die Ehe wurde aber nur morganatisch[7] vollzogen, da Karl Ludwig wegen der fehlenden Scheidungseinwilligung seiner Frau noch verheiratet und da Luise von Degenfeld keine standesgemäße Frau war (vgl. Schaab 1992: 129). Aus dieser Ehe entstammten acht illegitime Kinder, die Karl Ludwig 1667 in den Stand von Raugrafen[8] erheben ließ (vgl. Schaab 1992: 129). Die Stadt Mannheim lag Karl Ludwig sehr am Herzen. Nach dem Scheitern seiner Ehe mit Charlotte von Hessen-Kassel hielt er sich verstärkt in der Friedrichsburg auf, wo er auch ein Schloss bauen ließ (vgl. Probst 2005: 35). Seine Verbundenheit mit Mannheim drückt sich auch in einem Schreiben aus, das er am 2. Mai 1663 an seine Gemahlin Luise verfasste: „ ie länger mein schatz wartet, ie schöner Sie Friedrichßburg finden wirdt. […] Wan wir noch zehen jahr leben und kein krieg noch Sterben kompt, wollen wir auß Manheimb ein zweites Rohm machen, en despit de l’envie “ (Holland 1884: 117).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Lieselotte von der Pfalz

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Lieselotte von der Pfalz, die mit eigentlichem Namen Elisabeth Charlotte hieß, war die Tochter des Kurfürsten Karl Ludwig (vgl. Taddey 1998: 320). Sie wurde am 27. Mai 1652 in Heidelberg geboren, wuchs aber wegen der zerrütteten Ehe ihrer Eltern bei ihrer Tante Sophie[9] in Hannover auf (vgl. Taddey 1998: 320).

Gemäß den Gepflogenheiten der damaligen Zeit war ihre Heirat mit Herzog Philipp I. von Orléans[10] das Ergebnis politischer Überlegungen ihres Vaters, würde sie doch die Schwägerin niemand Geringeres als des französischen Königs Ludwig XIV. sein (vgl. Taddey 1998: 320). Eigens für diese Verbindung mit dem französischen Königshaus musste Elisabeth Charlotte zum Katholizismus konvertieren (vgl. Kohnle 2005: 145). Sie lebte fortan als Herzogin von Orléans am Hof Ludwigs XIV. in Versailles, hielt aber bis zu ihrem Tod am 8.Dezember 1722 in Saint-Cloud bei Paris rege Briefkorrespondenz mit ihren Verwandten in der alten Heimat (vgl. Taddey 1998: 320). Aus einer Vielzahl dieser Briefe ist das Leiden Elisabeth Charlottes zu entnehmen, das sie fernab der Heimat empfand und das sich noch weiter steigern sollte, als ihr Schwager Ludwig XIV. ihre Erbansprüche nach dem Tod ihres Bruders, des Kurfürsten Karl II., 1688 zum Vorwand nahm, die kurpfälzischen Lande im so genannten Pfälzischen Erbfolgekrieg anzugreifen und zu verwüsten (vgl. Taddey 1998: 320).

3.3 Heinrich Clignet

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der 1607 geborene Heinrich Clignet galt bis zu seinem Tod im Jahre 1683 als „ Organisator des zweiten Mannheim “ (Walter 1907: 174) und genoss das uneingeschränkte Vertrauen des Kurfürsten (vgl. Walter 1907: 173). Karl Ludwig ließ den aus einer wallonischen Familie stammenden Kaufmann und Industriellen 1653 auf Grund dessen guter Beziehungen zu den ausländischen Neubürgern vom kurfürstlichen Rat zum Stadtdirektor ernennen (vgl. Probst 2005: 35). Clignet selbst war aber ein echter Kurpfälzer: Seine Familie siedelte sich als Teil einer wallonischen Flüchtlingsgemeinde 1573 in Schönau im Odenwald an, zog aber 1578 nach Otterberg in die linksrheinischen Gebiete der Kurpfalz (vgl. Walter 1907: 173). Clignet war Vater von 18 Kindern, von denen aber nur sieben das Erwachsenen­alter erreichten (vgl. Walter 1907: 173). Er besaß mehrere Ziegeleien, die für den Wiederaufbau der Stadt Mannheim in den 1650er Jahren das nötige Material lieferten (vgl. Walter 1907: 173). Zudem war er im großen Stil in der Landwirtschaft tätig und besaß Ölmühlen, die ihm ein beträchtliches Vermögen einbrachten (vgl. Probst 2005: 35). Mit diesem vielfältigen Engagement sind wohl auch seine Bemühungen zu erklären, im Rahmen der Stadtprivilegien von 1652 für das neue Mannheim eine liberale und wirtschaftsfreundliche Grundlage zu schaffen. So förderte er als Stadtdirektor nicht nur die Anwerbung und Zuwanderung von Neubürgern und sorgte für das gelungene Zusammenleben des Völkergemischs, er vertrat in der Folgezeit auch die wirtschaftlichen Interessen der Neu-Mannheimer sachkundig gegenüber der traditionellen pfälzischen Verwaltung in Heidelberg (vgl. Probst 2005: 35).

Von Heinrich Clignet sind keine Porträts erhalten, an Hand derer man sich ein Bild von seiner Erscheinung machen könnte (vgl. Niess 2002: 116). Einzig sein Familiensiegel mit Wappen ist uns überliefert. Es zeigt einen Bogenschützen, der beim Zielen ein Auge zudrückt, was eine Anspielung auf den Familiennamen respektive seinen Wahlspruch darstellt: Mieux voit qui cligne[11] (vgl. Walter 1907: 173).

3.4 Jacob van Deyl

Der aus Den Haag stammende Niederländer Jacob van Deyl war ab 1651 Mannheimer Schultheiß, Zollschreiber und Keller von Rheinhausen (vgl. Probst 2005: 35). Bald kehrte er aber der zivilen Verwaltung den Rücken und wurde 1657 Ingenieur-Kapitän und ab 1681 schließlich Oberst und Festungskommandant Mannheims (vgl. Probst 2005: 35). Neben seinen administrativen Tätigkeiten – hatte er als Schultheiß doch das zweithöchste Amt der Stadt inne – muss die Person van Deyls wohl als Planer oder auch Baumeister des neuen Mannheim, das ab 1652 zu entstehen begann, angesehen werden (vgl. Probst 2005: 35).

Die Grundlage des neuen Grundrisses der Stadt war der auf dem Quadratsystem basierende alte Plan der ursprünglichen Stadtgründung von 1607 (vgl. Probst 2005: 35).

Die von Jacob van Deyl im April 1663 angefertigte Bestandsaufnahme über das Fortkommen des Wiederaufbaus der Stadt[12] ist uns heute noch erhalten und befindet sich im Besitz der Reiß-Engelhorn-Museen in Mannheim. Sie ist ein wichtiges Zeugnis dafür, dass die erhofften Effekte der Stadtprivilegien recht schnell eintraten und somit rasch ein neues Mannheim entstehen konnte (vgl. Niess 2002: 118).

Von Jacob van Deyl selbst scheint nicht sehr viel bekannt zu sein. Aus dem von ihm gezeichneten Plan kann man aber die Information gewinnen, dass er ein recht großes Gründstück im heutigen Quadrat F2 besaß (vgl. Inwendiger Plan 1663).

[...]


[1] 1608 gegründetes protestantisches Bündnis von acht Fürsten, den Grafen von Öttingen und 17 Städten, dessen Direktor der pfälzische Kurfürst war. Im 30jährigen Krieg stand die Union dem katholischen Gegenbündnis der so genannten Liga entgegen (vgl. Taddey 1998: 1279).

[2] Der so genannte Winterkönig, geboren am 26.8.1596 in Amberg, gestorben am 29.11.1632 in Mainz. Ab 1614 Kurfürst von der Pfalz, ab dem 4.11.1619 während eines Jahres auch Böhmischer König. 1621 wurde über ihn die Reichsacht verhängt, wodurch er die Kurwürde verlor (vgl. Taddey 1998: 409).

[3] Knapp 30 Jahre nach dem Ende des Krieges, im Jahre 1675, war die Bevölkerung der Rheinpfalz nur auf 70.000 Menschen angewachsen, was in etwa der Hälfte der Einwohnerschaft des Jahres 1577 entsprach, also gut 40 Jahre vor Ausbruch des Krieges (vgl. Kohnle 2005: 138). Gleiches gilt für die Entwicklung des Steueraufkommens. Lag es im Jahre 1618 noch bei 2.576.000 Gulden, so erreichte es bis ins Jahr 1673 erst ein Drittel des Vorkriegswertes, ungefähr 789.500 Gulden (vgl. Walter 1907: 170f.).

[4] Nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 floh sein Vater Friedrich V. samt seiner Familie in die Niederlande ins Exil. Karl Ludwigs Aufenthalt in England ist zu erklären, da sein Großvater Jakob I bis 1625 König von England war und nach dessen Tod der Thron von seinem Onkel Karl I. übernommen wurde (Anm. d. Verf.).

[5] Geboren am 10.4.1651 in Heidelberg, gestorben am 26.5.1685 ebenfalls in Heidelberg. Ab dem Tod seines Vaters bis zu seinem eigenen Ableben war er Kurfürst der Pfalz (vgl. Taddey 1998: 649).

[6] Geboren 1634 in ein schwäbisches Reichsrittergeschlecht, nach Bekanntwerden der Verbindung 1657 zwischen ihr und Karl Ludwig drängte ihr Bruder Ferdinand von Degenfeld zu einer förmlichen Hochzeit, die noch im selben Jahr in der Frankenthaler Garnisonskirche geschlossen wurde. Sie starb 1677 und wurde in der Konkordienkirche in der Festung Friedrichsburg beigesetzt (vgl. Schaab 1992: 129).

[7]eine morganatische Trauung ist [eine] Zweittrauung zur linken Hand mit einem nicht ebenbürtigen Partner “ (Probst 2005: 39).

[8] Titel eines im 15.Jhd. ausgestorbenen pfälzischen Vasallengeschlechts. Karl Ludwig ließ 1667 zur Standeserhöhung seiner Frau und seiner acht illegitimen Kinder den Titel wieder aufleben (vgl. Taddey 1998: 1023).

[9] Kurfürstin von Hannover, geboren in den Haag am 14.10.1630 als Tochter Friedrichs V. von der Pfalz und Elisabeth Stuart. Sie war also die Schwester von Karl Ludwig von der Pfalz. Sie starb am 8.6.1714 in Herrenhausen (vgl. Taddey 1998: 1183).

[10] Philipp I., Herzog von Orléans. Geboren am 21.9.1640 in Saint-Germain-en-Laye, gestorben am 9.6.1701 in Saint-Cloud. Er war der einzige Bruder Ludwigs XIV. und war vor seiner Ehe mit Elisabeth Charlotte von der Pfalz zwischen 1661 und 1670 mit Henriette Anne von England verheiratet (vgl. Meyers Lexikon 1976 Bd. 17: 738).

[11] Dt. Übersetzung: „besser sieht, der blinzelt“ (D.W.).

[12] Hierzu zählt neben dem eigentlichen Inwendiger Plan der Stadt Mannheim wie selbige anietzo gebaut und bewohnet wirdt, den 4.Aprilis anno 1663 auch die ergänzende so genannte Declaration, ein Einwohnerverzeichnis der Stadt Mannheim mit den Namen derjenigen Bürger, deren Grundstück zu klein war, um auf dem o.g. Plan mit dem vollständigen Namen versehen zu werden (vgl. Walter 1907: Zusatzblatt zwischen den Seiten 204 und 205).

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Multikulti im Mannheim des 17. Jahrhunderts - Das Mannheimer Experiment im Spiegelbild der französisch-kurpfälzischen Beziehungen
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Le francais hors de France, langue des élites urbaines? - Französische Sprache und Kultur in Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
43
Katalognummer
V73843
ISBN (eBook)
9783638783668
Dateigröße
3073 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den französischen Spuren in der Mannheimer Stadtgeschichte des 17.Jahrhunderts. Sie beleuchtet sowohl das Thema Sprachpolitik in der Geschichte im Fachgebiet der Französischen Linguistik als auch die Mannheimer Stadtgeschichte und kurpfälzische Landesgeschichte. Sie dient also gleichzeitig als linguistisch-landeskundliche und als geschichtliche Hausarbeit für den Zeitrahmen der Frühen Neuzeit.
Schlagworte
Multikulti, Mannheim, Jahrhunderts, Mannheimer, Experiment, Spiegelbild, Beziehungen, Hauptseminar, France, Französische, Sprache, Kultur
Arbeit zitieren
Daniel Wimmer (Autor), 2007, Multikulti im Mannheim des 17. Jahrhunderts - Das Mannheimer Experiment im Spiegelbild der französisch-kurpfälzischen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73843

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