Das Menschenbild der Nationalsozialisten im Spiegel ihrer Sprache


Examensarbeit, 1998

79 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Motivation und Zielstellung

2. Vorläufer
2.1 Biographische Anmerkungen
2.1.1 Walther Flex
2.1.2 Edwin Erich Dwinger
2.1.3 Erich Maria Remarque
2.1.4 Ernst von Salomon
2.1.5 „KRIEGSBRIEFE gefallener Studenten“, hrg. von Philipp Witkop
2.2 Vier Romane
2.3 Zusammenfassung des 1.Kapitels

3. Das Menschenbild des Nationalsozialismus
3.1 Vorbemerkungen
3.2. Die nationalsozialistische Weltsicht
3.2.1 Transzendente Vorstellungen im National- sozialismus
3.2.2 Der Nationalsozialismus als Religion
3.2.3 Schilderungen Hitlers und seiner Gefolgschaft
3.3 Folgen
3.3.1 ‘Der Jude’ in der LTI
3.3.2 Krieg und LTI

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Quellentexte

Sekundärliteratur

1. Einleitung: Motivation und Zielstellung

Nimmt man Medien aus den Jahren 1933 bis 1945 zur Hand,

fallen bestimmte Merkmale wiederholt auf, so z.B. am Titel des heute noch bekanntesten Presseerzeugnisses der Nationalsozialisten:

„Völkischer Beobachter. Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“, herausgegeben durch den Zentralverlag der NSDAP.

An diesen wenigen Wörtern lassen sich bereits Hinweise auf die Weltanschauung und Sprache des Nationalsozialismus erkennen[1]:

- An erster Stelle steht „völkisch“. Dieser eröffnende Terminus indiziert den für diese Ideologie fundamentalen Rassengedanken.
- Der folgende Begriff „Kampfblatt“ unterstreicht die Bedeutung militaristischen Gedankengutes im Weltbild des deutschen Faschismus. Eventuell läßt sich auch der Ausdruck „Beobachter“ hier einordnen, wenn man dabei das Bild des im ersten Weltkrieges noch üblichen Ballonbeobachters oder des Beobachters im Kampfflugzeug vor Augen hat.
- Der „Zentralverlag“, nicht Parteiverlag oder Verlag der NSDAP, kann als Beleg für das zentralistische Denken gelten: An der Spitze steht stets eine Zentrale, ein Führer und kein Gremium.

Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, sich dem auch nach mehr als 50 Jahren aktuellen Themenkomplex ‘Nationalsozialismus’ anhand des damals üblichen Sprachgebrauchs zu nähern. Für wesentliche Merkmale des Sprachstils liefert das einführende Beispiel Belege:

Militarismus („Kampfblatt“), Rassismus („völkisch“) und Führergedanke („Zentralverlag“).

Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf dem Menschenbild, das sich in der Sprache reflektiert. Offensichtlich ist die Dominanz militaristischer und soldatischer Vorbilder und Haltungen in der Propaganda des sogenannten Dritten Reiches.[2] Sämtliche Lebensbereiche wurden dadurch geprägt.

Deshalb erfolgt in der vorliegenden Arbeit eine dementsprechende schwerpunktmäßige Orientierung.

Unstrittig ist dabei, daß die Nationalsozialisten auf Vorbilder und -gänger zurückgreifen konnten, sie keinen einzigartigen, nur ihnen eigenen Sprachstil und Wortschatz pflegten.[3] Bereits Viktor Klemperer vermerkt 1946:

„Das Dritte Reich hat die wenigsten Wörter seiner Sprache selbst- schöpferisch geprägt [...]. Die nazistische Sprache [..] übernimmt das meiste [...] von vorhitlerischen Deutschen. Aber sie ändert Wortwert und Wort- häufigkeiten.“[4]

Manfred Pechau, einer der ersten Germanisten, die dieses Thema analysierten, spricht von „Sinnveränderung beibehaltener Worte des Gegners, Umformung und klanglicher Anlehnung an andere Worte [...]. Das Hauptgewicht der nationalsozialistischen Sprachbeeinflussung liegt auf der neuen Sinngebung oft alter, bekannter Worte.“[5]

Somit stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Vorbildern, an die sich angelehnt wurde, und nach dem ursprünglichen Sinngehalt der Wörter. Dabei scheinen mir die Jahre des ersten Weltkrieges von zentraler Bedeutung zu sein. Deshalb beinhaltet der erste Teil der Arbeit eine Auseinandersetzung mit den Jahren 1914 bis 1925.[6] Als Quelle dienen vier Romane. Dabei handelt es sich um

„Der Wanderer zwischen beiden Welten“ (München 1917) von Walter Flex (1887-1917), „Die Geächteten“ (Berlin 1930) von Ernst von Salomon (1902-1972), „Der Weg zurück“ (Berlin 1931) von Erich Maria Remarque (1898-1970) sowie „Wir rufen Deutschland“ (Jena 1932) von Edwin Erich Dwinger (1898-1981). Alle vier Autoren nahmen am ersten Weltkrieg bzw. den Folgekriegen (Kämpfe im Baltikum und in Oberschlesien, Ruhrgebietskämpfe, usw.) teil. Die Romane spielen während des ersten Weltkrieges sowie in den ersten Nachkriegsjahren und tragen teilweise stark autobiographische Züge. An ihnen soll zum einen entwickelt werden,

- wie Krieg und Soldatentum gesehen wurden;
- was gesellschaftliche Auswirkungen des Krieges von 1914 bis 1918 waren;
- welche Eindrücke/ Ideale gerade in Bezug auf das Menschenbild durch die um 1920 ungefähr Zwanzigjährigen formuliert wurden.[7]

Dies halte ich für unabdingbar, weil ich glaube, daß ohne Kenntnis von Antworten auf diese Fragen es nicht möglich ist, den Erfolg und den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten zu erklären. So nahm die Ikonisierung von Hitler zum „Gefreiten des Weltkrieges“ eine wichtige Rolle in der NS-Propaganda ein. Ebenso meine ich, daß ohne Einblick in die Erfahrungen der Generationen, die im ersten Weltkrieg Soldaten waren, nicht zu verstehen ist, warum eine sowohl vom Habitus als auch vom Gestus zutiefst militaristische Partei den größten Teil eines Volkes für sich gewinnen konnte. Immerhin waren 1933 erst knapp 15 Jahre vergangen, seit der bis dato größte Krieg der Menschheit beendet worden war. Kettenacker verweist darauf, daß es für den Nationalsozialismus „eine spezifische Empfänglichkeit auf der Seite der Anhängerschaft“ gab.[8] Der Roman von Remarque wird ergänzend herangezogen, um zu untersuchen, wieweit selbst ein dezidiert antifaschistischer Autor für seine Leser Anknüpfungspunkte zum Nationalsozialismus bieten konnte. Zudem kommt man zu dem Schluß, daß der Erfolg der Nationalsozialisten mit darin begründet ist, daß sie nicht nur die offensichtlich völkisch-national denkenden Kreise ansprachen, sondern darüber hinaus vielen anderen die Möglichkeit boten, sich zumindest partiell angesprochen zu fühlen.[9] Aufgrund dieses Ansatzes werden Passagen zu finden sein, die den linguistischen Rahmen der Arbeit verlassen.

Um mich nicht allein auf Texte zu stützen, die Jahre nach den geschilderten Ereignissen niedergeschrieben wurden, ziehe ich noch die von Philipp Witkop herausgegebenen „KRIEGSBRIEFE gefallener Studenten“ hinzu.

In einem zweiten Teil der Arbeit soll daraufhin verdeutlicht werden, auf welche Weise der Nationalsozialismus diesen Wortschatz okkupierte:

Was war die (neue?) Sinngebung im sogenannten Dritten Reich? Ebenso ist zu beantworten, welches Menschenbild sich dahinter verbarg bzw. sich unverhohlen äußerte, um zu erklären, warum gerade diese Wörter und keine anderen verwendet wurden.

Vor diesem Hintergrund soll zudem der Personenkult um den „Gefreiten des Weltkrieges“, Adolf Hitler, hinterfragt werden, dessen Auswirkungen nicht nur in rechten Kreisen bis heute zu bemerken sind.[10] Immer wieder wird in der NS-Propaganda Hitler als Idealgestalt, als Universalgenie geschildert, womit ihm eine Leitfunktion bei der Beschreibung des Menschenbildes zukommt: Er stellt den absoluten Maßstab dar.

Himmlers Überzeugung, in Hitler habe „eine der ganz großen Lichtgestalten [...] ihre Inkarnation gefunden [...], zu der nach Jahrhunderten die Menschen ebenso gläubig aufschauen würden, wie sie es zu Christus getan hätten“[11] unterstreicht die eminente Rolle religiös gewandeter Redewendungen innerhalb der Sprache des Nationalsozialismus. Der Verwendung religiösen Vokabulars verdient somit eine eingehende Betrachtung. Dem wird das in der NS-Propaganda vertretene Bild der Juden gegenübergestellt, „der Jude“ als Antipode der nationalsozialistischen Weltsicht schlechthin.[12]

2. Vorläufer

2.1 Biographische Anmerkungen:

2.1.1 Walther Flex

Walter Flex wurde am 6.7.1887 in Eisenach als Sohn eines Gymnasialprofessors geboren. Ein prägendes Erlebnis seiner Jugend war der Kontakt mit der Wandervogel-Bewegung, die im Wanderer mehrmals Erwähnung findet. Nach dem Studium von Philosophie und Germanistik und der Promotion arbeitete er als Erzieher und Hauslehrer auf Adelsgütern. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und fiel am 16.10.1917 in Livland. Ein Schwerpunkt seiner schriftstellerischen Arbeiten lag auf historischen Dichtungen. Sein wichtigstes Werk mit millionenfacher Auflage ist Der Wanderer zwischen den Welten, in dem er einem Kriegskameraden ein literarisches Denkmal setzte. Die Wirkung wird mit derjenigen der Werke von Remarque und Jünger verglichen.[13]

Flex verfaßte einen die Kriegsrealität nahezu ausblendenden Roman. Sein Anliegen ist eindeutig die Schilderung eines Menschentypus. Somit spielt für ihn die Beantwortung politischer Fragen oder eine realitätsgetreue Wiedergabe keine Rolle. Krieg ist für ihn lediglich die Kulisse, vor der er sein Ideal entwickelt. Krieg ist die Möglichkeit zur Bewährung, zum Dienst und Opfer am Volk. Nicht explizit formuliert, aber latent vorhanden ist der Glaube an die eigene Überlegenheit.

2.1.2 Edwin Erich Dwinger

Geboren am 23.4.1898 in Kiel als Sohn eines Offiziers und einer Russin, meldete sich Dwinger 1914 als Kriegsfreiwilliger. 1915 geriet er schwer verwundet in russische Gefangenschaft. Nach der Flucht aus dem Lager erlebte er den russischen Bürgerkrieg, bevor er 1921 nach Deutschland zurückkehrte. In der sehr erfolgreichen Trilogie Die deutsche Passion beschrieb er seine Erfahrungen. Ihr ist der Roman Wir rufen Deutschland entnommen. Die national gesinnte, aber auch die kommunistische Presse bestätigten ihm eine objektive Darstellung. Dies wird heute nur noch bedingt zu vertreten sein, auch wenn Dwinger sich darum bemühte. Während des Dritten Reiches wurde er SS-Obersturmführer. Sein Stil entwickelte sich von einer bürgerlich-nationalen hin zu einer nationalsozialistisch geprägten Ausdrucksweise. Eine Literaturgeschichte der DDR bezeichnet ihn als „unverhüllten Barden des Faschismus“.[14] Er verstarb am 17.12.1981.

2.1.3 Erich Maria Remarque

Remarque wurde am 22.6.1898 in Osnabrück geboren und verstarb am 25.9.1970 in Locarno. 1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, wegen einer Verwundung war sein Fronteinsatz jedoch nur kurz. Sein Roman Der Weg zurück knüpft an seinen Welterfolg Im Westen nichts Neues an.

Im Dritten Reich wurden seine Bücher verboten und verbrannt. Remarque war bereits wenige Tage vor der Regierungsübernahme der National- sozialisten emigriert.

Remarques Der Weg zurück besitzt innerhalb der vier Romane eine mehr- fache Sonderstellung: Zum ersten ist sein Autor als einziger nie in den Ruf geraten, Apologet des Nationalsozialismus zu sein, im Gegensatz zu Flex, Dwinger und Salomon.[15] Seine Bücher wurden verbrannt, er selbst emigrierte als einziger der Autoren. Weiterhin spielen politische oder nationale Fragen überhaupt keine Rolle, ein Unterschied zu Dwinger und Salomon.[16] Schließlich fehlt Remarques Stil jeder Anflug von Pathos. Am wichtigsten jedoch ist, daß Remarque den Krieg nicht (generell) bejaht.[17]

2.1.4 Ernst von Salomon

Salomon wurde am 25.9.1902 in Kiel als Sohn eines Offiziers geboren und ab 1913 in einer Kadettenanstalt erzogen. Nach Ende des ersten Weltkrieges schloß er sich 1919 den Freikorpskämpfern im Baltikum und Oberschlesien an. 1920 beteiligte er sich am Kapp-Putsch und wurde Mitglied der Organisation Consul. 1922 wurde Salomon wegen Beihilfe an der Ermordung Rathenaus zu fünf Jahren Festung verurteilt. In dem Roman Die Geächteten beschreibt er seine Entwicklung vom November 1918 bis zur Haftentlassung. Er verfaßte den Roman eigener Aussage nach nicht als Rechtfertigung des Rathenau-Mordes, sondern als Darstellung der Motive.[18] Seinem Stil wird zum Vorwurf gemacht, kriegstreiberisch zu sein bzw. eindeutig rechtsradikale Positionen zu vertreten. Trotzdem wurde er z.B. von Musil wegen seiner schriftstellerischen Klasse gerühmt. Während des Regimes der Nationalsozialisten arbeitete er für die Ufa.

2.1.5 „KRIEGSBRIEFE gefallener Studenten“, hrg. von Philipp Witkop

Den Angaben des Herausgebers zufolge entstand das Buch durch Vermittlung der deutschen Unterrichtsministerien und Universitäten. Aus über 20 000 Briefen gefallener Studenten wurde eine Auswahl getroffen. Sie bildet ein wirklich erschütterndes Dokument des Hinschlachtens einer ganzen Generation, die dies aus Idealismus weitgehend sehenden Auges als Opferung empfand.[19] Die Verfasser derselben waren meist knapp zwanzig Jahre alt. Weil ich glaube, daß sie trotz aller Einschränkungen (s.u.) ein realistisches Bild des Denkens und Fühlens bieten, zitiere ich sie ausführlich. Der Sammelband erschien in mehreren, sich unterscheidenden Auflagen.[20] Die verwendete Ausgabe wurde laut Vorwort im Herbst 1933 publiziert. Der Prolog begründet das Erscheinen einer Volksausgabe folgendermaßen:

„In den Tagen, da Deutschland verjüngt und verantwortungsvoll sich auf seine nationale Würde und Erneuerung besinnt, wird eine Volksausgabe der Kriegsbriefe gefallener Studenten zur vaterländischen Forderung. Haben diese doch den Gedanken der nationalen und sittlichen Erneuerung in Schlacht und Grauen und Todesbereitschaft zuerst erlebt und verkündet. [...] Die Frühgefallenen sind Blutzeugen nicht eines verlorenen, sondern eines neuen Deutschland [...]. Religiöse Innerlichkeit,[...] ein strahlendes Gefühl für die Schönheit und Fülle der Natur, noch im Trichterfeld und im Schützen- graben, eine klassen-überwindende, todestreue Kameradschaft verbinden sich eiserner Tapferkeit, heroischer Ausdauer, heiliger Opferbereitschaft.

In diesen Tagen nationaler Selbstbesinnung beugen wir uns vor ihnen und schwören ihrem Andenken, daß sie nicht vergebens gefallen sein sollen, daß wir ihr Testament einlösen, daß wir in unablässiger Arbeit an uns und dem Volksganzen ihrer wert werden wollen.“[21]

Die Briefe schildern teilweise sehr realistisch das Grauen, die Verletzungen, die der Krieg hervorrief. Anders als es die pathetisch-martialische Einleitung vermuten läßt, sind durchaus viele Briefe enthalten, die die Angst vor Verwundung und Tod und daraus resultierender ‘Feigheit’ beschreiben bzw. den Sinn des anonymen Schlachtens deutlich in Frage stellen. Allgemein überwiegen Schilderungen aus der Etappe und nationale Töne.

Die Schuld am Kriegsausbruch wird ausschließlich den Gegnern zugeschrieben. Eine Reflexion der Rolle des eigenen Landes, des eigenen Denkens findet sich nicht. Hierbei ist jedoch folgendes zu berücksichtigen: Garbe weist zurecht darauf hin, daß diese Briefe generell ein verfälschtes Bild bieten:

„[...] die Feldpostbriefe unterlagen der Zensur in doppelter Hinsicht: Militärzensur einerseits und Selbstzensur andererseits.“[22]

Als weiterer Faktor kommt bei der Volksbuchausgabe die Intention des Herausgebers hinzu, wie sie im obigen Zitat deutlich wird: ausgewählte Briefe als Agitationsmittel in den „Tagen nationaler Selbstbesinnung“.[23]

Wie die „klassen-überwindende, todestreue Kameradschaft“ in manchem Fall wirklich aussah, ist bei Garbe zu finden. Er gibt zwei Episoden wieder, in denen Offiziere ihre Soldaten mit vorgehaltener Waffe zum Sturm zwingen, einige Soldaten dabei von ihren Vorgesetzten erschossen werden.[24]

Vom persönlichen Versagen eines Offiziers, erst recht nicht in der Deutlichkeit der oben erwähnten Berichte, ist jedoch zumindest in den Romanen keine Rede. Dort beherrscht das Bild des vorbildlichen Offiziers die Szenerie. Schilderungen, die daran rütteln könnten, werden nicht wiedergegeben. Das mag ein Mangel an entsprechenden Erfahrungen sein, könnte aber auch ein Indiz dafür sein, alles auszublenden, was sich nicht in das vertretene Gesellschaftsbild einfügt.

2.2 Vier Romane

In diesem Kapitel wird folgenden Fragestellungen nachgegangen:

Zum einen sollen dem Leser Gemeinsamkeiten und Bezugnahmen der Romane aufeinander verdeutlicht werden. Ein weiteres Anliegen ist, aufzuzeigen, welcher Menschentypus in den Werken propagiert wird.

Ein dritter Gesichtspunkt ist die Darstellung von Krieg. In allen Romanen werden Kriegserlebnisse beschrieben. Welchen Konzepten folgen die Darstellungen, sind sie eher realistisch oder ästhetisierend?

Weiterhin ist zu hinterfragen, welche Bilder und Hoffnungen sich mit dem Begriff ‘Deutschland’ verbinden. Handelt es sich um ‘realpolitische’ Einschätzungen oder um eine Mystifizierung des Begriffes ‘Nation’? Welchen Einfluß hat in diesem Zusammenhang religiös eingefärbtes Vokabular?[25]

Walter Flex’ Roman Der Wanderer zwischen den Welten. Ein Kriegserlebnis steht insofern außerhalb der Reihe, da es der einzige Roman ist, der ausschließlich einen wenige Monate umfassenden Ausschnitt des Krieges schildert. Der Einfluß des Romans auf Jugendliche war erheblich. Er errang den Status eines Bekenntnisbuches.[26] Somit ist es sicherlich gerechtfertigt, darauf ausführlicher einzugehen.

Generell ist dieses Buch in einer sehr farbigen, bildreichen, aber auch mystisch angehauchten Sprache gehalten. Im Mittelpunkt steht die homo- erotisch eingefärbte Freundschaft zwischen Flex und seinem Leutnants- kameraden Wurche. Wurche verkörpert einen Idealjugendlichen: gebildet, jedoch nicht verbildet, voller Natürlichkeit und Naturverbundenheit. Wie Flex ist auch Wurche ehemaliger Wandervogel. Flex entwirft das Bild eines von Begeisterung erfüllten geborenen Menschenführers.[27] Getragen von einem mystischen Glauben an Deutschland und bereit, sich für diesen Glauben zu opfern, erfüllt sich in Wurches Tod dessen größter Wunsch: das Erlebnis eines Sturmangriffs.[28]

Der Theologiestudent Wurche besitzt idealtypische Merkmale und erinnert in seiner Beschreibung an eine Mischung aus antiker Statue und Kreuzfahrer- typus[29]: Seine Haltung drückt „Trotz und Demut“ aus. Sein ausführlich beschriebener Gang ist ein „Schreiten“, es kann „Spiel sein oder Kampf oder Gottesdienst“, war „Wille und Freude.“ Er steht „feucht von den Wassern und von Sonne und Jugend über und über glänzend [...] in seiner schlanken Reinheit da“. Immer wieder findet sein „bescheidener, selbstsicherer Lebensfrohsinn“ in der einen oder anderen Form Erwähnung. Es entsteht das Bild eines jungen, stets fröhlichen Mannes, dem überdies ein enges Naturverhältnis sowie Bildung eignet. Auffällig ist die häufig auftauchende Verbindung von Religion und Krieg oder Rittertum.[30] So heißt es über Wurches Gottesvorstellung, „sein Gott war mit einem Schwert gegürtet, und auch sein Christus trug wohl ein helles Schwert, wenn er mit ihm in den Kampf zog.“ Wurche ist „das lebendig gewordene Bild des jungen Knappen, der [...] ritterliche Wacht vor seinen Waffen hält.“[31]

Auch religiöse Praktiken erscheinen in diesem Licht: „Im Gebet sollen wir nicht mit Gott kämpfen, Gott soll mit uns kämpfen.“. Gebet ist „Kampf mit dem Menschen in uns um die Bereitschaft der Seele.“[32] Eine mögliche Erklärung für dieses enge Zusammengehen von Kampf und Religion können die Kriegsbriefe bieten: Immer wieder ist vom „Opfer“ für das „heilige“ Vaterland, dem „Altar des Vaterlandes“, „heiliger Pflicht“ oder von „heiliger Notwendigkeit“ die Rede. Der Krieg wird um den „Gral“ geführt. Krieg besitzt somit eine jenseitige Dimension. In einem Brief von 1916 wird explizit vom „heiligen Krieg“ gesprochen.[33] Es bestand offenbar eine ausgesprochene Affinität zwischen sakralen Begriffen und sozialen Werten.

Flex ästhetisiert das Kriegsgeschehen völlig.[34] Krieg wird wiederholt als „Abenteuer“ gesehen. Eine zentrale Metapher für Krieg ist der Zug der Graugänse, das „wandernde Heer“. Mit seiner Beschreibung beginnt und endet der Roman.[35] Grau ist die Farbe der Uniformen, als grau wird die verwüstete Landschaft Frankreichs geschildert. Dieser Farbton ist ein immer wiederkehrendes Motiv. Doch verwendet Flex anfangs ‘grau’ nicht in dem Sinne, wie Remarque und Salomon diesen Begriff verwenden, um die völlig erschöpft und verwahrlost heimkehrenden Truppen zu beschreiben, sondern er setzt ihn wiederholt eindeutig religiös belegt ein. So spricht er davon, wie Wurche „in dem abgetragenen grauen Rock wie ein Pilger“ wandert, Wurche habe „sechs Monate hindurch den grauen Rock ohne Knopf und Tressen getragen, und von den härtesten und niedrigsten Diensten war ihm nichts geschenkt worden. [...] Er hatte sechs Monate um die Seele seines Volkes gedient.“[36] Die Uniform wird zum Mönchsgewand, der militärische Drill und der Zwang zum Töten zum Gottesdienst.

Remarque und Salomon benutzen das Wort ‘grau’ in einem völlig anderen Kontext: „Über die Straßen aber ziehen Schritt um Schritt, in ihren fahlen, schmutzigen Uniformen, die grauen Kolonnen.“[37] Und bei Salomon:

„Da waren sie auf einmal, graue Gestalten, eine Reihe von Gewehren über runden, stumpfen Helmen. [...] Wie Schemen tauchten die vordersten vier Mann auf. Sie hatten steinerne, starre Gesichter.“[38] Grau ist bei Remarque und Salomon die Farbe völliger Erschöpfung und Abgestumpftseins, keine Spur eines wie immer gearteten Glanzes. Dagegen schildert Flex seinen Freund Wurche „[...] im grauen Waffenrock, der die hohe Gestalt knapp und kleidsam umschloß.“[39]

Ein anderes Bild bei Flex ist das des Führers als „Künstler“. So antwortet Wurche auf die Frage nach dem Sinn der an den Gefallenen mit „Mühe und Liebe“ geleisteten militärischen(!) Ausbildung : „Kann eine Zeit umsonst sein, die aus dem sprödesten der Stoffe, aus dem menschlichen, Kunstwerke gemacht und sie auch denen offenbart hat, die sie wie Barbaren zertrümmern mußten?“[40] Kriegsdienst wird somit zu einem schöpferischen Prozeß, der sich wehrende Gegner zum „Barbaren“.

Werden Kriegserlebnisse beschrieben, so handelt es sich nicht um Kriegshandlungen und das mit ihnen verbundene Elend, sondern um harmlose Episoden und Streiche im Kameradenkreis. Andere Ereignisse wie Beschießungen gehen „rasch wie ein Mairegen“ vorüber. Dementsprechend wird auch das Sterben im Krieg pathetisch gesehen: „Aber wenn ein Mann den tödlichen Schuß, der ihm die Eingeweide zerreißt, empfangen hat, dann soll keiner mehr nach ihm hinsehen.[...] Das Große und Schöne, das heldische Leben ist vorüber.“[41] Durch diese Feststellung erscheint Krieg geradezu als Notwendigkeit für Schönheit und Heldentum.

Der ästhetisierende Stil findet seinen Ausdruck ebenso in der Beschreibung der Waffen. Moderne Kriegsmittel wie Kanonen und Maschinengewehre finden, wenn überhaupt, nur im Zusammenhang mit Anekdoten Erwähnung. Als beispielsweise der Zug , mit dem Flex und Wurche an die Ostfront reisen, durch einen Granatentreffer entgleist und zusätzlich mit Maschinengewehren beschossen wird, gibt dies nur den Rahmen ab, zu erzählen, daß Wurche völlig ungerührt mit seiner Rasur fortfährt.

Was jedoch ausführlich geschildert wird, ist das Bajonett. Auch hier werden wie bei der Beschreibung Wurches als Knappe (s.o) sofort dem Rittertum entnommene Bilder evoziert. Die „römische Form der blanken Waffe“ wird gerühmt, während die „rechte Hand [...] in leiser Unruhe prüfend an der Schneide“ entlangfährt, Wurche schließlich Flex das „helle Schwert“ vor Augen hält.[42] Der „breite Stahl“ des Seitengewehrs, dessen Einsatz entsetzliche Wunden verursachte, wird sentimental besungen:

„Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,/ Liegt blank und still zur Seite./ Stromüber gleißt, waldüber grüßt,/ Feldüber lockt die Weite! -

Das ist doch schön, nicht wahr , mein Freund?“[43]

Die bilderbeladene Verquickung von Heimatgefühl, Elternverbundenheit und Beschwörung antiker Vorbilder, die der Beschreibung einer Waffe dient, ruft das romantische Bild eines wachsamen Ritters hervor, das die Bedeutung des besungenen Gegenstandes völlig verdrängt.

Wie in den letzten Zitaten, spielen generell die Wörter ‘hell’, ‘blank’ sowie ‘frisch’ eine wichtige Rolle. Man findet „ein Lied wie eine helle frohe Fahne“, „helle und gütige Augen“, einen „reinen und hellen“ oder „hellen, starken Geist“, den „hellen, lieben Mai“, die „blanke Schneide“, „blanke Mündungen der Gewehrläufe“, „frischen Führerwillen“, ein „frisches junges Gedächtnis“, usw. Dem entspricht, daß der Text viele idyllische Naturschilderungen enthält. Durch diese Wortwahl wirkt der Kriegsalltag beinahe als Sommer- frische. Dunkel gezeichnete Szenen finden sich erst nach dem Tod Wurches an der Front. Doch dieser Tod ist ein von Gott gewolltes „Opfer“.

Das Verständnis von Deutschland, das in dem Roman vertreten wird, ist mystisch-religiös eingefärbt. Zudem kommt wiederholt der Glaube an die Überlegenheit des deutschen Wesens zum Ausdruck.[44] Als die Protagonisten 1915 die Nachricht von der Kriegserklärung Italiens erreicht, findet man Bestätigung in der Bibel: Italien wird mit Judas gleichgesetzt, womit Deutschland die Rolle Christi zufällt.

Der Gegner wird diffamiert oder ironisch gezeichnet. Flex schreibt vom „Geheul der [...] vorbrechenden und wieder zurückgeworfenen Russenhorden“ oder es ist die Rede vom „Iwan“ und „Muschik“.

Die eigenen Feldherren nehmen metaphysische Ausmaße an. So wächst „aus dem Dunkel im Osten [...] der Schatten Hindenburgs“ oder es wird eine Wolke beschrieben, „in der der Donner des Namens Hindenburg grollte“[45], während die russischen Strategen als „Schwerkranke“ pantomimisch durch einen Gefangenen dargestellt werden. Dabei ist bei allen Autoren feststellbar, daß es kein gemeinsames oder durchgehendes Feindbild gibt. Zum einen wird überall differenziert zwischen den Soldaten aller Heere (in den Kriegsbriefen werden sogar mehrmals Verbrüderungsszenen geschildert) und den ausländischen Politikern, denen die Schuld am Kriegsausbruch zugeschoben wird. Die Bezeichnungen „Ruski“, „Franzmann“ oder „Iwan“ etc. sind wohl weniger abwertend gemeint. Schon gar nicht ist ein Antisemitismus belegbar.[46] Einigkeit herrscht allerdings (soweit erwähnt) in der Beurteilung Menschen schwarzer Hautfarbe, die von Haß und Verachtung geprägt ist. Neben dem vergleichsweise ‘harmlosen’ „Einen Neger kann man doch nicht als Kameraden achten“ findet man die „tierische Fratze“ der „schwarzen Teufel“[47]. Bei Salomon werden Menschen anderer Hautfarbe zu Tieren: „[...] wie Katzen, Tunesier, [...] blutzischend, die Spahis; [...] gewölbte, gierige Nüstern, die Neger!“[48] Weiterhin spricht er von „Niggerscheich“ und „Niggermusik“ und dem „bolschewistischen Unmenschen [...] in toller Brunst“.[49] Salomon ist der einzige der Autoren, der seine Gegner konsequent negativ und zudem sexistisch zeichnet. Werden bei ihm Menschen zu Tieren, werden umgekehrt Waffen zu Wesen: Die Maschinengewehre „lugen mit rundem Auge, indes die [...] Patronen [...] aus ihren Bäuchen quellen“, Minenwerfer haben „drohend aufgerichtete Mäuler“, das Gewehr besitzt „Insektenbeine“ und „bäumte sich [...] wie ein Fisch“.[50]

Bei Dwinger spricht die zentrale Figur, Leutnant Schulenburg, anläßlich der Besetzung des Ruhrgebietes durch „Schwarze“ von einer „Schande am weißen Menschen“.[51] Wie in den vorherigen Fällen wird einem Großteil der Menschheit das gleichberechtigte Menschsein abgesprochen. In den Kriegsbriefen findet man nur in wenigen Fällen ein ausgesprochenes Gefühl der Überlegenheit der eigenen Nation, dann allerdings deutlich formuliert.[52]

Flex versteht den Krieg selbst als einen Verteidigungskrieg („Du und ich, wir beide in einem brennenden Hause, die Habe unseres Volkes zu retten [...]“), man ist ein „Hüter, getreu und rein, des Feuers auf Deutschlands Herde [...]“.[53] Nie erläutert wird die Frage eigener Mitschuld am Krieg, für den Autor und seine Generation bestand diese Frage vermutlich überhaupt nicht.[54] Salomon beobachtet „unsere Helden, [...] die Unbesiegten, die ein neidisches Schicksal um den Enderfolg brachte.“[55] Damit sind mehrere wichtige Aspekte der nationalsozialistischen Propaganda vorweggenommen:

Der Erste Weltkrieg als gerechter „Überlebenskampf“[56], der letztlich unbesiegt beendet wurde, und das gerade in Hitlers Bekenntnisbuch Mein Kampf ständig wiederkehrende Walten eines „Schicksals“.[57]

[...]


[1] Wenn ich den Ausdruck „ Sprache des Nationalsozialismus“ verwende, geschieht dies in dem Sinne, in dem man von „Jugendsprache“ spricht. Die Sprache setzt sich aus ihren Sprechern zusammen, weist somit eine Vielfalt individueller Ausprägungen auf.

[2] Elias Canetti geht sogar soweit, dem Heer generell eine Schlüsselrolle im Fühlen und Denken der Deutschen zuzuweisen (nach HOFFEND, 1987, S.287). Victor Klemperer spricht davon, daß „erst die Heeressprache auf die LTI gewirkt“ habe, woraufhin „die Heeressprache von der LTI korrumpiert“ worden sei; KLEMPERER, 1978, S.25.

[3] Vgl. hierzu MAAS, 1984, S.9 ff.. Er spricht deshalb von „Sprache im Nationalsozialismus“. Ich verwende trotzdem den Begriff „Sprache der Nationalsozialisten“, da ich mich weitgehend auf Texte beziehe, die unter der Regie oder mit Billigung der NSDAP entstanden.

[4] KLEMPERER, 1978, S.20-21.

[5] PECHAU, 1935, S.11.

[6] Vondung vertritt sogar die These, daß nationalsozialistische Literatur, die er bereits im Wilhelminismus beginnen läßt, den Nationalsozialismus mit generierte; VONDUNG, 1983, S.264 f..

[7] Das Alter der Autoren und ihrer Altersgenossen ist von Gewicht:

„Aktive Mitglieder der NSDAP waren vor allem jüngere Männer. Nur 7,8 Prozent der Neuzugänge zwischen 1925 und 1932 waren Frauen. Fast 70 Prozent der Mitglieder im Jahre 1930 waren jünger als 40 Jahre, 37 Prozent jünger als 30 Jahre.“; NATIONALSOZIALISMUS I, 1996, S.23.

[8] KETTENACKER, 1983, S.101.

[9] Erinnert sei in diesem Zusammenhang z.B. an den Expressionisten Gottfried Benn oder an Ina Seidl.

[10] Man vergleiche hierzu WINKLER, 1963, und BACHEM, 1983.

[11] STEINER, 1983, S.206.

[12] Hitler bemerkte, wenn es den Juden nicht gäbe, „müßten wir ihn erfinden. Man braucht einen sichtbaren Feind, nicht bloß einen unsichtbaren“; zitiert nach FEST, 1995, S.302. Dies fiel Klemperer ebenso auf: „Wäre dem Führer wirklich die angestrebte Vernichtung aller Juden gelungen, so hätte er neue erfinden müssen, denn ohne jüdischen Teufel [...] hätte es nie die Lichtgestalt des nordischen Germanen gegeben.“; KLEMPERER, 1978, S.187.

[13] Die folgenden Ausführungen folgen, soweit nicht anders vermerkt, den Literaturgeschichten DEUTSCHE AUTOREN, 1994, und ILLUSTRIERTE GESCHICHTE, o.J..

[14] DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE, 1971, S.593.

[15] Zur Verteidigung von Flex sei gesagt, daß er sich gegen den Mißbrauch durch den Nationalsozialismus nicht wehren konnte.

[16] Bezüglich der Behandlung politischer Fragen besteht eine Ähnlichkeit zu Flex.

[17] Die Einschränkung geschieht, da mir nicht bekannt ist, wie Remarque zum Beispiel den Kampf der Alliierten gegen das Hitlerregime bewertete. Remarque sagte zudem, daß dem Roman Im Westen nichts Neues, obwohl er so verstanden wurde und wird, keine pazifistische Intention zugrunde liegt (vgl. DITHMAR, 1986, S.638).

[18] SALOMON, 1986, S.6.

[19] Dies gilt, soweit es den Briefen zu entnehmen ist.

[20] GARBE, 1997, Anhang S.1.

[21] KRIEGSBRIEFE, 1933, S.5/6.

[22] GARBE, 1997, Anhang, S.1.

[23] Ein wesentlich anderes Bild ist den bei ULRICH/ ZIEMANN, 1994, veröffentlichten Briefen zu entnehmen. In diesen wird z.B. die Staatsautorität massiv angezweifelt.

[24] GARBE, 1995, S.36. Auch in den KRIEGSBRIEFEN, 1933, S.249, ist geschildert, wie ein Feldwebel „mit der Pistole die Leute von hinten nach vorne“ treibt.

[25] Bei der angekündigten Vorgehensweise orientiere ich mich an Düsterberg. Er schlägt vor:

„-Inwiefern werden in der Kriegsliteratur Denkmodi/ kulturelle Normenfilter transportiert, die den biologischen Normenfilter überlagern (können), diesbezügliche Konflikte im Individuum vermindern bzw. verhindern und damit Aggressions- bzw. Kriegsbereitschaft fördern (können)?

- Welche Ritualisierungen hinsichtlich Aggression (z.B. ‘ritterlicher Kampf’) sind in den Texten materialisiert?

- Welche kulturellen Normenfilter werden wie und im Zusammenhang mit Krieg und Aggression dargestellt (Pflicht, Gehorsam, Tapferkeit, Freiheit, Wahrheit, historischer Fortschritt etc.)?

- Welche, die biologische Tötungshemmung vermindernde, die intraspezifische Aggression als zwischenartlich charakterisierende Denkmodi sind fixierbar (z.B. ‘Russen fliehen wie die Hasen, brüllen wie die Stiere’; ‘Feind’ als wilder, entmenschter, barbarischer Gegner)?“; DÜSTERBERG, 1992, S.97/ 98.

[26] DEUTSCHE AUTOREN, 1994, S.81.

[27] Zur Einstellung des Wandervogels zum Führergedanken vergleiche man HOFFEND, 1987, S.286f.. Der Wortschatz weist auf der Ebene der Organisation zudem starke Ähnlichkeiten zum nationalsozialistischen Sprachstil auf (Gau- bzw. Ortsgruppenleiter, etc.).

[28] In den Kriegsbriefen wird der Tod auf dem „Feld der Ehre“ bis 1918 immer wieder als höchste „Erfüllung“ gesehen. An einer Stelle liest man: „Der Sturm war herrlich!“; KRIEGSBRIEFE, 1933, S.134.

[29] Auch in den Plakaten der Nationalsozialisten ist das Bild des Ritters ein wiederholt aufgegriffenes Motiv.

[30] Auf die „Häufigkeit theologischen Vokabulars“ in literarischen Auseinandersetzungen mit Kriegen weist VOGL, 1983, nachdrücklich hin.

[31] FLEX, o.J., S.16/ 17 und S.48.

[32] Ebd., S.33.

[33] Somit wird auch das Evangelium in neuem Licht gesehen

„Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offenbarung, Kap.2 V.10), der zur Treue im Glauben auffordert, dient mehrmals als Trost für den Tod aufgrund der Vaterlandsliebe (KRIEGSBRIEFE, 1933, S.74 und S.260, vgl. ebenso späteres Beispiel für eine Umdeutung des Evangeliums bei FLEX).

[34] Dies ist ebenso in einigen Briefen nachzuvollziehen, so z.B.:

„Unsere Sonnenwendandacht war auch schön und als Flammenzeichen brannten alle Dörfer in der Runde.“, KRIEGSBRIEFE, 1933, S.274.

[35] Remarque nimmt darauf in Der Weg zurück Bezug, denn auch er stellt dieses Motiv an den Anfang und das Ende seines Romans.

[36] FLEX, o.J., S.7.

[37] REMARQUE, 1986, S.16.

[38] SALOMON, 1986, S.25.

[39] FLEX, o.J., S.22.

[40] Ebd., S.70.

[41] FLEX, o.J., S.36.

[42] Auch in den Kriegsbriefen und den verwendeten Geschichtsbüchern des sogenannten Dritten Reiches (z.B. SUCHENWIRTH, 1941) und in Hitlers Mein Kampf wird oft das (deutsche) Schwert erwähnt.

[43] FLEX, o.J., S.40.

[44] Walter Flex wird von seinem Bruder folgendermaßen zitiert: „Mein Glaube ist, daß der deutsche Geist im August 1914 und darüber hinaus eine Höhe erreicht hat, wie sie kein Volk vordem gesehen hat.[...] Die Nachgeborenen des eigenen und fremder Völker werden diese Flutmarke Gottes über sich sehen an den Ufern, an denen sie vorwärtsschreiten.“; FLEX, o.J., S.101.

[45] Diese Mythosbildung um Hindenburg, wenn man nicht von Vergötterung sprechen muß, findet sich ebenso in Kriegsbriefen:

1916: „Auf der Durchfahrt [...] sahen wir Hindenburg [...]. Sein Anblick fuhr uns wie Feuer durch die Glieder und erfüllte uns mit starkem Mut.“, KRIEGSBRIEFE, 1933, S.334 (vgl. Apostelgeschichte, Kap.2, V.3 );

1918: „Man vermeint das Auge Hindenburgs zu spüren, als ob es auf jedem einzelnen Soldaten ruhe und nachsehe, ob er für alles gerüstet ist.“; ebd., S.347.

[46] Die Ausnahme ist Salomon, bei dem Antisemitismus angedeutet ist : „[...] ein ziemlich dunkellockiger Herr [...] fragte [...], wie es der Orden mit der Judenfrage halte. [...] Der taktlose Frager, der so die Sympathien für seine Rasse [...] nicht zu erhöhen vermochte, setzte sich [...].“ (SALOMON, 1986, S.150). Allein aufgrund des Haares kommt es sofort zu einer Kategorisierung des Fragers als Juden.

[47] KRIEGSBRIEFE, 1933, S.25, S.155 und S.192.

[48] SALOMON, 1986, S.20.

[49] Ebd., S.51.

[50] Ebd., S.34, S.49 und S.88.

[51] DWINGER; 1932, S.76.

Um zu verdeutlichen, daß es nicht nur ‘kleine Geister’ waren, die derart dachten, sei ein Aufruf von 1914 zitiert, der u.a. von Gerhart Hauptmann gezeichnet wurde: „Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die [...] der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.“; zitiert nach DRUVINS, 1984, S.466.

[52] „Forschen wir nach, ob ‘Deutsch’ tatsächlich das Wertvollste und vor allem von der Gottheit Gewollte auf der Welt ist - ach, bisher haben wir das doch mehr geglaubt als gewußt und gefühlt!“, KRIEGSBRIEFE, 1933, S.203.

[53] FLEX, o.J., S.91 und S.84.

[54] In einem Kriegsbrief schreibt ein Student von der „aufgezwungenen Notwendigkeit des [...] Krieges“, ein anderer: „[...] es geht ums ganze Volk, und zwar um dessen Existenz.“, : KRIEGSBRIEFE, 1933, S.200, S.255.

[55] SALOMON, 1986, S.24.

[56] „Schlimm sind ja die politischen Aussichten. Ich kann nicht glauben, daß ein Volk (die Deutschen, der Verf.) [...] untergehen soll.“, KRIEGSBRIEFE, 1933, S.349.

[57] Vgl. hierzu ebenso SUCHENWIRTH, 1941, KUNTZE, 1939.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild der Nationalsozialisten im Spiegel ihrer Sprache
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Germanistik)
Note
gut
Autor
Jahr
1998
Seiten
79
Katalognummer
V7386
ISBN (eBook)
9783638146678
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenbild, Nationalsozialisten, Spiegel, Sprache
Arbeit zitieren
Albrecht Trübenbacher (Autor), 1998, Das Menschenbild der Nationalsozialisten im Spiegel ihrer Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7386

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