Die Frage „Schatz, was soll ich bloß anziehen?“ kennt Mann nur allzu gut aus dem profanen Umfeld, wenn es gilt, sich auf ein besonderes Ereignis kleidermäßig vorzubereiten. Das Schwierige an dieser heikel zu beantwortenden Frage ist, dass sie vom Partner in den seltensten Fällen richtig beantwortet werden kann. Hilfreicher ist da als Gegenüber meistens die beste Freundin, da sie die Problematik aus eigener, leidvoller Erfahrung kennt. Doch diese Frage ist kein frauenspezifisches Problem. Sie beschäftigt auch den ein oder anderen Mann, gerade wenn es um Anlässe geht, die man nicht regelmäßig besucht. Dann ist man eben doch unsicher, welches die angebrachteste Kleidung ist und möglicherweise dankbar über einen Dresscode.
Wird dieser Frage im profanen Bereich ein nicht außer acht zu lassender Stellenwert eingeräumt, darf sie erst recht im sakralen Kontext nicht zu kurz kommen. Hierbei eröffnet uns die allegorische Auslegung des Canticum Canticorum als Darstellung der Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk durchaus die Möglichkeit, selbst die Frage zu stellen: „Schatz, was soll ich bloß anziehen?“
Und tatsächlich taucht die Thematik der Kleidung in der Bibel häufiger auf, als man zunächst denken könnte. Vom Alten Testament angefangen, wo die Menschen erkannten, dass sie nackt waren (Gen 3,7) bis zum Ende des Neuen Testamentes, wo den Menschen in der Offenbarung das weiße Gewand versprochen wird (Apk 6,11), welches sie im Blut des geschlachteten Lammes rein waschen sollen (Apk 22,14). Seit knapp 200 Jahren gibt es zumindest im protestantischen Bereich eine Art anerkannten Dresscode – den schwarzen Talar. Doch fängt man einmal an, sich im liturgischen Spiegel zu drehen und schaut dabei kritisch an sich herunter, können einen leicht Zweifel beschleichen, ob dies tatsächlich eine so geschickte Wahl war, ob das Kleid heute, und sei es auch noch so schön, wirklich dem Anlass angemessen ist.
In dieser Arbeit möchte ich den liturgischen Spiegel gerne zur Hand nehmen und neu auf Augenhöhe bringen. Nicht weil das Kleid vielleicht aufgeschlissen sei, sondern weil es immer wieder gut tut, den akkuraten Sitz der Kleidung und des Stils neu zu überdenken. Leider hat man im späteren Berufsleben selten Zeit, och mal einen solchen kontrollierenden Blick in den Spiegel zu werfen. Deswegen möchte ich die Chance nutzen und mir bereits im Studium Gedanken über die liturgische Kleidung machen.
In meiner Arbeit werde ich mich zunächst der Entwicklung seit dem Urchristentum widmen und in einem Überblick über Zeit und Raum auch den Schritt in die Weiten der globalen Kirche wagen, quasi nicht nur den Partner, sondern auch die gute Freundin fragen. Danach werde ich anhand einer Auswahl liturgischer Kleidungsstücke aufzeigen, welche vielseitigen Formen es bei den Gewändern gab und immer noch gibt. Bereits hier sei schon darauf hingewiesen, dass sich seit dem 2. Vatikanum auch in der römisch-katholischen Kirche vieles simplifiziert hat. Im dritten und letzten Teil stelle ich meine eigene Meinung noch einmal detailliert dar und weise auf, in meinen Augen sinnvolle, Verwendungsmöglichkeiten von Gewändern als Paramente im lutherischen Gottesdienst hin.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Hauptteil
1. Geschichte
a. Antikes Christentum und Ostkirche
Exkurs: Liturgische Farben
b. Reformationszeit
c. Entwicklung bis zur Gegenwart
d. Ökumenischer Kontext
2. Gestalt
a. liturgische Untergewänder
I. Amikt (Schultertuch/Humerale)
II. Albe
III. Zingulum
IV. Chorhemd (Rochett und Superpelliceum)
b. Liturgische Obergewänder
I. Kasel (Casula)
II. Dalmatik und Tunicella
III. Chormantel (Pluviale/Cappa)
c. Appendix liturgischer Kleidung
I. Kopfbedeckungen
II. Stola
III. Skapulier
d. Talar und Beffchen
3. Gebrauch in der Gemeinde
a. Eigener Standpunkt
b. Mögliche praktische Umsetzung in der Gemeinde
I. Gewänder im Gottesdienst
II. Gewänder für Gottesdiensthelfer
III. Einführung in die Gemeinde
a. Kirchenvorstand
b. Information an das Landeskirchenamt
c. Gemeindebrief
d. Gemeindeabend
e. Anschaffung
f. Konfirmandenarbeit
IV. Weitere Nutzungsformen
a. Westerhemd
b. Leichentuch
C. Schluss
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, den Gebrauch liturgischer Gewänder im protestantischen Gottesdienst kritisch zu hinterfragen und deren Bedeutung neu zu bewerten. Ausgehend von der historischen Entwicklung und dem aktuellen Stand in verschiedenen Kirchen wird untersucht, ob und wie eine Wiedereinführung bzw. Gestaltung liturgischer Kleidung zu einer lebendigeren und sinnenreicheren Gottesdienstpraxis beitragen kann.
- Historische Entwicklung liturgischer Kleidung vom frühen Christentum bis heute
- Bedeutung und Symbolik der verschiedenen liturgischen Gewänder (z.B. Albe, Stola, Kasel)
- Vergleich protestantischer Amtstracht mit der Tradition liturgischer Gewänder
- Praktische Überlegungen zur Einführung und Anwendung in der Kirchengemeinde
- Liturgische Gewänder als Mittel der Gemeindepädagogik und bei Kasualien
Auszug aus dem Buch
II. Das Superpelliceum
Das Superpelliceum entstand wahrscheinlich nicht in Rom, sondern um das 11. Jh. im kühleren Norden, wo die Kleriker diese weitere Form der Albe im Winter über ihren Pelz gezogen haben. Daher leitet sich auch der Name des Superpelliceums ab. Naturgemäß ist es wesentlich weiter als das Rochett und die Albe. Es wurde von allen geweihten Amtsträgern, egal welcher Weihestufe, auch zu außereucharistischen Gottesdiensten getragen. Darüber hinaus ist es im römisch-katholischen Kontext eine weitverbreitete liturgische Kleidung von Laien.129
Das Superpelliceum ist also von seinem Charakter her, anders als das Rochett, ein liturgisches Gewand.130 Die weitere Entwicklung der Länge des Superpelliceums lief weitestgehend parallel zu der des Rochetts. So wie dieses immer kürzer wurde, verkürzte sich auch jenes.131 Bildeten sich aber beim Rochett die Ärmel immer weiter zurück, so wurden sie beim Superpelliceum immer weiter. So weit, dass sie teilweise ihren Ärmelcharakter ganz verloren und eingeschlitzt wurden, oder nur noch die Gestalt von Stoffbahnen hatten, die von den Schultern hingen.132
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die oft vernachlässigte Frage nach der angemessenen Kleidung im Gottesdienst und stellt das Ziel auf, den „liturgischen Spiegel“ zu prüfen.
B. Hauptteil: Dieser Teil beleuchtet detailliert die historische Entwicklung liturgischer Gewänder, ihre spezifische Gestalt und symbolische Bedeutung sowie praktische Möglichkeiten der Umsetzung in der protestantischen Gemeinde.
C. Schluss: Der Verfasser plädiert dafür, den reichhaltigen Schatz der liturgischen Tradition für den protestantischen Gottesdienst neu zu entdecken, ohne dabei den schwarzen Talar vollständig aufzugeben.
Schlüsselwörter
Liturgische Gewänder, Protestantismus, Gottesdienst, Albe, Stola, Kasel, Talar, Liturgische Farben, Kirchengeschichte, Gemeindepraxis, Konfirmandenarbeit, Symbolik, Abendmahl, Amtstracht, Paramente
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die Frage der angemessenen liturgischen Kleidung im protestantischen Gottesdienst und eine Rückbesinnung auf die traditionelle liturgische Gewandung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themen umfassen die Geschichte der liturgischen Gewänder, deren symbolische Bedeutung, den Vergleich zum traditionellen schwarzen Talar und die praktische Implementierung in Kirchengemeinden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den liturgischen Kleidungsgebrauch im Protestantismus zu hinterfragen und Argumente für eine sinnenreichere und traditionsbewusste Gottesdienstgestaltung zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Arbeit verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine historische und liturgiegeschichtliche Analyse unter Einbeziehung theologischer Fachliteratur sowie eigener praktischer Erfahrungen und Beobachtungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine detaillierte Beschreibung verschiedener Gewandstücke (Unter- und Obergewänder) und eine ausführliche Auseinandersetzung mit der praktischen Anwendung in der Gemeinde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie liturgische Gewänder, Talar, Albe, Stola, Kasel und Gottesdienstpraxis charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Konfirmandenarbeit bei der Einführung liturgischer Gewänder?
Der Autor sieht in der Einbindung der Konfirmanden in den liturgischen Dienst und dem gemeinsamen Tragen von Gewändern eine Chance, Lerninhalte erlebbar zu machen und finanzielle Hürden bei Konfirmationskleidung zu umgehen.
Welche Bedeutung haben das Westerhemd und das Leichentuch in diesem Kontext?
Diese dienen als Symbole bei Taufe und Bestattung, um die Verbindung zum christlichen Auferstehungsglauben und die Gemeinschaft der Getauften visuell und praktisch im Gottesdienst zu verdeutlichen.
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- Jens D. Haverland (Author), 2007, "Schatz, was soll ich bloß anziehen?" Liturgische Gewänder im protestantischen Gottesdienst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73883