Glaube, Mythos, Gegenreligion - Mythologische Bezüge in Ingeborg Bachmanns „Das Buch Franza“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Franzas als Vertreterin einer mythischen Vorzeit
2.1 Franzas mythisches Denken in Bezug auf das Kind
2.1.1 Die Mumifizierung des Kindes
2.1.2 Verzehr des Herzens
2.2 Franzas „heidnischer“ Glaube

3. Bezug der Figuren zum Mythos von Isis und Osiris
3.1 Franza als Isis
3.1.1 Der untergegangene Tempel
3.1.2 Das Bad im Nilschlamm
3.1.3 Franza als mütterliche Isis
3.1.4 Isis als Gegengöttin
3.2 Martin als Osiris und Horus
3.2.1 Ertrinkungstod, Rettung, Unterrichtung
3.2.2 Aufforderung zur Rache
3.2.3 Ambivalenz
3.2.4 Blick, Sonne und Gerechtigkeit
3.3 Jordan als Seth
3.3.1 Verkörperung als Krokodil

4. Franza und der christliche Glaube
4.1 Von Horus zu Moses
4.2 Negierung der christlichen Religion
4.3 Franzas gescheiterte Gottesbegegnung
4.4 Kritik an der Kirche

5. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ingeborg Bachmanns Fragment gebliebener „Todesarten“-Roman „Das Buch Franza“ ist grundiert mit einem Subtext intertextueller, mythologischer und religiöser Bezüge. Diese Art des „Zusammenhang-stiftenden Schreibens“[1] ist kennzeichnend für Ingeborg Bachmanns Werk. Christa Wolf entdeckt in Bachmans Schreiben eine Gewebestruktur, eine Verwobenheit der motivischen Fäden, die das Erzählte in andere, größere Zusammenhänge rückt.

Gewebe schließlich durch das Zerschreiben des unaufhörlich Fortschreitenden. Es hebt den Vorrang des bloß Linearen auf und schafft das Nebeneinander des Vorher, Jetzt und Noch-Nicht. Die zeitlichen und räumlichen Grenzen übergreifend entsteht im Gewebe erzählter Gleichzeitigkeit das Bild des großen Zusammenhangs, der Erlösung verspricht.[2]

Vor allem zwischen dem altägyptischen Mythos von Isis und Osiris und dem „Buch Franza“ besteht ein ganzes System komplexer Bezüge. Vermittelt wird der Mythos auch – aber nicht ausschließlich - über intertextuelle Bezüge zu Robert Musils Gedicht „Isis und Osiris“ und über die Utopie eines „anderen Zustands“, die Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ entwirft. Diese Hausarbeit vertritt die These, dass Ingeborg Bachmann ihre Figuren bewusst so angelegt hat, dass sie sich zu den Protagonisten des alt-ägyptischen Mythos in Analogie setzen lassen, wobei die Autorin an entscheidenden Stellen eine genaue Umkehrung der mythischen Erzählung vornimmt. Einige dieser Parallelen zwischen dem Mythos und dem Buch Franza sollen in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden, darunter auch solche, die bisher von der Forschung nicht oder wenig beachtet wurden.

Franza erscheint im Lichte des Mythos als die Vertreterin einer archaischen Vorzeit. Auch die Funktion Martins lässt sich über die Parallelen zu den altägyptischen Gottheiten Osiris und Horus erhellen. Über eine ikonographische Traditionslinie schließlich lässt sich das Motiv des Horus mit der Figur Moses verknüpfen. Über diese zahlreichen und komplexen Verbindungen ergibt sich eine Lesart des Textes, in der Franza zur Vertreterin einer „Gegenreligion“ wird. Um diese These zu belegen, untersucht diese Arbeit die genannten Bezüge. Dazu ist es nötig, auch mythologische Untersuchungen aus dem Bereich der Ägyptologie und der religionsgeschichtlichen Forschung als Quellen mit heranzuziehen.

2. Franzas als Vertreterin einer mythischen Vorzeit

Das Geschwisterpaar Franza und Martin wird im Text früh in Bezug gesetzt zum königlich-göttlichen Geschwister-Ehepaar des altägyptischen Mythos, Isis und Osiris. Dies geschieht vermittelt durch den „Kult-Satz“ der Geschwister: „Unter hundert Brüdern dieser eine. Und er aß ihr Herz . Und sie das seine.“[3]

Der Kultsatz ist die leicht variierte Schlusszeile aus Robert Musils Gedicht „Isis und Osiris“: „Aller hundert Brüder dieser eine. Und er isst ihr Herz, und sie das seine.“[4]

Musils Gedicht bezieht sich wiederum auf den altägyptischen Mythos, in dem es nach Plutarchs Überlieferung heißt:

Isis und Osiris aber liebten einander schon vor ihrer Geburt und wohnten einander im Mutterleibe in der Finsternis bei. Einige behaupten, auf diese Weise sei Harueris[5] gezeugt worden.[6]

Der Kultsatz, von Ingeborg Bachmann im Vergleich zu Musils Vorlage in die Vergangenheit gesetzt, kennzeichnet die Kindheit der Geschwister über die doppelte Referenz als eine vergangene, mythische, aus der Zeit gehobene Erfahrung. Über den Kult-Satz imaginiert Franza die Beziehung der Geschwister im Kindheitsparadies als Utopie einer inzestuösen, gewaltfreien Liebesbeziehung, die sich jedoch nie in der inzestuösen Handlung manifestiert. Als „unwiderstehlich“ bezeichnet ist diese Liebe zugleich verboten, als auch von größter Intensität. Wie Ortrud Gutjahr formuliert, wird über den Kultsatz das „kulturelle Gedächtnis der Kinder, in welchem durch die Zivilisationsentwicklung überwundene und ausgegrenzte Erfahrungsweisen wieder erlebbar werden“[7] angesprochen. Die Kindheit der Geschwister wird so als ein Urzustand definiert, der von der Zivilisation „der Weißen“, das heißt - in diesem Kontext - der rational geprägten, christlichen, faschistischen, westlichen Zivilisation, nicht beeinflusst oder zerstört werden konnte. Die mythisch erlebte Kindheit prägt Franzas Denken und macht sie zu einer „magisch“ denkenden und erlebenden Vertreterin einer geschichtlichen Vor-Zeit, zu einer „Papua“,[8] einer „mythische(n) Figur“[9]. Franza tritt damit aus der weißen Rasse aus und lebt fortan, ein „Fossil“, in „Magie und in Bedeutung“[10] Solange sie sich im Paradies der Kindheit befinden, sind Martin und Franza in das versetzt, was Robert Musil die „Utopie des anderen Zustands“ nennt.

2.1 Franzas mythisches Denken in Bezug auf das Kind

Franzas „archaische“ Denkweise wird besonders deutlich in der Passage, die Franzas Schwangerschaftsabort thematisiert. Wie in der Forschung nur selten beachtet wurde,[11] ist die Abtreibung, der sich Franza auf Jordans Willen hin unterzieht, der direkte Auslöser für Franzas Flucht aus der zerstörerischen Beziehung zu Jordan. Die Tötung des Fötus ist also ein auslösender Moment. Franza verschwindet aus einer Klinik in Baden, wo sie, so erfährt Martin beim ersten Aufeinandertreffen der Geschwister in Galicien, nicht, wie es ihm gegenüber vorgegeben wurde, wegen „der Schwefelbäder gewesen war, sondern wegen einer Operation.“[12] Um welche Art Operation es sich handelte, erfährt Martin erst später auf der Schiffspassage, als die weiße Umgebung der Schiffskabine das Trauma der erzwungenen Abtreibung in Franza wiedererweckt, woraufhin sie diese erneut durchlebt und somit auch für Martin erfahrbar macht.

Das Schiff evoziert in Franza den Operationssaal weil „alles zu weiß war für sie“[13] (wobei „weiß“ und „die Weißen“ im ganzen Text für ein faschistisches Verhalten steht.)

2.1.1 Die Mumifizierung des Kindes

Franza, so erfährt Martin, äußert dem Arzt gegenüber den Wunsch, den Fötus in einem mit Spiritus gefüllten Einsiedeglas nachhause nehmen zu dürfen. Sie wolle „wenn schon mit keinem Kind, dann mit einem Fleischfetzen zurückkommen zu dem Fossil, ihm den hinstellen, damit er das ansehen konnte bis ans Ende seiner Tage“[14].Über diese geplante „Mumifizierung“ und Ausstellung des Fötus wird ein Bezug hergestellt zur ägyptischen Praxis der Mumifizierung und speziell zum dem Kapitel, in dem sich Franza mit Martin in einer Museums-Grabkammer mit ausgestellten, einbalsamierten Königsleichen befindet. In beiden Szenen wird der Umgang der Weißen mit menschlichen Leichen von Franza als absolut abstoßend und schockierend, als Leichenschänderei empfunden. Die geplante Konfrontation Jordans mit dem mumifizierten Fötus ist eine Konfrontation des faschistoiden Weißen mit seinem eigenen, barbarischen Verhalten. Dem Umgang mit menschlichen Leichen, als seien sie Anschauungsobjekte in einem Fall, oder Abfall im andern („Damit es nicht in den Verbrennungsofen kam“[15] ), setzt Franza eine Wiederherstellung des Todes -Tabus entgegen. Im ersten Fall will sie, durch eine Wiederherstellung der ursprünglichen Begräbnissituation, die Toten „dem Dunkel zurückerstatten, damit ihr wieder regiert“[16] im zweiten das Kind essen, um es so zu einem Teil ihrer selbst zu machen, es also in einem anderen Zustand weiterleben zu lassen. In beiden Fällen manifestiert sich Franzas Verständnis eines nicht-endgültigen Todes, sondern eines Weiterlebens in einem anderen Zustand – ein Gegenentwurf zur Praxis der „christlichen“ Weißen, deren Verhalten als unmenschlich und faschistisch entlarvt wird.

2.1.2 Verzehr des Herzens

Franza verlangt vom operierenden Arzt, ihr ein Stück des toten Fötus zu geben, damit sie es in der Vorstellung essen könne, sie habe das Herz des ungeborenen Kindes verzehrt: „dann will ich es essen dürfen, ein Stück, da will ich denken, es hätte sein Herz draus werden können“[17].

Über das Motiv des Essens des Herzens wird einmal mehr der Kult-Satz der Geschwister evoziert. In Musils Gedicht isst Isis das Geschlecht des Bruders, in der letzten Zeile des Gedichts aber heißt es „Und er isst ihr Herz, und sie das seine.“ Essen und Koitus stehen in enger Verbindung, in vielen Sprachen werden beide Tätigkeiten durch das selbe Wort bezeichnet. In beiden Fällen steht die Einverleibung des anderen für den Wunsch, aus zwei getrennten Personen eine Einheit herzustellen.

Die Inkorporation des Herzens wird, wie in Musils Ausgestaltung des Geschwistermythos, zur Stellvertretung für die symbiotische Beziehung, die zugleich den ursprünglichen Wunsch nach Einheit, Integrität und Anerkennung symbolisiert.[18]

Der Verzehr ist eine archaische Methode, sich ein begehrtes Objekt anzueignen. Nach Freud dient der Kannibalismus in archaischen Gesell­schaften zur Vervollständigung der eigenen Identität:

Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person angehört haben.[19]

In Franzas Fall symbolisiert der Wunsch, den toten Fötus zu verzehren, den Wunsch, die „zerstörte Weiblichkeit, wie sie im erzwungenen Abort figuriert wird, über die eigene Phantasietätigkeit wieder einzuholen und gleichsam den Körper wieder zu einer Einheit werden zu lassen.“[20] Die Abtreibung löst eine schizophrene Ich-Spaltung Franzas aus: Ihre Identität spaltet sich auf in einen weiblichen, zerstörten, magischen Teil (Franza) und einen intakten, rational-männlichen, den sie als ihren eigenen Bruder imaginiert: Martin.[21]

Das Essen des Fötus wird in der zweiten Textstufe explizit als eine natürliche, archaische Handlung beschrieben, die nur in der Gegenwart als unpassend erscheint – und Franza somit als Vertreterin eines früheren Zeitalters kennzeichnet:

die fibrille Feierlichkeit ihrer Vorhaben, den Ausbruch eines archaischen Appetits auf das, was natürlich für sie war, aber nicht für die anderen, das Erkennen der alten Gesetze, die sie eben noch kannte und die unanwendbar waren in diesem Zeitalter[22]

[...]


[1] Peter Beicken: „So eine Geschichte ist ja ein Gewebe.“ Zum Schreiben Ingeborg Bachmanns. In: Gudrun Brokoph-Mauch, Anette Daigger (Hrsg.) Ingeborg Bachmann. Neue Richtungen in der Forschung? St. Ingbert, 1995, S.11-28, hier S. 11.

[2] Ebd. S. 27.

[3] Ingeborg Bachmann: Das Buch Franza. Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche. München/ Zürich, 2004. S.53.

[4] Robert Musil: Isis und Osiris. In: Ders.:Gesammelte Werke I: Prosa und Stücke. Kleine Prosa. Aphorismen. Autobiographisches. Hrsg. v. Adolf Frisé. Hamburg 1978, S. 465.

[5] Die alten Ägypter kannten Horus als eine doppelte Gottheit, wobei Harueris der Name des älteren Horus ist. Beide Götter sind aber miteinander identisch, in ähnlicher Weise, wie das Jesuskind mit dem erwachsenen Christus identisch ist. Vergl. Hederich: Lexikon der Mythologie, S.1294.

[6] Plutarch: Über Isis und Osiris. Text, Übersetzung und Kommentar von Theodor Hopfner, 1940, Prag. S. 3.

[7] Ortrud Gutjahr: Fragmente unwiderstehlicher Liebe. Zur Dialogstruktur literarischer Subjektentgrenzung in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza", Würzburg, 1988. S.86.

[8] Bachmann: Franza, S.76.

[9] Ebd., S.20.

[10] Ebd.,S.45.

[11] vergl. z.B. Gutjahr: Fragmente, S.144 ff.

[12] Bachmann: Franza, S.31.

[13] Ebd. S.93.

[14] Bachmann: Franza, S.93.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S.118.

[17] Ebd.,S.94.

[18] Gutjahr: Fragmente, S.146.

[19] Sigmund Freud: Totem und Tabu. In: Ders.: Studienausgabe Bd9 Frankfurt am Main 1974 S.287-444, hier S.295 ff.

[20] Gutjahr: Fragmente, S.146.

[21] Dafür spricht unter anderem, dass Franaz in früheren Entwürfen von Martin „Anima“ genannt wird, auch „meine am Nil gegrillte Seele, wenn ich eine habe, meine einige und meine nicht vorhandene“.Vergl. dazu: Monika Albrecht:: Die andere Seite. Zur Bedeutung von Werk und Person Max Frischs in Ingeborg Bachmanns ‘Todesarten’, Würzburg 1989, S.114ff, Bettina Stuber: Zu Ingeborg Bachmann „Der Fall Franza“ und „Malina“, Rheinfelden, 1994. S.64.

[22] Bachmann: Franza, S. 163.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Glaube, Mythos, Gegenreligion - Mythologische Bezüge in Ingeborg Bachmanns „Das Buch Franza“
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V73892
ISBN (eBook)
9783638783699
ISBN (Buch)
9783638794664
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glaube, Mythos, Gegenreligion, Mythologische, Bezüge, Ingeborg, Bachmanns, Buch, Franza“
Arbeit zitieren
Julia Büttner (Autor), 2006, Glaube, Mythos, Gegenreligion - Mythologische Bezüge in Ingeborg Bachmanns „Das Buch Franza“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73892

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