Die Wunderkritik in John Tolands 'Christentum ohne Geheimnis'


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. John Toland

III. Der Deismus
III.1. Ziele und Ansichten der Deisten
III.2. Die verschiedenen Strömungen

IV. Die Vernunft in „Christianity not Mysterious“

V. Was ist ein Wunder?
V.1. Die Natur von Wundern
V.2. Der Zweck von Wundern

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die religiöse und geistige Lage im Europa des 17. Jahrhunderts war alles andere als einfach. Zwar hätten die Menschen dank der Reformation im 16. Jahrhundert die Möglichkeit haben können, eine Konfession innerhalb des christlichen Glaubens zu wählen von der sie überzeugt gewesen wären, doch sah die Wirklichkeit meist völlig anders aus:

»Und das ist die beklagenswerte Lage unserer Zeit, daß ein Mann nicht offen und klar bekennen darf, was er in Sachen der Religion denkt, mag es noch so wahr und heilsam sein, wenn es nur ein Haar breit von den festgelegten Ansichten irgendeiner Partei oder den gesetzlichen Bestimmungen abweicht. [...] Wie merkwürdig! daß der geweihte Name der Religion, die nichts anderes verkündet als Heiligkeit, Friede und Reinheit, so allgemein mißbraucht werden konnte, um den Ehrgeiz, den Unglauben und die Streitlust zu fördern.«[1]

Die freie Wahl der Konfession blieb noch lange Zeit Illusion oder war gar undenkbar. In den meisten Fällen war es verboten, einer anderen Glaubensrichtung anzugehören als das jeweilige Staatsoberhaupt. Auf Grund der Überzeugung der verschiedenen Kirchen, jeweils die einzig wahre Auslegung des Christentums zu vertreten, wurden anders denkende Christen nicht nur verfolgt, zur Buße gezwängt, verbannt und verurteilt, sondern ganz Europa mit lang andauernden, zerstörerischen und blutigen Glaubenskriegen überzogen.

In der vorliegenden Hausarbeit wird ein in dieser Zeit verfasstes religionskritisches Werk des englischen Philosophen John Toland näher betrachtet und besonders darauf eingegangen, inwiefern es Wunder in der Bibel gibt, welcher Natur sie sind und in welcher Beziehung sie zur Vernunft stehen. Dazu ist es notwendig, sich zunächst einmal mit dem Autor und seiner Biographie zu beschäftigen, ebenso wie mit der philosophischen Strömung des Deismus, welcher Toland aus heutiger Sicht angehörte. Aufgrund der verschiedenen Strömungen des Deismus ist es weiterhin unerlässlich, sich mit diesem kurz zu befassen, sowie den Verfasser und sein Werk einzuordnen. Darauf folgt eine kurze Abhandlung über die Rolle der Vernunft in »christianity not mysterious«, um schließlich auf die Wunder in der Religion eingehen zu können.

II. John Toland

John Toland (Taufname: Junius Janus Toland) entstammte einer irischen streng katholischen Familie und kam vermutlich am 30.09.1670 in Redcastle, Grafschaft Donegal, zur Welt. Später wurde behauptet, er sei ein illegitimer Priestersohn, dies scheint allerdings wenig wahrscheinlich.[2] Toland verstarb am 11.05.1722 in Putney bei London.

Im Jahr 1687, mit 16 Jahren, trat Toland zum Anglikanismus über und begann im gleichen Jahr ein Studium der Theologie in Glasgow, welches er in Leiden (Niederlande) und Oxford fortsetzte. Im Januar 1694 ließ er sich in Oxford nieder und nahm die Arbeit an seinem ersten Werk »christianity not mysterious« auf. Dieses veröffentlichte er 1696 anonym in London, in der zweiten Auflage jedoch unter seinem Namen. Toland wurde daraufhin des Sektierertums bezichtigt[3] und sein Werk 1697 in Irland öffentlich verbrannt, während man in England von einer Verfolgung absah. Weitere Feinde machte er sich, als er in seinem 1698 erschienen Werk Life of Milton die Vermutung vertrat, nicht alle im Namen Christi und der Apostel überlieferten Schriften seien echt.[4]

John Toland gilt als Vertreter der englischen Aufklärung, als Freidenker und Deist[5]. Interessanterweise sah er sich selbst als gläubigen Christen und weder als Atheist noch als Deist,[6] obwohl er die zeitgenössische Kirche ablehnte, da sie in seinen Augen nicht identisch mit dem Christentum war.[7] In seinem Werk »christianity not mysterious« versuchte er zu belegen, dass es nichts über- oder gar widernatürliches in der Bibel gäbe, sondern sich alles mit Vernunft erklären lasse. Während er den Mysterien eine Absage erteilte und die Wunder in der Bibel als nicht wider- oder übervernünftig erklärte, verwarf er alle anderen, außerbiblischen Wundertaten als unnötig, falsch und der Religion Christi nachträglich angedichtet. Die Offenbarung und die Existenz Gottes jedoch stellte er nie in Frage. Denn schließlich wäre es uns gar nicht möglich, von Gott und seinem Willen zu wissen, wenn dieser sich nie offenbart hätte.[8] In seinen Augen griff er mit seinem Werk nicht etwa das Christentum an, wie ihm zu Lebzeiten vorgeworfen wurde,[9] sondern er versuchte ein festes und unerschütterliches Fundament für das Christentum zu gründen.[10]

Seinen Unterhalt bestritt Toland zum Teil durch Tätigkeiten im diplomatischen Dienst, indem er zum Beispiel für Robert Harley, den späteren First Earl of Oxford, in unterschiedlichsten politischen Missionen unterwegs war[11]. Weiterhin war er in der gelehrten und philosophischen Schriftstellerei aktiv, im engeren universitären Umfeld war er dagegen, im Unterschied zu manch anderem Philosophen, nicht beschäftigt.

III. Der Deismus

Während die Anhänger einer monotheistischen Religion an einen einzigen Schöpfergott glauben, der allmächtig, allwissend und gütig zu den Menschen ist,[12] lehnen Atheisten eben dieses kategorisch ab. Im 16. Jahrhundert[13] allerdings entstand eine Strömung, welche nicht innerhalb dieser Gruppen anzusiedeln ist. Ihre Anhänger glaubten an die Existenz eines vernunftbegabten höheren Wesens, bzw. Gottes, ebenso wie an die Erschaffung und Ordnung der Welt durch ihn. Oftmals sahen sie sich auch als überzeugte Christen, sein Eingreifen in den Ablauf der Geschichte und die Natur bestritten einige von ihnen jedoch vehement. Durch die göttliche Schöpfung sei die Welt bereits perfekt und eine spätere Einflussnahme in Natur und Geschichte würde eben dies in Frage stellen.[14] Diese Gruppe, welche die überlieferte Kirchentradition in Frage stellte und die Vernunft der Religion zugrunde legte, bezeichnete sich selbst als die Deisten. Zum Einen verwiesen sie damit auf ihre Nähe zu Gott, da sich das Wort vom lateinischen Deus ableitet, zum Anderen grenzten sie sich von den Atheisten ab.[15] Trotzdem wurde ihnen von Geistlichen ihrer Zeit vorgeworfen, den ersten Schritt in Richtung Gottlosigkeit getan zu haben.

III.1. Ziele und Ansichten der Deisten

Zunächst einmal muss man feststellen, dass es keine deistische Schule oder etwas vergleichbares gab. Es fällt schwer, den Begriff Deist klar zu definieren, da es an einem „Werk des Deismus“ fehlt[16] und es innerhalb des Deismus verschiedene Strömungen und Ansichten gab, auf welche später noch eingegangen werden soll. Eine Ausnahme bildete allerdings der englische Deismus. Auf Grund der relativ großzügigen und liberalen Gesetzgebung im England der Neuzeit[17] konnte hier eine kontinuierliche und in sich geschlossene Entwicklung stattfinden,[18] die so in anderen europäischen Ländern nicht möglich war.

Die Wurzeln dieser geistigen Strömung lassen sich in der Zerstrittenheit der verschiedenen Konfessionskirchen und der damit einhergehenden Konflikte und Kriege finden. Die Ansprüche der verschiedenen Kirchen, jeweils den richtigen Glauben (katholisch, protestantisch, calvinistisch, usw.) zu vertreten und die Anderen von ihrem Irrglauben um jeden Preis abbringen zu müssen, wurden von den Deisten als ideologisches Gebilde bekämpft.[19] Die Deisten forderten deshalb neben der Toleranz in Glaubensfragen auch die Vernunft als Grundlage der Religion. Nach Ansicht ihrer Feinde jedoch, missbrauchten Sie die Unterschiede der Konfessionen und die Freiheit der Wahl zwischen diesen. Anstatt zwischen den verschiedenen Möglichkeiten des Glaubens, die durch die Reformation erst möglich geworden waren, zu wählen, verlangten die Deisten Argumente warum sie sich für eine bestimmte Richtung entscheiden sollten. Auf der Grundlage des Rationalismus vertrauten sie nicht allein Schlussfolgerungen, die auf Prämissen beruhten, sondern wollten auch diese bis auf unbezweifelbare Prinzipien zurückführen.[20] Bevor sie sich also der Frage annahmen, welche der Kirchen und Glaubensrichtungen die Offenbarung Gottes richtig auslege, wollten sie vor allem wissen, ob es überhaupt eine Offenbarung gab und ob sie denn auch glaubwürdig überliefert sei. Schließlich aber genügte auch das einigen Deisten nicht – um zu klären, ob Gott sich überhaupt offenbaren könne, müsse zuerst einmal geklärt werden, ob Gott existiere.[21]

[...]


[1] Toland, John: Christentum ohne Geheimnis (Christianity not mysterious). Übers. v. Wilhem Lunde, mit einer Einleitung hg. v. Leopold Zscharnack. Gießen [11696] 1908, S. 57.

[2] Vgl. Wesseling, Klaus-Gunther: Art. John Toland. In: Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XII. Herzberg 1997, Sp. 267.

[3] Vgl. Wesseling (1997), Sp. 267.

[4] Vgl. Reventlow, Henning Graf: Die Deismusdebatte. Die Hauptvertreter. In: Holzhey, Helmut; Mudroch, Vilem (Hrsg.): Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. Grossbritannien und Nordamerika Niederlande,
Bd. 1. Basel 2004, S. 190.

[5] Vgl. Reventlow (2004), S. 194.

[6] Vgl. Zscharnack, Leopold: Einleitung. In: Toland (1908), S. 6.

[7] Vgl. Zscharnack (1908), S. 12.

[8] Vgl. Zscharnack (1908), S. 12.

[9] Vgl. Wesseling (1997), Sp. 268.

[10] Vgl. Zscharnack (1908), S. 12.

[11] Vgl. Reventlow (2004), S. 190.

[12] Vgl. Cottingham, John: Atheismus und Agnostizismus. In: Papineau, David (Hrsg.): Philosophie: Eine illustrierte Reise durch das Denken. Darmstadt 2006. S.123.

[13] Vgl. Gawlick, Günter: Der Deismus als Grundzug der Religionsphilosophie der Aufklärung. In: Hermann Samuel Reimarus (1694 - 1768) ein „bekannter Unbekannter“ der Aufklärung in Hamburg, hrsg. von der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften. Göttingen 1973, S. 19.

[14] Vgl. Kunzmann, Peter: Art. Deismus. In: Prechtl, Peter (Hrsg.): Metzler Philosophie Lexikon: Begriffe und Definitionen. Stuttgart (u.a.) ²1999, S. 98.

[15] Vgl. Gawlick (1973), S. 19 f.

[16] Auch wenn Tolands »christianity not mysterious« als eines der Hauptwerke des englischen Deismus angesehen wird.

[17] Als Ursache hierfür sei auf die erfolgreiche „glorreiche Revolution“ (glorious revolution) in England gegen Ende des 17. Jahrhunderts und auf den vorhergegangenen Bürgerkrieg hingewiesen, ebenso wie auf die Abschaffung der Vorzensur für Druckschriften durch das Unterhaus 1695 (Vgl. Ploetz, S. 963, ff). Die Ereignisse des ausgehenden Jahrhunderts waren so schwerwiegend, dass sie zum Beispiel sowohl Thomas Hobbes (De Cive, Leviathan, Behemoth), als auch John Locke (Two Treatises of Government) stark beeinflussten.

[18] Vgl. Gawlick (1973), S.18 f.

[19] Vgl. Voigt (2003), S. 8.

[20] Vgl. Gawlick (1973), S. 27.

[21] Vgl. Gawlick (1973), S. 27.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Wunderkritik in John Tolands 'Christentum ohne Geheimnis'
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl Philosophie I)
Veranstaltung
Proseminar: Christentum ohne Geheimnis
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V73999
ISBN (eBook)
9783638780360
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wunderkritik, John, Tolands, Christentum, Geheimnis, Proseminar
Arbeit zitieren
Lutz Spitzner (Autor), 2006, Die Wunderkritik in John Tolands 'Christentum ohne Geheimnis', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/73999

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