Die Funktion von rituellen Handlungen in Verbindung mit Emotionen


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Allgemeine Vorbemerkungen

III. Die Funktion von rituellen Handlungen allgemein anhand der Rang- und Gesellschaftsordnung
III.I. Gesellschafts- und Rangordnung
III.II. Durchführung
III.III. Wirkung des Rituals

IV. Die Funktion von Emotionen im Speziellen
IV.I. Tränen
IV.I.I. Unterwerfung und Buße
IV.I.II. Bitte
IV.II. Freude und Jubel bei Zustimmung
IV.III. Wut, Zorn und Beschimpfungen bei Ablehnung

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Meine Hausarbeit befasst sich im weitesten Sinn mit dem Feld der öffentlichen Kommunikation im Mittelalter, das maßgeblich von Ritualen und Emotionen beherrscht wurde, deren Anwendung sowie Funktion. Im engeren Sinn werde ich versuchen, die rituellen Handlungen im Zusammenhang mit dem politischen und gesellschaftlichen Kontext bzw. Situationen, in denen sie angewendet wurden, darzustellen. Hierbei beschränke ich mich auf die Kommunikation unter gesellschaftlich hochgestellten Personen im weltlichen und geistlichen Bereich, weil es über deren Darstellung wissenschaftlich gesicherte Dokumente gibt, die anschaulich verschiedene Situationen beschreiben, in denen Rituale und Emotionen eine wichtige politische Rolle gespielt haben. Des Weiteren konzentriere ich mich auf die Emotionen Tränen, Freude, Wut und Zorn, da sie die Komplexität zwischen Situation, Ritual und Emotion nützlich kenntlich machen.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich auf häufig verwendete Begriffe, deren Definition und theoretischen Grundlagen wie Zeichen, Symbol, Ritual, Emotion und die allgemeine Bedeutung und Verwendung dieser Begriffe für die mittelalterliche Gesellschaft, eingehen.

Im zweiten Teil werde ich auf die Funktion von Ritual und Emotion im Allgemeinen eingehen: welchen wichtigen Platz sie in der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung inne hatten und welche Wirkung durch sie erzielt werden sollte.

Im dritten Teil werde ich die häufigsten Emotionen wie Tränen, Freude und Wut mit den dazugehörigen Ritualen und ihre Funktion einzeln erläutern, um aufzuzeigen, wie sie in konkreten Situationen angewendet wurden und welche Auswirkungen sie auf die jeweilige Situation hatten.

II. Allgemeine Vorbemerkungen

Für das bessere Verständnis der Interaktion von öffentlicher Kommunikation im Mittelalter werde ich einige Vorraussetzungen für das öffentliche Handeln von herrschaftlichen und geistlich-kirchlichen Persönlichkeiten vorausschicken. Die Definition des Dudens besagt zu dem Wort „Ritual“[1]: „das Vorgehen nach festgelegter Ordnung“ und „Verhalten in bestimmter Grundsituation“, wobei ein ritueller Akt eine Ehrung oder Disziplinierung sein kann.

In der mittelalterlichen Gesellschaft liegt die Grundsituation vor, dass es sich um eine Gesellschaft ohne Gewaltmonopol und rechtliche Institutionen handelt, in der Vertrauen die wichtigste Basis überhaupt darstellt. Alle Handlungen, die in der Öffentlichkeit getätigt werden, müssen deshalb auf Vertrauen basieren und gleichzeitig dieses Vertrauen wiederum selbst schaffen, damit alle Beteiligten sich für die Zukunft auf jede Art von Abmachung verlassen können, sei es die Erfüllung eines Wunsches, Verzeihung für Fehlverhalten, Verleihung eines Amtes oder ein Friedensschluss. Ein freundlicher Gruß, zum Beispiel, oder die Teilnahme am Friedensmahl („ convivium“[2]) verpflichtete die Beteiligten zum friedlichen Zusammenleben für die Zukunft. Alle Handlungen besitzen so gleichzeitig immer einen symbolischen und zeichenhaften Charakter für alle Beteiligten oder Zuschauer, durch den sie Klarheit finden und ihre eigene Position im Gesellschaftsgefüge einordnen können.

Unter dem Stichwort „Zeichen“[3] ist in dieser Arbeit die konkrete Geste, d. h. zum Beispiel die Übergabe eines Geschenks, das selbst wiederum Symbolcharakter besitzen kann, oder ein Dienst, eine Einladung ins Privatgemach, Ehrungen und Herrschaftsdarstellungen zu verstehen. Die Kommunikation läuft in sehr viel größerem Maße auf der demonstrativ-gestischen Ebene ab als auf der verbalen, deshalb können rituelle Handlungen für sich alleine stehen und besitzen für alle Teilnehmer sowie Zuschauer eine hohe und ernstzunehmende Verbindlichkeit. Aus dieser erwächst ein gewisser Zwang zum Mitmachen: wer Bereitschaft zeigt, akzeptiert nicht nur die bestehende Rangordnung, sondern kann durch geschicktes Nutzen der Handlung seine Position in dieser verändern.

Eine weitere wichtige Voraussetzung ist die aktive und freiwillige Teilnahme an jeglicher Form von zeichenhafter oder ritueller Handlung, die der Verständigung und Einigung zum Kompromiss dient. Wie diese „spontanea“[4] ausgedrückt wurde, blieb den Partnern überlassen, aber sie musste für alle anderen Zuschauer erkennbar sein.[5]

Des Weiteren sollte man anmerken, dass die verwendeten Rituale mit den damaligen religiösen Vorstellungen tief verwurzelt waren. Häufig wurden sie aus der christlichen Liturgie entlehnt und für weltliche Situationen benutzt, womit so auch ein ständiger Austausch zwischen profaner und sakraler Ebenen stattfand[6].

Die Rituale wurden häufig von Emotionen begleitet, die ihrerseits wieder als Ergänzung aber auch allein stehend betrachtet werden können: Sie wirken sich auf das gesamte Handeln und Verhalten der Menschen aus und bestimmen so unsere Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, was z. B. die Einschätzung von Risiken, Problemlösungen oder das Verhalten gegenüber Mitmenschen betrifft. Besonders große Bedeutung kommt der Emotion bei der Informationsspeicherung und dem Lernprozess zu, von dem im mittelalterlichen Leben vieles abhing.

Die Definitionen von Emotion gehen zum Teil weit auseinander, z. B. heißt es im Lehrbuch zur Emotionspsychologie wie folgt: "Eine Emotion ist ein qualitativ näher beschreibbarer Zustand, der mit Veränderungen auf einer oder mehreren der folgenden Ebenen einhergeht: Gefühl, körperlicher Zustand und Ausdruck."[7]

Eine weitere Definition, ebenfalls aus der Emotionspsychologie, ist wesentlich differenzierter:

"1. Emotionen sind Vorkommnisse von zum Beispiel Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst, Mitleid, Enttäuschung, Erleichterung, Stolz, Scham, Schuld, Neid sowie von weiteren Arten von Zuständen, die den genannten genügend ähnlich sind. 2. Diese Phänomene haben folgende Merkmale gemeinsam: (a) Sie sind aktuelle Zustände von Personen; (b) sie unterscheiden sich nach Art oder Qualität und Intensität [...]; (c) sie sind in der Regel objektgerichtet [...]; (d) Personen, die sich in einem der genannten Zustände befinden, haben normalerweise ein charakteristisches Erleben (Erlebensaspekte von Emotionen), und häufig treten auch bestimmte physiologische Veränderungen (physiologischer Aspekt von Emotionen) und Verhaltensweisen (Verhaltensaspekt von Emotionen) auf."[8]

Im Mittelalter geäußerte Emotionen sind, um sich auf diese Definition zu stützen, immer auf die gerade aktuelle Situation gerichtet, um ihre Intensität wurde manchmal schwer gerungen und lange verhandelt. Das „charakteristische Erleben“ lernt der mittelalterliche Mensch durch das Dabeisein und Anschauung, die Emotionen äußerten sich physisch z. B. in Tränen und als Verhaltensweise im Kniefall.

III. Die Funktion von rituellen Handlungen allgemein

III.I. Gesellschafts- und Rangordnung

Rituale spielen in der öffentlichen Kommunikation deshalb eine so große Rolle, weil sie

nicht nur der Vertrauensbildung dienen, sondern auch dem rechtzeitigen Erkennen oder als Warnung vor dem Ausbrechen zum Teil schwerer Konflikte, zu deren Vermeidung und Beilegung. Zur Schau gestellte Traurigkeit, „tristia“[9] oder „tristia magna“ bedeutet z. B. die Trübung der bestehenden Beziehung und wurde als ernst zunehmende Warnung vor Ausbruch eines Konflikts öffentlich demonstriert.[10] Zeichenhafte oder symbolische Handlungen können sowohl Erkenntnis über den Rang einer Person vermitteln, als auch deren Akzeptanz des Gegenübers und so ein Fehlverhalten beider Seiten vermeiden, und die Gesinnung über Freund („familiaritas“)[11] oder Feind („hostis“)[12] ausdrücken.[13]

Der „honor“[14] einer Person als Zentralbegriff der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung musste zur Beachtung von anderen Personen durch Rituale und Zeichen verdeutlicht werden, damit man feststellen konnte, ob alle diese Person und ihren Rang akzeptierten.[15] Der Rang, den die verschiedenen Mitglieder aus dem höfischen und geistlich-kirchlichen Bereich innehatten, sowie ihre Rechte und Pflichten wurden häufig durch Zeichen und Symbole in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Damit konnte jeder Außenstehende die Persönlichkeiten, ihre Stellung und Bedeutung für die gesellschaftliche oder herrschaftliche Ordnung erkennen und einordnen, was wichtig für die allgemeine Ordnung war und somit Stabilität und Sicherheit vor Missverständnissen, die wiederum Konflikte auslösen könnten, garantierte.[16]

[...]


[1] Duden. Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter Mannheim, Leipzig 2000.

S. 1176.

[2] Convivium, i (n): Gastmahl, Gelage, Schmaus

[3] Duden, S. 1298

[4] Spontaneus, a, um (spons): freiwillig, selbstgewählt

[5] Althoff, Kultur der Zeichen, S. 294

[6] Althoff, Kultur der Zeichen, S. 281

[7] Schmidt- Atzert, H.: Lehrbuch der Emotionspsychologie. Stuttgart/ Berlin/ Köln 1996. S. 21

[8] Meyer, W.-U., A. Schützwohl und R. Reisenzein: Einführung in die Emotionspsychologie. Band I. Bern/ Göttingen/ Toronto/ Seattle 1993. S. 23f.

[9] Tristia, ae (f): Traurigkeit, Trauer

[10] Althoff, Gerd: Empörung, Tränen, Zerknirschung. Emotionen in der öffentlichen Kommunikation des

Mittelalters. S. 278

[11] Familiaritas, tatis (f): Freundschaft, vertrauter Umgang; Vertraute, Hausfreunde

[12] Hostis, is (m): Feind; a) Staatsfeind; b) offener Feind, Gegner

[13] Althoff, Die Kultur der Zeichen, S. 279

[14] Honor, oris (m): Ehre, Ehrbezeichnung, Ehrerbietung

[15] Althoff, Gerd: Empörung, Tränen, Zerknirschung. S. 279

[16] Althoff, Gerd: Empörung, Tränen, Zerknirschung. S. 261/ 262

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Funktion von rituellen Handlungen in Verbindung mit Emotionen
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Konzepte und Methoden des kulturellen Verstehens
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V74003
ISBN (eBook)
9783638679213
ISBN (Buch)
9783640531103
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktion, Handlungen, Verbindung, Emotionen, Konzepte, Methoden, Verstehens
Arbeit zitieren
Daniela Wuest (Autor:in), 2007, Die Funktion von rituellen Handlungen in Verbindung mit Emotionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74003

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