Antonin Artaud - Vom „Theater der Grausamkeit“ zum „Theater des Unbehagens“

Exposé


Seminararbeit, 2006
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - das französische Avantgardetheater

2. Grundzüge der Artaudschen Theaterkritik

3. Vom „Theater der Grausamkeit“ zum „Theater des Unbehagens“

4. Grenzgänge oder Sackgassen - Intellektuelle Aufrichtigkeit bei Artaud

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung - das französische Avantgardetheater

Wie Roland Barthes in seinen „Schriften zum Theater“[1] treffend formuliert, konnte jedes Werk ein Avantgardistisches sein, sobald es mit der Tradition der Zeit brach, blieb jedoch nur solange ein Theater der Provokation bis die Geschichte es einholte.[2] Beginnend in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stellt Antonin Artaud in seiner berühmten Textsammlung „Das Theater der Grausamkeit“[3] die Sprach- und Texttheorien auf, die nach dem zweiten Weltkrieg als programmatische Ausrichtung für das Avantgardetheater angesehen werden. Die Artaudsche Theaterkritik ist in unzähligen Büchern beschrieben und diskutiert. Mir ist es an dieser Stelle wichtig, die entscheidenden philosophischen Begründungen seiner „Lehre“ aufzuzeigen und bezüglich ihrer Haltbarkeit zu einem eigenen Urteil zu kommen.

2. Grundzüge der Artaudschen Theaterkritik

Artauds Konzept ergibt sich aus der visionären Beschreibung eines Gegenpols zur überkommenen Theater- und Sprachkonzeption, den zu imaginieren er häufig an die Grenzen seiner Wortmächtigkeit gerät,[4] da er seine Begründungen, letztlich die gesamte Beweisführung, aus dem Bereich des metaphysischen Denkens herholt, aus dem Bereich des Nichtdarstellbaren. Im Grunde will Artaud nicht das Theater revolutionieren, sondern die gesamte Tradition abendländischen Denkens, indem er die Sprache als dessen maßgeblichen Träger einer grundsätzlichen Veränderung unterzieht. So bildet nach meinem Dafürhalten sein Ansatz am traditionellen Theater lediglich einen ersten, zumindest scheinbar machbaren Angriffspunkt.

Der Grundfehler des traditionellen Theaters, eingebettet in die abendländische Zivilisation, liegt seiner Meinung nach in der Trennung der Dinge selbst von ihren Ideen und ihren Zeichen, so dass der Mensch nur noch Nachahmung und uneigentliche Wiedergabe des jeweiligen Ursprungs erfährt und somit von der „force vivante“[5], vom wirklichen Leben getrennt ist. Dieser „mimetische Imperativ“[6] führt Artaud über die Betrachtung der Bedingungen der Möglichkeit von Sprache zu der Behauptung einer wesenhaften Nachrangigkeit der menschlichen Erfahrung gegenüber der Wirklichkeit, was er versteht als eine Vorenthaltung der Begegnung des Menschen mit je aktueller unmittelbarer Lebendigkeit in einem archetypischen Sinne. Gerade dieser archetypische Sinn von unmittelbarer Lebendigkeit gehört jedoch in den Bereich metaphysischen Denkens und ist somit nur schwer konkretisierbar. Und doch ist genau sie es, die den Kern allen Strebens des „Theaters der Grausamkeit“ bildet. Artaud will unbedingt dieser Unmittelbarkeit des Lebendigen wieder habhaft werden. Indem er dem Diktat der Nachahmung, dem die Sprache als Medium und Träger unseres Denkens unterliegt, die Körperlichkeit des menschlichen Daseins entgegensetzt, will er die angedeutete Urform, Urerfahrung lebendigen Seins gewinnen. Schrift, Sprache und Literatur als wichtigste Grundlagen des bürgerlichen Kulturbegriffes legen für Artaud den „vitalen Möglichkeiten“ des Theaters die größten Fesseln an.[7] So gilt es in der Betonung der Körperlichkeit des Theaters, die expressiven Elemente der Sprache eingeschlossen, die Vormacht dieser Repräsentationsmittel zu zerstören, um das Theater von einem gelangweilten Nachbeten kulturell sanktionierter Texte wieder zu einer relevanten Praxis zu machen.[8]

Die Idee, dass Grundlage der Theaterschaffung nicht der Text, sondern die Inszenierung ist, brach mit der gesamten Tradition seit der griechischen Antike. Indem Artaud die Trennung von Zuschauerraum und Bühne durch eine „Raumpoesie“[9] aufhebt, einer neuen Theatersprache, bestehend aus einer präzisen Kombination von Ton, Musik, Beleuchtung und direkt ablesbaren Symbolen, will er ein Wachrütteln des Zuschauers erzwingen und widersetzt sich so kategorisch dem abendländischen Theater, einem Theater zur bloßen Unterhaltung.

[...]


[1] Roland Barthes, 2002.

[2] Vgl. Roland Barthes 2002: 253.

[3] Antonin Artaud, 1978.

[4] Vgl. Antonin Artaud 1969: 99, wo er von „nervlichem Magnetismus“ und „magischen Weisen“ spricht.

[5] Vgl. Antonin Artaud 1978: 9.

[6] Siehe Carolin Pross/ Gerald Wildgruber 2001: 61.

[7] Vgl. Antonin Artaud 1969: 89.

[8] Artaud spürt in der Gesellschaft eine erstickende Atmosphäre, er kritisiert das Erstarren im Respekt vor allem, was in Form geschriebener oder gemalter „Meisterwerke“ oder als gesellschaftliche Institution Gestalt angenommen hat, da es keine Fluchtmöglichkeit bietet und jede Form von Phantasie und Imagination unterdrückt. (Siehe dazu: Antonin Artaud 1969: 79-88).

[9] Vgl. ibid.: 96.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Antonin Artaud - Vom „Theater der Grausamkeit“ zum „Theater des Unbehagens“
Untertitel
Exposé
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Kulturwissenschaftliche Anthropologie und Performanz
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
10
Katalognummer
V74082
ISBN (eBook)
9783638681384
ISBN (Buch)
9783638776066
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonin, Artaud, Grausamkeit“, Unbehagens“, Kulturwissenschaftliche, Anthropologie, Performanz
Arbeit zitieren
Anna Bockhoff (Autor), 2006, Antonin Artaud - Vom „Theater der Grausamkeit“ zum „Theater des Unbehagens“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74082

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