Der Begriff Hysterie im historischen und kulturellen Kontext –
Einleitung
Die Hysterikerin erinnert in ihren Anfällen und Leiden
an eine weibliche Sexualität und Körperlichkeit,
die die „normale Frau“ vergessen musste.
Katrin Schmersahl untersucht in ihrer interdisziplinären Studie Medizin und Geschlecht von 1998 die Konstruktion der Kategorie Geschlecht in den wissenschaftlichen–medizinischen Forschungsbereichen des 19. Jahrhunderts. Die Diagnose Hysterie, so schreibt sie, spielte von der Antike bis zur Aufklärung eine untergeordnete Rolle und erst im 19. Jahrhundert kam ihr zentrale Bedeutung zu (Schmersahl, 216/217). Zudem problematisiert sich durch die Geschichte der beschriebenen hysterischen Krankheitsbilder die Furcht des Mannes vor einem selbständigen Innenleben der Frau. „[G]e-ordneter Geschlechtsverkehr“ (Lamott, 83), der Zugang zur Frau und ihrer Fruchtbarkeit garantiert, wird oft als Heilmittel empfohlen.
In den altägyptischen und antiken Schriftstücken wird die Hysterie als eine Erkrankung der weiblichen Geschlechtsorgane vorgestellt. Schon die Verfasser des Kahun–Papyrus (um 2000 v. Chr.) und des Ebers–Papyrus (um 1550 v. Chr.) beschreiben hysterische Symptome und vermeinen die Veränderung der Position der Gebärmutter als Krankheitsursache zu erkennen (Kronberger, 34). Hippokrates (ca. 460 – ca. 350 v. Chr.) benennt die Krankheit Hysterie, da er sie auf die im weiblichen Körper ‚wandernde’ Gebärmutter(2) zurückführt. Er empfiehlt Schwangerschaft, die die Gebärmutter an ihren natürlichen Ort fixiert, als Heilmittel für die hysterische Erkrankung. Im Mittelalter gilt die Krankheit als „Besessenheit“, die Bewusstseinsspaltung als die bedeutendste Komponente des heutigen Hysteriekonzepts wird bereits beschrieben (Kronberger, 37). Mit der fortschreitenden Erforschung von geistigen Erkrankungen im 17. Jahrhundert verlagert sich die Krankheitsursache in den Kopf.
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(1) Kronberger Die unerhörten Töchter, 12.
(2) „Hystera“ ist griechisch und bedeutet „Gebärmutter“.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Begriff Hysterie im historischen und kulturellen Kon-text – Einleitung
2. Das Krankheitsbild ‚Hysterie’ literarisch
2.1. Die Studien über Hysterie - Anfänge der Psychoanalyse
2.2. Freud als wissenschaftlicher ‚Interpret’ in seinen frühen Hysteriestudien
2.3. Schnitzler als „Analytiker“ der Wiener Gesellschaft des Fin de siècle
3. Freuds Fallbeispiel Frl. Elisabeth von R. und Schnitzlers Erzählung Frau Berta Garlan – Bilder hysterischer Frauenfiguren
3.1. Einführung in das „Rätsel der Weiblichkeit“
a) Die beiden Frauen als Geheimnisträgerinnen
Exkurs: Charcots ‚Hysterikerinnen – Theater’
b) Erzwungene Erinnerungen und Vergangenheitsbewältigung
3.2. Bürgerliches Elternhaus und Alltagsmonotonie
3.3. Ehe, Liebe, Sexualität
3.4. Inneres Konfliktpotenzial
3.5. Facetten von Hysterie: Symptombilder, Bewusstseinsbereiche, Träume
3.6. Frau als Objekt und Brüche durch weibliches Aufbegehren
4. Zum Vergleich: der ‚hysterische’ Anfall von Schnitzlers Fräulein Else
5. ‚Natürlich hysterisch!’ – die Unausweichlichkeit eines frauenspezifischen Krankheitsbildes – Schlussbemerkungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des hysterischen Krankheitsbildes bei Sigmund Freud und Arthur Schnitzler um 1900, wobei der Fokus auf dem Vergleich zwischen Freuds klinischer Fallstudie und Schnitzlers literarischen Erzählungen liegt, um aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Normen und patriarchale Strukturen maßgeblich zur Pathologisierung weiblichen Verhaltens beitrugen.
- Konstruktcharakter der Diagnose Hysterie im 19. Jahrhundert
- Gegenüberstellung von psychoanalytischer Fallstudie (Elisabeth von R.) und literarischer Erzählung (Frau Berta Garlan)
- Rolle von gesellschaftlichen Moralvorstellungen, Ehe und Sexualität bei der Entstehung „hysterischer“ Symptome
- Analyse der psychologischen Innenschau bei Schnitzler versus Freuds therapeutische Suggestion
- Untersuchung der inszenierten Weiblichkeit und der Funktion des Krankheitsbildes als gesellschaftliche Normierung
Auszug aus dem Buch
3.1. Einführung in das „Rätsel der Weiblichkeit“
Die ‚Patientin Elisabeth’ ist vierundzwanzig Jahre alt und wird von ihrem Analytiker als ehrgeizig, intelligent und liebesbedürftig beschrieben. Mit den Worten des Vaters wird die junge Frau vom Erzähler durch indirekte Zitate, die jedoch als direkt vorgestellt werden, in ein anderes Licht gerückt: sie wird als kritisch–direkt, eigenständig und „scherzweise ‚keck und rechthaberisch’“ (SH, 158) dargestellt. Für den Leser geht sie, da sie für diesen durch den Zeitraum der psychoanalytischen Behandlung erfahren wird, mit noch differierender Wirkung aus dem Text hervor. Sie erscheint eher als schüchtern, verträumt und selbstlos die eigenen Interessen zu Gunsten der Familie zurückstellend. Elisabeth lebt zum Beginn der Behandlung im Herbst 1892 seit anderthalb Jahren, fast völlig isoliert, allein mit ihrer pflegebedürftigen Mutter – und ihren Schmerzen.
Für den Analytiker sind die Festlegung des Krankheitsbildes, einer Behandlungsmethode und die Ortung der Schmerzen wichtiger, als die Persönlichkeit der Patientin, die erst nach der gestellten ‚Diagnose’ des Krankheitsbildes Hysterie interessant wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Begriff Hysterie im historischen und kulturellen Kon-text – Einleitung: Historische Einordnung des Hysteriebegriffs als medizinisches Konstrukt, das die Konstruktion von Geschlecht und die Unterdrückung weiblicher Selbstständigkeit widerspiegelt.
2. Das Krankheitsbild ‚Hysterie’ literarisch: Analyse der Anfänge der Psychoanalyse durch Freud sowie Schnitzlers Rolle als kritischer Analytiker der Wiener Gesellschaft des Fin de siècle.
3. Freuds Fallbeispiel Frl. Elisabeth von R. und Schnitzlers Erzählung Frau Berta Garlan – Bilder hysterischer Frauenfiguren: Detaillierte Untersuchung des „Rätsels der Weiblichkeit“ anhand der Fallstudie Freuds und der fiktionalen Figur Schnitzlers, inklusive der Analyse von Elternhaus, Ehe und Konfliktpotenzial.
4. Zum Vergleich: der ‚hysterische’ Anfall von Schnitzlers Fräulein Else: Untersuchung der weiterentwickelten, vermeintlich hysterischen Züge der Figur Else und wie diese das soziale Umfeld als Auslöser für den psychischen Zusammenbruch kritisieren.
5. ‚Natürlich hysterisch!’ – die Unausweichlichkeit eines frauenspezifischen Krankheitsbildes – Schlussbemerkungen: Fazit über die Konstruktion des Krankheitsbildes und die Erkenntnis, dass die Protagonistinnen keine pathologischen Fälle, sondern durch soziale Zwänge geformte Frauen sind.
Schlüsselwörter
Hysterie, Psychoanalyse, Wiener Moderne, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Weiblichkeit, Konstrukt, Geschlechterrollen, Elisabeth von R., Berta Garlan, Fräulein Else, Sexualität, Verdrängung, Konversion, Fallstudie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht, wie Freud und Schnitzler Frauenbilder um 1900 entwerfen und inwiefern diese Entwürfe von medizinischen bzw. literarischen Vorstellungen über das Krankheitsbild der Hysterie geprägt sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Geschichte der Hysterie, die Darstellung des Unbewussten, bürgerliche Moralvorstellungen, die Krise der Männlichkeit sowie die soziale Funktion von Krankheit zur Disziplinierung von Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Konstruktcharakter der Diagnose „Hysterie“ aufzudecken und zu zeigen, dass diese oft dazu diente, weibliches Aufbegehren und eine eigenständige Sexualität als pathologisch zu stigmatisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen, literaturwissenschaftlichen Analyse von Fallstudien (Freud) und Erzählungen (Schnitzler) unter Einbeziehung interdisziplinärer Forschungsliteratur zu Gender-Studies und Medizingeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Freuds Fallbeispiel „Elisabeth von R.“ und Schnitzlers Erzählung „Frau Berta Garlan“ und vergleicht sie mit der Monolognovelle „Fräulein Else“, um die unterschiedlichen Darstellungsebenen von Hysterie herauszuarbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Hysterie, Psychoanalyse, Weiblichkeit, Geschlechterrollen, Konversion und psychologische Innenschau.
Warum wird „Fräulein Else“ als Vergleichsbeispiel herangezogen?
Schnitzlers „Fräulein Else“ dient als Kontrastfolie, da hier die Hysterie-Thematik in einer späteren Phase (1924) aufgegriffen wird, um die Abhängigkeit der Diagnose von sozio-kulturellen Umständen zu demonstrieren.
Inwiefern unterscheiden sich Freuds und Schnitzlers Ansatz?
Während Freud versucht, das Krankheitsbild systematisch-objektiv (und oft suggestiv) zu konstruieren, nutzt Schnitzler die Technik des inneren Monologs, um die subjektive Leidenswelt der Frauen darzustellen und die sozialen Ursachen ihres psychischen Zustands kritisch zu beleuchten.
Wie bewertet die Arbeit Freuds Behandlungsmethode?
Die Arbeit übt Kritik an Freuds suggestiven Fragen und seiner Tendenz, den Patientinnen ein Krankheitsbild aufzudrängen, um seine Theorien über infantile Sexualität zu stützen.
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- MA Marika Müller (Author), 2005, Natürlich hysterisch! - Entwürfe psychoanalytischer und literarischer Frauenbilder um 1900 bei Freud und Schnitzler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74176