Karl Marx und sein Verhältnis zum Judentum

Exemplarisch analysiert anhand der von ihm verfassten Rezension "Zur Judenfrage" (1843/44)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Antijudaismus und Antisemitismus
2.1. Entwicklung und Definition Antijudaismus - Theologisch begründete Judenfeindschaft
2.2. Entwicklung und Definition Antisemitismus - Rassistisch begründete Judenfeindschaft

3. Kindheit und Familie von Karl Marx
3.1. Heinrich Marx’langer Weg der Emanzipation von der jüdischen Herkunft
3.2. Karl Marx und sein Verhältnis zur Familie Marx
3.3. ‚Doctorclub’und Karls Berliner Jahre
3.4. Karls Umgang mit der eigenen Herkunft

4. ‚Zur Judenfrage‘ (1843/44)
4.1. Exemplarische Analyse ausgewählter Textstellen

5. Resümee

6. Literatur

1. Vorwort

„Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf.“1

Im Jahr 2018 verkündeten die Veranstalter des Echos, welcher bis dato als größter deutscher Musikpreis galt, dass es sich hierbei um die letzte Verleihung dieser Art handeln würde. Grund dafür, war der dem Echo vorangegangene Skandal um die zwei Musiker, Kollegah und Farid Bang, die beide für einen Musikpreis nominiert waren und daher auf der Verleihung auftreten sollten. Beide Musiker erregten die Gemüter, weil sie in ihren Songs verstärkt antisemitische Klischees bedienen. Sie zogen dadurch im Vorfeld der Echo -Verleihung den Unmut vieler jüdischer und nichtjüdischer Institutionen und Künstler auf sich. Beliebtes Motiv ihrer Songs und Musikvideos sind stereotypische antisemitische Vorurteile, die Juden als Drahtzieher einer weltumfassenden Geheimorganisation darstellen2, welche mithilfe ihrer enormen finanziellen Mittel die Geschicke der Welt nach ihrem Gutdünken zu lenken scheinen.

Die Darstellung von Juden als vermeintlich homogene Einheit, welche mithilfe ihres Geldes ihre oft als weltumfassend dargestellten Machtsphären zu erweitern sucht, ist hierbei kein neues Motiv. Ganz im Gegenteil. Es ist beinah so alt wie das Judentum selbst. Juden werden schon seit hunderten Jahren aufgrund ihres Geld- und Zinshandels als geheime Drahtzieher mit eigener Agenda dargestellt , die im Schutz von vermeintlich bestechlichen und beeinflussbaren Herrschern agieren und sich dadurch in hohe Machtpositionen hieven. Im Absolutismus kumulierten diese antijüdischen Vorurteile, als es Juden als Hoffaktoren bzw. Hofjuden durch geschickte Finanzpolitik gelang, den aufwendigen Lebensstil der europäischen Herrscher zu finanzieren. Infolgedessen erlangten sie hohe Stellungen innerhalb des Staates und konnten sich dadurch aus der Enge ihres, durch Judenordnungen beschränkten, Lebens befreien und ihren jüdischen Gemeinden zu Ansehen und Macht verhelfen3.

Juden ausschließlich auf ihre im Christentum verbotene und daher auf Juden übertragene Rolle als Geld- und Zinshändler - oft als Wucherer und Schacherer verunglimpft - zu reduzieren, gilt nach moderner Definition als stereotypes antisemitisch geprägtes Vorurteil. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter von Revolutionären wie Karl Marx und Friedrich Engels, zweifelte jedoch niemand wirklich an, dass Juden Wucherer sind. Dieses Vorurteil wurde im Gegenteil beinahe als unumstößlicher Fakt betrachtet. Was heutzutage als antisemitisches Vorurteil gilt und es daher undenkbar wäre, Juden in einem öffentlichem Kontext derart zu verunglimpfen, war zu Zeiten von Karl Marx und seinen Mitstreitern Friedrich Engels und ehemals Bruno Bauer jedoch nichts Ungewöhnliches.

Karl Marx bezeichnet die Juden in seiner 1844 erschienenen Rezension Zur Judenfrage, mehr als einmal als „egoistisch“ und ausschließlich dem Geld verpflichtet. Würde man seine Rezension auf die heutige Zeit übertragen, wären sich wohl alle einig, dass sie klar antisemitische Vorurteile bedient. Doch Marx veröffentliche Zur Judenfrage eben nicht im 21. Jahrhundert, sondern zwei Jahrhunderte zuvor. Daher möchte ich in dieser Arbeit den folgenden Frage nachgehen: Inwiefern bedient Marx in seiner Abhandlung antijudaistische bzw. antisemitische Ressentiments und kann man ihn infolgedessen ebenso einfach und unumwunden als Antisemit bezeichnen wie die beiden, im ersten Abschnitt erwähnten, Musiker Kollegah und Farid Bang ? Hierzu werde ich zuerst die Begrifflichkeiten Antijudaismus und Antisemitismus definieren. Anschließend werfen wir einen Blick auf Marx Herkunft und versuchen zu ergründen, warum der Sohn einer jüdischen Familie mit seinen eigenen Ursprüngen derart hart ins Gericht gegangen ist. Hierzu wenden wir uns speziell seinem Vater, Heinrich Marx und dessen Werdegang zu, untersuchen anschließend Karls ambivalentes Verhältnis zu seiner Familie und seiner Herkunft und seine prägenden Jahre in Berlin mit Bruno Bauer im Doctorclub. Danach folgt die Betrachtung von Marx 1844 erschienenen Rezension Zur Judenfrage als Antwort auf Bruno Bauers Werke Die Judenfrage und Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden von 1843, mit einer exemplarischen Analyse ausgewählter Textstellen. Die Arbeit schließt mit einem Resümee zur vorangestellten Fragestellung.

2. Antijudaismus und Antisemitismus

Oftmals wird Antijudaismus und Antisemitismus in verschiedenen Kontexten synonym verwendet oder eine Differenzierung erfolgt nicht immer ausreichend trennscharf. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass der Antisemitismus in seiner Ausprägung, wie wir ihn heute definieren, aus antijudaistischen Strömungen entwuchs und sich somit tatsächlich nicht immer eindeutig und klar trennen lässt. Die aggressive, religiös begründete Judenfeindschaft der europäischen Christen entlud sich im Mittelalter in Kreuzzügen und zahlreichen Juden-Pogromen. Juden wurden in der Folge vertrieben, zum Konfessionswechsel gezwungen, gefoltert und ermordet4. In der Zeit des Absolutismus erlangten einige Juden und ihre Gemeinden einiges Ansehen, infolge ihrer Stellung als Hofjuden. Absolutistische Fürsten und Herrscher, bekannt für ihren ausschweifenden, durch Steuern und dadurch zu Lasten der einfachen Bevölkerung finanzierten Lebensstil, nutzten Hofjuden, um sich durch deren finanzielles Geschick weiter zu bereichern. Aufgrund ihrer damit einhergehenden hohen Machtpositionen zogen die Hofjuden, ganz im Gegensatz zu den Fürsten und Herrschern, den Zorn der ausgebeuteten Bevölkerung auf sich. Die Ressentiments gegen Juden, die aufgrund ihrer religiösen Vorschriften, wie beispielsweise der Sabbatruhe und ihren strengen Speisevorschriften5, bereits gesellschaftliche Außenseiter waren, verschärften sich zunehmend. Die Französische Revolution läutete dann das Ende des Absolutismus und somit auch der Hofjuden ein. Von nun an sollten alle Menschen getreu dem Leitspruch der Revolutionäre: Liberté, Égalité et Fraternité, frei, gleich und in Brüderlichkeit vereint sein. Viele Juden hofften nun, dass sich ihre Situation verbessern und ihre soziale und ökonomische Außenseiterrolle aufgehoben wird. Doch viele Christen hegten weiterhin antijüdische Vorurteile, welche sich in den Hepp-Hepp-Unruhen6 im Jahr 1819 und in den Revolutionsjahren 1830 und 1848 Bahn brachen. Das 19. Jahrhundert war geprägt von Umbrüchen und der Hoffnung auf eine neue Ära, die das Leben aller Menschen verbessern würde. Die Juden mussten jedoch bald einsehen, dass die Französische Revolution und das darauffolgende 19. Jahrhundert ihre Hoffnung auf Gleichstellung und Emanzipation nicht erfüllen würde, denn zu dem bis zum 17./18. Jahrhundert vorwiegend theologisch begründeten Hass auf Juden, gesellte sich Mitte des 19. Jahrhunderts ein rassistisch begründeter Judenhass, der Juden als zur Ethnie zu den Semiten einordnend, fortan auch zu Opfern ethnischer Verfolgungen machten.

2.1. Entwicklung und Definition Antijudaismus - Theologisch begründete Judenfeindschaft

Antijüdische Ressentiments entwickelten sich bereits im 3. und 4. Jahrhundert, als sich das Christentum im Römischen Reich endgültig als Staatsreligion durchsetzte. Diese nahmen jedoch im Mittelalter, aufgrund des massiven christlichen Einflusses auf den Alltag, noch einmal erheblich zu. Die religiösen Differenzen zwischen Juden und Christen resultieren aus den unterschiedlichen Riten und Überzeugungen beider Konfessionen. Während die Christen von der Erlösung durch den Sohn Gottes, Jesus Christus, überzeugt sind, lehnen die Juden diese Erlösungsidee ab. Juden verstanden sich, dem Alten Testament entsprechend, als das von Gott auserwählte Volk. Dieses Selbstverständnis als erwähltes Volk, führte dazu, dass sich die Juden theologisch und aufgrund des existenziellen Umfangs des Glaubens im mittelalterlichen Alltag, auch gesellschaftlich, von den Anhängern des Neuen Testaments absonderten. Resultierend aus der Ablehnung der Taufe und der fehlenden Anerkennung von Jesus als Messias, galten Juden schon bald als „blind und verstockt.“7 Diese religiösen Gegensätze entluden sich 1096 im ersten Kreuzzug, welcher von fanatischen Christen vor allem gegen Juden in Mitteleuropa8 geführt wurde. Die Juden hatten hierbei die Wahl sich taufen zu lassen oder zu sterben. Die meisten von ihnen entschieden sich schlussendlich für den Tod9. Im 13. Jahrhundert gesellten sich zu den bereits vorhandenen Vorurteilen gegenüber Juden, Anschuldigungen des Hostienfrevels, Ritualmordes10 und der Brunnenvergiftung - eine Anschuldigung, die noch heute gelegentlich gern gegen Juden ins Feld geführt wird.11 Das Lateralkonzil im Jahr 1215 beschloss dann zum einen die äußerlich erkennbare Absonderung der Juden, in denen diese verpflichtet wurden, eine ausschließlich den Juden vorbehaltene Tracht zu tragen, welche aus einem gelben Punkt und dem sog. Judenhut bestand und in von den Christen abgesonderten Bereichen, den Ghettos, zu leben. Juden wurde so der Zugang und die Teilhabe am öffentlichen Leben weitestgehend verwehrt und durch zusätzliche diskriminierende Regelungen und Gesetze beinah komplett unmöglich gemacht12. Antijudaismus bezeichnet demnach die Herabwürdigung des jüdischen Glaubens und des jüdischen Volkes aufgrund ihrer sich vom Christentum unterscheidenden Bräuche, Riten und Lebensweise.

2.2. Entwicklung und Definition Antisemitismus - Rassistisch begründete Judenfeindschaft

Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam zur theologisch begründeten Judenfeindschaft, eine „neue, pseudowissenschaftlich und nicht religiös, sondern mit Rasseneigenschaften und -merkmalen argumentierende Form des antijüdischen Ressentiments“13 zum Vorschein. Der Begriff Antisemitismus wurde im Jahr 1879 geprägt, „um eine neue Form einer sich wissenschaftlich verstehenden und rassistisch begründeten Ablehnung von Juden zu begründen“14. Juden wurden nun nicht mehr nur aufgrund ihrer religiösen Unterschiede ausgesondert, sondern ihre Ausgrenzung basierte nun auf rassistischen Motiven. In der Sprachwissenschaft unterschied man zwischen indogermanischen und semitischen Sprachfamilien und schloss daher darauf, dass Indogermanen und Semiten zwei unterschiedliche Rassen darstellen würden, deren Bedeutung sich später auf Germanen und Juden15 verengte. Man versuchte unter dem Begriff Semiten, all diejenigen Ethnien zu vereinen und abzuwerten, die nicht dem „Geist“ der Indogermanen16 entsprachen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Begriff Antisemitismus zur Sammelbezeichnung für viele unterschiedliche Formen der Judenfeindschaft, wie bspw. dem „antikem, christlichem, völkischem, rassistischem, sekundärem, latentem, islamischem oder antizionistischem Antisemitismus“17 Das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia(EUMC) entwickelte eine Arbeitsdefinition für den Begriff Antisemitismus, welche 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) anerkannt wurde.

Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass ‚die Dinge nicht richtig laufen‘. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild so- wie in anderen Handlungsformen, er benutzt negative Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.18

Das EUMC nahm erstmals auch israelbezogenen Antisemitismus in seine Definition auf und bildet heute für verschiedene Organisationen eine konkrete Arbeitsdefinition. Ein Gut achten, erstellt vom Antisemitismusforscher Dr. phil. Dr. rer. med Peter Ullrich der Technischen Universität Berlin, in Auftrag gegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, kritisiert die EUMC -Arbeitsdefinition jedoch als „inkonsistent, widersprüchlich und ausgesprochen vage formuliert“19.

Sie hebt einige antisemitische Phänomene und Analyseebenen hervor, spart aber andere, wesentliche, sehr weitgehend aus. Dies gilt insbesondere für ideologische und diskursive Aspekte, beispielsweise den Antisemitismus als verschwörungstheoretisches Weltbild.20

Prof. Dr. Werner Bergmann, der für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ein Dossier zum Themenkomplex Antisemitismus angefertigt hat, weist auf die Definition der amerikanischen Historikerin Helen Fein hin, welche den Begriff hinsichtlich seiner Erscheinungsformen und Ziele noch genauer definiert.

Antisemitismus ist ein dauerhafter latenter Komplex feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als einem Kollektiv. Diese Überzeugungen äußern sich beim Einzelnen als Vorurteil, in der Kultur als Mythen, Ideologie, Folklore und in der Bildsprache, sowie in Form von individuellen oder kollektiven Handlungen – soziale oder gesetzliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen Juden, und als kollektive oder staatliche Gewalt –, die darauf zielen, sich von Juden als Juden zu distanzieren, sie zu vertreiben oder zu vernichten.21

Festzustellen ist, dass Antisemitismus sich von gewöhnlichen xenophoben Vorurteilen zu unterscheiden scheint, da sich in der „Judenfrage“ verschiedene gesellschaftliche Probleme zu bündeln scheinen. Antisemiten konstruieren Verbindungen zwischen bspw. politischen, sozialen oder ökonomischen Problemen und „den Juden“22, die jedoch mit real existierenden Juden nichts zu tun haben, sondern künstlich konstruierte Produkte jahrhundertelanger antijüdischer Ressentiments sind.

3. Kindheit und Familie von Karl Marx

3.1. Heinrich Marx’ langer Weg der Emanzipation von der jüdischen Herkunft

In biographischen Werken zu Marx Leben wird oft behauptet, dass er einer langen Reihe von Rabbinern entstammt, was oft so klingt, als wäre Karl Marx der erste der Familie Marx gewesen, der sich von seiner jüdischen Herkunft emanzipiert hätte - doch dem war nicht so. Karls Vater, Heinrich Marx, geb. Heschel Levi, kam am 15. April 1777 in Saarlouis zur Welt und wurde somit in eine Zeit von Umstürzen und Revolutionen hineingeboren, die ihn entscheidend prägen sollten. Heinrich, dessen Vater der Rabbiner Mordechai Marx Levy war, erlebte somit die Französische Revolution und in deren Folge auch den Krieg zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich. 1792 besetzten französische Truppen die erzkatholische Stadt Trier23, in welcher die Familie Marx lebte, und gliederten das Gebiet 1797 förmlich der Französischen Republik an. In Trier gab es jedoch nur wenige, die der Revolution Sympathie entgegenbrachten, darunter hauptsächlich Intellektuelle wie bspw. Johann Hugo Wyttenbach, der später prägenden Einfluss auf Karl Marx ausübte24. Unter Napoleons Führung wurde 1808 ein „Judendekret“ veröffentlicht, was von den in seinem Reich lebenden Juden verlangte, sich zum einen an die „kulturellen Normen der Gesellschaft, in der sie lebten“25 in einem Maße anzupassen, dass dem Abschwören vom Judentum gleichgekommen wäre und zum anderen von jüdischen Geschäftsleuten verlangte, sich ihre Geschäftspraktiken als „legitim“ bescheinigen zu lassen. Dieses Dekret, welches zudem weitere äußerst schwer zu erfüllende Bedingungen enthielt, sorgte dafür, dass sich die Judenschaft in die auf dem Land lebenden Juden, welche zumeist stärker an ihren religiösen Bräuchen festhielten, und die in der Stadt lebenden Juden, welche weniger traditionell waren, spaltete26. Samuel Marx, der Bruder von Heinrich Marx, wurde zu dieser Zeit Leiter des Trierer Konsortiums und hielt die jüdische Gemeinde in Trier dazu an „loyale Bürger der Nation zu sein, ihrem Kaiser in den Streitkräften zu dienen, Wucher und fragwürdige Geschäftspraktiken zu meiden und ihre Söhne zum Erlernen eines Handwerks anzuhalten“27. Im Vergleich zur Ständegesellschaft des Ancien Régime verbesserte sich jedoch die Lage der jüdischen Bürger Triers unter napoleonischer Herrschaft und so ist es nicht verwunderlich, dass sich viele mit dem neuen Regime identifizierten. Da die überwiegende Mehrheit der Einwohner Triers jedoch die französische Besatzung ablehnte, nahmen diese schon bald die Juden Triers in Sippenhaft für die vermeintlichen Verfehlungen der napoleonischen Regierung. In der Folge kam es am 15. August 1809 zu Angriffen auf die Synagoge28 und die jüdischen Bürger Triers, woraufhin Heinrich Marx Trier verließ. Er studierte 1813 der Rechtshochschule in Koblenz, welche von den Franzosen gegründet wurde, um Fachleute für das von ihnen neu geschaffene Rechtssystem auszubilden. Die Französische Revolution bot für Heinrich die Möglichkeit seiner, in der Ständegesellschaft des Alten Reiches für Juden von Geburt an festgeschriebenen sozialen und politischen Rolle zu entfliehen und einen juristischen Beruf auszuüben, der Juden vor 1789 verwehrt war. Zehn Monate nachdem Heinrich sein Studium der Rechtswissenschaften begann, brach das Reich Napoleons jedoch zusammen und Heinrich war der letzte Absolvent der Rechtsschule in Koblenz. Trier wurde dem Königreich Preußen nach dem Wiener Kongress 1814/15 zugesprochen und so wechselte Trier von der unliebsamen französischen in die nicht weniger unliebsame protestantisch geprägte, preußische Herrschaft. Heinrich Marx kehrte 1814 zurück nach Trier und eröffnete dort seine Anwaltskanzlei. Er arbeitete u.a. für das Berufungsgericht und später für das von den Preußen neu geschaffene Landgericht. Trotz des preußischen Emanzipationsedikts von 1812, beschloss man Juden nicht zu Staatsämtern zuzulassen, was auch für privat tätige Anwälte wie Heinrich Marx galt29, weshalb er beschloss seine Konfession zu wechseln und 1819, dem Jahr der unter Punkt 2 bereits erwähnten Hepp-Hepp-Unruhen, zum Protestantismus übertrat. Warum sich der in Trier tätige Heinrich Marx für den von den katholischen Bürgern Triers verhassten Protestantismus entschied, anstatt die katholische Weihe zu empfangen ist nicht klar, da er damit schlussendlich eine Minderheitenexistenz gegen eine andere austauschte30. Während der Abschied vom Feudalismus, ausgelöst durch die Revolution 1789, für seinen Bruder Samuel nichts änderte und dieser dennoch in die Fußstapfen des Vaters trat und Rabbiner wurde31, entledigte Heinrich sich seines angeborenen sozialen Status und emanzipierte sich in der Folge mit dem Übertritt zum Protestantismus schlussendlich vom Judentum.

[...]


1 Marx, Karl: Zur Judenfrage, In: Marx, Karl; Ruge, Arnold (Hg.): Deutsch-Französische Jahrbücher (1844), Neuauflage Amsterdam 1965, S.211.

2 Vgl. Weisbrod, Lars: Jung, brutal, Antisemit?, In: ZEIT 16/2018, URL: https://www.zeit.de/2018/16/kollegah-farid-bang-antisemitismus, letzter Zugriff am 22.01.2020.

3 Vgl. Heid, Ludwig: Wir sind und wollen nur Deutsche sein! Jüdische Emanzipation und Judenfeindlichkeit 1750-1880, In: von Braun, Christian; Heid, Ludger (Hg.): Der ewige Judenhass. Christlicher Antijudaismus - Deutschnationale Judenfeindlichkeit - Rassistischer Antisemitismus, (=Studien zur Geistesgeschichte Band 12), Stuttgart 1990, S.70f.

4 Vgl. Benz, Wolfgang: Entwicklungen der Judenfeindschaft. Antijudaismus – Antisemitismus – Antizionismus, In: Benz. Wolfgang (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, (=Nachträge und Register, Band 8), Berlin 2015, S.5.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Heid, Ludwig: Wir sind und wollen nur Deutsche sein!, S.78f.

7 Prof. Dr. Bergmann, Werner: Was heißt Antisemitismus?, In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Dossier: Antisemitismus, URL: http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/, letzter Zugriff am 17.11.2019, S.7.

8 Vgl. Benz, Wolfgang: Entwicklungen der Judenfeindschaft, S.5.

9 Vgl. ebd.

10 „Seit dem 13. Jahrhundert kamen mit der Verkündigung der Transsubstantiationslehre, die annimmt, dass sich beim Abendmahl Brot und Wein "real" in den Leib und das Blut Christi verwandeln, in der christlichen Bevölkerung die Befürchtungen hinzu, Juden würden als "Feinde Christi" die Hostien durchbohren, um damit den Leib Jesu erneut zu verletzen (Vorwurf des Hostienfrevels), und sie würden Blut von Christen zu rituellen Zwecken benötigen, weshalb sie Christenknaben rauben oder kaufen würden, um sie dann zu ermorden (Ritualmord-Legende).“, siehe hierzu Prof. Dr. Bergmann, Werner: Was heißt Antisemitismus?, S.7.

11 „[…] Darüber hinaus möchte ich noch sagen, dass vor nur einer Woche einige Rabbiner in Israel ihre Regierung aufgefordert haben, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk?“ Auszug einer Rede von Mahmud Abbas (PLO-Präsident) vor dem EU-Parlament (Transkript-Quelle: http://wdr-doku-faktencheck-pruefung.de/doku.php?id=abbas.txt), siehe hierzu auch Schwarz-Friesel, Monika: Wenn Antisemitismus normal wird, In: Jüdische Allgemeine 04.07.2016, URL: https://www.juedische-allgemeine.de/politik/wenn-antisemitismus-normal-wird/.

12 Vgl. Benz, Wolfgang: Entwicklungen der Judenfeindschaft, S.7.

13 Ebd., S.3.

14 Prof. Dr. Bergmann, Werner: Was heißt Antisemitismus?, S.6.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Ebd.

18 zitiert nach Benz, Wolfgang: Entwicklungen der Judenfeindschaft, S.3, deutsche Übersetzung erfolgte 2008 durch European Forum on Antisemitism/American Jewish Committee Berlin (AJC)

19 Ullrich, Peter: Gutachten zur „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ der International Holocaust Remembrance Alliance, Berlin 2019, Zusammenfassung.

20 Ebd.

21 zitiert nach Prof. Dr. Bergmann, Werner: Was heißt Antisemitismus?, S.8.

22 Vgl. ebd.

23 Trier wurde zur Zeit des Römischen Reiches zu einem Zentrum des Christentums. Infolgedessen wehrten sich die Einwohner Triers auch vehement gegen die Reformation. In Trier herrschte wie im Übrigen Heiligen Römischen Reich eine Ständegesellschaft, die Juden aufgrund ihrer religiösen Eigenart gesondert behandelte. Sie mussten Sondersteuern wie bspw. „Schutz- und Neujahrsgeld“ an ihren Herren leisten, durften ihren Wohnort nicht frei wählen und waren beruflich von Zünften und somit dem Handwerk ausgeschlossen. Es galten die sog. „Judenordnung“ des Kurfürsten, welche zahlreiche Beschränkungen enthielt. Die jüdische Gemeinde der Stadt Trier war sehr klein und entsprach nur etwas mehr als 1% der Stadtbevölkerung. Siehe hierzu Sperber, Jonathan: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013, S.18ff.

24 Vgl. Sperber, Jonathan: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013, S.22.

25 Ebd., S.25.

26 Vgl. Ebd.

27 Ebd., S.26.

28 Ebd., S.26.

29 Vgl. Ebd., S.27.

30 Vgl. Ebd., S.27.

31 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Karl Marx und sein Verhältnis zum Judentum
Untertitel
Exemplarisch analysiert anhand der von ihm verfassten Rezension "Zur Judenfrage" (1843/44)
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Karl Marx als zeitgeschichtlicher Beobachter und Kritiker - Seine politischen Schriften im Kontext der Zeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V742029
ISBN (eBook)
9783346188120
ISBN (Buch)
9783346188137
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Marx, Judenfrage, Marxismus, Neuzeit, Antisemitismus, Judaismus, Deutschland, Bruno Bauer
Arbeit zitieren
Sina Wilde (Autor), 2020, Karl Marx und sein Verhältnis zum Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/742029

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