Diese Arbeit entsteht in Anlehnung an das Hauptseminar „Kästner, Keun & Co“. In diesem Seminar trat die Frage auf, ob die episodenhafte Abfolge der Erlebnisse in „Das kunstseidene Mädchen“ der Struktur des Schelmenromans entsprechen. Ich möchte hiermit untersuchen, ob Irmgard Keuns Werk in der Gesamtheit als Schelmenroman gelesen werden kann. Bei der Lektüre dieses Werkes denkt man zunächst unweigerlich an den Tagebuchroman, den Entwicklungs- oder Gesellschaftsroman. Welcher dieser Romantypen letzten Endes zutreffender ist, möchte ich dabei außen vor lassen. Vielmehr interessiert es mich, inwiefern in „Das kunstseidene Mädchen“ Merkmale der viel älteren Romangattung zu finden sind. Es gibt etliche Punkte, die an den Picaroroman erinnern. So möchte ich zunächst unter Berücksichtigung des Forschungsstandes die Merkmale des Picaroromans herausstellen und einen Arbeitsbegriff formulieren. Anschließend soll eine formale Analyse des Primärtextes erfolgen um schließlich zu einem Urteil zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Arbeitsbegriff
2.1. Zum Begriff „Schelmenroman“
2.2. Gattungstypische Merkmale
2.2.1. Der Erzähler
2.2.2. Die Figur
2.2.3. Die Handlung
2.3. Abgrenzung zum Bildungsroman
2.4. Zusammenfassung
3. Anwendung der Kriterien des Picaroromans auf
„Das kunstseidene Mädchen“
3.1. Die Erzählerin
3.2. Die Figur Doris
3.3. Die Handlung
4. Schlussfolgerung und Ausblick
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun Merkmale des Picaroromans aufweist. Hierbei wird der Frage nachgegangen, ob das Werk trotz seiner Einordnung in andere Romantypen (wie Tagebuch- oder Gesellschaftsroman) als moderner Schelmenroman gelesen werden kann, indem eine formale Analyse auf Basis gattungstypischer Kriterien erfolgt.
- Definition und theoretische Grundlagen des Picaroromans bzw. Schelmenromans.
- Gattungsspezifische Untersuchung der Erzählweise, der Hauptfigur und der Handlungsstruktur.
- Abgrenzung zwischen Picaroroman und Bildungsroman.
- Analyse der Protagonistin Doris im Kontext pikaresker Charakteristika.
- Kritische Reflexion über die Anwendbarkeit der Gattungskriterien auf das konkrete Werk.
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Figur Doris
Doris ist eine junge Frau, die sich selbst als außerordentlich hübsch beschreibt. Aufgrund der Reaktionen der Männer auf sie, scheint diese Beschreibung auch glaubhaft. Ihre Eltern sind von niederem Milieu. Der starke Dialekt mit dem sie sprechen, den sich Doris abgewöhnt hat, weil sie sich sehr dafür schämt, als auch ihre Berufe sind ein Indiz dafür. Die Mutter arbeitet an der Garderobe im Theater. Doris Vater ist arbeitslos und Trinker. Egal wo Doris auftritt, sie ist immer eine Außenseiterin. Dies hat verschiedene Gründe. Im Büro meidet sie selbst ihre Kolleginnen, im Theater wird sie nicht als gleichwertig anerkannt, in Berlin ist sie die Frau ohne festen Wohnsitz und selbst in der Schulzeit wurde sie von ihren Mitschülern verstoßen. Sie schlägt sich immer wieder durch das Leben, ohne genau zu wissen, wohin es sie verschlägt. Dabei verfolgt sie fast durchgehend ein Ziel: ein Glanz zu werden. Sie träumt davon berühmt zu sein, weil sie dann von Menschen geachtet werden würde.
Neben dem Drang nach sozialer Anerkennung würde sich durch das Berühmtsein auch ihr anderer großer Wunsch, nämlich nach Luxusartikeln, erfüllen. In der Hoffnung dieses Leben erreichen zu können schreckt sie nicht vor unmoralischen Taten zurück. Doris klaut von der Garderobe des Theaters, an dem sie arbeitet, einen Fee und mehrere Hemden aus der Wohnung einer ihrer Eroberungen. Sie lügt sogar ihre Mutter an, zu der sie eigentlich eine gute Beziehung hat, nur um sich einen Vorteil zu verschaffen. Sie hat auch keine Skrupel ständig Männer auszunehmen, dies ist letzten Endes auch ihr einziger fester Lebensunterhalt. Doris ist sich auch sehr bewusst, dass sie aufgrund ihrer mangelnden Bildung und teilweise auch Dummheit keine andere Wahl hat, als so zu handeln wie sie es tut.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik ein und formuliert das Ziel, die Merkmale des Picaroromans in Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ zu untersuchen.
2. Der Arbeitsbegriff: Dieses Kapitel definiert den Schelmenroman und arbeitet die gattungstypischen Merkmale von Erzähler, Figur und Handlung heraus, während es gleichzeitig eine Abgrenzung zum Bildungsroman vornimmt.
3. Anwendung der Kriterien des Picaroromans auf „Das kunstseidene Mädchen“: Hier erfolgt die konkrete Analyse des Romans hinsichtlich der Erzählerin, der Hauptfigur Doris sowie der episodenhaften Handlungsstruktur unter Anwendung der zuvor definierten Kriterien.
4. Schlussfolgerung und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass der Roman viele pikareske Merkmale aufweist, jedoch auch Aspekte enthält, die eine rein gattungsspezifische Einordnung als Picaroroman zu kurz greifen lassen.
5. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Picaroroman, Schelmenroman, Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen, Gattungsmerkmale, Ich-Erzähler, Pícaro, Bildungsroman, Außenseiter, neue Sachlichkeit, Literaturanalyse, Erzähltheorie, Charakteristika, soziale Mobilität, episodenhafte Handlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“ auf seine Übereinstimmungen mit den gattungstypischen Merkmalen des Picaroromans.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die literaturwissenschaftliche Definition des Schelmenromans, die Analyse der Erzählstruktur sowie der Charakterisierung der Protagonistin Doris im Kontext dieses speziellen Romantyps.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung, ob Irmgard Keuns Werk in der Gesamtheit als Schelmenroman gelesen werden kann, indem die pikaresken Strukturen der Vorlage mit dem Roman verglichen werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine formale Analyse des Primärtextes unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes zur Gattung des Picaroromans durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung des Picaroromans sowie deren praktische Anwendung auf die Figur Doris, die Erzählsituation und die episodenhafte Handlung im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Picaroroman, Schelmenroman, Gattungsmerkmale, Pícaro, unzuverlässiger Ich-Erzähler und die Einordnung des Werkes in die neue Sachlichkeit.
Warum ist die Figur Doris als Außenseiterin zu betrachten?
Doris findet aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihrer mangelnden Bildung und ihres unkonventionellen Verhaltens in keinem gesellschaftlichen Umfeld dauerhaft Anerkennung oder einen festen Platz.
Inwieweit lässt sich das Ende des Romans als pikaresk interpretieren?
Das offene Ende, bei dem die Protagonistin ohne gesicherte Perspektive und ohne aus ihren Fehlern gelernt zu haben zurückbleibt, korrespondiert mit der typischen Struktur eines Picaroromans, in dem keine positive Entwicklung stattfindet.
- Quote paper
- Natalia Amandi (Author), 2007, Merkmale des Picaroromans in Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74297