In seinem Dialog ‚Sophistes’ sucht Platon die offensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Zunft der Sophisten. Die Sophisten waren Wanderlehrer, die im damaligen Griechenland von Stadt zu Stadt zogen und den Menschen ihre Weisheit und Wortfertigkeit gegen Bezahlung feilboten. Sie waren die Spin-Doctors ihrer Zeit und Relativität war ihr Metier: sie konnten mit Hilfe ihrer rhetorischen Fähigkeiten und moralischen Ungebundenheit eine gute Sache schlecht reden und eine schlechte gut. Vielen ihrer Zeitgenossen erschienen sie wie Chamäleone, an denen sich die Geister der Leute schieden: „Diese Männer produzieren sich vor der unwissenden Menge ‚in vielerlei Gestalt’, wenn sie ‚die Städte durchstreifen’ und als echte und nicht nur vorgebliche Philosophen ganz von oben auf das Leben der Menschen unten in den Niederungen hinabschauen. Manchem scheinen sie als reine Nichtsnutze, anderen höchster Ehren wert zu sein; manchmal treten sie als Politiker auf, manchmal als Sophisten...“. Derartig vielseitig veranlagt und tätig waren die Sophisten also schwierige Patienten, deren Enttarnung als Meister der Worthülse nicht ohne größere Anstrengungen zu bewerkstelligen war.
Wohl aus diesem Grund hat Platon im ‚Sophistes’ seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Sophismus ungewöhnlich breit und systematisch angelegt. Er nähert sich dem Thema auf zwei Wegen, nämlich zum einen mit einer begrifflichen Bestimmung der Person des Sophisten am Anfang und dann wieder am Ende des Dialogs und zum anderen mit einer Auseinandersetzung mit der sophistischen Lehre selbst, die in den Zwischenabschnitten erfolgt.
Im folgenden möchte ich mit einem dieser Abschnitte beschäftigen, der als der Höhepunkt des Dialogs bezeichnet werden kann, da er – nach langer Vorbereitung – die direkte Antwort Platons auf die sophistische Vermischung von Sein und Schein in Wort und Rede enthält.
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. WARUM PRÄDIKATIVE SÄTZE?
2. ABSOLUTES NICHTSEIN
2.1 DIE SOPHISTISCHE POSITION
2.2 PLATONS POSITION
3. LOCUS VON WAHR- UND FALSCHHEIT
4. RELATIVES NICHTSEIN
5. ANALYSE DER FALSCHEN REDE
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht Platons Analyse falscher Aussagen im Dialog „Sophistes“, mit dem zentralen Ziel zu klären, wie eine Aussage laut Platon falsch sein kann, ohne unmöglich zu sein. Dabei wird die ontologische Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Nichtsein als Schlüssel zum Verständnis des platonischen Ansatzes herausgearbeitet.
- Die Funktion prädikativer Sätze und deren Beschränkung bei Platon.
- Die sophistische Auffassung des Nichtseins und der pragmatische Selbstwiderspruch.
- Der Locus der Wahrheit und Falschheit innerhalb von Subjekt-Prädikat-Strukturen.
- Platons Theorie des relativen Nichtseins als "Anderssein".
- Die Bedeutung der Ideenlehre für die Möglichkeit und Sinnhaftigkeit falscher Aussagen.
Auszug aus dem Buch
5. Analyse der falschen Rede
Wie bereits in Kapitel 3 gesagt, gilt ein Satz als wahr, wenn der singuläre Terminus dem generellem Terminus richtig zugeordnet ist, und ein Satz als falsch, wenn der singuläre Terminus dem generellem Terminus nicht richtig zugeordnet ist. Doch was genau bedeutet nun ‚richtig’ und ‚nicht richtig’?
Nehmen wir „Theatet sitzt“. Diese Folge von Wörtern erfüllt das Kriterium eines (prädikativen) Satzes, weil sie sich auf etwas bezieht, weil sie etwas benennt, von dem man etwas aussagen kann. Benannt wird Theatet; diese Benennung ist unproblematisch, weil es eine Person namens Theatet gibt, womit man auch etwas über ihn sagen kann. Von Theatet wird gesagt, daß er sitzt. Sitzen ist ebenfalls unproblematisch, weil es diesen Vorgang gibt und man vom Sitzen aussagen kann, daß es ausgeübt wird. Das einzige Problem, das die Aussage ‚Theatet sitzt’ aufwirft, ist also die Frage, ob das Sitzend-Sein von Theatet ausgesagt werden kann, ob er ein Sitzender ist, ob es einen Bezug zwischen Sitzen und Theatet gibt, ob Theatet eben wirklich sitzt, und da er genau dies tut, ist der Satz in jeder Hinsicht vollkommen unproblematisch.
Betrachten wir „Theatet fliegt“, so ist auch hier der singuläre Terminus unproblematisch, weil er sich wieder auf Theatet bezieht, der ja existiert und über den man folglich etwas behaupten kann. Der Vorgang des Fliegens ist an sich genauso unproblematisch, denn wir wissen, daß es sowas gibt und daß es möglich ist, sich ohne Bodenkontakt in der Luft zu bewegen. Die einzige Frage ist, ob man das Fliegen auch von Theatet aussagen kann, d.h. ob unter allen Dingen, die es auf der Welt gibt und die in der Luft fliegen, Theatet zu finden ist. Daß dies nicht der Fall ist, sollte uns jetzt nicht mehr verwirren, denn daß man das Fliegen nicht von Theatet aussagen kann, bedeutet lediglich, daß Fliegen nicht zu den Dingen gehört, die Theatet kann, daß Fliegen anders ist als die Dinge, die in Bezug auf Theatet sind, d.h. im konkreten Fall anders als Theatets Sitzend-Sein. Und dieses Anderssein bedeutet keinesfalls ein absolutes Nichtsein, denn das Anderssein existiert ja auch, nämlich in dem Sinne, in dem es anders ist als die Dinge, die in bezug auf Theatet sind.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Der Autor führt in das Problem der Sophisten ein, die aufgrund ihrer Lehre falsche Aussagen als unmöglich betrachten, und skizziert Platons Gegenentwurf im Dialog „Sophistes“.
1. WARUM PRÄDIKATIVE SÄTZE?: Dieses Kapitel beleuchtet, warum Platon sich auf prädikative Sätze konzentriert, um die Struktur von Wahrheit und Falschheit methodisch greifbar zu machen.
2. ABSOLUTES NICHTSEIN: Es wird analysiert, warum die Sophisten fälschlicherweise behaupten, dass das Nichtsein und damit falsche Aussagen unmöglich seien, da sie nur ein absolutes Nichtsein kennen.
3. LOCUS VON WAHR- UND FALSCHHEIT: Der Autor untersucht hier die logische Struktur von Subjekt-Prädikat-Sätzen und bestimmt, an welcher Stelle im Satz sich Wahrheit oder Falschheit entscheidet.
4. RELATIVES NICHTSEIN: Hier wird Platons entscheidende ontologische Wende zum "relativen Nichtsein" als "Anderssein" erläutert, die das Fundament für die Möglichkeit falscher Aussagen bildet.
5. ANALYSE DER FALSCHEN REDE: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse zusammen und erklärt anhand der Ideenlehre, wie eine falsche Aussage Sinn ergeben kann, ohne sich auf ein absolutes Nichts zu beziehen.
Schlüsselwörter
Platon, Sophistes, Falsche Aussagen, Ontologie, Prädikative Sätze, Nichtsein, Anderssein, Ideenlehre, Wahrheit, Logik, Sprachphilosophie, Subjekt, Prädikat, Theatet, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht Platons philosophische Antwort auf die sophistische Behauptung, dass falsche Aussagen unmöglich seien, da sie sich auf ein Nichtseiendes beziehen müssten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die antike Ontologie, die Struktur prädikativer Sätze, das Verhältnis von Sprache und Sein sowie die Bedeutung der platonischen Ideenlehre.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Leitfrage ist, wie laut Platon eine Aussage falsch sein kann, ohne in den Bereich des logisch Unmöglichen oder Undenkbaren zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Untersuchung des Dialogs „Sophistes“ durchgeführt, ergänzt durch moderne logisch-semantische Perspektiven auf Platons Ontologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur der Subjekt-Prädikat-Sätze, die sophistische Position zum Nichtsein und Platons Lösung durch die Einführung des relativen Nichtseins.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Platon, Sophistes, relatives Nichtsein, Anderssein, prädikative Sätze und die Ideenlehre.
Warum spielt die Idee des Sitzens eine so wichtige Rolle für Platon?
Platon nutzt die Idee des Sitzens als abstraktes Urbild, um zu zeigen, dass Begriffe unabhängig von konkreten, falschen Aussagen existieren und somit Sinn stiften können.
Inwiefern unterscheidet sich das platonische Nichtsein vom sophistischen Verständnis?
Während die Sophisten unter Nichtsein ein absolutes Nichts verstehen, definiert Platon es als relatives "Anderssein", womit falsche Aussagen als sinnvoll identifizierbar werden.
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- Holger Michiels (Author), 2003, Platons Analyse falscher Aussagen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74301