Platons Analyse falscher Aussagen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Warum prädikative Sätze?

2. Absolutes Nichtsein
2.1 Die sophistische Position
2.2 Platons Position

3. Locus von Wahr- und Falschheit

4. Relatives Nichtsein

5. Analyse der falschen Rede

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In seinem Dialog ‚Sophistes’ sucht Platon die offensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Zunft der Sophisten. Die Sophisten waren Wanderlehrer, die im damaligen Griechenland von Stadt zu Stadt zogen und den Menschen ihre Weisheit und Wortfertigkeit gegen Bezahlung feilboten. Sie waren die Spin-Doctors ihrer Zeit und Relativität war ihr Metier: sie konnten mit Hilfe ihrer rhetorischen Fähigkeiten und moralischen Ungebundenheit eine gute Sache schlecht reden und eine schlechte gut. Vielen ihrer Zeitgenossen erschienen sie wie Chamäleone, an denen sich die Geister der Leute schieden: „Diese Männer produzieren sich vor der unwissenden Menge ‚in vielerlei Gestalt’, wenn sie ‚die Städte durchstreifen’ und als echte und nicht nur vorgebliche Philosophen ganz von oben auf das Leben der Menschen unten in den Niederungen hinabschauen. Manchem scheinen sie als reine Nichtsnutze, anderen höchster Ehren wert zu sein; manchmal treten sie als Politiker auf, manchmal als Sophisten...“.[1] Derartig vielseitig veranlagt und tätig waren die Sophisten also schwierige Patienten, deren Enttarnung als Meister der Worthülse nicht ohne größere Anstrengungen zu bewerkstelligen war.

Wohl aus diesem Grund hat Platon im ‚Sophistes’ seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Sophismus ungewöhnlich breit und systematisch angelegt. Er nähert sich dem Thema auf zwei Wegen, nämlich zum einen mit einer begrifflichen Bestimmung der Person des Sophisten am Anfang und dann wieder am Ende des Dialogs und zum anderen mit einer Auseinandersetzung mit der sophistischen Lehre selbst, die in den Zwischenabschnitten erfolgt.

Im folgenden möchte ich mit einem dieser Abschnitte beschäftigen, der als der Höhepunkt des Dialogs bezeichnet werden kann, da er – nach langer Vorbereitung – die direkte Antwort Platons auf die sophistische Vermischung von Sein und Schein in Wort und Rede enthält: Es handelt sich um Platons Analyse falscher Aussagen in Kapitel V (262e-263d), die zwar an für sich recht kurz gehalten ist, aber als Anwendung seiner Partizipations-Metaphysik, wie er sie in den Kapiteln zuvor entwickelt hat, auf den sprachlichen Bereich aufgefasst werden muß. Da eine detaillierte Befassung mit der platonischen Metaphysik den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, setze ich ihre Kenntnis voraus und beschränke ich mich auf den wichtigsten ontologischen Aspekt für das Verständnis von falscher Rede, auf den Unterschied zwischen relativem und absolutem Nichtsein. Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht also das Problem der falschen Aussage. Meine Leitfrage lautet: Wie kann laut Platon eine Aussage falsch sein, ohne unmöglich zu sein?

Dazu beschäftige ich mich im ersten Kapitel mit der Frage, warum Platon sich in seiner Analyse auf prädikative Sätze beschränkt. Im nächsten Abschnitt gehe ich der Frage nach, warum die Sophisten falsche Aussagen für unmöglich halten, und in welchem entscheidenenden Punkt Platon sich von ihrer Position unterscheidet. Im dritten Kapitel untersuche ich die Struktur von Subjekt-Prädikat-Sätzen und frage, was eine Aussage eigentlich wahr oder falsch macht. Im darauffolgenden Abschnitt befasse ich mich mit Platons Auffassung von Sein als Anderssein (relatives Nichtsein), um schließlich im fünften und letzten Teil eine Antwort auf meine Leitfrage, wie falsche Aussagen möglich sein können, zu versuchen.

1. Warum prädikative Sätze?

Eine Aussage besteht für Platon aus Prädikat und Subjekt,[2] wobei beide Teile für sich betrachtet erst dann eine vernünftige Rede darstellen, wenn sie in einem Satz zusammengestellt sind, der mehr als eine „reine Aneinanderreihung von Wörtern“ ist.[3] Platon erläutert das so: Wenn man eine Abfolge von Prädikatsausdrücken wie ‚geht, läuft, schläft’ oder von Subjektwörtern wie ‚Löwe, Hirsch, Pferd’ nimmt, so darstellen beide Wortsequenzen für sich genommen keine Aussage, denn „weder im ersten noch im zweiten Fall können die gesprochenen Wörter irgendetwas aussagen, weder einen Zustand noch einen Nichtzustand, weder das Sein eines Seienden noch das eines Nichtseienden,“[4] solange man nicht Subjekt und Prädikat miteinander kombiniere. Verbinde man beide, dann „paßt auch gleich die erstbeste Zusammenstellung und wird zu Rede, sozusagen die grundlegende und kleinste Form von Rede überhaupt.“[5]

Damit hat Platon als erster in der Philosophiegeschichte die Struktur von sogenannten prädikativen Sätzen erforscht und erklärt. Man hat später kritisch darauf hingewiesen, daß Platons Beschränkung auf prädikative Sätze zu einer „für die nachfolgende Geschichte der Logik und Philosophie folgenschweren Beschränkung“ auf Sätze des Subjekt-Prädikat-Typs geführt hat,[6] und daß seine Kennzeichnung dieser Aussagen als ‚kleinste Sätze’ „unbefriedigend“, um nicht zu sagen falsch sei.[7] Diese Kritik geht jedoch am Kern der Sache vorbei, da sie übersieht, welche Rolle eigentlich Platon den atomaren Sätzen in seinem Argumentationsschema zugedacht hatte. Der Sophist tritt ja, wie noch zu sehen ist, mit der Behauptung auf, daß es unmöglich sei, eine falsche Aussage zu machen und daß alles, was gesagt werden kann, wahr sei.[8] Indem der Sophist aber solch eine umfassende Behauptung aufstellt, wagt er sich weit hinaus, denn zur Widerlegung einer Allaussage bedarf es bekannterweise nur eines einzelnen Gegenbeispiels. Platon muß also nur die Falschheit einer einzigen Aussage beweisen, um das gesamte sophistische Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen,[9] und zu diesem Zweck eignen sich einfache affirmative Zwei-Wort-Sätze genauso gut wie alle anderen, ja sie sind aus didaktischen Gründen – und Theatet kann man ja durchaus in einem temporären Schüler-Lehrer-Verhältnis zum eleatischen Gast ansehen - sogar komplizierteren Sätzen überlegen. Man täte also Platon Unrecht, wenn man ihn der Unvollständigkeit zeihen würde, denn um eine erschöpfende Analyse aller möglichen Satzarten ist es ihm von vornherein gar nicht gegangen.

2. Absolutes Nichtsein

2.1 Die sophistische Position

Eine falsche Aussage besteht für Platon darin, „entweder dem Seienden das Nichtsein oder dem Nichtseienden das Sein zuzusprechen.“[10] Dieser Definition widerspricht der Sophist, indem er einwendet, daß

„wir gerade das Gegenteil davon sagen, wenn wir die These wagten, es gäbe Falsches in Meinungen und Aussage. Wir müßten dann nämlich immer wieder das Nichtseiende mit dem Sein verbinden, wo wir uns doch nun über die völlige Unmöglichkeit einer solchen Verbindung geeinigt hätten.“[11]

Was der Sophist damit meint, scheint folgendes zu sein: Es gibt zwei Arten von Aussagen, nämlich wahre und falsche. Wahre Aussagen sind Aussagen, die sagen, was der Fall ist und sind als solche unproblematisch. Falsche Aussagen sind hingegen Aussagen, die sagen, was nicht der Fall ist. Was nicht der Fall ist, also was nicht existiert, scheint aber nichts zu sein, was man ausdrücken könnte. Folglich scheinen sich falsche Aussagen auf nichts zu beziehen. Wenn sie sich aber auf nichts beziehen, dann darstellen sie überhaupt keine Aussagen, woraus folgt, daß es sowas wie falsche Aussagen überhaupt nicht geben kann, denn was falsch ist, kann nicht ausgedrückt werden, und was wahr ist, bleibt wahr! Was nichts anderes bedeutet, als daß alle Aussagen, sofern sie nur gemacht werden und das Mindestkriterium eines sinnvollen Satzes erfüllt, notwendigerweise wahr sein müssen - eine Aussage ist für den Sophisten genau dann wahr, wenn sie getätigt wird.

[...]


[1] Vgl. Platon: Der Sophist. Einleitung, Übersetzung und Kommentar von Helmut Meinhardt, Stuttgart 1990, S.19

[2] Die Termini „Prädikat“ und „Subjekt“ sind philosophiegeschichtlich freilich erst nach Platon entstanden und wären ihm fremd gewesen. Er selbst spricht von „Aussage“ für das Prädikat und „Nennwort“ für das Subjekt. (Vgl. Platon, S.171)

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Tugendhat, Ernst / Wolf, Ursula: Logisch-semantische Propädeutik, Stuttgart 1983, S.20f. Auch Tugendhat ist natürlich klar, daß man Platon keinen Vorwurf daraus machen kann, wie seine Nachfolger sein Werk rezipiert haben. Gleichwohl hat Platons Beschränkung auf die Analyse von Sätzen mit Subjekt-Prädikat-Struktur seinen wichtigsten Schüler Aristoteles dazu verleitet, sich ebenfalls mit der Untersuchung solcher Sätze zu begnügen, was dazu geführt hat, daß andere logische Ansätze wie etwa die Aussagenlogik der Stoiker nicht weitergeführt wurden, nachdem die beiden Athener Philosophen schon in der Antike als die griechischen Klassiker par excellence kanonisiert worden waren.

[7] Tugendhat fragt hier rhetorisch, ob es denn nicht auch Ein-Wort-Sätze gäbe. Ohne konkrete Beispiel zu nennen, scheint er damit Sätze wie z.B. „Feuer!“ oder „Fertig.“ zu meinen.

[8] Vgl. Platon, S.165

[9] Womit man Platons Vorgehensweise als ein frühes Beispiel für Poppers Falsifizierungskriterium bezeichnen könnte.

[10] Platon, S.99

[11] Ebd.

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Details

Titel
Platons Analyse falscher Aussagen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Platons Sophistes
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V74301
ISBN (eBook)
9783638712477
ISBN (Buch)
9783638714464
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platons, Analyse, Aussagen, Platons, Sophistes
Arbeit zitieren
Holger Michiels (Autor), 2003, Platons Analyse falscher Aussagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74301

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