Seit weitaus mehr als zwei Jahrtausenden begeistern die epischen Meisterwerke Ilias und Odyssee Leser- und Hörerschaft und seit gut zwei Jahrhunderten ist auch das wissenschaftliche Interesse an den Epen ungebrochen. Das anhaltende Interesse der Wissenschaft ist unter anderem darin zu begründen, dass sich in der Analyse der Epen viele Fragen auftun, die oft nicht mit absoluter Sicherheit zu beantworten sind und deshalb sehr kontrovers diskutiert werden. Dies trifft auch für die Geschichtswissenschaft zu, die sich auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über die Vergangenheit ebenfalls der Ilias und der Odyssee annahm.
Noch bevor aber der Historiker sich mit diesen ja dichterischen Werken befassen kann, muss zuerst einmal die Frage geklärt werden, ob in Ilias und Odyssee tatsächlich eine – oder gar mehrere – in der Vergangenheit existierende Gesellschaften beschrieben werden und man die beiden Epen somit als Quelle zum Gewinn historischer Erkenntnis nutzen kann. Da diese Frage bereits von der großen Mehrheit der Historiker bejaht wurde1, soll die Existenz einer homerischen Gesellschaft auch in der vorliegenden Arbeit als Grundvoraussetzung für eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung der Epen gelten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung der Abstammung für die gesellschaftliche und politische Position der basileis
3. Besitz und Reichtum als Grundlage für die Stellung der basileis in der homerischen Gesellschaft
4. Die politische Macht der basileis in den Epen und zu homerischer Zeit
5. Analyse von weiteren Vergleichspunkten zwischen den homerischen basileis und Big Men
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den gesellschaftlichen und politischen Charakter der basileis in der Ilias und Odyssee, um zu klären, ob diese eher als Aristokraten oder als "Big Men" im ethnologischen Sinne einzustufen sind.
- Analyse der Bedeutung von Abstammung für den sozialen Status
- Bewertung von Reichtum und Besitz als Machtbasis
- Untersuchung der politischen Macht und Institutionen (Rat und Volksversammlung)
- Vergleich der homerischen Strukturen mit ethnologischen Modellen
- Reflexion des Charakters der basileis als "Aristocracy in formation"
Auszug aus dem Buch
Besitz und Reichtum als Grundlage für die Stellung der basileis in der homerischen Gesellschaft
Die homerische Zeit war – darin stimmen die meisten Forscher heute überein – eine Epoche, die nach dem wirtschaftlichen, demographischen und kulturellen Niedergang in den meisten Teilen Griechenlands während der Dark Ages durch einen großen Aufschwung auf allen Gebieten gekennzeichnet war. Der wirtschaftliche Aufschwung erfasste aber nicht alle Schichten der Bevölkerung gleichermaßen, wodurch er zu einer gesellschaftlichen Differenzierung führte.
Dieser Fakt ist für die Charakterisierung der basileis höchst interessant, denn der materielle Vorsprung gegenüber anderen Mitgliedern der Gemeinde scheint sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis der basileus-Stellung. Bevor man aber die Besitzverhältnisse der epischen basileis betrachtet, um darauf Rückschlüsse auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der basileis in homerischer Zeit zu ziehen, sollte man sich bewusst machen, dass gerade in der Beschreibung des Reichtums der epischen Oberschicht mit Übertreibungen zu rechnen ist, die dem wohl vorwiegend „aristokratischen“ Publikum damaliger Zeit ein glanzvolleres Bild der Vergangenheit bieten sollte.
Reichtum als Merkmal von basileis tritt in den Epen an vielen Stellen auf. So scheint etwa der basileus Odysseus über eine beträchtliche materielle Basis zu verfügen, was sich neben konkreten Beschreibungen seines Haushaltes und Landbesitzes (oikos), die in der Fachliteratur immer wieder angeführt werden, meiner Meinung nach am deutlichsten darin zeigt, dass die vielen Freier der Penelope, welche als wohlhabende Männer einen gehobenen Lebensstandard gewohnt sein müssen, sich mehrere Jahre verschwenderisch von Odysseus’ Ressourcen verpflegen können. Reichtum heißt im Fall der basileis in erster Linie ein prächtiger Haushalt (oikos) mit ausgedehntem Besitz an Land, mehreren Viehherden und dem oikos dienende Personen. Der oikos bezeichnet in den Epen also meist eine soziale und wirtschaftliche Einheit, die verschiedene Ländereien, Viehbesitz, dem oikos dienende Freie und Unfreie, sowie dort produzierte und gelagerte Güter umfassen kann und er „erscheint in den Epen als die ökonomische Grundlage der Oberschicht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Epen als historische Quelle ein und definiert den zeitlichen Fokus auf das 8. Jh. v. Chr. sowie die Problematik des Begriffs "basileis".
2. Die Bedeutung der Abstammung für die gesellschaftliche und politische Position der basileis: Das Kapitel untersucht, inwiefern die Berufung auf Ahnenreihen als Legitimation für die herausgehobene Stellung der basileis dient und diskutiert die Existenz einer Aristokratie.
3. Besitz und Reichtum als Grundlage für die Stellung der basileis in der homerischen Gesellschaft: Hier wird der oikos als ökonomische Machtbasis analysiert und die Verbindung zwischen materiellem Wohlstand und sozialem Prestige dargelegt.
4. Die politische Macht der basileis in den Epen und zu homerischer Zeit: Der Fokus liegt auf den politischen Institutionen wie der Volksversammlung und dem Rat, wobei das exklusive Rederecht der basileis als Zeichen ihrer Macht gewertet wird.
5. Analyse von weiteren Vergleichspunkten zwischen den homerischen basileis und Big Men: Dieses Kapitel prüft Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der homerischen Elite und dem ethnologischen Modell des "Big Man", insbesondere hinsichtlich der Verteilung von Gütern und der Repräsentation.
6. Schlussbemerkung: Die Zusammenfassung kommt zu dem Ergebnis, dass die basileis weder eindeutige Aristokraten noch "Big Men" sind, sondern als Angehörige einer "aristocracy in formation" einer Übergangsgesellschaft anzusehen sind.
Schlüsselwörter
basileis, Ilias, Odyssee, homerische Gesellschaft, Aristokratie, Big Men, Besitz, oikos, Abstammung, politische Macht, Volksversammlung, Gabentausch, Elite, Sozialprestige, 8. Jahrhundert vor Christus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den gesellschaftlichen und politischen Status der "basileis" (plural für basileus) in den Epen von Homer und hinterfragt deren Einordnung in bestehende soziologische Konzepte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Bedeutung von Abstammung, die Rolle von materiellem Besitz und Reichtum sowie die politische Machtverteilung innerhalb der homerischen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die basileis eher als Vertreter einer frühen Aristokratie oder als "Big Men" – eine aus der Ethnologie bekannte Führungsrolle – zu betrachten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine literaturgestützte Analyse von Quellenstellen aus der Ilias und Odyssee durch, vergleicht diese mit fachwissenschaftlichen Thesen und reflektiert sie im Hinblick auf den historischen Kontext des 8. Jahrhunderts v. Chr.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prüfung der Abstammung, die Analyse von Reichtum und Besitz als Machtbasis sowie die Untersuchung politischer Entscheidungsprozesse in Rat und Volksversammlung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben den "basileis" vor allem die Begriffe oikos, Aristokratie, "Big Men", Gabentausch und die historische Einordnung in die archaische Zeit.
Wie unterscheidet sich der basileus laut Autor vom ethnologischen "Big Man"?
Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass der basileus über dauerhaften, vererbbaren Besitz und materielle Macht verfügt, während der Status eines "Big Man" durch die Pflicht zum ständigen Geben und eine eher temporäre, leistungsorientierte Stellung geprägt ist.
Welches Fazit zieht der Verfasser bezüglich der aristokratischen Struktur?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die basileis zwar Tendenzen zu einer aristokratischen Schicht zeigen, aber noch nicht als voll ausgebildete Aristokraten gelten können, weshalb der Begriff "aristocracy in formation" am treffendsten ist.
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- Stefan Ruhnke (Author), 2005, Aristokraten oder Big Men - Eine Untersuchung über den gesellschaftlichen und politischen Charakter der basileis in Ilias und Odyssee, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74338