Krieg in Jugoslawien - Kampf der Kulturen oder Nationenbildungsprozess?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Eine Frage der Perspektive

2 Huntingtons Sicht der Dinge

3 Die Ausweitung des Beobachtungszeitraums
3.1 Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg
3.2 Zweiter Weltkrieg
3.3 Jugoslawien von 1945 bis 1980 – Stabilität unter Tito
3.4 Der Zerfall Jugoslawiens nach 1980

4. Alternative Erklärung: „Kampf der Kulturen“ als Nationenbildungsprozess

5. Offene Fragen

6. Fazit

Der berühmte Harvard-Professor Karl W. Deutsch wollte einmal mit einem Sinnbild die Relativität der Kategorien Struktur und Prozess verständlich machen: Für den Skifahrer sei ein Felsvorsprung, dem er nicht mehr ausweichen könne, harte schmerzbringende Struktur. Für den Geologen hingegen, der die Auffaltung der Alpen und ihre anschließende Detailprägung durch Wind, Regen, Bäche, Frost usw. beobachte, sei jener Felsvorsprung Teil eines sich über lange Zeiten hinziehenden Prozesses. Es scheint, dass etliche Sozialwissenschaftler und schriftstellernde Intellektuelle sich nur als Skifahrer sehen. Spektakuläre aktuelle Tendenzen und Ereignisse erscheinen als etwas dramatisch Neues, als historische, gar epochale Zäsuren.

Klaus Jürgen Gantzel (2002, S. 2)

1 Eine Frage der Perspektive

Erkenntnis setzt Interpretation voraus. In keiner anderen Wissenschaft ist die Bedeutung und Notwendigkeit der Interpretation aufgrund der Variabilität und Komplexität des unscharfen Gegenstandsbereichs so hoch anzusehen, wie in den Sozialwissenschaften. Interpretation ist jedoch subjektabhängig. Der Forscher muss eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, um sich der Wahrheit anzunähern. Zu diesen Entscheidungen gehört auch die Auswahl der Perspektive. Gemeint sind hierbei zum einen explizite und auch implizite Annahmen über den Untersuchungsgegenstand. Der Forscher kann sich dem Untersuchungsgegenstand nur dann annähern, wenn er apriorische Hintergrundannahmen und Kategorien einbringt, zu denen es immer auch Alternativen gibt (Schulze 2005, 2f.). Zum anderen ist der Beobachtungszeitraum festzulegen. Dieser Schritt ist vor allem bei kausalanalytischen Interpretationen entscheidend, weil bei vielen Kausalmodellen (z.B. kumulativer Natur) dem Auftreten der Ursache nicht unmittelbar auch das Einsetzen der Wirkung folgt, sondern letztere sich mitunter erst nach einiger zeitlicher Distanz zeigt (Blossfeld, 2002, 16f).

Die notwendige Subjektabhängigkeit bei der Interpretation wird also begleitet von einem gewissen Maß an Irrtumswahrscheinlichkeit. Ob sich der Interpret geirrt hat, kann nicht immer eindeutig beurteilt werden. Es gibt jedoch einige wichtige Kriterien, die erfüllt sein sollten. Hierzu zählen unter anderem eine selbstkritische, falsifikationistische Grundhaltung des Interpreten sich selbst und seiner Arbeit gegenüber, die Widerspruchsfreiheit der Interpretation in sich und im Verhältnis zu den ihr zugrundeliegenden Daten, die Komplexität im Sinne der Berücksichtigung einer Vielzahl relevanter Sachverhalte, sowie die Plausibilität der Interpretation. Letzteres stellt zwar ein intuitives, aber ein unverzichtbares Kriterium dar (Schulze 2005, 4).

Äußerst komplex waren nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, sondern auch die Vorgänge, welche zu diesen geführt haben. Samuel P. Huntington bietet eine scheinbar plausible und offensichtliche Erklärung des blutigen Zerfalls der einstigen sozialistischen Bundesrepublik an, indem er ihn als „Kampf der Kulturen“ deutet.

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob Huntingtons Interpretation die oben genannten Kriterien erfüllt. Ist sie wirklich plausibel, widerspruchsfrei, kritisch reflektiert und wird sie auch der Komplexität der Ereignisse gerecht?

Um dies zu klären, wird zunächst Huntingtons Sichtweise skizziert, um hieraus weiter Fragen abzuleiten, die es zu beantworten gilt (Kap. 2). Anschließend wird der Beobachtungszeitraum ausgedehnt, um von Huntington nicht berücksichtigte Faktoren zu identifizieren (Kap. 3). Diese werden in einer alternativen kausalanalytischen Interpretation der Entstehung und der Beschaffenheit der Jugoslawienkriege integriert (Kap. 4). Abschließend werden – auf Basis der Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel und soweit als möglich – die aufgeworfenen Fragen beantwortet (Kap. 5), um zu einer abschließenden Beurteilung von Huntingtons Deutungsangebot zu gelangen (Kap. 6).

2 Huntingtons Sicht der Dinge

So wie Jaques Delors ist Huntington der Meinung, dass sich „künftige Konflikte (...) nicht an wirtschaftlichen oder ideologischen, sondern an kulturellen Faktoren entzünden.“ (Huntington 1998, 24). Nach dem Ende des Kalten Krieges verlagern sich sowohl die Konfliktursachen als auch die Konfliktgegenstände in den Bereich der Kultur. Unter Kultur versteht Huntington in diesem Zusammenhang einen umfassenderen Kulturkreis bzw. einen Kulturblock, dessen Mitgliedsstaaten sich wie ein konzentrischer Kreis um einen Kernstaat legen (Huntington 1998, 246).[1]

Der Kampf der Kulturen kann nach Huntington in zwei verschiedene Erscheinungsformen auftreten: zum einen als Kernstaatenkriege, welche in diesem Zusammenhang nicht näher erläutert werden sollen, und zum anderen als Bruchlinienkriege. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien stellen nach Huntingtons Auffassung Buchlinienkriege dar, die sich aus Bruchlinienkonflikten entwickelt haben, wobei letztere „Konflikte zwischen Gemeinschaften (sind), die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören.“ (Huntington 1998, 411)

Bruchlinienkriege haben mit anderen Kriegen gemein, dass ihr Konfliktgegenstand in der Kontrolle über Menschen, meist jedoch über Gebiete liegt, dass sie eine relativ lange Dauer aufweisen und „kriegerische Wechselbäder“ darstellen, die zahlreiche Tote und Flüchtlinge hervorbringen (Huntington 1998, 412ff). Jedoch gibt es zwei zentrale Aspekte, die Bruchlinienkriege von anderen Kriegen unterscheiden:

Erstens finden Bruchlinienkriege im Gegensatz zu anderen Kriegen „fast immer zwischen Menschen unterschiedlicher Religion statt, da die Religion das Hauptunterscheidungsmerkmal von Kulturen ist. (...) Häufigkeit, Heftigkeit und Gewalttätigkeit von Bruchlinienkriegen werden durch den Glauben an verschiedene Gottheiten gesteigert.“ Zweitens sind „Bruchlinienkriege (...) per definitionem Kriege zwischen Gruppen, die Teil größerer kultureller Einheiten sind.“ Die am Krieg unmittelbar beteiligten „Gruppen werden versuchen, den Krieg auszuweiten und sich Unterstützung von kulturell verwandten sogenannten Kin-Gruppen (...) zu sichern.“ (Huntington 1998, 413f)

Die Kin-Unterstützung erfolgt dabei nicht aus ideologischen, machtpolitischen oder ökonomischen Beweggründen, sondern einzig und allein aufgrund der kulturellen Verwandtschaft (Huntington 1998, 24).

Würde sich das erste Unterscheidungsmerkmal ausschließlich auf die Zugehörigkeit der Kriegsbeteiligten zu unterschiedlichen Religionen konzentrieren, so hätte es lediglich deskriptiven Charakter. Durch die Ausweitung der Bedeutung des Glaubens auf Häufigkeit und Intensität der Kriege wird die Religion jedoch zum Erklärungsfaktor erhoben. Dies wirft die Frage auf, ob der Glaube an unterschiedliche Gottheiten tatsächlich als ursächlich für die Entstehung von Kriegen einerseits und deren Heftigkeit und Gewalttätigkeit andererseits angesehen werden kann.

Das zweite Unterscheidungsmerkmal wiederum muss dahingehend hinterfragt werden, ob erstens die Kriegsbeteiligten tatsächlich um Kin-Unterstützung ersucht haben, ob zweitens die Kin-Gruppen tatsächlich nur Angehörige ihres eigenen Kulturkreises unterstützt haben und ob drittens die Unterstützung wirklich ausschließlich auf Basis der kulturellen Verwandtschaft erfolgte.

Die am Konflikt beteiligten Parteien lassen sich jedoch nicht nur nach kulturellen Kriterien in zwei oder mehr Lager einordnen, sondern auch innerhalb eines jeden kulturellen Lagers hierarchisch differenzieren. Auf der primären Ebene verortet Huntington diejenigen Parteien, die tatsächlich kämpfen und einander töten. In direkter Verbindung zu ihnen können Beteiligte der sekundären Ebene stehen, dies sind meist Staaten (z.B. die Regierungen Serbiens und Kroatiens), die die Primärbeteiligten unterstützen. Noch loser mit dem Konflikt verknüpft sind Tertiärbeteiligte, also Staaten, die vom Kampfgeschehen noch weiter entfernt sind, aber mit den Primär- und Sekundärbeteiligten kulturell verbunden sind (Huntington 1998, 445f).

Für diese Arbeit entscheidend ist Huntingtons Feststellung, dass ein Bruchlinienkrieg von unten her hoch kocht, also von den Primärparteien initiiert wird, weil der dem Krieg zugrunde liegende Konflikt in der unterschiedlichen Kultur und Religion sowie in der geographischen Nähe dieser Primärparteien verwurzelt ist (Huntington 1998, 478 & 491).

Auch dies ist zu überprüfen.

Religion beziehungsweise Kultur allein – obwohl sie von Huntington (zumindest implizit) als zentrale Ursache angeführt werden – reichen jedoch nicht aus, um den Zerfall Jugoslawiens und die kriegerischen Auseinandersetzungen zu erklären. Auch historische Ereignisse seien hierfür nur unzureichend geeignet: „die Geschichte allein vermag (...) den Zusammenbruch des Friedens nicht zu erklären. Es müssen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts andere Faktoren ins Spiel gekommen sein.“ (Huntington 1998, 423)

Als den wichtigsten dieser Faktoren, identifiziert Huntington im Falle von Bosnien-Herzegowina sowie des Kosovo die demographischen Verschiebungen, welche aus der ungleich höheren Fertilität der Kosovoalbaner bzw. der bosnischen Muslime resultierten: Im Kosovo erzeugte das einseitige demographische Wachstum politischen, wirtschaftlichen und sozialen Druck auf die Serben und zwang sie dazu, aus ihrem „heiligen“ Land zu emigrieren. Da die Forderung nach Anerkennung des Kosovo als jugoslawische Teilrepublik trotz der veränderten demographischen Verhältnisse nicht anerkannt wurde, haben die Kosovoalbaner ihrem Anliegen gewaltsam Nachdruck verliehen und Serben verstärkt diskriminiert, verfolgt und angegriffen. Dies alles schürte serbische Ängste und serbischen Nationalismus. Im Kosovo wie auch später in Bosnien-Herzegowina führte schließlich die demographische „Expansion der einen Gruppe (...) zur ethnischen Säuberung durch die andere.“ (Huntington 1998, 425ff)

Zu überprüfen ist daher, ob der (für Huntington zentrale) demographische Faktor ausschlaggebend gewesen sein kann, und ob tatsächlich politischer, wirtschaftlicher und sozialer Druck auf die Serben ausgeübt worden ist.

Die Kämpfe zwischen Serben und Kroaten wiederum sieht Huntington weder demographisch noch primär historisch begründet: Nach dem Sturz des kommunistischen Systems und dem Ende des Kalten Krieges konnten sich

„(d)ie Menschen (...) nicht mehr als Kommunisten (...) oder Jugoslawen verstehen, (sie: SW) mussten händeringend eine neue Identität suchen und fanden sie in den alten Ersatzkategorien der Ethnizität und Religion. Die repressive, aber friedliche Ordnung von Staaten, die der Lehre von der Nichtexistenz Gottes verpflichtet waren, wurde durch die Gewaltbereitschaft von Menschen ersetzt, die unterschiedlichen Gottheiten verpflichtet waren.“ (Huntington 1998, 427f)

Auch diese Sichtweise wirft neue, teils aber auch bekannte Fragen auf: Haben sich die einzelnen jugoslawischen Völker tatsächlich eine Ersatzidentifikation gesucht ? Falls ja: Welche Rolle spielt die Religion als beziehungsweise innerhalb der Ersatzidentität? Kann der Glaube an unterschiedliche Gottheiten per se Gewalt erklären? Und war die Ordnung in Jugoslawien tatsächlich friedlich?

Jede einzelne der soeben aufgeworfenen Fragen hätte es eigentlich verdient, Gegenstand einer eigenständigen Untersuchung zu werden: zu komplex und vielschichtig sind die Hintergründe, auf die sie abzielen. Dennoch soll im Folgenden versucht werden, jede Frage auf Basis plausibler Argumente zu beantworten. Sofern dies im Einzelnen misslingt, wird der jeweilige Gegenstand zumindest kritisch reflektiert.

Insgesamt betrachtet konzentriert sich Huntington bei seiner Analyse auf kulturelle (Religion, Identität) und demographische Aspekte, weist historischen Entwicklungen bestenfalls eine sekundäre Rolle zu und blendet wirtschaftliche und politische Faktoren weitestgehend aus. Gerade letztere sind aber für die meisten Kriege evident – mitunter auch für diejenigen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Dies zu untersuchen erfordert allerdings eine – sowohl synchron als auch diachron – tiefer gehende Untersuchung.

3 Die Ausweitung des Beobachtungszeitraums

3.1 Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg

Über viele Jahrhunderte hinweg stand der Balkan unter der Fremdherrschaft und somit unter dem Einfluss verschiedener Großreiche, die, nachdem sie zurückgedrängt beziehungsweise zerschlagen wurden, eine unvergleichliche Fülle an ethnischen und nationalen Gruppierungen hinterließen, welche unterschiedlichen Religionen anhingen und unterschiedliche Sprachen verwendeten.

Trotz oder gerade wegen der ethnischen Heterogenität, Multikonfessionalität und Sprachenvielfalt gab es (bereits vor als auch während dem Ersten Weltkrieg) unterschiedliche nationale Vereinigungsbestrebungen, von denen hier nur die drei wichtigsten zu nennen sind: Aufbauend auf dem Illyrismus entwickelte sich der Jugoslawismus. Dieser unterstellte eine ethnische, kulturelle und sprachliche Verwandtschaft aller Südslawen, die es daher in einem gemeinsamen Staate zu einen galt. Serben wiederum träumten von der Verwirklichung der bereits im 19. Jahrhundert von Ilija Garašanin ersonnenen großserbischen Idee, während Kroaten angestachelt vom geistigen Vermächtnis Ante Starčevićs einen eigenen Nationalstaat anstrebten, der seinerseits großkroatische Züge tragen sollte. (Höpken 1991, 35ff)

Der erste staatliche Einigungsversuch im Jahre 1918 musste unter Zeitdruck erfolgen: die äußere Bedrohung, welche durch italienische Territorialhoffnungen im Adriaraum erzeugt wurde, rückte strategische Interessen der Balkanvölker in den Vordergrund. (Höpken 1991, 37) Die allgemeine Auffassung, sich gemeinsam besser gegen feindliche äußere Einflüsse wehren zu können, führte dazu, dass ethnozentristisch-nationale Ambitionen in den Hintergrund traten und sich der Jugoslawismus als staatstragende Ideologie durchsetzen konnte. Jedoch bestanden vor allem auf Seiten der Kroaten einerseits und auf Seiten der Serben andererseits (aufgrund der ursprünglichen nationalen Ambitionen) unterschiedliche Auffassungen darüber, wie der neue Staat auszugestalten sei. Serbien befürwortete eine zentralistische, Kroatien (und auch Slowenien) eine föderalistische Staatsordnung (Schlarp 1991, 25).

Die Integration des ersten jugoslawischen Staates erwies sich von Anfang an als äußerst schwierig. Unter dem Einfluss von Österreich-Ungarn (auf die Heimat der Slowenen und Kroaten) einerseits und des osmanischen Reichs (auf die Heimat der Serben, Montenegriner, Muslime und Makedonier) andererseits hatten sich unterschiedliche Rechts- und Verwaltungs-, Währungs- und Wirtschaftsstrukturen, sowie separierte Waren- und Arbeitsmärkte entwickelt (Calic 1996, 15 & 20f). Zudem war – aufgrund der unterschiedlichen Strukturen – ein steiles sozioökonomisches als auch politisches Gefälle zwischen dem wirtschaftlich starken aber politisch und militärisch schwachen Norden (Slowenien, Kroatien) und dem politisch starken aber wirtschaftlich schwachen Süden (Serbien) festzustellen. (Esser 2000, 401)

Die grundlegende Frage nach den Proportionen bei der Machtausübung konnte Serbien für sich entscheiden, weil es seinen Ressourcenvorsprung an Dynastie, Armee, Bürokratie einbringen und geltend machen konnte: Serbien sah sich als Befreier der südslawischen Völker, legitimierte hierdurch seinen Machtanspruch und bestimmte die Ausgestaltung des gemeinsamen Staates im eigenen Interesse und entgegen den kroatischen Vorstellungen (Höpken 1991, 38).

Der serbische Machtanspruch wurde durch die Verfassungen von 1921 und 1931, sowie durch die Einführung der Königsdiktatur 1929 besiegelt. Der Staat erhielt sukzessive einen strikten unitaristischen und zentralistischen Charakter, der die einzelnen Völker ihrer nationalen und sprachlichen Identität beraubte – und dies auf Basis eines ersonnenen Jugoslawismus, der ausschließlich als Deckmantel für großserbische Ambitionen fungierte (Melcic 1999, 216f). Serbien beutete Slowenien und Kroatien wirtschaftlich aus und auch die anderen Völker fühlten sich (mit Ausnahme der Montenegriner) von den Serben bevormundet und unterdrückt (Melcic 1999, 154). Die serbische Vorherrschaft erweckte vor allem bei den Kroaten, die sich subjektiv schlechter gestellt sahen als in Österreich-Ungarn, nationalistische Gefühle aufs Neue und provozierte zahlreiche Konflikte zwischen Serben und Kroaten (Höpken 1991, 39f).

Kroatien, das seine nationalen Geschicke (wenn nicht in einer Föderation, dann lieber) selbst bestimmen wollte, konnte nur aufgrund einer erneuten äußeren Bedrohung des jugoslawischen Staates davon abgehalten werden: Die Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich im Jahre 1939 ermöglichte, erforderte aber auch einen serbisch-kroatischen Ausgleich (Sporazum), welcher Kroatien zwar Verwaltungsautonomie gewährte, die grundlegenden nationalen Gegensätze und Konflikte aber nicht überbrücken konnte (Calic 1996, 16). Die Konflikte beschränkten sich dabei nicht nur auf das serbisch-kroatische Verhältnis, sondern waren auch in Mazedonien, im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina zu finden, wo entweder eine rigide Serbisierungspolitik betrieben wurde oder aber eine serbische Minderheit über die ansässige und teils rechtlose Mehrheitsbevölkerung dominierte.

[...]


[1] Der Originaltitel von Huntingtons Kampf der Kulturen lautet eigentlich „The Clash of Civilizations“. Die vom Englischen abweichende Begriffsverwendung der deutschen Sprache machte es erforderlich, dass „civilization“ mit dem Begriff „Kultur“ und „culture“ mit dem Begriff „Zivilisation“ übersetzt werden musste.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Krieg in Jugoslawien - Kampf der Kulturen oder Nationenbildungsprozess?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
HS Interregionale Ungleichheiten und Konflikte
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
45
Katalognummer
V74377
ISBN (eBook)
9783638870948
ISBN (Buch)
9783638892926
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg, Jugoslawien, Kampf, Kulturen, Nationenbildungsprozess, Interregionale, Ungleichheiten, Konflikte
Arbeit zitieren
Sebastian Wiesnet (Autor), 2007, Krieg in Jugoslawien - Kampf der Kulturen oder Nationenbildungsprozess?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74377

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