Paix par le courage

Die Reaktionen der Parteien der Weimarer Republik und Frankreichs auf den Vertrag von Locarno vor dem Hintergrund deutsch - französischer Beziehungen


Referat (Ausarbeitung), 2007

16 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Vertrag von Locarno
2.1 Zusammenfassung der Vorgeschichte
2.2 Hoffnungen und Ziele in der Politik beider Staaten
2.3 Die Bestimmungen

3. Reaktionen auf die Konferenz
3.1 „Silberstreifen am düsteren Horizont“ – Meinungen in Deutschland
3.2 „paix par le courage“ – Die Verarbeitung in Frankreich

4. Folgen und Perspektiven Locarnos

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

1871, 1914, 1919. Daten, die sich in dem Bewusstsein zweier Staaten ganz besonders eingeprägt haben. Am 18. Januar 1871 wird im Spiegelsaal zu Versailles der erste Kaiser des zweiten Deutschen Reiches vor dem Hintergrund der französischen Niederlage gekrönt. Am 3. August 1914 erklärt Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Frankreich den Krieg, der Anstoß zum ersten weltumfassenden Konflikt. Am 18. Juni 1919 wird der Versailler Vertrag unterzeichnet und damit die Niederlage Deutschlands im ersten großen Krieg besiegelt.

Drei Daten, die nicht nur als historisch wichtige Tage in die Geschichte eingegangen sind. Sie sind viel mehr als das: tiefgreifende Ereignisse in der Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich. Sie sind Fundamente der Wut, Angst und des ausartenden Hass zwischen zwei Staaten, deren Politik und die Auffassungen ihrer Bevölkerung über Jahre hinweg gestört blieben.

Um die deutsch – französischen Beziehungen im Spektrum der Jahre 1924 und 1925 verstehen zu können, muss demnach zunächst die Vorgeschichte und damit die Entstehung des Konfliktes zwischen beiden Staaten betrachtet werden. In diesem Zusammenhang erscheint die Bedeutung des Versailler Vertrages zu diesem Thema als besonders beachtenswert. Diese Auffassung ist in der modernen historischen, aber auch politologischen Forschung weit verbreitet, sodass dem interessierten Leser zahlreiche Studien, Dokumente, Biographien und Fachbücher zugänglich sind. Der Historiker Ulrich Kluge etwa geht in seinem Werk „Die Weimarer Republik“[1] verstärkt auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge in dem deutsch – französischen Konflikt ein. Hermann Hagspiel oder Wolfgang Michalka dagegen versuchen in ihren Abhandlungen[2] die Ursachen und Folgen der gestörten Beziehung beider Seiten politologisch und vorzugsweise parteilich zu erörtern. In Bezug auf die divergierenden Interessen des deutschen und des französischen Volkes beziehungsweise die Verarbeitung der Ereignisse zwischen 1918/19 und 1933 in der Presse sind darüber hinaus Biographien[3], Dokumentensammlungen und Archivbesuche von hoher Bedeutung.

Die Basis der Änderung der Intention und Ziele Deutschlands und Frankreichs in der (Außen-) Politik beider Staaten war der Vertrag vom Locarno vom 16. Oktober 1925. Im Folgenden sollen daher anhand dieses Sicherheitspaktes die Reaktionen der deutschen sowie der französischen Parteien im Rahmen einer Verständigungs – und Entspannungspolitik, die durch die Außenminister Gustav Stresemann (R 1923 – 1929) und Aritiste Briand (R 1925 – 1932) entscheidend konstruiert wurde, erörtert und bewertet werden.

War es möglich, die schweren Erschütterungen der letzten etwa 50 Jahre zwischen Deutschland und Frankreich durch die Einsicht der Notwendigkeit einer gemeinsamen Wirtschafts- und Außenpolitik zu durchbrechen? Konnten sich die vormaligen Feinde wieder annähern?

2. Der Vertrag von Locarno

2.1 Zusammenfassung der Vorgeschichte

Die Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 18. Juni 1919 bedeutete de jure das Ende des Weltkrieges, faktisch bildete er das Fundament des weiteren Konfliktes zwischen Deutschland und den Siegermächten, vor allem im Bezug auf Frankreich. Die strukturelle Unterlegenheit der französischen Nation und die daraus resultierende allzeitliche Angst vor neuen Aggressionen der Deutschen bestimmten maßgeblich die Festlegungen des Vertrages.

Zentrale Regelungen sahen das Verbot eines Anschlusses Deutschlands an Österreich vor, weitgehende militärische Entwaffnung, d.h. eine Beschränkung des Heeres auf 100000 Soldaten, die Auflösung des Generalstabes und das Verbot der Verwendung bestimmter Waffen, Verlust von 90 Prozent der Handelsflotte und die Aufhebung des Friedensvertrages von Brest – Litowsk. Durch Gebietsabtretungen verlor Deutschland 13 Prozent des nationalen Gebietes verbunden mit dem Verlust von zehn Prozent der Bevölkerung.[4]

Besonders schwer traf die junge Republik die Reparationsforderungen, in denen zunächst eine Vorauszahlung von 20 Milliarden Goldmark als Entschädigung vorgesehen waren. Weitere Ansprüche sollten nach einem internationalen Gutachten zur Zahlungsfähigkeit Deutschlands geltend gemacht werden, die „Reparationsfalle“[5] entwickelte sich.

Den moralischen Bruch der Deutschen und die Auffassung vom „Versailler Diktat“ beschwor der Kriegsschuldartikel 231, in dem Deutschland die alleinige Schuld an der Katastrophe zugesprochen wurde. „Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar!“[6]

Der politische Graben zwischen Frankreich und Deutschland, gefüllt mit wechselseitigen Hass, Wut und Angst bedeutete den Fortgang der Auseinandersetzung zwischen Siegern und dem Besiegten des ersten weltumfassenden Krieges. Fortan lag es im französischen Interesse, die Bedingungen des Vertrages unter allen Umständen erfüllen zu lassen; die deutsche Politik hingegen strebte eine Revision des Friedensvertrages an – ein Gegensatz, der die Politik bis 1924 maßgeblich bestimmen sollte.

Die Erschütterung der ohnehin gestörten deutsch – französischen Beziehungen erlangte Anfang 1923 einen Höhepunkt. Der Ruhrkonflikt: dieser ergab sich aus dem Einmarsch französischer Truppen mit belgischer und italienischer Unterstützung. Strategisch wichtige Punkte wurden besetzt, eine Zentralverwaltung unter militärischen Zwang eingerichtet. „Das Gläubigerland Frankreich hat von dem Schuldner Deutschland die Rheinland als Pfand erhalten.“[7] Frankreich nutzte demnach das Rheinland und die Besetzung des Ruhrgebietes, um die Reparationszahlungen Deutschlands zu erzwingen. Tatsächlich war der Besiegte des Krieges Ende 1922 mit Kohle- und Holzlieferungen in Rückstand geraten, für die französische Regierung eine bewusste Verletzung der Bestimmungen des Versailler Vertrages. Allerdings hatte Deutschland bereits m Juli 1922 beantragt, die Restzahlungen der Reparationen aufgrund von Zahlungsunfähigkeit bis 1925 auszusetzen. Dies erwies sich gemäß Artikel 234 des Vertragswerkes als legitim. Umso schockierender war folglich der Einmarsch der französischen Truppen Anfang 1923. „Die Erweiterung des besetzten Gebietes ist unvereinbar mit dem Versailler Vertrag. Sie zeigt, daß auch vier Jahre nach dem Kriegsende der französische Militarismus (…) noch mit den Mitteln des Krieges arbeitet.[8]

Die Ruhrbesetzung hemmte also eine mögliche Entspannungspolitik der deutsch – französischen Beziehungen. So stellt der Historiker Ulrich Kluge fest: „Der Krieg im Ruhrgebiet (…) kannte keine Sieger, nur Opfer.“[9]

Unter dem Eindruck des Ruhrkampfes, der nachfolgenden Inflation in Deutschland und Frankreich und den Versuchen der Reichsregierung, eine Währungsstabilität herbeizuführen, entstand der Dawes – Plan, in dem im August 1924 neue Modalitäten zur Reparationsfrage beschlossen wurden.[10] Doch auch hier verhinderte der Konflikt von Anspruch und Wirklichkeit eine deutsch – französische Entspannungspolitik. Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann strebte fortan eine Revision der Höhe der Zahlungen an, der französische Außenminister forderte hingegen weiterhin die schnellstmögliche Begleichung der Kriegsschulden.

Vor dem Hintergrund der genannten Faktoren begann Ende 1924 eine langsame politische Konsolidierung zwischen Deutschland und Frankreich, an dessen Ende ein dauerhafter Frieden in ganz Europa und der Abschluss aller Aggressionen stehen sollte. Den Grundstein dafür legte der Vertrag von Locarno vom 16. Oktober 1925. Doch welche Einflüsse begründeten Verhandlungen und eine Entspannungspolitik? Warum kam kaum zwei Jahre nach der Ruhrbesetzung ein deutsch – französisches Abkommen zustande?

[...]


[1] Kluge, Ulrich: Die Weimarer Republik. Paderborn 2006.

[2] Michalka, Wolfgang (Hrsg.); Niedhart, Gottfried: Deutsche Geschichte 1918 – 1933. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik. Frankfurt/Main 2002.

Hagspiel, Hermann: Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Die deutsch – französische Außenpolitik der zwanziger Jahre im innenpolitischen Kräftefeld beider Länder. Bd. 24 (Pariser Historische Studien), Bonn 1987.

[3] Suarez, Georges: Briand. Sa vie et son oeuvre avec son journal et de nombreux documents inedits. Bd. 6, L´ Artisan de la Paix 1923 – 1932. Paris 1952.

[4] Die Bevölkerungszahl bezieht sich auf den Stand von 1910.

[5] Kluge, S.49.

[6] Stellungnahme Scheidemanns zu den Friedensbedingungen am 12. Mai 1919;

Zit. nach: Verhandlungen der verfassunggebenden Nationalversammlung, Bd. 327, S. 1082ff

[7] A. Dariac, Vorsitzender der Finanzkommission der französischen Kammer am 28 Mai 1922;

Zit. nach: Erbar, Ralph: Quellen zu den deutsch – französischen Beziehungen 1919 – 1963. Darmstadt 2003.

[8] Der Vorstand der SPD zur Ruhrbesetzung am 11. Januar 1923;

Zit. nach: Michaelis; Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 5, S. 24f.

[9] Kluge, S. 76.

[10] Ein internationales Gutachten erkannte Deutschland lediglich eine bedingte Zahlungsfähigkeit an. Aufgrund dieser Tatsache wurden die ursprünglichen Forderungen leicht gelockert. Der Dawes – Plan sah vor, das Deutschland in den Jahren 1924 und 1925 eine Milliarden Goldmark als Reparationen zu zahlen hätte. Anschließend sollte eine jährliche, schrittweise Steigerung der Zahlungen auf einen Höchstbetrag von 2,5 Milliarden Goldmark bis 1928/29 erfolgen. In Falle der wirtschaftlichen Stabilisierung Deutschlands war eine weitere Erhöhung der Reparationszahlungen ab 1929 angedacht. Eine zeitliche Begrenzung der Forderungen wurde jedoch nicht festgelegt.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Paix par le courage
Untertitel
Die Reaktionen der Parteien der Weimarer Republik und Frankreichs auf den Vertrag von Locarno vor dem Hintergrund deutsch - französischer Beziehungen
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Helmut-Schmidt-Universität)
Veranstaltung
Von München nach Versailles - Die deutsch - französischen Beziehungen zwischen 1918 und 1938/1939
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V74410
ISBN (eBook)
9783638714648
ISBN (Buch)
9783638824538
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paix, München, Versailles, Beziehungen
Arbeit zitieren
Holger Skorupa (Autor), 2007, Paix par le courage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74410

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