Kommunikationsformen im "Frauendienst"

Über die Verbindung von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Körperlichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Brief

3. Die Minne

4. Die face-to-face-Kommunikation

5. Der Bote

6. Das Büchlein

7. Der Körper
7.1 Der fremdbestimmte Körper
7.2 Der textualisierte Körper

8. Die Minnelieder

9. Sakralisierung

10. Bibliographie

1. Einleitung

Der „Frauendienst“ Ulrichs von Lichtenstein, entstanden um 1255, ist eine stilisierte Autobiographie des Autors, in der er sein Leben bezüglich seines Diensts als Minneritter beschreibt. Das Werk zeigt exemplarisch den vorbildlichen höfischen Ritter Ulrich, wie er den Minnedienst an zwei verschiedenen Damen leistet. Die als Tatsachen dargestellten Episoden sind durchaus nicht immer ernst zu nehmen, übertreibt der Autor doch stark seine Verehrung der ersten Dame, deren Handwaschwasser er zu trinken vorgibt und der er zum Beweis für die Aufrichtigkeit seines Minnediensts seinen abgeschlagenen Finger zukommen lässt, eingebunden in ein Buch mit Minneliedern. An solchen und ähnlichen Stellen wird deutlich, dass der Autor selbst das Konzept der hohen Minne nicht ohne Ironie gesehen hat. Dieses sah grundsätzlich vor, dass ein Adeliger mit dichterischen und kämpferischen Mitteln um eine Dame von höherem Stand als dem eigenen warb - mit dem einzigen Ziel, das eigene Ansehen und das ihre zu vermehren. Nahm die Dame den Dienst an, bedeutete das zugleich eine soziale Aufwertung des Minneritters. War er wiederum erfolgreich z.B. bei Turnieren, die er in ihrem Namen besuchte, wurde sein Ruhm automatisch auch ihr zuteil usw. So gesehen war dies eine Zweckbeziehung, von der beide Seiten profitierten; die wirkliche Minneerfüllung war nicht Teil des Konzepts, da ansonsten der Kreislauf von wechselseitiger Ehrvermehrung unterbrochen worden wäre. Einen weiteren wichtigen Aspekt der hohen Minne stellte die vollkommene Idealisierung der jeweiligen Minneherrin dar, die demnach reine Tugend, Keuschheit und Schönheit in einem verkörperte. Im „Frauendienst“ wird besonders an letztgenannter Idealisierung nicht gespart, denkt man an die Opfer, die der Minneritter in der Erzählung bringt, an die Strapazen, die er freudig für die Geliebte auf sich nimmt. Die Aufgabe dieser Hausarbeit soll jedoch nicht sein, das Minnekonzept anhand des „Frauendiensts“ zu erläutern; es soll vielmehr etwas untersucht werden, das der Minne zugrunde liegt – die Kommunikation. Zu Zeiten Ulrichs von Lichtenstein, besonders im Minnekontext, wurde meist auf indirektem Wege kommuniziert. Dies erfolgte zum Beispiel über Briefe, Boten oder Büchlein. Sie dienten dazu, Distanz zu überbrücken und körperliche Anwesenheit zu ersetzen. Welche kommunikative Bedeutung hatten sie? Wie eng waren Schriftlichkeit und Körperlichkeit im Mittelalter miteinander verknüpft? Warum konnte die Schrift das Wort ersetzen, sowie der Körper die Schrift? Im Folgenden sollen am Beispiel des „Frauendiensts“ verschiedene Formen der Kommunikation, deren Bedeutung und ihre Verwebung miteinander untersucht werden. Dabei wird immer dann der Name „Ulrich von Lichtenstein“ verwendet, wenn auf den Autor Bezug genommen wird, „Ulrich“, „das Erzähler-Ich“ und dergleichen wenn vom Hauptcharakter die Rede ist.

2. Der Brief

In vielen Werken höfischer Literatur verbindet der Brief als Werk im Werk ästhetische, strukturelle, kommunikationstheoretische und inhaltliche Fragen. In Ulrichs von Liechtenstein „Frauendienst“ nimmt er neben der Rolle der schriftlichen Vermittlungsinstanz oft auch die des Gesprochenen an sich ein. Da Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Mittelalter in einem symbiotischen Verhältnis zueinander stehen[1], kann der Brief die unmittelbare Sprechsituation ersetzen. Etymologisch betrachtet lässt sich die Tatsache, dass die Grenzen zwischen mündlicher und schriftlicher Nachrichtenform fließend waren, daraus ableiten, dass z.B. die mittelhochdeutschen Wortebriefundbotschaftsynonym verwendet werden konnten[2]. Diese Gleichstellung wird im „Frauendienst“ insofern reflektiert, als der Brief zum Teil als nicht ausreichend aufgefasst wird, etwa um das Angesicht einer Person (in diesem Fall das Ulrichs nach der Mundoperation) vor dem inneren Auge hervorzurufen. Das Briefideal wird folglich unterminiert und problematisiert.

3. Die Minne

Die Minne nimmt in Ulrichs von Liechtenstein “Frauendienst” eine besondere Stellung ein. Neben Schrift, Rede und Körper wirkt sie in besonders indirekter Form als Sprachrohr.

Obwohl Liebe und Kommunikation (besonders Kommunikations-schwierigkeiten) bei Ulrich von Liechtenstein stets miteinander verbunden sind, wird die Minne problemlos und teilweise sogar ohne direkte Kommunikation vermittelt; das XIII. und das XIV. Lied werden von seiner Dame gehört, obwohl das Erzähler-Ich Ulrich überhaupt nicht anwesend ist.

An anderer Stelle wird der nun personifizierten Minne eine umfangreichere Handlungsrolle in der Kommunikation zuteil. Ulrich von Liechtenstein greift damit eine literarische Tradition auf, nach welcher Frau Minne häufig in den Minnereden als Inbegriff höfischer Vollkommenheit und Verkörperung der Minnerede auftritt[3].

In Lied X kommt es zu einem fingierten Gespräch zwischen ihr und dem Erzähler-Ich, in dem der Minnediener sich beschwert, dass seine Bemühungen gegenüber der Dame unbelohnt bleiben. Auf diese Weise kann er letztere wissen lassen, dass er enttäuscht ist, ohne jedoch seinen Unmut direkt kundzutun und sie damit anzugreifen oder ihre Idealität anzutasten. Frau Minne, die Autoritätsinstanz in Sachen Liebe, verpflichtet Ulrich natürlich zur Fortsetzung seines Dienstes:

„Waz klagest du, tumber,

so saelegen kumber,

den ich durch guot dir geraten hân,

daz du der guoten,

der reine gemuoten,

waerest mit triuwen vil undertân?(Lied X, Strophe 2)

Da nun eine höhere Instanz Ulrich bestimmt, den Dienst weiterzuführen, kann er einerseits sein Pflichtgefühl gegenüber der Dame noch ehrenvoller darstellen, andererseits tadelt er sich vor ihr durch die Figur der Frau Minne auch selbst für seine Unfähigkeit, die“liebe-leit-Opposition”[4]des Minnedienstes auszuhalten. Zudem ist mit dieser Darstellung der Dame die Möglichkeit genommen, den Minnediener für sein Aufbegehren zurechtzuweisen, der trotz der Beschwerden weiterhin in seiner demütigen Rolle verharrt.

Im weiteren Verlauf des Liedes gewinnt das Ulrich-Ich jedoch eine stärkere Position, die Freiraum für Kritik an seiner Dame lässt. Es betont die Tadellosigkeit seines Dienstes, die seiner Meinung nach die Abwehrhaltung seiner Minneherrin nicht rechtfertigt. Doch um ihre höfische Vorbildlichkeit nicht in Frage zu stellen, attestiert es ihr lediglich eine veränderte Wahrnehmung:

„Wil siez bedenken,

sô muoz mich wol krenken

sorg âne trôst, die ich lîde von ir.

[...]

Sît sie mîn lîp

für elliu wîp

meinet besunder

von herzen gar:

wê! durch welch wunder

nimt sie des nicht wahr?“(Lied X, Strophe 3)

Obwohl sich Ulrich bewusst ist, dass es keinesfalls an Kommunikationsproblemen liegt, dass sein Minnelohn bisher ausgeblieben ist, befragt er im Lied auch hierzu Frau Minne. Diese versichert ihm, die Bemühungen seien nicht umsonst und er auf dem besten Wege, nun endlich von der Dame erhört zu werden:

„Wirt sie für wâr

an dir gewar,

daz dich niht krenket

ein valscher krank,

vil wol bedenket

dich ir habedank”(Lied X, Strophe 10)

Dies ist wohl als taktisch-kommunikativer Zug zu verstehen; einerseits um sich selbst zu beruhigen, andererseits um die Betreffende auf indirekte, sie nicht kritisierende Weise zu bewegen, ihn endlich gebührend zu entlohnen.

Indem Ulrich von Liechtenstein Frau Minne in die Handlung miteinbezieht, sei sie auch nur ein Produkt seiner Imagination, versucht er den Konflikt zwischen Erzähler-Ich und Dame zu lösen, die Minne also als Schlichterin[5]einzusetzen, die sich um ein für beide Seiten zufriedenstellendes Ergebnis bemüht (welches meist seinen Wünschen entspricht).

Sie stellt eine Instanz der Selbstmotivation dar, ist jedoch gleichzeitig auch ein Mittel der Kommunikation. Sie ersetzt sowohl die face-to-face-Kommunikation, die als einzige Situation ein ehrlicheres Sprechen ermöglichen würde (in der also Forderungen und Wünsche frei ausgesprochen werden könnten, was die Konzeption des Minnediensts jedoch nicht erlaubt), als auch den Mediator zwischen den Parteien, den eine solche Situation erforderte.

[...]


[1]Kellermann, Karina/Young, Christian. You´ve got mail! Briefe, Büchlein, Boten im „Frauendienst“ Ulrichs von Liechtenstein. Max-Niemeier Verlag, Tübingen 2003 S.333

[2]Linden, Sandra. Kundschafter der Kommunikation. Modelle höfischer Kommunikation im ‘Frauendienst’ Ulrichs von Lichtenstein. A. Francke Verlag, Tübingen 2004, S.46

[3]Linden, S.288

[4]Linden, S.289

[5]Linden S.290

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kommunikationsformen im "Frauendienst"
Untertitel
Über die Verbindung von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Körperlichkeit
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V74420
ISBN (eBook)
9783638714785
ISBN (Buch)
9783638715089
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikationsformen, Frauendienst
Arbeit zitieren
Caroline Deckert (Autor), 2006, Kommunikationsformen im "Frauendienst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74420

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