Useppe und die Anderen - Elsa Morantes Kindheitsbild in "La Storia"


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: „La Storia“ – „Die Geschichte“

II. Zerstörte Kinderseelen

III. Elsas innere Wirklichkeit

IV. Ausklang: „E la storia continua..“

V. Anmerkungen

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: „La Storia“ – „Die Geschichte“

Im Jahre 1968 veröffentlichte Elsa Morante, einen Gedichtband mit dem Titel: „Il mondo salvato dai ragazzini ed altri poemi“ (Verlag Einaudi, Turin)“ Mythen, Märchen, Fabeln und die Erlebniswelt des Traumes sind Morantes Hauptthemen ihrer Werke. [1] Als junge Frau und noch unbekannte Autorin schrieb sie in ihr Traumtagebuch von 1938 (Diario): Ich weiß nicht, warum die Gestalten und die Ausdrucksformen des Traumes sich mir stärker einprägen als die Wirklichkeit.“ [2] Immer wieder geht es in Morantes Erzählungen vor allem um Tiere, Kinder und Kindliches, um die Unschuld. „Nur Kinder können die Welt retten“, schreibt Morante und Jahre später liest man in einem ihrer größten Romane „La Storia“ wiederum: „Das ganze Unglück kommt nur daher, dass man erwachsen wird.“ Glücklich seien Jene, die jung sterben. [3] Ein Widerspruch.

Im Folgenden werde ich Elsa Morantes Kindheitsbild, allem voran die Figur des Useppe in „La Storia“ erforschen. An Hand von Textstellen und Schlüsselbegriffen werde ich „il bambino straordinario della literattura italiana“- das außergewöhnlichste Kind der italienischen Literatur, analysieren, um vielleicht herauszufinden, wie Elsa Morante ihre eigene Wirklichkeit, ihre Erfahrungen in diesem Roman verarbeitet hat und woran sie letztendlich zerbrochen ist.[4] Denn auch hier gibt ihr Tage-bucheintrag vom 23. Januar 1938 preis: …“denn vielleicht ist alles Erfinden erinnern...“ [5]

La Storia“ erzählt die Geschichte von kleinen Leuten im Arbeiter- und Armenviertel Roms während der Kriegswirren und Nachkriegsjahre 1941 bis 1947. Ida Ramundo, Lehrerin, und getaufte Halbjüdin wird von dem jungen, deutschen Soldaten Gunter vergewaltigt und geschwängert. Die Witwe und Mutter eines Sohnes, Nino, schenkt einem zweiten Jungen Giuseppe, (fortan gibt er sich selber den Namen „Useppe“) das Leben. Während der lebenshungrige Nino als bekennender Faschist an die russische Front eingezogen wird, überleben Ida und Useppe, Bomben, Hunger, Flucht und den Terror der deutschen Nazibesatzung in ständiger Angst deportiert zu werden. In einem Evakuiertenasyl, treffen sie auf Carlo, (sein richtiger Name ist Davide Segre), ein Jude, der aus einem Konzentrationslager der Deutschen entkommen konnte. Nino wechselt die Seiten und kämpft zusammen mit David als Partisanen im römischen Hinterland. Useppe entwickelt für sein Alter eine herausragende Frühreife und intensive Wachheit. Hinter dem Grauen der Kriegsjahre verliert er nie den unschuldigen Blick für die Schönheit des Lebens; er kommuniziert mit Tieren und hängt sehr an seinem Bruder Nino. Nach dem Krieg gibt es für zerstörte Kinderseelen keinen Halt: Nino wird beim Schwarzhandel von Amerikanern erschossen, David Segre, dessen komplette Familie im KZ ausgelöscht wurde, benebelt seinen Schmerz mit Alkohol und Drogen und findet kurz darauf durch eine Überdosis Gift den Freitod. Der an Epilepsie erkrankte Useppe fällt von Krämpfen geschüttelt von einem Anfall in den nächsten und erliegt seiner Krankheit. Ida und Useppes zweite Mutter, die Hirtenhündin Bella wachen drei Tage und drei Nächte an dem Bett des toten Kindes. Nachbarn alarmieren die Polizei und die Wohnung wird aufgebrochen. Die Beamten finden Ida, ein verrückt gewordenes gealtertes Kind, milde lächelnd, deren Geist mit ihren Söhnen gestorben war. Idas Körper lebte ohne jemals wieder ein Wort von sich zu geben, noch weitere neun Jahre in einer Irrenanstalt Roms.

Die Geschichte von Ida, Nino, Useppe, Davide und den anderen Personen des Romans (einschließlich der Hunde Blitz und Bella) umfasst sechs Jahre und entspricht in etwa die Lebensdauer Useppes. Die fiktive Erzählung ist vor dem eigentlichen Beginn, vor jedem neuen Kapitel (ein Kapitel beträgt ein Jahr) und im Ausklang des Romans durch eine kurze zeitliche Auflistung geschichtlicher Daten eingebettet, so dass historische Daten und fiktive Erzählung zusammenfließen und der fiktive Handlungsstrang einen realen, ja neorealistischen Charakter erhält, als wäre auch dieser Teil der Erzählung wahre Geschichte. Morantes Erzählstil variiert, mal zieht sie sich völlig aus der Geschichte zurück, und an anderen Textstellen ist sie als literarisches Ich durch Ausdrücke wie „Nach den Auskünften, die ich erhalten habe..“ oder „wenn ich nicht irgendwie sein Schicksal geteilt hätte“ sehr präsent. [6]

Elsa Morante beginnt in „La Storia“ (der Titel bedeutet im italienischen die „Erzählung“ aber auch die „Geschichte“, das heißt die in der Geschichte eingebettete Erzählung) mit einer chronologischen Zusammenfassung der Weltgeschichte ab 1900, sie schildert den Imperalismus, den Ausbruch des 1. Weltkrieges, bis zum Aufstieg Hitlers, dem Bündnis der Achsenmächte und den Eintritt Italiens in den 2. Weltkrieg. Vor den Romankapiteln der Jahre 1941 bis 1947 informiert die Autorin den Lesern jeweils in einer detaillierten Monatsübersicht über die wichtigsten politischen und sozialen Geschehnisse.

Im Abspann ab 1948 beschreibt Morante wieder allgemeiner die Situation im zerstörten Nachkriegseuropa, den Koreakrieg, das Wettrüsten der Großmächte im kalten Krieg und beendet ihre Chronologie mit den Worten: „…e la Storia continua…“- Die Weltgeschichte geht weiter…[7]

Die historischen „Prologe“ „beinhalten ausschließlich Negativ-meldungen von politischen Machtstreben und Kriegen. Es sind die nie enden wollenden Gräueltaten der Menschheitsgeschichte, an denen Morantes unschuldige Hauptpersonen aus „ La Storia“ zu Grunde gehen. „Die Geschichte“ handelt von der menschlichen Unmenschlichkeit und seiner Opfer. Das größte Opfer ist hier die Unschuld.- jedoch nicht ohne eine vage Hoffnung zu hinterlassen.

II. Zerstörte Kinderseelen

„Non c’è parola, in nessun linguaggio umano, capace di consolare le cavie che non sanno il perché della loro morte“ (Es gibt kein Wort des Trostes in irgendeiner menschlichen Sprache für Versuchstiere, die nicht wissen, warum sie sterben müssen) so lässt Morante zu Beginn von „La Storia“ einen Überlebenden von Hiroshima zu Wort kommen.[8] In der Tat sind Morantes Hauptpersonen wie Millionen anderer Opfer der Menschheits-geschichte, unschuldig und wehrlos dem System ihrer Zeit ausgeliefert. Die Autorin beschreibt Idas Blick mit dem eines Schlachtviehs oder Versuchstieres der eine leidende Sanftheit von tiefer und unheilbarer Barbarei beinhaltet, die nicht mit dem Geist, sondern mit dem verletzlichen Körper von der Vergangenheit und Zukunft jeden Schicksals „wissen“. [8]

Auch Useppe scheint eine Vorahnung in sich zu tragen. Der kleine Junge erfüllt sein kurzes Dasein mit einer solchen Intensität, die ihn engelsgleich wirken lässt. Elsa Morante (Ida) gibt ihm, wegen seiner lieben ruhigen Art und seiner himmelblauen Augen, die eher vom Meer zu stammen scheinen, den Namen Giuseppe Felice Angiolino (Johannes, glücklicher kleiner Engel) [9] Es muss erwähnt werden, dass Idas jüdische Hebamme den Namen Ezechiel trägt. Morante verbindet mit der Figur Useppes religiöse Elemente in ihren Roman. Ezechiel war ein jüdischer Prophet des Alten Testamentes, der die Gebote der Mitmenschlichkeit predigte. Im hebräischen bedeutet der Name: „Gott macht stark“ und die Verbindung eines Propheten mit einer Hebamme ist äußerst treffend, da der Prophet im griechischen „prophainein“ „zum Vorschein bringen“ bedeutet. [10]

[...]


[1] Hösle, Johannes: Die italienische Literatur der Gegenwart“, C. H. Beck, München, 1999, S. 186

[2] Morante, Elsa: Traumtagebuch (Diario1938), hrg. v. Alba Andreini, Fischer Verlag, 1993

[3] Neumann, Nicolaus:„Kampf in Rom“ aus dem STERN Nr. 19, 29.4.1976

[4] Grace Zlobnicky Kalay: The Theme of Childhood in Elsa Morante, University Missisippi, 1996

[5] Morante, Elsa: Traumtagebuch (Diario1938), hrg. v. Alba Andreini, Fischer Verlag, 1993

[6] Als Beispiele für Morantes Schreibstil, S. 105, S. 620

[7] Morante, Elsa: La Storia, Piper, München 1976, 1988, S. 628

[8] Morante, Elsa: La Storia, Piper, München 1976, 1988, S. 23

[9] Morante, La Storia, Piper, S. 95

[10] Zum Thema des Propheten Ezechiel: http://de.wikipedia.org/wiki/Ezechiel

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Useppe und die Anderen - Elsa Morantes Kindheitsbild in "La Storia"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Italienische Literatur des 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V74525
ISBN (eBook)
9783638783798
ISBN (Buch)
9783638794961
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Useppe, Anderen, Elsa, Morantes, Kindheitsbild, Storia, Italienische, Literatur, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Christian Ferrara (Autor), 2007, Useppe und die Anderen - Elsa Morantes Kindheitsbild in "La Storia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74525

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