Worte aus dem Käfig aus Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"


Hausarbeit, 2004

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung: Bericht eines Konfliktes

II. Anpassung, die Bezwingung der eigenen Natur?

III. Widerwille und Sehnsucht zum Mensch(-Sein)

IV. Enttäuschte Erkenntnis: Der innere Käfig und die Freiheit

V. Ausklang: Die Gesellschaft, das dressierte Tier?

VI. Anmerkungen

VII. Literaturverzeichnis

I. Einführung: Bericht eines Konfliktes

Im Erscheinungsjahr von "Ein Bericht für eine Akademie", 1917, schreibt Franz Kafka an seine Verlobte Felice Bauer: „…daß zwei in mir kämpfen, weißt Du (...) diese zwei sind ein Guter und ein Böser..." [1] Diese persönliche Aussage des Autors zeigt, wie viel "Seelenblut" in seiner Parabel steckt. Kafka erzählt die Geschichte eines in Gefangenschaft geratenen Affen, namens Rotpeter, der entscheidet Mensch zu werden, um seinem Käfig zu entkommen. Dieser Ausweg erscheint als der einzige, der ihm überlebensfähig erscheint. Kafka lässt den Erzähler in klarer, einfacher Sprache den Weg seiner "menschlichen Anpassung" berichten. Die Erzählung liest sich wie eine Rede und ist chronologisch aufgebaut.

Da Rotpeter zum Zeitpunkt seines Berichtes, in dem er "die Bildung eines Durch-schnittseuropäer" erreicht hat, also seine Entwicklung zum Menschen abgeschlossen ist, nehme ich Abstand von dem Bild eines, zur Dressur gezwungenen, gequälten Tieres. Diese Möglichkeit der Interpretation möchte ich im weiteren Verlauf widerlegen und aufzeigen, dass der Affe aus freien Stücken den Entschluss gefasst hat, Mensch zu werden.

Vielmehr verstehe ich Kafkas Bericht als Frage, wie man in den Zwängen unserer Gesellschaft Mensch wird und bleibt. Den inneren Käfig sehe ich als Metapher für diese Zwänge, aber auch für Unwissenheit, Triebhaftigkeit.

Thomas Mann hinterfragt in "Der Tod in Venedig" (1913) das Rätsel Wesen Mensch: "Wer begreift die tiefe Instinktverschmelzung von Zucht und Zügellosigkeit?" [2]

Diese zwei sich widersprechende Elemente, die äußere Begrenzung und die innere Wildheit, beschreibt er als Instinkte, Triebe, als lebensnotwendige Bestandteile des Wesens. Wir Menschen brauchen die Gesellschaft und ihre Grenzen, um zu überleben und wollen dennoch um so mehr Grenzenlosigkeit. [3]

Und weiter kritisiert Thomas Mann die Gesellschaftsform seiner Zeit: " Und hat Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich zugleich-, sittlich als Ausdruck der Zucht, unsittlich (...), ja wesentlich bestrebt ist, das Moralische unter ihr stolzes und unumschränktes Zepter zu beugen?" [4]

Könnte die Figur Rotpeters nicht durch jenen Menschen ersetzt werde, der ängstlich auf dem Pfad der Selbstfindung irrt und das Leben zu begreifen versucht? In "Ein Bericht für eine Akademie finden sich Widersprüche und Konflikte. Kafka lässt seinen Affen in diesem metaphorischen Käfig zu Bewusstsein kommen.

Bei meiner Textarbeit sind mir noch folgende Fragen aufgefallen:

1. Was für eine Beziehung hat der Affe zu seiner vergangenen, tierischen Natur? Genügte ihm das Affendasein?
2. Wie kommt es, dass der Redner zugleich Widerwille und Sehnsucht nach dem Mensch(-Sein) hat?
3. Wie steht der Erzähler zu seiner vergangenen Freiheit und wie sieht er Freiheit in der Menschenwelt?
4. Was sind die Folgen und Erkenntnisse, die er aus seinem "Menschenausweg" erkennt?

Die mir aufgefallenen Fragen werde ich unter Einbezug der Schlüsselbegriffe: Gesellschaft, Freiheit, Angst, Dressur und anhand von "Worten aus dem Käfig" (Textstellen) interpretieren. In meiner Hausarbeit setze ich den Übertragungs-schwerpunkt auf die Gesellschaft und werde eine vorhandene Sozialkritik heraus-arbeiten. Ich nehme Abstand davon, den Affen in der Erzählung als Tier wahrzunehmen, vielmehr als eine Metapher für einen suchenden Menschen nach Vollkommenheit. [5]

Auch den persönlichen Einfluss Kafkas auf den Text möchte ich nicht unberücksichtigt lassen, da ich meine, dass Schriftsteller, aus dem Drang des Schreibens, "aus ihrem Käfig" heraus, oft das wiedergeben, was in ihrer Seele inne wohnt.

II. Anpassung, die Bezwingung der eigenen Natur?

Wenn ich mir die Aussage Kafkas noch einmal betrachte: "diese Zwei in mir sind ein Guter und ein Böser", kommt es mir vor als meine er mit dem Guten den menschlichen kontrollierbaren Geist und die freie Entscheidung der geistigen Entwicklung und sieht das Böse im unbewussten Trieb, den wir Menschen ausgesetzt sind. Wäre es dann nicht eine Erklärung für Rotpeters Glücksempfinden, als er berichtet: "Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir heraus." In der Zerstörung des triebhaften spiegelt sich vermutlich die Sittenstrenge des frühen 20. Jahrhundert, um so mehr noch Kafkas eigene Haltung zur Triebhaftigkeit, die für ihn "etwas Entwürdigendes und Entmensch-liches" bedeutet. [6]

Rotpeter distanziert sich, der Anpassung bemüht, ganz freiwillig von seinem früheren Wesen. Der Satz: "Diese Fortschritte, dieses eindringen der Wissensstrahlen (...) ins erwachende Hirn.", sind Beweis dafür, dass der Erzähler den Weg der menschlichen Erwicklung genommen hat, um der geistigen Beschränkung zu entgehen. Demnach könnte sein Affendasein bereits beengend auf ihn gewirkt haben, bevor er in die körperliche Gefangenschaft der Menschen kam. Man beachte hier, das ein Käfig aus positiver Sicht auch stets ein Motor zur Befreiung, hier, zur Bewusstseinserweiterung gesehen werden kann. Eine weitere Abwehrhaltung seinem Wesen gegenüber, spiegelt sich in seiner Aussage: "…diese Lücke war mit aller Affenkraft nicht zu erweitern." Das eigene Wesen wird hier als unbrauchbar und schwach empfunden, ja sogar dagegen angekämpft. Wenn Rotpeter mit seinen Wesenszügen zufrieden bei sich ruhen würde, warum äußert er dann: "daß wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur kämpfen." Dies passt nicht in das Bildnis eines gequälten, fremdbestimmten Tieres. Im Gegenteil, wäre die Menschwerdung nicht Rotpeters größter Wunsch, so würde er nicht voller Empörung und ungewöhnlich aggressiv auf die Zweifel eines Zeitungsreporters, seine Affennatur sei noch nicht ganz unterdrückt, reagieren in dem er ganz erbost entgegnet: "Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Spekulativ könnte diese verarbeitete Szene eine Verärgerung Kafkas über einen Kritiker sein.

[...]


[1] Born Jürgen, "Daß zwei in mir kämpfen." und andere Aufsätze zu F. Kafka, S. 9

[2] Mann, Thomas, Der Tod in Venedig, S. 89

[3] Die Definition "Gesellschaft" habe ich den Grossen Brockhaus entnommen

[4] Mann, Thomas, Tod in Venedig, S. 28

[5]. Ich vermute hier die bewusste Verwendung des Tier "Affe" als Spiegelbild zu Kafka, auf Grund seines bekennenden Darwinismus Band III, BBKL zu Autor "Frank Kafka"

[6]. Honegger, Jürgen Beat, Phänomen der Angst bei Franz Kafka, S. 55

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Worte aus dem Käfig aus Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Einfürung in die Neure Deutsche Literaturwissenschaft- Kafkas Erzählungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V74543
ISBN (eBook)
9783638783880
ISBN (Buch)
9783638795029
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Eine sehr überzeugende Arbeit mit überdurschnittlichem Bildungsniveau.
Schlagworte
Worte, Käfig, Kafkas, Bericht, Akademie, Einfürung, Neure, Deutsche, Literaturwissenschaft-, Erzählungen
Arbeit zitieren
Christian Ferrara (Autor), 2004, Worte aus dem Käfig aus Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74543

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