Kollektive Erinnerungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Maurice Halbwachs hat Kollektive Erinnerungen
a. Die Bedeutung der Gruppe
b. Autobiographisches, historisches und kollektives Gedächtnis

III. False Memories und verzerrte Erinnerungen
a. Selektive Wahrnehmung
b. Mediale Bedeutung
c. Implantierte Erinnerungen
d. verzerrte kollektive Erinnerungen

IV. Die Bedeutung von Kommunikation

V. Biologische Grundlagen
a. Drei Gedächtnisarten
b. Der Weg der Erinnerungen – Speicherung im Langzeitgedächtnis
c. Schemata und Skripte

VI. Welche Bedeutung haben Emotionen?

VII. Die Gestalt des Kollektiven Gedächtnisses
a. Unterschiedliche Wahrnehmung kollektiver Erinnerung
b. Lernen durch kollektive Erinnerungen

VIII. Fazit

IX. Literatur

I. Einleitung

’Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben’ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.[1]

Miller beschäftigt sich in seinem Essay „Kollektive Erinnerungen und gesellschaftliche Lernprozesse: Zur Struktur sozialer Mechanismen der >Vergangenheitsbewältigung<“[2] mit der Frage, unter welchen diskursiven Bedingungen kollektive Erinnerungen entstehen können und ob man an ihnen erkennen kann, ob ein Lernprozess im Hinblick auf die Vergangenheit erfolgreich war oder gescheitert ist. Hierfür spielt die zentrale Fragestellung seines Werkes „Dissens“ eine essentielle Rolle: Was bedeuten Diskurse für individuelle Lernprozesse, können auch Gesellschaften lernen und in welchem Verhältnis stehen Gesellschaft und Individuum in dieser Hinsicht zueinander.[3] Denn um lernen zu können, sind kollektive Erinnerungen notwendig, da man selbst nur selektiv kleine Ausschnitte der Vergangenheit als Erinnerung innehat. Erinnerung ist ebenso selektiv, wie der Akt der Perzeption.

Ob und wie aus der Vergangenheit, aus den Erinnerungen, gelernt wird, hängt immer von der diskursiven Macht der Erinnerungen ab – inwieweit sich eine Erinnerung als Erinnerung diskursiv, also mit Hilfe von Kommunikation, durchsetzen kann.

Die vorliegende Arbeit will versuchen, Millers Ansatz in die neuere Forschung zum Thema Kollektive Erinnerungen einzubetten. Es soll geklärt werden, unter welchen Umständen sich kollektive Erinnerungen wandeln können In diesem Zusammenhang wird intensiv auf das Phänomen der verzerrten Erinnerungen eingegangen.

Es werden neben Millers Aufsatz neuere Quellen herangezogen. Hierdurch soll auch Millers Blick auf die moderne Forschung gerichtet und mit dieser verglichen werden. Beginnen wird diese Arbeit allerdings mit einer Retrospektive in die Vergangenheit, um den auf Halbwachs zurückgehenden Begriff „Kollektive Erinnerungen“ zu erklären.

Im weiteren Verlauf geht es um das Phänomen der verzerrten Erinnerungen, auch als „false memories“ bezeichnet. Hier wird auf aktuelle Forschungen bei Individuen zu diesem Thema ebenso eingegangen, wie auf den Bezug zu kollektiven Erinnerungen.

Nachdem der Blick auf die Bedeutung der Kommunikation für Erinnerungsschreibung gerichtet wird, befasst sich diese Arbeit mit den biologischen Grundlagen, also mit dem Thema, wie Erinnerung im Gehirn verarbeitet wird.

Bevor zuletzt auf die Wandelbarkeit des Gedächtnisses eingegangen wird, soll auch die Bedeutung der Emotion angesprochen werden. Schlussendlich wird im Fazit auf die Frage eingegangen, welche Bedeutung sich wandelnde Erinnerungen tatsächlich für das Individual- und das Kollektivgedächtnis haben (sollten).

II. Maurice Halbwachs hat Kollektive Erinnerungen

Der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs schuf schon in den 1920er Jahren auf der Grundlage des Durkheimschen Begriffs „Kollektivbewusstsein“[4] den Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“[5]. Nach Halbwachs besteht das Kollektivgedächtnis aus symbolischen und verbalen Konventionen der Gesellschaftsmitglieder, welche die Basis interpersoneller Beziehungen herstellen. Hierbei verbindet das Kollektivgedächtnis durch einen sozialen Rahmen die individuellen Gedächtnisse miteinander.[6]

Ein Kollektivgedächtnis kann also nur innerhalb einer interagierenden Gruppe ent – und bestehen.

a. Die Bedeutung der Gruppe

Jedes Individuum ist Mitglied mehrerer Gruppen. Diese Gruppen haben gruppenspezifische Grenzen, welche i. d. R. nicht übertreten werden. Nach Halbwachs gebe es für jede Gruppe verschiedene eigene kollektive Gedächtnisse, „die eine Zeitlang die Erinnerung an Ereignisse unterhalten, die nur für sie von Bedeutung sind, aber ihre Mitglieder um so mehr interessieren, je weniger zahlreich diese sind.“[7] Die Erinnerung an die Geburt von Mark Meier ist in der Gruppe „Großstadt“ nicht relevant, während die Erinnerung an dieses Ereignis in seiner Gruppe „Dorf“ oder noch stärker in seiner Gruppe „Familie“ bestehen bleibt. Außerdem stellt Halbwachs fest, dass die Erinnerungen, z. B. die Geschichte der eigenen Nation, in einem sehr weitgefassten Rahmen zu finden sind, welche mit dem Individuum nur sehr wenige Berührungspunkte haben. Das kollektive Gedächtnis einer Gruppe ist allerdings auch nur so lange vorhanden, wie die Gruppe existiert. Löst sich die Gruppe auf, geht auch ihr Kollektivgedächtnis verloren. Es ist also zeitlich und räumlich begrenzt, da es eine ebenso begrenzte Gruppe als Träger hat.[8]

b. Autobiographisches, historisches und kollektives Gedächtnis

Halbwachs beginnt sein Werk „Das Kollektive Gedächtnis“ mit der Beschreibung eines Spazierganges durch das für ihn fremde London. Er beschreitet diesen Weg alleine – ist aber doch nie wirklich allein, sondern erinnert sich sehr poetisch mit jedem Schritt, den er selbst tut, an Gespräche mit Freunden über die Straße, in der er sich gerade befindet, an Reiseführer-Beschreibungen über den historischen Platz, den er betritt usw.
Psychisch, so schreibt er, sei er also nie allein unterwegs, denn er teile auf diesem Wege die Erinnerungen der Anderen. Er benutze so ein kollektives Gedächtnis.
Das eben beschriebene Erlebnis von Halbwuchs kann auf viele Situationen bezogen werden.

So findet man in Zeitungen und Fernsehberichten jedes Jahr zum Jahrestag des 11. September 2001 Interviews mit Menschen, die erzählen, wie sie sich an den Anschlag auf das World Trade Center erinnern. Für die meisten der Interviewten gilt aber Folgendes: Sie erinnern sich zwar an das individuelle Erleben der Nachricht, an die Fernsehbilder usw. – nicht aber an das Ereignis, an den Anschlag selbst. Denn sie waren nicht vor Ort. Sie verlassen sich auf die Erinnerungen der Zeitzeugen, wenn sie von diesem Ereignis erzählen. Nicht zuletzt aus diesem Grund konnte es überhaupt zu der langen und ausschweifenden Diskussion kommen, ob es sich um einen reellen Anschlag handelte, oder ob alles erfunden worden sei und das World Trade Center nie existiert habe. Nur diejenigen, die vor Ort waren und den Anschlag überlebt haben oder den Opfern geholfen haben, können tatsächlich von ihren Erinnerungen berichten. Dass auch diese Erkenntnis unter Umständen nicht vollkommen korrekt ist, wird im nächsten Kapitel gezeigt.

Halbwachs unterscheidet zudem das innere, also autobiographische von dem äußeren, also historischen Gedächtnis. Hierbei ist wichtig, dass das innere immer das äußere Gedächtnis zur Hilfe nimmt, „da schließlich die Geschichte unseres Lebens zur Geschichte allgemein gehört.“[9]

Ferner trennt er explizit das historische vom kollektiven Gedächtnis: „Wenn man unter historischem Gedächtnis die Folge der Ereignisse versteht, deren Erinnerung die nationale Geschichte aufbewahrt, so stellen weder es selbst noch seine Rahmen das Grundlegende dar, was wir kollektives Gedächtnis nennen.“ [10]
Demgemäß kann zusammengefasst werden, dass unter dem historischen Gedächtnis die Geschichtsschreibung in Büchern verstanden wird. Sie beginnt zumeist an dem Punkt, an dem die Tradition erlischt, also in dem Moment, in dem das soziale Gedächtnis endet. Die Geschichte fängt dort an, wo Zeitzeugen nicht mehr existieren. [11]
Das kollektive Gedächtnis unterscheidet sich von dem historischen Gedächtnis in zumindest zweierlei Hinsicht. Es ist zum einen „eine kontinuierliche Denkströmung – von einer Kontinuität, die nichts Künstliches hat, da sie von der Vergangenheit nur das behält, was von ihr noch lebendig und fähig ist, im Bewusstsein der Gruppe, die es unterhält, fortzuleben.“ [12]
Die Gruppe entscheidet also unterbewusst, welche Erinnerungen im Gedächtnis konserviert werden sollen – und welche es vermeintlich nicht wert sind, dort zu bleiben.
Zum anderen ist es möglich, dass es mehrere kollektive Gedächtnisse gibt, aber nur eine Geschichte: “Die historische Welt ist gleich einem Ozean, in den alle Teilgeschichten einmünden.“ [13]

Trotz dieser recht klaren Definition können sowohl das historische, als auch das kollektive und das individuelle Gedächtnis verzerrte Erinnerungen innehaben. In diesem Fall spricht man von „false memories“.

III. False Memories und verzerrte Erinnerungen

Als false memories bezeichnet man Gedächtnisinhalte, die nie reell erlebt wurden, dennoch aber von dem sich Erinnernden als solche begriffen und eben auch empfunden werden. Hierbei kann man false memories unterscheiden in jene, die rein fiktiv sind von jenen, die zum Teil erlebt wurden, allerdings in für die Erinnerung wesentlichen Sequenzen vom tatsächlich Erlebten abweichen.[14]

a. Selektive Wahrnehmung

Individuelle Erinnerungen sind immer verzerrt[15] – und zwar so, „wie dies für die Aufrechterhaltung gegenwärtiger Einstellungen und Überzeugungen erforderlich ist.“[16]

Jeder erinnert sich demnach so, wie es für ihn selbst gut und richtig ist, wie es in sein eigenes Welt- und Selbstbild passt.

Die Forscher Simons und Levin haben 1998 die Hypothese aufgestellt, dass in Alltagssituationen nicht einmal auf Details des Gesprächspartners geachtet wird. Sie testeten ihre Hypothese auf einem College- Campus: Auf dem Campus stoppte einer der Versuchsleiter einen Studenten und fragte ihn nach dem Weg zur Mensa. Während der Konversation liefen zwei weitere Versuchsleiter, eine große Tür tragend, zwischen den Gesprächspartnern hindurch. Innerhalb dieser wenigen Sekunden, in denen der Versuchsleiter durch die Tür verdeckt war, wurde er durch eine zweite Person ausgetauscht. Anschließend lief die Konversation einfach weiter – der Hälfte aller Studenten fiel nicht auf, dass es sich bei ihrem Gesprächspartner nun um eine ganz andere Person handelte.[17] Erstaunlich und kaum vorstellbar – aber doch ist die Erklärung für diese Reaktion nachvollziehbar und banal: Wenn wir auf einen Fremden treffen, müssen wir uns nicht jedes kleinste Detail der Person merken. Dies ist für eine von vornherein zeitlich und räumlich begrenzte Situation nicht wichtig.

„Mit der Vergangenheit hat das kommunikative Gedächtnis viel weniger zu tun als mit der Gegenwart. Gedächtnis soll ja prinzipiell in der Gegenwart Orientierung für die Zukunft ermöglichen.“, so Harald Welzer.[18] Würden wir alles exakt so in unserem Gedächtnis speichern, wie eine Photographie einen Moment aus der Realität speichert, würde unser Gehirn zerbersten vor lauter Details, die im Endeffekt nicht nützlich sind. Wichtig ist hier allerdings, dass unser Gehirn gerne und oft unsere Erinnerungen nicht nur selektiv speichert, sondern eben sogar verzerrt wiedergibt.[19] Wir können dieses Phänomen selbst beobachten, indem wir z. B. ein altes Tagebuch hervorholen und erstaunt sein werden, was genau wir vor Jahren am heutigen Datum erlebt haben. Vielleicht werden wir uns mit dieser Stütze an die Erlebnisse erinnern – vielleicht aber auch nicht. Das Gehirn speichert nicht ohne Grund Erinnerungen nur selektiv ab. Es selektiert, welche Informationen lediglich das Kurzzeitgedächtnis erreichen, und welche Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. Und wie diese Informationen gespeichert werden. Hierauf wird später im Abschnitt „Biologische Grundlagen“ noch genauer eingegangen.

Die Unterscheidung zwischen eigener Erinnerung und der Erinnerung anderer kann ebenfalls schwer fallen. Beispiele sind die vielzitierte Geschichte des schweizerischen Psychologen Jean Piaget, der sich lebhaft an seine niemals stattgefundene Entführung in Kindertagen erinnern kann, die sein Kindermädchen seinen Eltern erzählt hat, um eine Belohnung für die mutige Rettung des Kindes zu erhalten[20] oder die Berichte von nicht vor Ort gewesenen Kindern nach einem Amoklauf in einer amerikanischen Schule.[21] Die soziale Bezugsgruppe vermag also, eine kollektive Erinnerung als die eigene vorzugaukeln. Beziehungsweise liegt die Vermutung nahe, dass eine häufig erzählte Geschichte, wie die Entführung Piagets, irgendwann durch das Gedächtnis visualisiert gespeichert und als eigene Erinnerung verbucht wird. Denn Kommunikation verstärkt Erinnerung.[22]

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich 1970; Jenseits von Gut und Böse, zitiert nach Miller 2006: 113

[2] Miller 2006: 109 bis 128

[3] vgl. ebd: 7

[4] Kollektivbewusstsein ist die Gesamtheit der Vorstellungen und Ansichten, denen sich die Mitglieder derselben Gesellschaft unterordnen. Erst durch das Kollektivbewusstsein kann das Individuum seine „wirren, triebhaften Bedürfnisse“ ordnen und so ein soziales Wesen werden. Vgl. hierzu z. B. Hillmann 1994: 421 f.

[5] Halbwachs 1985

[6] vgl. Hillmann 1994: 260

[7] Halbwachs 1985: 65

[8] vgl. Halbwachs 1985: 64 ff.

[9] ebd: 36

[10] ebd: 65

[11] vgl. Halbwachs 1985: 65 ff.

[12] ebd: 68

[13] ebd: 72

[14] vgl. wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Falsche_Erinnerung

[15] vgl. z. B. Miller 2006: 113

[16] ebd: 113

[17] vgl. Change Blindness Experiment in: Lieberman 2004: 366

[18] Welzer 2004

[19] vgl. z. B. Assmann 2006:13

[20] vgl. z.B. Welzer 2002: 19

[21] vgl. ebd: 31: Auch Kinder, die gar nicht anwesend waren, erinnerten sich später an Schüsse und Bilder von Mitschülern, die auf dem Boden lagen.

[22] Vgl. Miller 2006:113

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kollektive Erinnerungen
Hochschule
Universität Hamburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Oberseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V74629
ISBN (eBook)
9783638714891
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektive, Erinnerungen, Oberseminar
Arbeit zitieren
Nicole Singler (Autor), 2007, Kollektive Erinnerungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74629

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