Für die Darstellung der Bedeutung der Nation im Marxismus ist zunächst festzustellen, daß eine umfassende Darstellung aufgrund der großen Menge an Literatur, deren Verfasser Marxisten sind, nicht im Rahmen dieser Arbeit möglich ist. Deshalb ist darauf hinzuweisen, daß aufgrund der notwendigen Schwerpunktbildung auf zahlreiche darstellenswerte Schriften nicht eingegangen werden konnte.
Zunächst wird vor allem auf das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels eingegangen, das die Basis für den Marxismus darstellt. Danach wird die Bedeutung der Nation bei Lenin und Stalin ausgeführt, die nicht nur aufgrund ihres theoretischen Werkes, sondern auch wegen ihrer politischen Tätigkeit von großer Bedeutung sind.
Als Exkurs nach der Bearbeitung Stalins Position wird kurz auf die Theorie des antiimperialistischen Nationalismus eingegangen, die exemplarisch für eine Strömung von marxistischen Theoretikern steht, die sich v.a. mit der Befreiung der sog. Dritten Welt beschäftigt.
Abschließend wird die Bedeutung der Nation im Werk der sog. Austromarxisten herausgearbeitet, das trotz seiner fehlenden geschichtlichen Umsetzung theoretisch von hohem Wert ist.
Gliederung
1. Das Fehlen einer Nationentheorie in den MEW
2. Relevante Teile der Revolutions- und Kapitalismustheorie
a. Revolutionäre Rolle des Kapitals
b. Internationaler Konzentationsprozeß und Polarisierung
c. Gleichzeitigkeit der internationalen Revolution
3. Zwischenergebnis
I. Bedeutung der Nation in den MEW von 1846 – 48
1. Einteilung in historische und geschichtslose Nationen
a. Kampf gegen Rußland
b. Vorantreibung der größtmöglichen Zentralisation
c. Einteilung nach ethnisch-kulturellen Kriterien
2. Konsequenzen dieser Einteilung
a. Unterstützung des Freihandels
b. Unterstützung von Gewaltanwendung
c. Folgen für die geschichtslosen Völker
3. Verhältnis zur Nation in den MEW am Beispiel Polens
a. Befreiung Polens in England
b. Unterstützung des nationalen Kampfes
c. Auflösung eines scheinbaren Widerspruchs
4. Geschichtliche Entwicklung bis 1848
II. Änderung und Differenzierung in den MEW nach 1848
1. Änderung der Prognose des zeitlichen Ablaufs
2. Einbeziehung von Ländern außerhalb des kapitalistischen Zentrums..
3. Korrektur der bisherigen Position anhand der irischen Frage
a. Geschichtliche Entwicklung
b. Inhaltliche Reaktion auf Irlands Sonderstellung
c. Kein tiefgreifender Wechsel des theoretischen Ansatzes
4. Marx Untersuchung der russischen Dorfgemeinschaft
5. Zusammenfassung
III. Die Bedeutung der Nation im Werke Lenins
1. Geschichtliche Entwicklung nach Tod von Marx und Engels
2. Bedeutung der nationalen Bewegungen
3. Lenins Ansatz zur Bedeutung der Nation und ihrer Rechte
a. Lenins Verständnis von Nation
b. Selbstbestimmungsrecht der Nationen
c. Recht auf Lostrennung als Einzelfallentscheidung
d. Konflikt zwischen nationalem Selbstbestimmungsrecht und proletarischem Internationalismus
e. Weltrevolution als Grundbedingung
4. Differenzierungen zu den MEW
IV. Die Bedeutung der Nation im Werke Stalins
1. Auswirkungen der geschichtlichen Entwicklung auf Lenins Werk
2. Stalins Definition von Nation
3. Selbstbestimmungsrecht der Nation
4. Sozialismus in der sowjet-russischen Nation
5. Die Nation in der Politik Stalins
6. Exkurs: Antiimperialistischer Nationalismus
V. Die Bedeutung der Nation im Werk der Austromarxisten
1. Besondere Bedeutung der Austromarxisten
2. Bauers Definition von Nation
a. Erläuterung der Definitionsmerkmale
b. Verständnis vom Proletariat außerhalb der Nation
3. Die Nation in der geschichtlichen Entwicklung
4. Folge der so definierten Nation für das politische Handeln
a. Trennung der nationalen Frage vom bürgerl. Nationalismus
b. Nation als Ziel des Sozialismus
c. Nationenbefreiung ohne staatliche Unabhängigkeit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Behandlung und Bedeutung der Nation innerhalb des Marxismus. Sie analysiert, wie sich das Verständnis nationaler Identität und nationaler Bewegungen von Karl Marx und Friedrich Engels über W.I. Lenin und Josef Stalin bis hin zu den Austromarxisten entwickelte und welchen Stellenwert diese Konzepte innerhalb der revolutionären Theorie einnahmen.
- Die Rolle der Nation im Denken von Marx und Engels
- Entwicklung und Modifikation der nationalen Frage nach 1848
- Lenins Ansatz zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen
- Stalins Nationenbegriff und die sowjetische Nationalitätenpolitik
- Die Perspektive der Austromarxisten auf die nationale Identität
Auszug aus dem Buch
1. Das Fehlen einer Nationentheorie in den MEW
In dem Gesamtwerk von Karl Marx und Friedrich Engels finden sich zwar zahlreiche Äußerungen zu nationalen Problemen, eine systematische Analyse der Nation und ihrer Folgeerscheinungen fehlt in dem sonst so umfangreichen Werk. Ohne zuviel vorweg zu nehmen, kann festgestellt werden, daß die Konzeption des Marxismus auf die Schaffung einer staats- und nationenfreien kommunistischen Gesellschaft gerichtet war, deren Entstehen kurz bevorstehen sollte, so daß nicht viel Bedarf für die theoretische Behandlung der Nation gegeben war. Folge dieser Sicht ist, daß es weder eine positive Begriffsbestimmung der Nation, noch eine Behandlung der Beziehungen von Nationen und Staaten auf dem Weg in den Sozialismus gibt. Vielmehr wird der Begriff „Nation“ mit den umgangssprachlichen Unschärfen benutzt, ohne ihn bewußt als terminus technicus zu gebrauchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Fehlen einer Nationentheorie in den MEW: Dieses Kapitel stellt fest, dass in den Werken von Marx und Engels keine systematische Theorie zur Nation existiert, da diese als vorübergehendes Phänomen betrachtet wurde.
2. Relevante Teile der Revolutions- und Kapitalismustheorie: Hier wird erläutert, wie Kapitalismus und Weltmarkt laut Marx und Engels die Abgeschiedenheit von Nationen aufheben und zur gleichzeitigen Weltrevolution führen.
I. Bedeutung der Nation in den MEW von 1846 – 48: Dieses Kapitel analysiert die Unterscheidung in historische und geschichtslose Nationen sowie die Strategien zur Unterstützung des Freihandels und der nationalen Befreiung Polens.
II. Änderung und Differenzierung in den MEW nach 1848: Es wird untersucht, wie die veränderte historische Lage Marx und Engels dazu zwang, ihre Position zur irischen Frage und zur Bedeutung nationaler Bewegungen anzupassen.
III. Die Bedeutung der Nation im Werke Lenins: Dieses Kapitel behandelt Lenins Ansatz, das Selbstbestimmungsrecht der Nationen mit dem Ziel der proletarischen Weltrevolution zu vereinen.
IV. Die Bedeutung der Nation im Werke Stalins: Fokus ist Stalins Definition der Nation und wie er diese im Kontext der sowjetischen Staatsbildung und des antiimperialistischen Nationalismus instrumentalisierte.
V. Die Bedeutung der Nation im Werk der Austromarxisten: Das letzte Kapitel widmet sich Otto Bauers Definition der Nation als Schicksals- und Charaktergemeinschaft, die nationale Fragen in den sozialen Bereich verlagerte.
Schlüsselwörter
Marxismus, Nation, Klassenkampf, Weltrevolution, Selbstbestimmungsrecht, Proletariat, Kapitalismus, Sowjetunion, Austromarxismus, nationale Frage, imperialistischer Nationalismus, soziale Emanzipation, internationale Solidarität, geschichtslose Völker.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretische Auseinandersetzung bedeutender marxistischer Denker mit dem Begriff und der Rolle der "Nation" im Kontext ihrer sozioökonomischen Theorien.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit deckt die theoretischen Ansätze von Marx und Engels, Lenins Konzept des Selbstbestimmungsrechts, Stalins Definition und Politik sowie die abweichende Perspektive der Austromarxisten ab.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich die Bedeutung der Nation im Marxismus wandelte – von einer bloßen Begleiterscheinung des Kapitalismus bis hin zu einem zentralen, teils strategisch genutzten Faktor in der sozialistischen Politik.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine tiefgehende Literaturanalyse der Marx-Engels-Werke (MEW) sowie der Schriften von Lenin, Stalin und Vertretern des Austromarxismus durch, um deren Aussagen zur nationalen Frage systematisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische und thematische Abschnitte, die jeweils die Entwicklung des Nationsbegriffs bei den unterschiedlichen Theoretikern sowie deren praktische politische Schlussfolgerungen behandeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Marxismus, Nation, Selbstbestimmungsrecht, Klassenkampf und internationale Solidarität.
Warum betrachteten Marx und Engels die Nation anfangs als zweitrangig?
Sie gingen davon aus, dass der Kapitalismus zur Entstehung eines Weltmarktes führt und die Nation als veraltete Form der bürgerlichen Gesellschaft in einer unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution verschwinden würde.
Wie unterschied sich Otto Bauers Verständnis der Nation von dem der Marx-Engels-Klassiker?
Bauer definierte die Nation als permanente Schicksals- und Charaktergemeinschaft und sah sie nicht als etwas, das durch den Sozialismus verschwinden müsse, sondern als Ziel, das durch soziale und kulturelle Integration im Inneren erst verwirklicht werden solle.
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- George Alexander Wolf (Author), 1998, Die Bedeutung der Nation im Marxismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7464