Zu: Yasmina Reza, Trois versions de la vie - Analyse eines dramatischen Textes


Rezension / Literaturbericht, 2003

8 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Der Aufbau, die Größe des Personals und auch das Bühnenbild von „Trois versions de la vie“ sind erste Anzeichen, dass es sich hier um ein modernes Theaterstück handelt. Das Zusammentreffen der beiden Paare, die alle Hauptfiguren sind, wird in drei unterschiedlichen Varianten wiedergegeben. An Requisiten wird gespart. Wir befinden uns in einem abstrakten Raum ohne Türen und Wände, der das Zuhause von Henri und Sonia darstellt. Durch den Verzicht auf ein aufwendiges Dekor, rücken die Protagonisten und ihre Beziehungen zueinander in den Vordergrund. Sie allein ziehen die Blicke des Zuschauers auf sich und sind seinem Urteil ausgeliefert. Die bewusst eingesetzte fehlende Räumlichkeit ruft den Eindruck des Verlorenseins und der Bezugslosigkeit hervor. Das Drama weist eine offene Form auf. Dennoch zeigen Szenen und Akte einen psychologischen Zusammenhang. Die gesprochene Handlung überwiegt. Der Spannungsaufbau ist weniger auf den Ausgang gerichtet, als vielmehr auf den Gang der Dinge. Versucht man den klassischen Spannungsbogen zu rekonstruieren, so setzt der Konflikt, der in der Kontrastrelation zwischen Henri und Hubert liegt, im ersten Akt ein. Im zweiten Akt dehnt sich diese Spannung auch auf Henris privaten Bereich aus. Der Konflikt verschärft sich und findet seinen Höhepunkt am Ende des zweiten Aktes. Hier kämpfen alle Figuren gegen die Unterdrückung Huberts an. Im dritten Akt lässt sich, dadurch, dass Henri informiert ist, ein retardierendes Moment feststellen. Die Spannung scheint sich zu reduzieren und der Abend auf ein glückliches Ende hinzuführen. Doch die stille Katastrophe stellt sich am Ende ein, da die Figuren ihren Kampf gegen Hubert zur Rettung ihrer seelischen Freiheit verlieren.

Die erste Version setzt mit einer Exposition ein. Beide Paare werden dem Publikum vorgestellt. Die vordergründig entspannte Situation zwischen Henri und Sonia, die einen ruhigen Abend verbringen wollen, wird durch die Unruhe ihres Kindes, über das vorwiegend in dritter Person gesprochen wird, gestört. Das Schreien Arnauds zeugt von fehlender Zuwendung und Zärtlichkeit. Aufgrund divergierender Erziehungsmethoden kommt es zu einem nur allzu alltäglichen Streit, der in einem Handgemenge endet, welches völlig abrupt abbricht und den Zuschauer förmlich in eine neue Szene hineinwirft. Die Finidoris befinden sich auf dem Weg zu Henri und Sonia. Während Hubert dem Treffen wenig Bedeutung beimisst, ist es für Henri von großer Wichtigkeit. In der folgenden Szene finden wir die vier in einer etwas unangenehmen Situation wieder. Sonia hat sich auf Drängen Henris umgezogen. Aufgrund des überraschenden Besuchs, wirken die Gespräche zu Beginn erzwungen und gelangweilt. Man beruft sich auf Allgemeinplätze. Im Folgenden spielt Hubert seine Überlegenheit gegenüber Henri geschickt aus, indem er ihn auf eine Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Artikels aufmerksam macht. Während Sonia Hubert in seinem Verhalten zurechtweist, verliert Henri immer mehr seine Selbstachtung und verteidigt Huberts Kränkungen sogar noch. Ines versucht Unterhaltungen in Gang zu bringen, wird dabei aber ständig von ihrem Mann zurechtgewiesen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Je länger der Abend dauert, desto mehr entfernen sich die Figuren voneinander. Am Ende äußern sich alle Spannungen in einer Wortschlacht, die alle Wahrheiten ausspricht.

Der Ausgangspunkt der zweiten Version ist derselbe, wobei Arnaud diesmal nicht Anlass zum Streit ist. Viel schneller wird auf den Kernpunkt, nämlich das Treffen der Paare, hingeführt. Die zweite Variante lässt trotz eines ähnlichen Handlungsablaufs andere Verhaltensweisen und Figurenkonstellationen erkennen. Henri setzt sich zur Wehr und macht seine Kränkung offensichtlich, wodurch er Hubert keine Angriffsfläche mehr bietet. Dieser ist vorwiegend damit beschäftigt, sich selbst zu profilieren. Hubert und Sonia nähern sich an und wirken wie Verbündete. Ines ist diesmal Zentrum der Betrachtung. Sie versucht sich von der Dominanz ihres Mannes zu befreien, was ihr aber versagt bleibt. Auch hier eskaliert die Situation. Henri setzt die Finidoris vor die Tür.

Die dritte und kürzeste Version ist auch die vordergründig entspannteste. Ihr Anfang steht im deutlichen Kontrast zum Ende der zweiten Variante. Der Zuschauer erlebt diese Gefühlsschwankung mit. Das Kind verhält sich ruhig, Henri ist über den veröffentlichten Artikel informiert, wodurch das erste Kräftemessen ausbleibt. Das Verhältnis zwischen Henri und Hubert scheint freundschaftlicher Art zu sein. Niemand wird degradiert. Die beiden Frauen treten in diesem Akt eher in den Hintergrund. Vorwiegend wird die Rivalität der beiden Männer thematisiert, die im Verhältnis Sonias zu Hubert ersichtlich wird. Der Machtkampf äußert sich des weiteren in Huberts gespielter Freundlichkeit und seinem Angebot, Henri zu unterstützen. Dieser bleibt, an Huberts beruflichen Erfolg gemessen, der Verlierer und wird weiterhin in dessen Abhängigkeit stehen. Yasmina Reza liefert drei Variationen ein und desselben Abends und spielt dabei mit den Erwartungen des Publikums. Sofern überhaupt von einer Handlung gesprochen werden kann, differiert diese auf den ersten Blick kaum. Denn es sind vor allem die Figurenkonstellationen, die von Bedeutung sind. Reza zeigt, wie aufgrund kaum sichtbarer Verhaltensweisen vollkommen andere Relationen entstehen können. Sie fordert den Zuschauer auf, sich auf vordergründig bekannte, doch in ihrem Verlauf neue Situationen einzulassen und dadurch den Blick für die kleinen Handlungsnuancen zu schärfen. Getrennt voneinander bieten die Varianten drei abgeschlossene Handlungsstränge. Nach jeder Version wird der Zuschauer mit einer der letzten sehr ähnlichen Ausgangssituation überrascht. Doch jedes Mal verändert sich aufgrund seines Vorwissens die Rezeptionsweise. Diesem Wissen wird aber jedes Mal zuwider gehandelt. Das Stück weist eine ungewohnte Aktualität auf, da sein Verlauf nach Manier eines Experiments von den Reaktionen der Figuren abzuhängen scheint.

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Zu: Yasmina Reza, Trois versions de la vie - Analyse eines dramatischen Textes
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
8
Katalognummer
V74654
ISBN (eBook)
9783638716109
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Yasmina, Reza, Trois, Analyse, Textes
Arbeit zitieren
Maria Schmid (Autor), 2003, Zu: Yasmina Reza, Trois versions de la vie - Analyse eines dramatischen Textes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74654

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