Der Einfluss der Neurowissenschaften auf die Psychotherapie

Dargestellt am Zürcher Ressourcen Modell


Seminararbeit, 2007

22 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Historischer Abriss

II. Der Basisbegriff Ressource: Versuch einer Etikettierung
II.1. Grawes Ansatz
II.2. Die neurowissenschaftliche Sicht der Ressourcenorientierung

III. Die neuronalen Netze

IV. Das Gedächtnis als emotionales Bewertungssystem

V. Die Bedeutung der somatischen Marker

VI. Kritische Schlussbemerkungen
Konsultierte Forschungsliteratur

I. Einleitung: Historischer Abriss

Psychische Erkrankungen[1] wurden schon in der griechisch- römischen Antike und analog zu den körperlichen Erkrankungen als eine Störung im Gleichgewicht der Säfte diagnostiziert. Das prägnante und weltbekannte Beispiel ist die aitiologische Herleitung der Depression als Überwiegen des schwarzen Gallensaftes im Körper. Im Mittelalter vertierte die Behandlung psychisch Erkrankter dahingehend, dass man sie in inhumaner Weise in Gefängnisse sperrte oder sie durch die Inquisition verfolgen und grausam hinrichten ließ. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden sie mit Behinderten, Armen, Prostituierten und Kriminellen wie Asoziale in Zuchthäusern untergebracht und massiv misshandelt. Im Zuge der Aufklärungsbewegung verbesserte sich die Lage und es kam zu einer Humanisierung in der Behandlung. Den Höhepunkt an Humanität im Umgang mit psychisch Kranken stellten der französische Arzt Pinel ( 1745 – 1826) und sein Schüler Esquirol ( 1772- 1842) dar. Sie begründeten die französische psychiatrische Tradition mit den Attributen Milde und Zuwendung. Im Gegensatz dazu wurden jedoch auch Maßnahmen praktiziert, die heute als barbarisch tituliert werden, jedoch ihren Zweck nicht verfehlten wie z. B. Drehstuhlbehandlung, Untersuchung und Eintauchen in eiskaltes Wasser, Hungerkuren u. v. m. Dies zeigt, dass den Wissenschaftlern damals schon bewusst war, dass der Körper bei der Umstrukturierung einer psychischen Erkrankung zum Heilungsprozess hin eine relevante Brückenfunktion einnimmt.

Stark sozialpsychiatrisch orientierte Impulse gingen von der englischen „Non-restraint“ –Bewegung aus, die als Wurzel der Beschäftigungstherapie gesehen werden kann.

Die deutsche Psychiatrie mit diesen Einflüssen aus England und Frankreich durchzogen spaltete sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in zwei Lager auf: Die „Psychiker“ definierten psychische Erkrankung als Störung der körperlosen Seele und die „Somatiker“ argumentierten rein naturwissenschaftlich. Griesinger (1810-1865) sah in der psychischen Erkrankung eine pathologische Störung des Gehirns und maß gleichzeitig der sozialpsychiatrischen Therapie große Bedeutung zu. Kraepelin (1856–1926) begründete eine Systematik psychischer Erkrankungen auf der Basis der Beobachtung des Gesamtverlaufs, der Anamnese und der Krankheitsgeschichte. Freud (1856–1936) entwickelte mit seiner Lehre von unbewussten und neurotischen Verarbeitungsprozessen die Grundzüge der Psychoanalyse als Erklärungsansatz für neurotische Störungen sowie als Therapieform. Im Gefolge der Lehren von Pawlow (1849-1936) und Skinner (1904-1990) über die Modelle der Konditionierbarkeit bzw. das Erlernen von Verhaltensmustern kreierte sich die Verhaltenstherapie. Im 20. Jahrhundert führten neue somatische Behandlungsmethoden zu besseren therapeutischen Möglichkeiten und besonders zu zeítweisen guten Erfolgen:

< 1917: Behandlung der progressiven Paralyse mit Fieberschüben durch Infektion mit Malariaerregern durch Wagner-Jauregg

< 1937: Einführung der Elektrokrampftherapie durch Cerletti und Bloi

< Ab ca 1960: Entwicklung der Psychopharmaka wie Lithium, Chlorpromazin u. a. durch Cade, Delay, Deniker u. a.

Zunehmend gewann der biologische Ansatz an Bedeutung, wobei die Klärung genetischer, neuropathologischer, neurophysiologsicher und neurochemischer Fragen im Vordergrund standen.

In neuester Zeit erhält die kognitive Neurobiologie ein großes Gewicht und Hirnforscher wie Gerhard Roth[2] und Wolf Singer[3] beeinflussen vor allem mit ihren philosophischen Reflexionen und Diskussionen über psychologische Grenzfragen wie Willensfreiheit und Determiniertheit des Menschen die Psychologie und Psychotherapie enorm. Zu nennen sind Damasios Ansatz, der sich Descartes Weisheit „cogito, ergo sum“ bedient und dessen Ansatz in „ich fühle., also bin ich“ ( analog zu Descartes: sentio, ergo sum)[4] oder „Descartes Irrtum“[5] abändert, und LeDouxs Lehren[6]. Im Forschungsfeld dieser Erkenntnisse formten sich diverse Therapieansätze, die beim Menschen selbst ansetzen wie z. B. über das Selbstmanagement[7]. Self- determination und self- efficacy werden zu wichtigen Fachbegriffen in Selbstmanagement-Modellansätzen. Hervorzuheben ist, dass sich die modernen Therapieansätze nicht ausschließlich mit der pathologischen Richtung zur Heilung von psychischen Krankheiten befassen, sondern den von der Gesellschaft als gesund definierten Menschen in seiner anthropologischen und biologischen Determiniertheit in das Zentrum rücken. Es geht primär um innere eigenständige Selbstentwicklung bzw. Selbstformung.

Self- determination[8] kennzeichnet das Ausmaß, in dem die Verfolgung eines Ziels als frei gewählt erlebt wird, und self- efficacy[9] ist die subjektive Einschätzung, dass man die Verfolgung und Verwirklichung der Ziele mit Hilfe des eigenen Verhaltens beeinflussen kann. Um diese Ziele nun gekonnt umsetzen zu können, ist es notwendig, Ressourcen im Menschen zu mobilisieren entweder extrinsisch oder intrinsisch motiviert. Der Ressourcenbegriff ist ein modernes Schlagwort behaftet mit vielen Facetten und Definitionsvarianten. In der Psychotherapie wird der Begriff primär von neurobiologischen Erkenntnissen abgeleitet und beim Zürcher Ressourcenmodell zur tragenden Säule des Therapieansatzes. In dieser wissenschaftlichen Abhandlung wird das Zürcher Ressourcen Modell, abgekürzt ZRM, nur in seiner neurobiologischen Fundierung und Herleitung vorgestellt. Auf die Darstellung der sehr interessanten, sozialpsychologischen und –therapeutischen Ansätze wird verzichtet, da es sich um eine wissenschaftliche Arbeit im Fach Biopsychologie handelt.

II. Der Basisbegriff Ressource: Versuch einer Etikettierung

II.1. Grawes Ansatz

Ressource beinhaltet das französische Wort „la source“ die Quelle. Metaphorisch bedeutet

dies eine Unerschöpflichkeit, eine Regenrationsfähigkeit und eine Umweltabhängigkeit. Auf den Menschen direkt übertragen kann von etwas Dynamischen, Flexiblen gesprochen werden.

Der Blick und die Ausrichtung auf die Ressourcen sind in der Psychotherapie etwas sehr Wesentliches. Grawes Ansatz spielt für das ZRM eine entscheidende Rolle[10] und wird aufgrund dessen in seinen wichtigsten Aspekten vorgestellt.

Nach Grawe[11] ist nur eine erfolgreiche Psychotherapie mit Ressourcenorientierung verbunden. Sie ist für ihn eine der vier Wirksamkeitsfaktoren. Grawe[12] fasst den Begriff Ressource sehr weit:

„Als Ressource kann jeder Aspekt des seelischen Geschehens und darüber hinaus der gemeinsamen Lebenssituation eines Patienten aufgefasst werden, also z.B. motivationale Bereitschaft, Ziele, Wünsche, Abneigungen, Interessen, Überzeugungen, Werthaltungen,Geschmack, Einstellungen,Wissen, Bildung, Fähigkeiten, Gewohnheiten, Interaktionsstile, physische Merkmale wie Aussehen, Kraft, Ausdauer, finanzielle Möglichkeiten und das ganze Potenzial der zwischenmenschlichen Beziehungen eines Menschen. Die Gesamtheit, all dessen stellt,aus der ressourcenperspektive betrachtet, den Möglichkeitsraum des Patienten dar, in dem er sich gegenwärtig bewegen kann oder anders ausgedrückt, sein positives Potenzial, das er in den Veränderungsprozess einbringen kann.“

Die dargestellten Merkmale umreißen die Energie- Quellen, aus denen der Mensch sein Selbstwertgefühl formt. Ressourcenaktivierung bedeutet für Grawe, Merkmale aufspüren, die für den Patienten stark motivational besetzt und für die Bildung von self- determination und self- efficacy immens wichtig sind. Ressourcenaktivierung knüpft demzufolge an bereits vorhandene Ziele, Werte und Möglichkeiten an. Die Aktivierung erfolgt inhaltlich oder prozessual.

[...]


[1] Möller, S. 9-11: kurze Zusammenfassung des dort dargelegten Abrisses.

[2] Roth, das Gehirn und seine Wirklichkeit

[3] Geyer, Hirnforschung und Willensfreiheit

[4] Damasio, ich fühle, also bin ich

[5] Damasio, Descartes Irrtum

[6] LeDoux, das Netz der Gefühle, und andere Werke von ihm

[7] Dadder, Anleitung zum Selbstmanagement , oder Lambrou, emotionales selbstmanagement, oder Alman, SelbstHypnose, oder Storch, Embodiment, oder Miketta, Netzwerk Mensch (sie kreiert sogar eine neue Fachrichtung, die Psychoneuroimmunologie) und andere.

[8] Müsseler, allgemeine Psychologie, S. 262, direkt übernommen

[9] Müsseler, allgemeine Psychologie, S. 262

[10] Storch und Krause, Selbstmanagement, S.77

[11] Grawe, psychologische Psychotherapie

[12] Grawe, psychologische Psychotherapie, S. 34

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Neurowissenschaften auf die Psychotherapie
Untertitel
Dargestellt am Zürcher Ressourcen Modell
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,00
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V74740
ISBN (eBook)
9783638718837
ISBN (Buch)
9783638755436
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Neurowissenschaften, Psychotherapie, Zürcher, Ressourcen, Modell
Arbeit zitieren
Philumena Reiser (Autor), 2007, Der Einfluss der Neurowissenschaften auf die Psychotherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74740

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