»Verschwörerisches Spiel ist in der Machtpolitik
allgemein üblich, und wo es keine Grenzen der Macht gibt, kennt auch die Verschwörung keine Grenzen.«
Carl Oglesby
Das Jahr 23 v. Chr. war für Augustus, der sein jährliches Konsulat bereits zum elften Male innehatte, ein Jahr der Krisen. In den Kreisen des Senats herrschte zu dieser Zeit großes Misstrauen und Unzufriedenheit. Letztes deshalb, weil die Blockierung eines der beiden Konsulate die Chancen der Aristokratie verkürzte. Als in diesem Jahr auch eine Verschwörung gegen Augustus aufgedeckt worden war, an der ebenso der Konsulatskollege des Augustus, ein gewisser `Varro Murena´ beteiligt gewesen sein soll, hatte es wieder einmal einen Plan gegeben, Augustus umzubringen. Der Princeps konnte nicht mehr übersehen, dass ihm eine umfassende innenpolitische Befreidung bislang nicht gelungen war.
Doch wie kam es eigentlich zu dieser Verschwörung in der Prinzipatsherrschaft des Augustus, die nicht die einzige geblieben ist? Und welche Folgen hatte dieser Widerstand für das Prinzipat?
Der Hauptkern meiner Arbeit wird auf der Verschwörung unter Varro Murena liegen, die stets Erwähnung finden wird; überdies scheint es aber besonders in diesem Fall wichtig, den Rahmen etwas weiter zu fassen und somit auch die Vorgänge und Nachwirkungen näher zu beleuchten. Ohne beispielsweise den vorangegangen Primus-Prozess, ohne eine vertiefte Kenntnis der Person des Varro Murena und dessen Umstände wäre die Verschwörung gar nicht zu verstehen.
Ferner möchte ich mich mit dem vorherrschenden Historikerproblem der Datierung beschäftigen, welche die Frage nach dem Jahr der Verschwörung stellt. Cassius Dio wird hierbei als (Haupt-) Quelle einen wichtigen Eckpfeiler bilden, da die uns zur Verfügung stehenden Quellen zu diesem Zeitabschnitt nur sehr rar und meistens monoperspektivisch sind. Der Wert Dios aber als Quelle ist, trotz mancher Probleme (wie der eben angesprochenen Datierung), sehr hoch. Nur er bietet gerade für die Kaiserzeit Informationen, die sonst nirgendwo verzeichnet sind.
Inhaltsverzeichnis
(1.) Einleitung
(2.) Zur Person des `Aulus Terentius (Licinius) Varro Murena´
(3.) Die Vorgeschichte der Verschwörung: Die Primus-Affäre
(4.) Die Verschwörung des Varro Murena
(4.1) Die Gründe der Verschwörung
(4.2) Das Problem der Datierung
(5.) Die Neuausrichtung des Prinzipats 23 v. Chr.
(6.) Schlussbemerkungen
(7.) Exkurs: Überblick über weitere Verschwörungen gegen Augustus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe, den Ablauf und die Auswirkungen der sogenannten Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus im Jahr 23 v. Chr. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie es zu einem derartigen Widerstand innerhalb der augusteischen Herrschaftsordnung kommen konnte und welche politischen Konsequenzen das Ereignis für das Prinzipat nach sich zog.
- Analyse der Person des Aulus Terentius (Licinius) Varro Murena
- Aufarbeitung des Primus-Prozesses als wesentlicher Vorläufer der Verschwörung
- Untersuchung der politischen Motive und der Problematik der Datierung
- Darstellung der dynastischen Krise und der Neuausrichtung des Prinzipats
- Einordnung des Widerstands in den Kontext weiterer Verschwörungen gegen Augustus
Auszug aus dem Buch
(4.) Die Verschwörung des Varro Murena
Im Anschluss an den Primus-Prozess sammelten sich mehrere Männer unter den Prozessbevollmächtigten Fannius Servilius Caepio und Varro Murena – angeblich um das Ziel zu verfolgen, Augustus zu töten, wobei Dio die Frage offen lässt, ob der Verdacht auf Wahrheit oder Verleumdung beruht.
Es bleibt weiterhin die Frage offen, ob tatsächlich ein Komplott vorbereitet war, oder ob Augustus damals nur auf Widerstand stieß, den er unter dem Vorwand, eine Verschwörung aufgespürt zu haben, zerschlagen wollte. Denn einerseits hatte der Prozess gegen Primus gezeigt, dass es Kritik an und beachtlichen Widerstand gegen Augustus` Machenschaften gab, andererseits hätte der Machthaber eben deswegen ein Motiv gehabt, Murena zu diskreditieren. Dieser hatte es im Primus-Prozess gewagt, die von Augustus beanspruchte auctoritas rücksichtslos in Frage zu stellen und außerdem hatten Primus und Murena gemeinsam Augustus` Übergriff auf die Zuständigkeit des Senats an die Öffentlichkeit gebracht. Das konnte ein Regime, das schon damals so sehr vom äußeren Schein lebte, nicht hinnehmen.
Velleius (2, 93, 1) schreibt über die Haupträdelsführer Fannius und Murena, dass ihre Sitten „verschiedene“ gewesen seien, Murena hätte ohne das „Verbrechen“ der Verschwörung für gut (= bonus) gelten können, Fannius aber sei bereits vorher „sehr schlecht“ gewesen. Beide Verschwörer gehörten also nicht zur gleichen Richtung, denn während Murena bis 23 v. Chr. dem Augustus nahe stand, zählte Fannius dagegen schon immer zu Augustus` Feinden.
Zusammenfassung der Kapitel
(1.) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Krisenstimmung des Jahres 23 v. Chr. und führt in die Fragestellung bezüglich der Hintergründe und Folgen der Verschwörung des Varro Murena ein.
(2.) Zur Person des `Aulus Terentius (Licinius) Varro Murena´: Dieses Kapitel rekonstruiert die biographischen Daten und das soziale Umfeld des Varro Murena unter Berücksichtigung einer schwierigen Quellenlage.
(3.) Die Vorgeschichte der Verschwörung: Die Primus-Affäre: Die Untersuchung des Primus-Prozesses zeigt, wie Augustus durch diesen Fall innenpolitisch unter Druck geriet und sich der Widerstand gegen seine Machtansprüche formierte.
(4.) Die Verschwörung des Varro Murena: Das Kernkapitel analysiert das mutmaßliche Komplott, die beteiligten Akteure, den Verlauf der Entdeckung sowie die rechtlichen Konsequenzen für die Verschwörer.
(4.1) Die Gründe der Verschwörung: Hier werden die möglichen Motive Murenas erörtert, insbesondere seine Entfremdung von Augustus nach dem Primus-Prozess.
(4.2) Das Problem der Datierung: Der Autor diskutiert die wissenschaftlichen Kontroversen um die zeitliche Einordnung der Ereignisse, wobei der Fokus auf dem Widerspruch zwischen Cassius Dio und anderen Indizien liegt.
(5.) Die Neuausrichtung des Prinzipats 23 v. Chr.: Dieses Kapitel behandelt die politischen Folgen der Verschwörung und die durch Augustus eingeleiteten Anpassungen seines Herrschaftssystems.
(6.) Schlussbemerkungen: Zusammenfassend wird das Jahr 23 v. Chr. als Krisenjahr charakterisiert, das Augustus zur Modifizierung seiner Prinzipatsordnung zwang.
(7.) Exkurs: Überblick über weitere Verschwörungen gegen Augustus: Eine tabellarische Übersicht stellt die Verschwörungen der Jahre 31 v. Chr. bis 6 n. Chr. kurz gegenüber.
Schlüsselwörter
Augustus, Prinzipat, Varro Murena, Verschwörung, Primus-Prozess, Krisenjahr 23 v. Chr., Senat, Machtpolitik, römische Innenpolitik, Marcus Primus, Fannius Servilius Caepio, auctoritas, Republik, Nachfolgefrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Ereignisse um die sogenannte Verschwörung des Varro Murena im Jahr 23 v. Chr. und analysiert, wie diese Krise die Herrschaft des Augustus beeinflusste.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den biographischen Hintergründen von Murena, dem Primus-Prozess als Auslöser, der Verschwörung selbst sowie der anschließenden politischen Neuausrichtung des Prinzipats.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach den Beweggründen für den Widerstand gegen Augustus in einem Jahr der innenpolitischen Krise und untersucht die Folgen dieses Widerstands für das damalige politische System.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor nutzt eine historische Quellenanalyse, insbesondere unter Heranziehung von Cassius Dio, und vergleicht diese mit moderner Forschungsliteratur, um die Ereignisse zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Primus-Prozesses, eine detaillierte Analyse der Verschwörung von Varro Murena und eine Diskussion über die Auswirkungen auf die Stabilität des Prinzipats.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Zentrale Begriffe sind das Prinzipat, das Krisenjahr 23 v. Chr., die senatorische Opposition sowie der Begriff der "wiederhergestellten Republik".
Welche Bedeutung hatte der Primus-Prozess für die spätere Verschwörung?
Der Prozess offenbarte eine tiefe Kluft zwischen den Erwartungen des Senats und den tatsächlichen Machtbefugnissen des Augustus. Murena als Verteidiger von Primus wurde hierbei zu einem der prominentesten Kritiker des Kaisers.
Warum ist die Datierung der Verschwörung in der Forschung umstritten?
Die einzige detaillierte Quelle, Cassius Dio, setzt die Verschwörung auf das Jahr 22 v. Chr. fest, während zahlreiche Indizien und Inschriften wie die Fasti Capitolini stark auf das Jahr 23 v. Chr. hindeuten.
- Quote paper
- Jörg Husemann (Author), 2006, Die sogenannte Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74772