Die sogenannte Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

(1.) Einleitung

(2.) Zur Person des `Aulus Terentius (Licinius) Varro Murena´

(3.) Die Vorgeschichte der Verschwörung: Die Primus-Affäre

(4.) Die Verschwörung des Varro Murena
(4.1) Die Gründe der Verschwörung
(4.2) Das Problem der Datierung

(5.) Die Neuausrichtung des Prinzipats 23 v. Chr.

(6.) Schlussbemerkungen

(7.) Exkurs: Überblick über weitere Verschwörungen gegen Augustus

(8.) Literaturverzeichnis

(1.) Einleitung

»Verschwörerisches Spiel ist in der Machtpolitik

allgemein üblich, und wo es keine Grenzen der Macht gibt,

kennt auch die Verschwörung keine Grenzen.« Carl Oglesby

Das Jahr 23 v. Chr. war für Augustus, der sein jährliches Konsulat bereits zum elften Male innehatte, ein Jahr der Krisen. In den Kreisen des Senats herrschte zu dieser Zeit großes Misstrauen und Unzufriedenheit. Letztes deshalb, weil die Blockierung eines der beiden Konsulate die Chancen der Aristokratie verkürzte. Als in diesem Jahr auch eine Verschwörung gegen Augustus aufgedeckt worden war, an der ebenso der Konsulatskollege des Augustus, ein gewisser `Varro Murena´ beteiligt gewesen sein soll, hatte es wieder einmal einen Plan gegeben, Augustus umzubringen. Der Princeps konnte nicht mehr übersehen, dass ihm eine umfassende innenpolitische Befreidung bislang nicht gelungen war.[1]

Doch wie kam es eigentlich zu dieser Verschwörung in der Prinzipatsherrschaft des Augustus, die nicht die einzige geblieben ist? Und welche Folgen hatte dieser Widerstand für das Prinzipat?

Der Hauptkern meiner Arbeit wird auf der Verschwörung unter Varro Murena liegen, die stets Erwähnung finden wird; überdies scheint es aber besonders in diesem Fall wichtig, den Rahmen etwas weiter zu fassen und somit auch die Vorgänge und Nachwirkungen näher zu beleuchten. Ohne beispielsweise den vorangegangen Primus-Prozess, ohne eine vertiefte Kenntnis der Person des Varro Murena und dessen Umstände wäre die Verschwörung gar nicht zu verstehen.

Ferner möchte ich mich mit dem vorherrschenden Historikerproblem der Datierung beschäftigen, welche die Frage nach dem Jahr der Verschwörung stellt. Cassius Dio wird hierbei als (Haupt-) Quelle einen wichtigen Eckpfeiler bilden, da die uns zur Verfügung stehenden Quellen zu diesem Zeitabschnitt nur sehr rar und meistens monoperspektivisch sind. Der Wert Dios aber als Quelle ist, trotz mancher Probleme (wie der eben angesprochenen Datierung), sehr hoch. Nur er bietet gerade für die Kaiserzeit Informationen, die sonst nirgendwo verzeichnet sind.

(2.) Zur Person des `Aulus Terentius (Licinius) Varro Murena´

Das Jahr 23 v. Chr. war äußerst Gewichtig für die Errichtung des Principats. Leider können die Vorgänge in der ersten Hälfte dieses Jahres aufgrund der spärlichen Quellenlage nur bruchstückhaft rekonstruiert werden – selbst ein Beweiß für das Leben des Varro Murena ist lückenhaft.[2][3] Die Literatur über diese Person „is a morass of inferences, conjectures, assumptions and speculation“.[4] Gesichert ist nur, dass sein Name das gens Terentia und das gens Licinia vereinigte, er durch Adoption in das gens Terentia zum uns bekannten `Aulus Terentius Varro Murena´ wurde. Mc Dermott nimmt in seinem Artikel von 1941 weiterhin an, dass Murena um 56 v. Chr. geboren wurde und im Alter von 33 Jahren Konsul geworden sein könnte. Als dieser im Bürgerkrieg seinen gesamten Besitz verloren hatte, musste ihm sein Bruder Proculeius helfen – ein Vertrauter und Freund Augustus`. Murena war zudem „brother-in-law“ durch seine Schwester Terentia, die mit Maecenas verheiratet war. Eine zweite Schwester Murenas mit demselben Namen scheint außerdem die Mutter von L. Seius Strabo und die Großmutter von Sejanus gewesen zu sein.

Dieser Murena eroberte im Auftrage Augustus` 25 v. Chr. die Salasser und erhielt daraufhin als Belohnung – und aufgrund seiner Beziehungen zu Maecenas und Proculeius – das Konsulatsamt.[5] Bis dahin dürfte Murena wohl als Freund und Vertrauter des Princeps gelten, mit dem er zusammen 23 v. Chr. das Amt antrat.

Die Hintergründe der Ereignisse des Jahres 23 werden sich wohl nie ganz klären lassen; dass der Princeps Augustus aber mit einer weit verbreiteten Missstimmung zu rechnen hatte, zeigen die Vorgänge allerdings sehr deutlich. Cassius Dio berichtet über einen Prozess gegen Marcus Primus und die Verschwörung eines Licinus Murena – wohl irrtümlich – erst unter dem Jahre 22. (Zur Problematik der Datierung – siehe Punkt 4.2.) In der offiziellen Konsulnliste, den Fasti Capitolini, scheidet Murena 23 v. Chr. unerwartet frühzeitig aus und wird durch Cn. Calpurnius Piso ersetzt. Die angeblichen Verschwörer – unter ihnen Varro Murena – wurden in Abwesenheit verurteilt und bald darauf auf der Flucht getötet. „Dabei fand Murena nicht einmal die Hilfe seines Bruders Proculeius, noch die des Maecenas […], obwohl beide Persönlichkeiten bei Augustus in höchsten Ehren standen.“[6]

(3.) Die Vorgeschichte der Verschwörung: Die Primus-Affäre

Für den Prozess gegen Primus, der wie Murena zu Augustus` Freunden zählte, ist Cassius Dio „the only annalistic account“.[7] Von der Anklage und dem Prozess 23 v. Chr. berichtet er: Marcus Primus, ein Ritter und der Proconsul von Makedonien, der zu Augustus` Freunden gezählt wurde, sei [vor einem Quästionengericht] angeklagt worden, als Statthalter der senatorischen Provinz Makedoniens ohne Legitimation Krieg gegen die mit Rom befreundeten Odrysen geführt zu haben.[8]

Zu seiner Entschuldigung berief sich Primus auf Augustus und Marcellus, er habe auf deren Veranlassung und Geheiß gehandelt. Dass Primus tatsächlich glaubte, er habe im Einklang mit den Absichten des Augustus gehandelt, geht hier auch daraus hervor, dass er Varro Murena zu seinem Verteidiger bestellte.[9] Da jedoch Kriegserklärungen mit vertraglich an Rom gebundenen Völkerschaften in den Zuständigkeitsbereich des Senats fielen, legte Primus mit seiner Begründung die tatsächlichen Machtverhältnisse offen – nämlich Augustus` großzügige Auslegung seines konsularischen imperium. Augustus erschien daraufhin unaufgefordert vor Gericht und leugnete auf die Frage des Praetors, Primus mit der Kriegführung beauftragt zu haben.[10]

Das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, muss ein Bestandteil des Provinzkommandos gewesen sein, welches zunächst auf zehn Jahre lief und später bis an das Lebensende immer verlängert wurde.[11] Danach kann Augustus im Jahre 24/23 v. Chr. nicht das Recht gehabt haben, in allen Provinzen des Reiches über Krieg und Frieden zu befinden. Auch berief sich Primus nicht auf einen dienstlichen Befehl, denn die „Weisung“ des Augustus steht hier gleichwertig neben der „Weisung“ des Marcellus. Marcellus – als Schwiegersohn des Augustus – kann aber damals nicht das Recht gehabt haben, dienstliche Befehle an den Statthalter zu erteilen: denn er was noch keine zwanzig Jahre alt.[12]

Augustus aber wäre nicht ungeladen gekommen, womit er vielleicht auch die Ritter einschüchterte, und hätte nicht eine Aussage gemacht, die für den Angeklagten ungünstig war, wenn er nicht seine Verurteilung gewünscht hätte. Auch Primus, dessen weiteres Schicksal unbekannt ist, machte aus seiner nun wachsenden Abneigung gegen Augustus keinen Hehl. Seine Entschuldigung nämlich, er habe auch von Marcellus Anweisungen erhalten, nutzte geschickt den Verdacht der Monarchiegründung durch Augustus aus. Wer machte aus dem jugendlichen Schwiegersohn des Augustus gleichsam eine Prinzen.

[...]


[1] Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus, Darmstadt 2005, S. 94.

[2] Dio nennt ihn `Licinius Murena´, Velleius `L. Murena´, Tacitus `Varro´, Sueton hingegen `Varro Murena´.

[3] Mc Dermott, William: Varro Murena, in: Transactions and proceedings of the American Philological Association, New York 1972 (1941), S. 255f.

[4] Arkenberg, Jerome S.: Licinii Murenae Terentii Varrones, and Varrones Murenae, in: Historia, Band XLII/4, Stuttgart 1993, S. 471.

[5] Ebenda, S. 472f.

[6] Dio, Casius: Römische Geschichte, Band IV, 54, 3, 2-5.

[7] Mc Dermott, William: Varro Murena, S. 255.

[8] vgl. Dio 54, 3, 1-2.

[9] Kienast, Dietmar: Augustus – Prinzeps und Monarch, 2. Aufl., Darmstadt 1992, S.86.

[10] Dettenhoffer, Maria H.: Herrschaft und Widerstand im augusteischen Principat – Die Konkurrenz zwischen Res publica und domus Augusta, Stuttgart 2000, S. 97.

[11] vgl. Dio 53, 13, 1; 53, 16, 2; 54, 12, 3f.; 54, 12, 5; 55, 6, 1; 56, 28, 1.

[12] Sattler, Peter: Augustus und der Senat – Untersuchungen zur römischen Innenpolitik zwischen 30 und 17 v. Chr., Göttingen 1960, S.46.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die sogenannte Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
HS "Der Principat des Augustus"
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V74772
ISBN (eBook)
9783638722049
ISBN (Buch)
9783638795166
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Komentare des Dozenten: - Literatur in großem Umfang rezipiert - Sehr gute Quellenbenutzung - Note 1.3, weil der Skeptiker Badian noch stärker zu Wort hätte kommen können
Schlagworte
Verschwörung, Varro, Murena, Augustus, Principat, Augustus
Arbeit zitieren
Jörg Husemann (Autor), 2006, Die sogenannte Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74772

Kommentare

  • Daniel Fischer am 24.5.2008

    Varro Murena gegen Augustus.

    Zur Thematik Varro Murena gegen Augustus gibt es wenig gesicherte Daten und Zusammenhänge. Diese Arbeit jedoch fasst das Wesentliche hervorragend zusammen und ist dem neuesten Stand der Forschung zuzuordnen.
    Daniel Fischer

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Titel: Die sogenannte Verschwörung des Varro Murena gegen Augustus



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