Alte Konflikte, Neue Formen - Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für Wahlforschung mit dem Cleavage-Ansatz


Hausarbeit, 2007
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan
1.1 Das Konzept
1.2 Sozialmoralische Milieus nach M. Rainer Lepsius

2 Der reine Lebensstil-/Lebensweltansatz
2.1 Der Millieu-Begriff nach Stefan Hradil
2.2 Die SINUS-Milieus als politische Zielgruppen

3 Gesellschaftlich-politische Milieus und Lager nach Michael Vester et. al

4 Eignung der Milieubegriffe zur Konstitution von Cleavage-Trägergruppen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Verhalten der Wähler in demokratischen Abstimmungen zu erklären, ist eines der zentralen Anliegen der politischen Soziologie. Dieses Erkenntnisinteresse ist nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum attraktiv: Politiker, Parteien, die Medienöffentlichkeit, sie alle bewegt die Frage nach dem „Warum?“ hinter der Wahlentscheidung der Bürger. Ein viel beachteter Ansatz auf der Ebene des Parteiensystems ist der sogenannte „Cleavage“-Ansatz von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan. Er erklärt das Entstehen der „westlichen“ Parteiensysteme aus den historischen Entwicklungen der Sozialstruktur in der Neuzeit heraus als in Institutionen und kulturelle Werte transformierte, tief greifende Interessengegensätze zwischen gesellschaftlichen Großgruppen, die sich bis zum Zeitpunkt der Untersuchung 1967 weitestgehend erhalten haben.[1] Er gehört somit zu jenen genuin soziologischen Ansätzen, die versuchen, den Zusammenhang zwischen der Struktur soziodemographischer Merkmale, in diesem Fall Religion, Klasse, und Region, und Wahlverhalten herzustellen.[2]

Zur Erklärung der Ergebnisse aktueller Wahlen ist dabei neben dem bloßen Vorhandensein einer oder mehrerer historisch gewachsener Konfliktlinien besonders deren tatsächliches Wirken auf konkretes Wahlverhalten interessant. Somit rücken die Struktur, die Identität und die Funktion der gesellschaftlichen Großgruppe in den Mittelpunkt des Interesses. Basierend auf dem Cleavage-Ansatz hat M. Rainer Lepsius das Konzept der sozialmoralischen Milieus als nach außen abgegrenzte gesellschaftliche Gruppe entwickelt, mit deren Hilfe er die sozialen und politischen Spaltungslinien der Weimarer Republik verortet und erklärt.[3]

Es bedarf allerdings der Klärung, ob ein Ansatz, der Wahlen „idealtypisch als Zählappell der sozialen Großgruppen“[4] auffasst, für die Wählerverteilung im Parteiensystem unserer Tage überhaupt noch Aussagekraft besitzt. Lepsius schreibt der Sozialstruktur der Bundesrepublik bis 1970 lediglich noch ein bedeutendes Cleavage zu, das zwischen Arbeit und Kapital, allerdings in anderer Form als vor dem 2. Weltkrieg.[5] Empirische Studien weisen auf die abnehmende Zahl von „Trägern“, also Gruppenmitgliedern, der klassischen Cleavages Konfession sowie Arbeit/Kapital hin[6], sozialmoralische Milieus als weltanschauliche Einheiten im Sinne Lepsius’ können als seit den 1950ern nicht mehr existent angesehen werden[7], generell kann von einer Erosion homogener sozialer Milieus durch wachsende soziale Mobilität in jeglicher Hinsicht und damit von einer Schwächung des Zusammenhangs zwischen der Position in der Sozialstruktur und dem Wahlverhalten ausgegangen werden[8]. Haben Cleavages ihre Aussagekraft verloren?

Der Milieubegriff erlebte in der soziologischen Sozialstrukturforschung der 1980er Jahre ein Comeback unter dem Leitmodell der Lebensstilforschung als übergreifendes Konzept. Diesen neuen soziologischen Milieus werden zumindest teilweise ebenfalls klar zuzuordnende politische Orientierungen zugeschrieben. Zur Klärung der Frage, ob, und wenn inwiefern bestimmte neue Milieukonstruktionen in Deutschland Trägergruppen von politischen Orientierungen oder gar gesellschaftlichen Konfliktlinien darstellen könnten, wird im Folgenden zunächst der Cleavage-Ansatz und insbesondere sein Gruppenverständnis nochmals umrissen und um den darauf aufbauenden Milieu-Begriff nach Lepsius ergänzt. Im Folgenden sollen die Milieubegriffe von Michael Vester, Stefan Hradil, und dem Sinus Institut dargestellt werden und in einem abschließenden Schritt auf ihre Aussagekraft im Sinne einer politisierten Sozialstruktur bezogen werden. Berücksichtigung sollen dabei insbesondere die Bedingungen, die ein Konflikt erfüllen muss, um als Cleavage gelten zu können, sowie die Bedingungen, die demzufolge ein Milieu erfüllen muss, um als Ausdruck und Basis eines Cleavage gelten zu können. Leitthese soll dabei sein, dass nur ein theoretischer Milieubegriff, der die kulturelle und politische Homogenität als Grundbedingung zur Konstitution eines Milieus mit der Bedingung der Identität des Milieus als Gruppe in der Selbst- und Fremdwahrnehmung kombiniert, als Trägergruppe für ein Cleavage in Frage kommt.

1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan

1.1 Das Konzept

Der Cleavage-Ansatz von Lipset und Rokkan will das aktuelle Verhalten der Wählermassen aus der historischen Entwicklung der Sozialstruktur erklären. In ihrer historischen Analyse untersuchen sie die Entstehung der westlichen Parteiensysteme als Entwicklung der grundsätzlichen Wahlalternativen in einer Gesellschaft. Grundlage der Parteiensysteme bilden demzufolge so genannte „Cleavages“, tiefgreifende gesellschaftlich-weltanschauliche Konflikte, die zu Spaltungslinien und Gruppenbildung führen und unter bestimmten Bedingungen sich zu Parteien und Parteiensystemen stabilisieren.[9] Das Vorgehen basiert auf einer Typologie möglicher Cleavage-Ursachen, die dann anhand der Klassifikation tatsächlicher Parteiensysteme mittels dieser Kriterien auf Existenz und Anwendbarkeit überprüft werden. So lassen sich die Unterschiede im voter alignment zwischen unterschiedlichen nationalen Parteiensysteme auf soziokulturelle Merkmale wie Region, Klasse und Religion, sowie auf politische Zugehörigkeit in so genannten „we“ versus „they“ -Gruppen zurückführen.[10]

Lipset und Rokkan unterscheiden dabei vier Cleavages: Zentrum – Peripherie, Kirche – Staat, Stadt – Land, Kapital – Arbeit, die jeweils durch einschneidende historische Modernisierungsprozesse entstanden sind. Grob lässt sich zwischen Prozessen einer „nationalen Revolution“ und einer späteren „industriellen Revolution“ trennen. Als nationaler Gegensatz entstand im Kontext von Reformation und Gegenreformation der Zentrum - Peripherie -Konflikt über die kulturelle Hoheit zwischen zentralisierender Staatengründung bzw. –werdung und regional-peripheren Kultur- und Wirtschaftsinteressen. Das ebenfalls nationale Staat – Kirche -Cleavage brachte insbesondere in Folge der französischen Revolution Differenzen über die Bildungshoheit zwischen Staat und Kirche bzw. zwischen den protestantischen Staatskirchen und der supranational organisierten römisch-katholischen Kirche mit sich. Infolge der industriellen Revolution entstand zunächst der Stadt – Land -Konflikt zwischen primärer Ökonomie auf dem Land und sekundärer Ökonomie in den Städten, der oft mit dem Konflikt Feudaladel vs. Großbürgertum identisch war. Zuletzt entstand im Zuge der sich ausweitenden Industrialisierung das klassische Arbeit – Kapital-Cleavage zwischen Arbeitern und Arbeitgebern.[11]

Diese strukturell angelegten Konflikte kristallisierten schließlich auf für jedes Parteiensystem spezifische Art und Weise zu Parteiorganisationen. Je nach den Hürden zur Beteiligung in den jeweiligen politischen Systemen und der jeweiligen Anlage der Konflikte, die sich sowohl überschneiden als auch verstärken können[12], werden so die von den konfliktinvolvierten gesellschaftlichen Großgruppen geschaffenen Interessenvertretungsorganisationen in Parteiorganisationen oder Bündnisse mit Parteien transferiert.[13]

Seine Aktualität bezieht das Modell jedoch aus seiner finalen Schlussfolgerung: „[T]he party systems of the 1960’s reflect, with few but significant exceptions, the cleavage structures of the 1920’s“.[14] Lipset und Rokkan implizieren, dass mit dem Ende der Ausweitung politischer Teilhaberechte alle wichtigen Wahlalternativen in westlichen Demokratien gesetzt waren. Während sich in dieser Zeit die Strukturbedingungen der jeweiligen Parteianhänger vor dem Hintergrund von Strukturwandel und Wirtschaftswachstum unterschwellig wandelten, blieb die Struktur des Parteiensystems stehen. Dies nicht zuletzt, weil das hohe Maß an organisatorischer Mobilisierung kaum Spielraum für die Durchsetzung neuer Parteien lässt.[15]

Die Frage, ob Cleavages auch heute noch eine Rolle spielen, ist nicht zuletzt deshalb Gegen-stand von Diskussionen geblieben, weil der Cleavage-Begriff von Lipset / Rokkan über die Erklärung von Wahlverhalten und der Verteilung von Parteipräferenzen auf Bevölkerungssegmente (alignment) hinausgeht.[16] Bedingung ist vielmehr „ein sozialstrukturell verankerter, kulturell überformter und institutionalisierter Interessengegensatz“[17] in einer Gesellschaft. Der Konflikt muss also neben einer sozialstrukturellen und einer Werte-Dimension auch eine institutionelle Dimension besitzen. Darunter ist über die Interessenvertretung hinaus eine Selbst- und Fremdwahrnehmung als Gruppe zu verstehen, die sich von anderen differenziert, sowie eine „institutionalisierte Segmentierung“ betreibt.[18] Institutionalisierte Segmentierung ist die Schaffung einer Organisationsumwelt für die Gruppenmitglieder durch die Gruppe parallel zur „Mainstream“-Gesellschaft, die ihre Mitglieder so von äußeren Einflüssen abschirmen kann und ihre eigene Werthaltung stärkt.[19] Laut Lipset und Rokkan trifft dies insbesondere auf Kirchliche Bewegungen, aber beispielsweise auch für die Arbeiterbewegung der Weimarer Republik aus, die eine Seite eines besonders stark ausgeprägten Cleavages darstellte.[20]

1.2 Sozialmoralische Milieus nach M. Rainer Lepsius

M. Rainer Lepsius führt in seinem 1967 erschienenen Aufsatz in einer Kernthese die Entwicklung des Parteiensystems der Weimarer Republik auf eine „Verspätung der Industrialisierung gegenüber der Demokratisierung“[21] zurück. Die Ursache dieser Verspätung sieht er in der Gesellschaftsstruktur, die durch dauerhafte soziale Konfliktlagen gekennzeichnet war.[22] Dabei rekurriert er unter anderem auf ein Vorläuferkonzept des oben diskutierten Cleavage-Ansatzes, das Lipset 1964 veröffentlichte.[23] Wie man im Folgenden sehen wird, schließt sein Ansatz auch nahtlos an den oben ausgeführten Gruppenbegriff im Besonderen sowie an das Cleavage-Konzept von Lipset / Rokkan im Allgemeinen an. Das Parteiensystem der Weimarer Republik sieht er als konservierte Manifestation von Strukturkonflikten aus der Zeit vor der Gründung des Kaiserreiches an, die nach dem Krieg im eigentlichen Sinne keine Bedeutung mehr haben. Die Parteien sieht er als Vertreter bestimmter Sozialmilieus an, analog zu den Großgruppen bei Lipset / Rokkan.[24]

[...]


[1] Vgl. Seymour Martin Lipset / Stein Rokkan: Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments. An Introduction, in: Dies. (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives, New York / London 1967, S. 1-63.

[2] Vgl. Harald Schoen: Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung, in: Jürgen W. Falter / Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005, S. 135–185, hier S. 135-136.

[3] Vgl.M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wilhelm Abel / Knut Borchard / Hermann Kellenbenz / u. a. (Hrsg.): Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 371-393.

[4] Schoen: Soziologische Ansätze, S. 147.

[5] Vgl. M. Rainer Lepsius: Demokratie in Deutschland: soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 151.

[6] Vgl. Schoen: Soziologische Ansätze, S. 158-185.

[7] Vgl. Werner Fuchs-Heinritz: Artikel „sozialmoralisches Milieu“, in: Ders. / Rüdiger Lautmann / u.a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, Opladen 31994, S.356.

[8] Vgl. Schoen: Soziologische Ansätze, S. 155-156.

[9] Vgl. Lipset / Rokkan: Cleavage Structures, S. 1-3.

[10] Vgl. Ebd., S. 3.

[11] Vgl. Ebd., S. 13-21, S. 47.

[12] Vgl. Ebd., S. 5-6, S. 41.

[13] Vgl. Ebd., S. 145.

[14] Lipset / Rokkan: Cleavage Structures, S. 51.

[15] Vgl. Ebd., S. 52-56.

[16] Vgl. Schoen: Soziologische Ansätze, S. 149.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Lipset / Rokkan: Cleavage Structures, S. 15, sowie Schoen: Soziologische Ansätze, S. 148.

[19] Vgl. Lipset / Rokkan: Cleavage Structures, S. 15.

[20] Vgl. Ebd., S. 15, S. 22.

[21] M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur, S. 371.

[22] Vgl. Ebd., S. 371.

[23] Vgl. Seymour Martin Lipset: Political Cleavages in „Developed“ and Emerging Polities, in: Erik Allardt (Hrsg.): Cleavages, ideologies and party systems. Contributions to comparative political sociology, Helsinki 1964, S. 24-25.

[24] Vgl. M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur, S. 377-382.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Alte Konflikte, Neue Formen - Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für Wahlforschung mit dem Cleavage-Ansatz
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Wissenschaftliche Politik)
Veranstaltung
Grundkurs Politische Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V74833
ISBN (eBook)
9783638726245
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alte, Konflikte, Neue, Formen, Milieubegriffe, Aussagekraft, Wahlforschung, Cleavage-Ansatz, Politische, Soziologie, Cleavage, Milieu, Lebensstil, Lepsius, Sinus, Sinusmilieus, Sozialstruktur, Wahlverhalten
Arbeit zitieren
Christoph Sprich (Autor), 2007, Alte Konflikte, Neue Formen - Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für Wahlforschung mit dem Cleavage-Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74833

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