Der Milieubegriff erlebte in der soziologischen Sozialstrukturforschung der 1980er Jahre ein Comeback unter dem Leitmodell der Lebensstilforschung als übergreifendes Konzept. Diesen neuen soziologischen Milieus werden zumindest teilweise ebenfalls klar zuzuordnende politische Orientierungen zugeschrieben. Zur Klärung der Frage, ob, und wenn inwiefern bestimmte neue Milieukonstruktionen in Deutschland Trägergruppen von politischen Orientierungen oder gar gesellschaftlichen Konfliktlinien darstellen könnten, wird im Folgenden zunächst der Cleavage-Ansatz und insbesondere sein Gruppenverständnis nochmals umrissen und um den darauf aufbauenden Milieu-Begriff nach Lepsius ergänzt. Im Folgenden sollen die Milieubegriffe von Michael Vester, Stefan Hradil, und dem Sinus Institut dargestellt werden und in einem abschließenden Schritt auf ihre Aussagekraft im Sinne einer politisierten Sozialstruktur bezogen werden. Berücksichtigung sollen dabei insbesondere die Bedingungen, die ein Konflikt erfüllen muss, um als Cleavage gelten zu können, sowie die Bedingungen, die demzufolge ein Milieu erfüllen muss, um als Ausdruck und Basis eines Cleavage gelten zu können. Leitthese soll dabei sein, dass nur ein theoretischer Milieubegriff, der die kulturelle und politische Homogenität als Grundbedingung zur Konstitution eines Milieus mit der Bedingung der Identität des Milieus als Gruppe in der Selbst- und Fremdwahrnehmung kombiniert, als Trägergruppe für ein Cleavage in Frage kommt.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan
1.1 Das Konzept
1.2 Sozialmoralische Milieus nach M. Rainer Lepsius
2 Der reine Lebensstil-/Lebensweltansatz
2.1 Der Millieu-Begriff nach Stefan Hradil
2.2 Die SINUS-Milieus als politische Zielgruppen
3 Gesellschaftlich-politische Milieus und Lager nach Michael Vester et. al.
4 Eignung der Milieubegriffe zur Konstitution von Cleavage-Trägergruppen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz des klassischen Cleavage-Ansatzes von Lipset und Rokkan für die heutige Wahlforschung. Im Fokus steht die Frage, inwieweit moderne Milieukonzepte als Trägergruppen politischer Orientierungen fungieren können und ob sie die historisch gewachsenen Konfliktlinien in der modernen Gesellschaft abbilden.
- Analyse der historischen Entstehung von Cleavages und ihrer Bedeutung für Parteiensysteme.
- Gegenüberstellung des klassischen Milieubegriffs nach M. Rainer Lepsius mit modernen Lebensstilansätzen.
- Untersuchung der SINUS-Milieus als Instrument zur Erfassung politischer Zielgruppen.
- Diskussion des Konzepts der politischen Lager von Michael Vester im Kontext moderner Strukturwandel.
- Bewertung der Eignung aktueller Milieukonstruktionen als theoretische Basis für Cleavage-Trägergruppen.
Auszug aus dem Buch
Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan
Der Cleavage-Ansatz von Lipset und Rokkan will das aktuelle Verhalten der Wählermassen aus der historischen Entwicklung der Sozialstruktur erklären. In ihrer historischen Analyse untersuchen sie die Entstehung der westlichen Parteiensysteme als Entwicklung der grundsätzlichen Wahlalternativen in einer Gesellschaft. Grundlage der Parteiensysteme bilden demzufolge so genannte „Cleavages“, tiefgreifende gesellschaftlich-weltanschauliche Konflikte, die zu Spaltungslinien und Gruppenbildung führen und unter bestimmten Bedingungen sich zu Parteien und Parteiensystemen stabilisieren. Das Vorgehen basiert auf einer Typologie möglicher Cleavage-Ursachen, die dann anhand der Klassifikation tatsächlicher Parteiensysteme mittels dieser Kriterien auf Existenz und Anwendbarkeit überprüft werden. So lassen sich die Unterschiede im voter alignment zwischen unterschiedlichen nationalen Parteiensysteme auf soziokulturelle Merkmale wie Region, Klasse und Religion, sowie auf politische Zugehörigkeit in so genannten „we“ versus „they“-Gruppen zurückführen.
Lipset und Rokkan unterscheiden dabei vier Cleavages: Zentrum – Peripherie, Kirche – Staat, Stadt – Land, Kapital – Arbeit, die jeweils durch einschneidende historische Modernisierungsprozesse entstanden sind. Grob lässt sich zwischen Prozessen einer „nationalen Revolution“ und einer späteren „industriellen Revolution“ trennen. Als nationaler Gegensatz entstand im Kontext von Reformation und Gegenreformation der Zentrum - Peripherie-Konflikt über die kulturelle Hoheit zwischen zentralisierender Staatengründung bzw. –werdung und regional-peripheren Kultur- und Wirtschaftsinteressen. Das ebenfalls nationale Staat – Kirche-Cleavage brachte insbesondere in Folge der französischen Revolution Differenzen über die Bildungshoheit zwischen Staat und Kirche bzw. zwischen den protestantischen Staatskirchen und der supranational organisierten römisch-katholischen Kirche mit sich. Infolge der industriellen Revolution entstand zunächst der Stadt – Land-Konflikt zwischen primärer Ökonomie auf dem Land und sekundärer Ökonomie in den Städten, der oft mit dem Konflikt Feudaladel vs. Großbürgertum identisch war.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan: Einführung in die Theorie der gesellschaftlichen Konfliktlinien, die historische Parteiensysteme prägen und als Zählappell für soziale Großgruppen dienen.
2 Der reine Lebensstil-/Lebensweltansatz: Darstellung neuerer Ansätze zur Sozialstrukturanalyse, insbesondere durch Stefan Hradil und das Sinus-Institut, die Lebensstile und Werteorientierungen in den Mittelpunkt rücken.
3 Gesellschaftlich-politische Milieus und Lager nach Michael Vester et. al.: Analyse des Vester-Modells, das soziale Milieus mit dem Konzept politischer Lager verbindet und den Habitus als vermittelnde Kategorie nutzt.
4 Eignung der Milieubegriffe zur Konstitution von Cleavage-Trägergruppen: Kritische Reflexion darüber, ob moderne Milieus die strengen theoretischen Anforderungen erfüllen, um als institutionell verankerte Cleavage-Träger zu gelten.
Schlüsselwörter
Cleavage-Ansatz, Wahlforschung, Sozialmoralische Milieus, Lebensstilforschung, SINUS-Milieus, Politische Lager, Sozialstruktur, Wahlverhalten, Parteiensystem, Habitus, Interessenkonflikte, Politische Identität, Strukturwandel, Klassen, Wertorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Anwendbarkeit klassischer soziologischer Cleavage-Theorien auf die heutige Gesellschaft und die damit verbundene Frage, ob moderne Milieu-Modelle eine Erklärung für heutiges Wahlverhalten liefern können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die historische Analyse von Konfliktlinien (Lipset/Rokkan), der sozialmoralische Milieubegriff (Lepsius) sowie moderne Lebensstil- und Lager-Analysen (Hradil, Vester).
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob heutige gesellschaftliche Gruppierungen (Milieus) als Träger für politische Konfliktlinien (Cleavages) fungieren können, wie es für klassische Großgruppen der Fall war.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse, um verschiedene soziologische Konzepte zu vergleichen und deren Aussagekraft für die empirische Wahlforschung kritisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung klassischer Ansätze, die Analyse moderner Lebensstilansätze, die Untersuchung politischer Lager sowie eine abschließende Bewertung ihrer Eignung für das Cleavage-Konzept.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Cleavage, Milieu, Wahlverhalten, politische Identität, sozialer Strukturwandel und Habitus.
Inwiefern unterscheidet sich der Ansatz von Vester von klassischen Modellen?
Vester verknüpft das Konzept der sozialen Milieus mit der Idee politischer Lager, um die Stabilität von Wählerbindungen trotz gesellschaftlicher Individualisierung theoretisch zu begründen.
Was ist das zentrale Ergebnis bezüglich der heutigen Anwendbarkeit von Cleavages?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass moderne Milieus oft nicht mehr die institutionalisierte und kulturell homogene Struktur aufweisen, die für „echte“ Cleavages nach Lipset/Rokkan erforderlich wäre, dennoch aber weiterhin das Wahlverhalten beeinflussen.
- Quote paper
- Christoph Sprich (Author), 2007, Alte Konflikte, Neue Formen - Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für Wahlforschung mit dem Cleavage-Ansatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74833