Masse und Individuum bei Elias Canettis "Die Blendung" und Roberts Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"

Das Geschlecht der Masse. Gender im künstlerischen Massendiskurs


Hausarbeit, 2007

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick: Die Autoren und ihre Geschichte/Werke
2.1 Elias Canetti
2.2 Robert Musil

3. Elias Canetti „Die Blendung“
3.1 Die akustische Maske – das Individuelle und das Kollektive in der Sprache
3.1.1 Die akustische Maske Einordnung
3.1.2 Persönlichkeitsbetrieb und Massenbetrieb
3.1.3 Depersonalisierung – das Individuum in der Masse und 69 die Masse im Individuum
3.1.4 Deformation der Sprache
3.1.5 Wahnlogiken und Isolation

4. Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“
4.1 Die Spaltung des Ichs
4.1.1 Identität und Differenz
4.1.2 Entpersönlichung
4.1.3 Das ScheinIch

5. Zusammenfassung der Merkmale des Individuums und der Masse

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Masse und Individuum in Elias Canettis „Die Blendung“ und Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Nach einem kurzen Überblick über die Autoren und ihrer Geschichte soll anhand des Werkes „Die Blendung“ die akustische Maske untersucht werden. Hierbei soll das Augenmerk auf dem Individuellen und dem Kollektiven in der Sprache liegen. Im Anschluss daran soll eine Untersuchung der verschiedenen Darstellungen der Geschlechter innerhalb des Werkes stattfinden. Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird dann die Spaltung des Ichs bei Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ betrachtet, sowie auch hier die Darstellung der Geschlechter, um schließlich eine Zusammenfassung der Merkmale des Individuums und der Masse bei Canetti und Musil zu finden. Der Abschluss bildet ein persönliches Fazit zur Hausarbeit, evtl. Schwierigkeiten und weiterführende Gedanken zum Thema.

2. Überblick: Die Autoren und ihre Geschichte/Werke

In diesem Abschnitt soll ein kurzer Einblick in das Leben der Autoren, sowie den Werken, gegeben werden.

2.1 Elias Canetti

Elias Canetti wurde als ältester Sohn einer spaniolisch-jüdischen Kaufmannsfamilie am 25 Juli 1905 in Rustschuk/Bulgarien geboren und starb am 14 August 1994 in Zürich. Ab 1924 lebte er in Wien und wurde durch den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Reich Deutschland dazu gezwungen mit seiner Frau nach London zu emigrieren. Canetti blieb auch nach dem Krieg noch in England und erwarb sogar die Staatsbürgerschaft. Die siebziger Jahre hindurch lebte er größten Teils in der Schweiz und zog in den achtziger Jahren schließlich ganz dorthin, wo er schließlich 1994 in Zürich starb und beigesetzt wurde. Die Einordnung Canettis in eine literarische Kategorie ist nicht einfach, da er vielseitige Schriften verfasste. Unter anderem veröffentlichte er den Roman „Die Blendung“ [1931/32], drei Dramen, die anthropologische Studie „Masse und Macht“, mehrer Schriften und eine Autobiografie.

Das Thema von Massenerscheinungen und ihren Erscheinungsformen der Macht, die sie ausüben, stammte aus den Ereignissen und Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk „Die Blendung“ behandelt Canetti das zentrale Thema der Blendung – Verblendung – von Menschen, die in Wahnzuständen in ihren Interaktionen und Kommunikationen aneinander geraten. Auffallend ist dabei das „aneinander vorbei Reden“ der Figuren, wodurch sich die Wahnzustände in den Figuren bis zu einer Eskalation zuspitzen. Canetti schafft mit seinem Werk eine Gegenüberstellung vom Individuellen und Kollektivem der Sprache. Die akustische Maske drückt durch die Sprache und durch die Deformation der Sprache der Figuren die Depersonalisierung, Wahnlogik und Isolation der Handlung und der Handelnden aus.

In „Masse und Macht“ untersucht Canetti die Masse und ihre Merkmale [Entstehung, Beschaffenheit, etc.]. Dabei gelingt es ihm eine der genauesten Definitionen von Masse zu schaffen. Canetti nimmt dabei nicht nur Bezug auf psychologische Momente, sondern bezieht auch äußere Aspekte, wie z.B. die Form, mit ein. Vier wesentliche Elemente weist er der Masse zu; die Masse hat immer das Bestreben zu wachsen, innerhalb der Masse herrscht Gleichheit, sie [die Masse] liebt Dichte und braucht eine Richtung. Ein weiterer Aspekt, den Canetti dabei immer beachtet, ist die Tatsache: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann“[1]. Diese Angst ist laut Canetti jedoch nur im Individuum zu finden, innerhalb der Masse werden diese sozialen Berührungsängste durch die von der Masse ausgelösten Affekte ausgeblendet.

2.2 Robert Musil

Robert Musil war der einzige Sohn eines Ingenieurs und wurde am 6. November 1880 in Klagenfurt in Österreich geboren. Das wohl bekannteste und umfassendste Werk Robert Musils war sein Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ mit dem er sich bis zu seinem Tod am 15. April 1952 in Genf (Schweiz) beschäftigte. Die Arbeit zu diesem Roman begann er 1921, wobei das erste Buch des Bandes, der drei Teile umfassen sollte, 1930 erschien, der zweite 1932. Da er vor der Vollendung dieses Werkes starb, sind vom dritten Buch nur Fragmente erhalten, die in eine ungefähre Reihenfolge geordnet wurden und in einem Nachlassband erschienen sind. Musil bezieht sich in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ auf den Übergang von der Bürgerschaft zur industriellen Massengesellschaft. Dabei liegen die Konflikte der Individuen, die sich diesem Wechsel stellen müssen, im Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Musil schafft eine Werk, dass nicht nur den Übergang in die moderne Welt mit ihren Merkmalen kennzeichnet, sondern schafft durch seinen essayistischen Stil ein Montage aus wissenschaftlichen Abhandlungen über die Existenz und das zentrale Thema der Spaltung des Ichs und damit die Identität des Einzelnen und die Differenz, die durch inneren Zwiespalt, das Schein-Ich, entstehen kann.

3. Elias Canetti „Die Blendung“

3.1 Die akustische Maske – das Individuelle und Kollektive in der Sprache

Im folgenden Abschnitt soll die akustische Maske bei Elias Canetti erarbeitet werden, indem das Individuelle und Kollektive in der Sprache gegenübergestellt werden soll. Dabei sollen auch die zentralen Themen Todesfeindschaft, Beschäftigung mit der Sprache, Verwandlungsfähigkeit des Menschen und das Verhältnis von Masse und Macht innerhalb des Werkes beachtet werden.

3.1.1 Die akustische Maske - Einordnung

Der Begriff der akustischen Maske wurde von Elias Canetti selbst begründet. Die akustische Maske identifiziert und charakterisiert den einzelnen Menschen in der Art und Weise wie er sich ausdrückt und spricht: „Er ist im Sprechen so sehr Gestalt geworden, nach allen Seiten hin deutlich abgegrenzt, von allen übrigen Menschen verschieden, […]. Diese sprachliche Gestalt eines Menschen, das Gleichbleibende seines Sprechens, diese Sprache, die mit ihm entstanden ist, die er für sich alleine hat, die nur mit ihm vergehen wird, nenne ich seine akustische Maske.“[2] Die akustische Maske ist somit das, was die Sprache des Individuums kennzeichnet, seine grundlegenden Ansichten (global, national, etc.) und Verhaltensweisen bestimmt und begrenzt, also seine Lebensform schafft.

3.1.2 Persönlichkeitstrieb und Massentrieb

Das Verhältnis von Persönlichkeitstrieb und Massentrieb findet sich in fast allen Werken von Canetti. Sie stehen für ihn in einem Widerstreit, an dessen Verlauf sich die Menschheitsgeschichte ablesen lässt. Auffällig bei Canetti ist jedoch die Tatsache, dass er den Persönlichkeitstrieb in seinen Beobachtungen stets voraussetzt. Dem Massentrieb widmet er sich hingegen sehr detailliert. Thematisiert findet man dieses Verhältnis von Persönlichkeitstrieb und Massentrieb bereits in seinem Werk „Die Blendung“. Zur Darstellung dieser Problematik benutz er die beiden Brüder Peter und Georg Kien. Peter Kien, ein Gelehrter, dient dabei als Verkörperung des Persönlichkeitstriebes und Georg Kien, Vertreter einer Theorie der Masse, als Verkörperung des Massentriebes.

Für Canetti zeichnet sich das absolute Individuum dadurch aus, dass es durch dynamische Verwandlungen und Neufigurierungen sein Ich in ständiger Wiederholung erneuert und sich so seinem Ziel der Vollkommenheit nähert.[3] Kien jedoch wird von Canetti als Antifigur gezeichnet, der strikte Antipoden gegen die Verwandlungen seines Ich bildet. Kien verteidigt seine Identität, um zu bleiben wer er war und ist. Er ist die Verwandlung zum einen die Möglichkeit der rigorosen Veränderung, die in der Erkenntnis sein Finale findet. Zum anderen wird durch die Verwandlung jedoch nicht nur die individuelle Erneuerung erreicht, sondern sie dient auch zum Verständnis Anderer. Beim Massentrieb hingegen spricht Canetti von der „eigentlichsten Triebkraft der Geschichte, dem Drang des Menschen, in eine höhere Tiergattung, die Masse aufzugehen und sich darin so vollkommen zu verlieren, als hätte es nie einen Menschen gegeben“[4]. An dieser Textstelle wird auch das Verhältnis von Persönlichkeits- und Massentrieb wieder aufgenommen, indem Canetti dem gebildeten Individuum zuschreibt, seine Bildung als „Festungsgürtel […] gegen die Masse in ihm selbst“[5] zu gebrauchen (vgl. Kien als Antifigur zur Verwandlung). Deutlich wird in der Folge auch, dass Canetti davon ausgeht, dass das einzelne Individuum nichts von der Masse, die in ihm „brodelt“ wissen, und daher nur als vermeintliches Individuum bezeichnet werden kann. Die Masse ist daher eine Möglichkeit zur „Steigerung der Erlebnismöglichkeiten“, „einer Mehrwerdung der Person, die aus ihren Begrenzungen“ heraustritt und sich gemeinsam mit anderen zur „höheren Einheiten“ verbindet.[6] Entscheidend dabei ist auch noch eine weitere Tatsache; nicht der Unterwerfungswille entzünde die Faszination an der Masse beim Einzelnen, sondern vielmehr das optative Bedürfnis nach Macht, Kontrolle und Hierarchie. Dabei sind in der Idealen Masse alle Individuen gleich.[7] Georg, der Bruder von Peter Kien, ist in diesem Zusammenhang stolz auf die Entdeckung, dass „die Wirksamkeit der Masse in der Geschichte und im Leben des einzelnen“[8] Einfluss auf bestimmt Veränderungen im Geist einer Person hat (Vgl. Wahnlogiken und Isolation).

[...]


[1] Canetti, E.: Masse und Macht. S.13f.

[2] Canetti, Elias: „Akustische Maske und Maskensprung“. S. 18.

[3] Vgl. Hogen, H.: Die Modernisierung des Ich. S.123ff.

[4] Canetti, E.: Die Blendung. S. 449.

[5] Ebd. S.449.

[6] Canetti, E.: Die Fackel im Ohr. S.79. Nach Hogen, H.: Die Modernisierung des Ich. S. 155.

[7] Vgl. Canetti, E.: Masse und Macht. S. 14.

[8] Canetti, E.: Die Blendung. S. 450.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Masse und Individuum bei Elias Canettis "Die Blendung" und Roberts Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"
Untertitel
Das Geschlecht der Masse. Gender im künstlerischen Massendiskurs
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Das Geschlecht der Masse. Gender im künstlerischen Massendiskurs
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V74913
ISBN (eBook)
9783638731256
ISBN (Buch)
9783638783132
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masse, Individuum, Elias, Canettis, Blendung, Roberts, Musils, Mann, Eigenschaften, Geschlecht, Gender, Massendiskurs
Arbeit zitieren
Ina Bartels (Autor), 2007, Masse und Individuum bei Elias Canettis "Die Blendung" und Roberts Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74913

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