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Postmoderne Genies oder deviante Experten? Protagonisten und ihre Darstellung in "Schlafes Bruder" und "Das Parfum"

Title: Postmoderne Genies oder deviante Experten? Protagonisten und ihre Darstellung in "Schlafes Bruder" und "Das Parfum"

Examination Thesis , 2006 , 150 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Christin Borgmeier (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Im ersten Schritt gewährt die vorliegende Arbeit zunächst einen Einblick in die Geschichte des Geniedenkens der letzten Jahrhunderte, wobei insbesondere die für Schlafes Bruder und das Parfum relevanten Gesichtspunkte angedeutet werden.
Der darauf folgende Hauptteil setzt sich mit der Konzeption der postmodernen Genies auseinander und ist dabei in sechs Bereiche gegliedert. Nach einer Darstellung von Art und Ausprägung der jeweiligen Genialität werden die Protagonisten hinsichtlich ihres Umgangs Liebe, Gott und Religion, Krankheit sowie Irrsinn und Tod untersucht. Es geht vornehmlich darum, inwiefern die postmodernen Spezialisten durch diese thematischen Komponenten geprägt und konditioniert werden und welche Erfahrungen sie diesbezüglich machen. Im Anschluss werden sowohl der Wirkungsaspekt ihrer Genialität analysiert als auch der Rückgriff auf exemplarische literarische Künstlerkonzeptionen berücksichtigt.
Eine abschließende Zusammenführung soll neben der Thematisierung grundlegender Übereinstimmungen und Gegensätze hinsichtlich beider Protagonisten noch einmal die Verwurzelung in der Postmoderne verdeutlichen.

Über Genies wurde bereits vieles gesagt oder geschrieben. Was aber ist das Besondere an den so genannten postmodernen Genies? Fakt ist: sie sind anders, so ganz anders. Grenouille und Elias, die Protagonisten aus "Das Parfum" bzw. "Schlafes Bruder", sind Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet und darin an Genialität kaum zu übertreffen. Diese jedoch resultiert aus einer sehr einseitigen Spezialbegabung. Mit genialen Persönlichkeiten wie Raffael, Mozart, Shakespeare oder Goethe, die einzigartige Werke hervorbrachten und mit ihnen und durch sich selbst Geschichte schrieben, prägten und die Welt verändern konnten, sind sie nicht vergleichbar.
Grenouille und Elias bleiben verkannte Genies, deren Begabung innerhalb ihrer literarisch-fiktiven Welt nur flüchtig wahrgenommen wird und schließlich schnell in Vergessenheit gerät. Ihre Genialität hebt sie zwar von allen anderen Menschen ab, fordert allerdings auch ausgesprochene Einbußen in nahezu allen weiteren Lebensbereichen ein. Denn obwohl die Begabung ihre Existenz in maßgeblicher Weise prägt, kann sie dennoch nicht die generelle Lebensunfähigkeit der postmodernen Experten ausgleichen und entschädigen.


Excerpt


Inhaltsverzeichnis

A Einführende Überlegungen

1 Inhalt und Ziel

2 Aspekte der Postmoderne

B Einblicke in historische Geniekonzeptionen

C Konzeptionen der postmodernen Genies im Parfum und in Schlafes Bruder

1 Genialität der postmodernen Genies

1.1 Der postmoderne Spezialist Jean-Baptiste Grenouille

1.2 Der postmoderne Spezialist Johannes Elias Alder

2 Postmodernes Liebesleid

2.1 Grenouilles Sehnsucht nach Liebe

2.1.1 Duftverzauberung

2.1.2 Das Dilemma der Geruchlosigkeit

2.2 Elias’ aussichtslose Liebesleidenschaft

3 Postmoderner Umgang mit Gott und Religion

3.1 Grenouilles Verhältnis zu Gott und Jesus

3.1.1 Gottlosigkeit

3.1.2 Ein pervertierter Jesus

3.2 Elias’ Erfahrungen mit Gott und Religion

3.2.1 Zwischen Wille und Prädestination

3.2.2 Religiöse Allusionen

4 Postmoderne Genies zwischen Krankheit und Wahnsinn

4.1 Psychische Zerrüttungen des morbiden Grenouille

4.2 Seelische Irritationen des sensiblen Elias

5 Um Leben und Tod – postmoderne Lebensunfähigkeit

5.1 Der mordende Grenouille und sein Kampf ums Überleben

5.2 Der lebensmüde Elias und sein Wille zum Tode

6 Sprachlose Kunst und verkannte Genies – postmoderne Flüchtigkeit

6.1 Jean-Baptiste Grenouille – zwischen Kunst und Verblendung

6.1.1 Verführung und Schein

6.1.2 Unvereinbarkeit von Kunst und Leben

6.2 Johannes Elias Alder – ein zeitlebens ungeborener Künstler

6.2.1 Unerhört musikalisches Wirken

6.2.2 Im Zeichen des romantischen Künstlertums

D Abschließende Betrachtungen

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Konzeption des "postmodernen Genies" anhand der Romanfiguren Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds "Das Parfum" und Johannes Elias Alder aus Robert Schneiders "Schlafes Bruder". Ziel ist es, die spezifische Ausprägung dieser genialen Experten, ihr Scheitern an gesellschaftlichen Normen und ihre ungewöhnliche Auseinandersetzung mit existenziellen Themen wie Liebe, Gott, Krankheit und Tod herauszuarbeiten.

  • Vergleich der Genialität von Grenouille und Elias
  • Analyse des postmodernen Umgangs mit Religion und Liebesleid
  • Untersuchung der Verbindung von Genie, Krankheit und Wahnsinn
  • Beleuchtung der Lebensunfähigkeit und des Todesmotifs
  • Dekonstruktion klassischer Genie-Ideale durch postmoderne Erzählweisen

Auszug aus dem Buch

1.1 Der postmoderne Spezialist Jean-Baptiste Grenouille

Mit der Figur Jean-Baptiste Grenouille, der nach Darstellung des Erzählers „den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche“ (P, 5) zuzuordnen ist, kreiert Patrick Süskind ein postmodernes Genie, das mit zahlreichen Attributen des Geniedenkens des 18. und 19. Jahrhunderts versehen ist. Wie Frizen und Spancken darlegen, geschieht dies nicht wahllos, sondern indem „eine gewisse kulturhistorische Folge eingehalten“ wird. Demzufolge wird in der Konzeption Grenouilles die Genie-Ideologie zweier Jahrhunderte aufgegriffen und zugleich desillusioniert: vom Genie des Sturm und Drang, der Klassik und der frühen Romantik über das dekadente Genie des Fin de Siècle bis hin zum totalitären Genie- und Führerkult in der Moderne lassen sich Elemente im Zuge der Entwicklung Grenouilles aufzeigen.

Begabt mit einem phantastischen Geruchstalent, jedoch selbst geruchlos wird Grenouille geboren und beginnt die Welt um sich herum olfaktorisch zu erkunden, zu erschnuppern. In den Kinderjahren muss er sich noch auf die geruchliche Erfassung seiner nahen Umgebung beschränken, doch entwickelt seine hochempfindliche Nase mit der Zeit die Fähigkeit, „immer schärfer und präziser“ (P, 36) zu riechen. Synästhetisch veranlagt kann er mit Hilfe seines unglaublichen Riechorgans alle anderen Sinne nahezu ersetzen: er sieht, schmeckt, tastet mittels seiner unvorstellbaren Riechfähigkeit und ist auf diese Weise fähig, sogar die Emotionen oder gar den Charakter anderer Menschen zu erfassen. Außerdem gelingt es ihm, jeden auch nur einmalig gerochenen Duft dauerhaft in seinem geradezu unglaublichen Geruchsgedächtnis zu speichern. Grenouille sammelt Gerüche jeder Art und saugt sie gierig in sich auf, denn er will „schlichtweg alles […] besitzen, was die Welt an Gerüchen zu bieten“ hat (P, 48). Dabei wird zwischen wohlriechend oder schlecht riechend (noch) nicht unterschieden, denn jeder Geruch hat für ihn einen ganz eigenen Wert. Zudem ist er befähigt, Gerüche nicht nur in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen, sondern sie auch noch in ihre kleinsten Geruchskomponenten zu zerlegen oder sie „sogar in seiner bloßen Phantasie untereinander neu zu kombinieren“ (P, 34). So kreiert er in seinem Inneren immer wieder außerordentliche Düfte, die so in der Realität bisher weder vorhanden noch überhaupt vorstellbar sind.

Zusammenfassung der Kapitel

A Einführende Überlegungen: Einführung in die Thematik der postmodernen Genies und Zielsetzung der Arbeit.

B Einblicke in historische Geniekonzeptionen: Kurzer Überblick über die Wandlung des Geniebegriffs vom 18. bis zum 19. Jahrhundert.

C Konzeptionen der postmodernen Genies im Parfum und in Schlafes Bruder: Detaillierte Analyse der Protagonisten hinsichtlich Genialität, Liebeskonzepten, religiösem Verhältnis, Krankheit, Lebensunfähigkeit und künstlerischer Wirkung.

D Abschließende Betrachtungen: Zusammenführende Analyse der Übereinstimmungen und Unterschiede in der Darstellung beider Protagonisten vor dem Hintergrund der Postmoderne.

Schlüsselwörter

Postmoderne, Genie, Jean-Baptiste Grenouille, Johannes Elias Alder, Das Parfum, Schlafes Bruder, Genialität, Geniegedanken, Lebensunfähigkeit, Liebesleid, Religion, Krankheit, Wahnsinn, Originalgenie, Künstlerroman

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Darstellung der Protagonisten in Patrick Süskinds "Das Parfum" und Robert Schneiders "Schlafes Bruder" als "postmoderne Genies" und untersucht ihre jeweiligen Konzeptionen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den zentralen Feldern gehören die Genialität der Figuren, ihr Umgang mit existentiellen Themen wie Liebe, Gott und Religion, sowie ihre Disposition zu Krankheit und Wahnsinn.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Ziel ist es, die Umsetzung der postmodernen Genieidee in beiden Werken zu untersuchen und dabei den Schwerpunkt auf den Entwurf der beiden Protagonisten Grenouille und Elias Alder zu legen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Vergleich der beiden Romane im Kontext literarischer Epochen und der Genie-Theorie vornimmt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in sechs Bereiche, die von der Ausprägung der jeweiligen Genialität bis hin zu existentiellen Aspekten wie Liebe, Religion, Krankheit, Irrsinn und Tod reichen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Postmoderne, Genie, Genialität, Originalgenie, Lebensunfähigkeit, Liebesleid, Krankheit, Wahnsinn und die spezifischen Romanprotagonisten.

Wie unterscheidet sich Grenouilles Genialität von der Elias Alders?

Grenouille wird als olfaktorisches Genie mit destruktivem Machtanspruch dargestellt, während Elias als musikalisches Naturgenie eine romantisch geprägte, leidvolle Entwicklung durchläuft.

Welche Rolle spielt die "Gottlosigkeit" oder "Religion" für die Protagonisten?

Grenouille negiert Gott und Religion komplett, während Elias' gesamtes Leben als von Gott vorherbestimmt erscheint, was in ihm jedoch tiefe Glaubenskrisen auslöst.

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Details

Title
Postmoderne Genies oder deviante Experten? Protagonisten und ihre Darstellung in "Schlafes Bruder" und "Das Parfum"
College
Bielefeld University
Grade
1,0
Author
Christin Borgmeier (Author)
Publication Year
2006
Pages
150
Catalog Number
V74930
ISBN (eBook)
9783638683531
ISBN (Book)
9783638719834
Language
German
Tags
Postmoderne Genies Experten Protagonisten Darstellung Schlafes Bruder Parfum
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christin Borgmeier (Author), 2006, Postmoderne Genies oder deviante Experten? Protagonisten und ihre Darstellung in "Schlafes Bruder" und "Das Parfum", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74930
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