Die Blechtrommel im Spiegel der Kritik mit gesonderter Betrachtung von Enzensberger und Reich-Ranicki


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Schreie der Empörung

3. Schreie des Jubels

4. Unterschiede

5. Enzensberger und Reich-Ranicki

6. Schluss

7. Bibliographie

1. Einleitung

Im Jahre 1959 beginnt ein neues aufregendes Kapitel der deutschen Literaturgeschichte nach dem 2. Weltkrieg: Günter Grass (geb. 1927 in Danzig) betritt die große öffentliche Bühne. In diesem Jahr veröffentlicht er seinen Debütroman Die Blechtrommel. Abgesehen davon, dass Grass mit diesem Werk der vieldiskutierten These, der Roman sei tot, äußerst wirkungsvoll entgegentritt, verursachte kaum ein anderes deutsches Buch je einen derartigen Wirbel im Blätterwald wie dieses. Wie Hans Magnus Enzensberger in seiner Besprechung (auf die später noch näher ein-gegangen werden soll) formuliert, ruft die Blechtrommel „Schreie der Freude und der Empörung“[1] hervor, Grass’ Werk wird gelobt und an-gegriffen, besonders in den anfänglichen Rezeptionen ist viel Schärfe mit im Spiel.[2] Sogar ein Literaturpreis wird ihm verweigert, obwohl eine unabhängige Jury ihm diesen schon zugesprochen hatte.[3]

Die vorliegende Arbeit soll sich damit beschäftigen, welche Bestandteile und Thematiken eigentlich in der Blechtrommel so viel Ärgernis hervor-riefen, wo andere Kritiker Grund zum Jubeln fanden und mit welchen Mitteln die zu-, und mit welchen die abgeneigten Rezensenten das Buch analysierten (Wir konzentrieren uns dabei auf die Kritiken der ersten beiden Jahre, auf die der „heißen Phase“[4] der Diskussion, da der kulturelle Kontext nach einem derartigen Medienaufruhr ja nicht mehr der selbe sein kann und somit spätere Rezensionen einen anderen Blick-winkel haben.). Danach sollen noch ausführlich die oben erwähnte Besprechung Enzensbergers und eine von Reich-Ranicki exemplarisch gegenübergestellt werden, da an diesen beiden Aufsätzen sehr gut einige Unterschiede in der Herangehensweise in den positiven und negativen Kritiken aufgezeigt werden können.

2. Schreie der Empörung

„Wir warnen in aller Form davor, dieses Machwerk zu empfehlen oder Menschen mit unverdorbenem Geschmack in die Hand zu geben.“[5]

Solche und ähnliche Empfehlungen, wie diese von Dr. med. Müller-Eckhard finden sich in den Rezensionen der Blechtrommel zuhauf. Viele Kritiker fühlen sich von Grass provoziert und auch verletzt. Oder zumindest ihren guten Geschmack. Was bringt diese Leute so gegen Grass auf? Nun, der eben schon erwähnte Müller-Eckhard sieht in dem Buch den Menschen „degradiert und beschmutzt, das Menschenbild geht unter“.[6] Und nicht nur dieses, sogar „eine neue Kreuzigung und Ver-höhnung Christi“[7] soll es sein. Kirche, Christentum, Katholizismus – das alles sind Themen, die in der Blechtrommel ihr Fett weg bekommen. Der Hauptprotagonist des Romans, Oskar Matzerath, selbst sagt von sich, dass „der Katholizismus [ihm] Lästerungen eingibt“[8]. Und diese Lästerungen bekommt sein provokanter „Vater“ Grass durch die Kritik zurück. Er wird in diesem Bereich des Mangels an Taktgefühl be-zichtigt,[9] sogar den Vorwurf der Kirchenschändung[10] muss er sich gefallen lassen. Kaum verwunderlich, dass derartige Unterstellungen besonders in Rezensionen, die in christlichen Blättern erschienen sind, vorkommen, aber natürlich nicht nur in diesen. Besonders gerne wird hier die Szene in der Herz-Jesu-Kirche angeführt, in der sich Oskar der Figur des Jesusknaben gegenüber nicht besonders respektvoll verhält (z.B. Günter Blöcker: „wozu der Notzuchtversuch an einer Holzfigur […]?“[11]).

Ein weiterer prominenter Anklagepunkt gegen die Blechtrommel ist ihre Obszönität. Von „rustikalem Wälzen in Ferkelhaftigkeit“[12] und „einer solchen deftigen Nacktheit und grandiosen Un-Verschämtheit, daß man manchmal kaum weiterlesen kann“[13] ist hier die Rede. Kaum nötig zu erwähnen, dass Wörter wie „Pornographie“[14] oder „ekelhaft“[15] in schöner Regelmäßigkeit in den Besprechungen auftauchen. Die Aalszene[16], Grass’ genüssliche Beschreibungen von Erbrechen und Erbrochenem[17] – das sind Lieblingsbeispiele der Kritiker, denen das Buch missfällt.

Obwohl Grass Freude am Erzählen und Fabulieren von vielen Kritikern als eine Stärke des Romans gelobt wird, gibt diese anderen Leuten wiederum Grund zur Beschwerde. Reich-Ranicki (auf den später noch eingegangen wird) und viele weitere rügen Grass aufgrund fehlender Ökonomie bei seinem Schreiben, seine Weitschweifigkeit und Un-mäßigkeit lassen den Wunsch laut werden, dass Buch hätte doch kürzer ausfallen sollen.[18] Müller-Eckhard möchte den Autor zum Beispiel belehren, indem er erklärt, „was […] ein Maler dauernd gegenwärtig haben muß: Malen heißt weglassen! In diesem Buch wurde dieses so wichtige Gesetz dauernd übertreten, es wurde alles gesagt und an keiner Stelle etwas weggelassen. Eine fortgesetzte, atemlose Gedankenflucht bringt zuletzt Peinliches, Verhängnisvolles und unsagbar Ätzendes zutage. Da ist ein fragwürdiges Feuerwerk kotiger und skandalöser Dinge. Da sind einzigartige Kaskaden einer trüben Schmutzflut.“[19] (Hierbei kommt natürlich auch wieder seine generelle Abneigung gegen die Blechtrommel mit ins Spiel, ihre Tabubrüche sind ihm ein Dorn im Auge. Da in Müller-Eckhards Kritik so ziemlich alle vorkommenden negativen Kritikpunkte an dem Roman enthalten sind, könnte man sie beinahe als prototypisch betrachten. Nicht jeder Rezensent, der irgendwo etwas auszusetzen hat, hat alle der hier bisher aufgeführten Punkte kritisiert, manchem gefiel das eine und missfiel das andere. Vielen jedoch ist das ganze Buch zuwider.). Bei Heinz Ludwig Arnold wird, die Thematik der Unmäßigkeit betreffend, sehr gut dargestellt, wie einige Kritiker (unter ihnen Reich-Ranicki und Müller-Eckhard) einen direkten Zusammenhang zwischen Ausschweifung und Obszönität zu sehen glauben: „Wäre Grass kürzer geblieben, hätte er sich demnach auch inhaltlich gemäßigter gezeigt [Das ist, nach dem Aufsatz bei Arnold, die Meinung einiger Kritiker.]. Nicht nur die ebenso entrüstete Reaktion der Kritik auf die ungleich schmalere Novelle „Katz und Maus“ belegt freilich, wie wenig logisch ein solches ‚Argument’ ist.“[20]

In einem negativen Punkt sind sich viele Kritiker aber, egal ob sie generell dem Buch geneigt sind oder nicht, relativ einig: Der dritte Teil des Romans sei schwächer, als die ersten beiden (siehe auch bei Enzensberger später). „Nicht alles in dem umfangreichen Buch ist gleich gut gelungen. So scheinen mir die Düsseldorfer Kapitel schwächer als die Danziger und das abschließende Pariser zu sein“, meint zum Beispiel Rolf Becker und fügt noch hinzu: „Der große Eindruck, den das Ganze macht, wird dadurch nicht geschmälert.“[21]

[...]


[1] Enzensberger, Hans Magnus: Wilhelm Meister auf der Blechtrommel. Süddeutscher Rundfunk, Stuttgart, 18.11. 1959. In: Görtz, Franz Josef (Hg.): „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. Ein Kapitel deutscher Literaturkritik. Darmstadt und Neuwied: Hermann Luchterhand Verlag 1984. S. 62.

[2] Vgl. Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Blech getrommelt. Günter Grass in der Kritik. Göttingen: Steidl Verlag 1997. S. 13

[3] Vgl. Boßmann, Timm: Der Dichter im Schussfeld. Geschichte und Versagen der Literaturkritik am Beispiel Günter Grass. Marburg: Tectum Verlag 1997. S. 46

[4] Arnold: Blech getrommelt. S. 13

[5] Müller-Eckhard, Dr. med. H.: Die Brechtrommel. Kölnische Rundschau, 13. 12. 1959. In: In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S.98

[6] ebd. S. 97

[7] ebd. S. 98

[8] Grass, Günter: Die Blechtrommel, Roman. 13. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2002. S. 175

[9] z.B. Kalliga, M.: Bei gedämpfter Trommel Klang… Eßlinger Zeitung, 16.1. 1960. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis.. S. 123

[10] z.B. K.: ohne Titel. Unser Danzig, Lübeck, 20.5. 1960. In: Görtz „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 143

[11] Blöcker, Günter: Rückkehr zur Nabelschnur. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11. 1959. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 74

[12] Kalliga: Bei gedämpfter Trommel Klang… In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 123

[13] Horkel, Wilhelm: ohne Titel. Deutsches Pfarrerblatt, Essen, 1.4. 1960. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 138

[14] z.B. Müller-Eckhard: Die Brechtrommel. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S.99

[15] z.B. Emig, Erik. Gewalttätig. Die Freiheit, Mainz, 5.2. 1960. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 129

[16] z.B. Blöcker: Rückkehr zur Nabelschnur. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 74

[17] z.B. V: Blechernes Getrommel. Badische Zeitung, Freiburg. Datum nicht mehr zu ermitteln. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. 115/116

[18] Vgl. Arnold: Blech getrommelt. S. 20-21

[19] Müller-Eckhard: Die Brechtrommel. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S.97

[20] Arnold: Blech getrommelt. S. 21

[21] Becker, Rolf: Auf Grimmelshausens Spuren. Allgemeines Deutsches Sonntagsblatt, Hamburg, 8.11. 1959. In: Görtz: „Die Blechtrommel“. Attraktion und Ärgernis. S. 60

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Blechtrommel im Spiegel der Kritik mit gesonderter Betrachtung von Enzensberger und Reich-Ranicki
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V75054
ISBN (eBook)
9783638690720
ISBN (Buch)
9783638827072
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blechtrommel, Spiegel, Kritik, Betrachtung, Enzensberger, Reich-Ranicki
Arbeit zitieren
Ole Wagner (Autor), 2004, Die Blechtrommel im Spiegel der Kritik mit gesonderter Betrachtung von Enzensberger und Reich-Ranicki, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75054

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