Im Jahre 1959 beginnt ein neues aufregendes Kapitel der deutschen Literaturgeschichte nach dem 2. Weltkrieg: Günter Grass (geb. 1927 in Danzig) betritt die große öffentliche Bühne. In diesem Jahr veröffentlicht er seinen Debütroman Die Blechtrommel. Abgesehen davon, dass Grass mit diesem Werk der vieldiskutierten These, der Roman sei tot, äußerst wirkungsvoll entgegentritt, verursachte kaum ein anderes deutsches Buch je einen derartigen Wirbel im Blätterwald wie dieses. Wie Hans Magnus Enzensberger in seiner Besprechung (auf die später noch näher ein-gegangen werden soll) formuliert, ruft die Blechtrommel „Schreie der Freude und der Empörung“ hervor, Grass’ Werk wird gelobt und an-gegriffen, besonders in den anfänglichen Rezeptionen ist viel Schärfe mit im Spiel. Sogar ein Literaturpreis wird ihm verweigert, obwohl eine unabhängige Jury ihm diesen schon zugesprochen hatte.
Die vorliegende Arbeit soll sich damit beschäftigen, welche Bestandteile und Thematiken eigentlich in der Blechtrommel so viel Ärgernis hervor-riefen, wo andere Kritiker Grund zum Jubeln fanden und mit welchen Mitteln die zu-, und mit welchen die abgeneigten Rezensenten das Buch analysierten (Wir konzentrieren uns dabei auf die Kritiken der ersten beiden Jahre, auf die der „heißen Phase“ der Diskussion, da der kulturelle Kontext nach einem derartigen Medienaufruhr ja nicht mehr der selbe sein kann und somit spätere Rezensionen einen anderen Blick-winkel haben.). Danach sollen noch ausführlich die oben erwähnte Besprechung Enzensbergers und eine von Reich-Ranicki exemplarisch gegenübergestellt werden, da an diesen beiden Aufsätzen sehr gut einige Unterschiede in der Herangehensweise in den positiven und negativen Kritiken aufgezeigt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schreie der Empörung
3. Schreie des Jubels
4. Unterschiede
5. Enzensberger und Reich-Ranicki
6. Schluss
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kontroverse zeitgenössische Rezeption von Günter Grass' Debütroman „Die Blechtrommel“ in den ersten zwei Jahren nach dessen Erscheinen 1959. Ziel ist es, die Gründe für die gespaltene Wahrnehmung durch die damalige Literaturkritik zu analysieren und anhand der exemplarischen Gegenüberstellung der Rezensionen von Hans Magnus Enzensberger und Marcel Reich-Ranicki die unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen der Befürworter und Gegner des Werks aufzuzeigen.
- Die „heiße Phase“ der literaturkritischen Debatte um „Die Blechtrommel“.
- Die Analyse der Anklagepunkte: Obszönität, Tabubrüche und moralische Empörung.
- Die Verteidigung des Werks: Die Komposition und die „Weltrealität“ als literarisches Mittel.
- Methodischer Vergleich der Kritiken von Enzensberger und Reich-Ranicki.
- Die Rolle der Literaturkritik und der Einfluss subjektiver sowie politischer Faktoren auf die Urteilsbildung.
Auszug aus dem Buch
2. Schreie der Empörung
„Wir warnen in aller Form davor, dieses Machwerk zu empfehlen oder Menschen mit unverdorbenem Geschmack in die Hand zu geben.“
Solche und ähnliche Empfehlungen, wie diese von Dr. med. Müller-Eckhard finden sich in den Rezensionen der Blechtrommel zuhauf. Viele Kritiker fühlen sich von Grass provoziert und auch verletzt. Oder zumindest ihren guten Geschmack. Was bringt diese Leute so gegen Grass auf? Nun, der eben schon erwähnte Müller-Eckhard sieht in dem Buch den Menschen „degradiert und beschmutzt, das Menschenbild geht unter“. Und nicht nur dieses, sogar „eine neue Kreuzigung und Ver-höhnung Christi“ soll es sein.
Kirche, Christentum, Katholizismus – das alles sind Themen, die in der Blechtrommel ihr Fett weg bekommen. Der Hauptprotagonist des Romans, Oskar Matzerath, selbst sagt von sich, dass „der Katholizismus [ihm] Lästerungen eingibt“. Und diese Lästerungen bekommt sein provokanter „Vater“ Grass durch die Kritik zurück. Er wird in diesem Bereich des Mangels an Taktgefühl be-zichtigt, sogar den Vorwurf der Kirchenschändung muss er sich gefallen lassen. Kaum verwunderlich, dass derartige Unterstellungen besonders in Rezensionen, die in christlichen Blättern erschienen sind, vorkommen, aber natürlich nicht nur in diesen. Besonders gerne wird hier die Szene in der Herz-Jesu-Kirche angeführt, in der sich Oskar der Figur des Jesusknaben gegenüber nicht besonders respektvoll verhält (z.B. Günter Blöcker: „wozu der Notzuchtversuch an einer Holzfigur […]?“).
Ein weiterer prominenter Anklagepunkt gegen die Blechtrommel ist ihre Obszönität. Von „rustikalem Wälzen in Ferkelhaftigkeit“ und „einer solchen deftigen Nacktheit und grandiosen Un-Verschämtheit, daß man manchmal kaum weiterlesen kann“ ist hier die Rede. Kaum nötig zu erwähnen, dass Wörter wie „Pornographie“ oder „ekelhaft“ in schöner Regelmäßigkeit in den Besprechungen auftauchen. Die Aalszene, Grass’ genüssliche Beschreibungen von Erbrechen und Erbrochenem – das sind Lieblingsbeispiele der Kritiker, denen das Buch missfällt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Publikationsgeschichte von „Die Blechtrommel“ ein und stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen der gespaltenen Kritik und der methodischen Differenzen bei deren Analyse.
2. Schreie der Empörung: Dieses Kapitel dokumentiert die moralischen und ästhetischen Einwände gegen den Roman, insbesondere die Vorwürfe der Obszönität, Blasphemie und der angeblich mangelnden Ökonomie in der Erzählweise.
3. Schreie des Jubels: Hier werden die Gegenpositionen dargestellt, die Grass’ Erzählstil und seine Auseinandersetzung mit der Weltrealität als notwendiges künstlerisches Mittel verteidigen.
4. Unterschiede: Dieses Kapitel beleuchtet die methodischen Diskrepanzen zwischen den Kritikern und zeigt auf, wie mangelnde literarische Analyse bei negativen Rezensionen oft durch moralische oder politische Vorurteile ersetzt wird.
5. Enzensberger und Reich-Ranicki: Ein detaillierter Vergleich der beiden namensgebenden Kritiker zeigt ihre gegensätzlichen Ansätze, wobei Enzensbergers objektive Analyse gegen Reich-Ranickis polemischere und subjektivere Herangehensweise gestellt wird.
6. Schluss: Der Schluss bilanziert die Bedeutung der frühen Kontroversen um „Die Blechtrommel“ als essenziellen Bestandteil der deutschen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit.
7. Bibliographie: Dieses Kapitel listet die für die Arbeit herangezogenen Primärrezensionen sowie die weiterführende Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Günter Grass, Die Blechtrommel, Literaturkritik, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki, Nachkriegsliteratur, Rezeptionsgeschichte, Obszönität, Tabubruch, Zeitkritik, Literaturtheorie, Erzählweise, Romananalyse, Gruppe 47, Kulturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturkritischen Aufnahme von Günter Grass' Roman „Die Blechtrommel“ direkt nach seinem Erscheinen im Jahr 1959 und untersucht die Hintergründe der teils heftigen Kontroversen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Debatte?
Die Kritik entzündete sich primär an der Verwendung von obszöner Sprache, Darstellungen von Blasphemie, dem erzählerischen Stil und der Frage, inwieweit diese Elemente als künstlerische Mittel gerechtfertigt sind.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum „Die Blechtrommel“ solch heftige „Schreie der Freude und der Empörung“ auslöste und wie unterschiedliche Kritiker das Werk auf Basis ihrer persönlichen und methodischen Prämissen bewerteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der zeitgenössische Rezensionen analysiert und gegenübergestellt werden, mit einem besonderen Fokus auf den exemplarischen Vergleich zwischen Hans Magnus Enzensberger und Marcel Reich-Ranicki.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der negativen Kritik, der positiven Verteidigung, eine methodische Analyse der Unterschiede in der Argumentationsweise der Kritiker und eine tiefergehende Gegenüberstellung von Enzensberger und Reich-Ranicki.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie „zeitgenössische Rezeption“, „literaturkritischer Diskurs“, „Tabubruch“, „Erzählästhetik“ und „methodische Herangehensweise“ prägen den inhaltlichen Kern der Arbeit.
Wie unterscheidet sich die Herangehensweise von Enzensberger von derer anderer Kritiker wie Müller-Eckhard?
Während Müller-Eckhard das Werk aus einer stark moralisierenden Perspektive als „Machwerk“ ablehnt, versucht Enzensberger das Buch durch eine objektive literaturkritische Analyse seiner formalen Qualität und ästhetischen Funktion zu verstehen.
Welche Rolle spielt die „Selbstkritik“ von Reich-Ranicki im Kontext dieser Analyse?
Die Arbeit nutzt Reich-Ranickis eigene spätere Reflexion, um aufzuzeigen, wie er bereits damals durch Subjektivität geprägt war und wie er seine eigene Rolle als Kritiker im Umgang mit der Prosa von Günter Grass selbst einschätzte.
- Quote paper
- Ole Wagner (Author), 2004, Die Blechtrommel im Spiegel der Kritik mit gesonderter Betrachtung von Enzensberger und Reich-Ranicki, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75054