Die Gestalt des Vaters in Franz Kafkas "Das Urteil"


Hausarbeit, 2003
11 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Die Frage der Perspektive

2. Der Vater aus der Perspektive des Sohnes
2.1 Autobiographische Bezüge – Der „Brief an den Vater“

3. Eine andere Interpretationsrichtung

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Franz Kafkas (1883-1924) Erzählung „Das Urteil“ nimmt im Werk dieses herausragenden deutschsprachigen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. Er schrieb die Geschichte Georg Bende-manns, der von seinem Vater zum Tod durch Ertrinken verurteilt wird und dieses Urteil sofort selbst vollzieht, in einer Nacht nieder. Dieses Erlebnis war für ihn fortan der Maßstab für seine literarische Produktion.[1] „Das Urteil“ war ihm Zeit seines Lebens eines seiner liebsten Erzeugnisse, wobei anzumerken ist, dass Kafka nur wenige seiner Werke vor sich selbst als gelungen gelten ließ.[2]

Die meisten Menschen, die Kafka kennen – ob Schüler, Literaturwissenschaftler oder einfach nur -liebhaber – dürften wissen, dass Franz Kafka einen großen Teil seines Lebens unter dem schwierigen Verhältnis, das er zu seinem Vater hatte, litt, und dass diese Thematik auch beträchtlichen Einzug in sein Werk fand. Wirft man einen ersten Blick auf die Erzählung „Das Urteil“, so fällt schnell auf, dass hier dieser Vater-Sohn-Konflikt thematisiert wird. Es erscheint daher angezeigt, einmal diese Vatergestalt genauer zu untersuchen, die Georg Bendemann mit ihrem Wort in den Selbstmord treiben kann. Dies sollte zweifellos nicht geschehen, ohne den tatsächlichen Vater des Autors zu betrachten. Daher ist es ratsam, Kafkas „Brief an den Vater“ hinzuziehen. Dieser ist sowohl Dokument, Literatur und Analyse der Psyche des Verfassers. Er erweist sich als äußerst hilfreich um die autobiographischen Aspekte im „Urteil“ herauszuarbeiten.

Andere Sachverhalte und Personen in der Geschichte als der Vater sollen hier zuerst einmal, solang das möglich ist, in den Hintergrund treten und nur im Zusammenhang mit dem Vater später etwas näher betrachtet werden.

1.1 Die Frage der Perspektive

Schon früh erkannte die Forschung, dass in Kafkas Erzählungen ein bestimmter Erzählstil vorherrscht. Die Blickrichtung des Erzählers ist hauptsächlich figural. Auch im Urteil bestimmt diese „sogenannte ‚Ein-sinnigkeit’ der Perspektive“[3] weite Strecken der Erzählung. Kafka spielt mit auktorialem Erzählstil und erlebter Rede und erzeugt so ein schwer zu durch-schauendes Gewebe, in dem die Perspektive des Erzählers oft nicht ganz zu klären scheint.[4] In diesem Rahmen soll die Perspektive des Sohnes, die im „Urteil“ den meisten Platz einnimmt, aus einem bestimmten Grund ihren Raum bekommen: Da man autobiografische Beziehungen Kafkas zu der Geschichte sehen kann (Kafka hatte Probleme mit seinem Vater, genauso wie seine Figur Georg Bendemann, s. oben), sollten diese auch direkt als solche betrachtet werden. Auf diese wird zuerst der Blick gerichtet. Dass darüber hinaus noch andere Deutungsmöglichkeiten vor-liegen, soll ebenfalls gezeigt werden; dies wird getrennt von der autobiografischen Deutung getan.

2. Der Vater aus der Perspektive des Sohnes

Im „Urteil“ prallen zwei Generationen aufeinander: Auf der einen Seite befindet sich Georg Bendemann, der junge, aufstrebende Geschäftsmann, der kurz vor seiner Hochzeit steht. Er selbst schätzt seinen privaten und beruflichen Erfolg so hoch ein, dass er diesen seinem nach Russland ausgewanderten Freund nicht einmal mitteilt, weil er fürchtet, dieser könnte ihn „vielleicht [...] beneiden“.[5] Auf der anderen Seite steht Georg Bendemanns Vater, seit etwa zwei Jahren Witwer, der den Erfolg des Sohnes durch sein Beiseite treten im Geschäft erst ermöglicht. Betrachtet man die Szene, die mit Georgs Eintritt in des Vaters Zimmer beginnt und mit dem Urteil oder sogar dessen Vollstreckung endet, so fällt zuerst auf, dass sich der Vater in dieser Szene stark wandelt und sich die Kräfteverhältnisse der beiden Hauptpersonen während der Szene umkehren.

Anfangs wirkt der Vater überaus harmlos. Er sitzt in einer Ecke seines Zimmers, das im Gegensatz zu Georgs’ sehr dunkel ist, da das Sonnenlicht von einer Mauer abgehalten wird. Der Vater erscheint wie ein gebrechlicher alter Mann und wirkt völlig ungefährlich. Dieser Eindruck wird durch Erwähnung körperlicher Gebrechen wie der „Augenschwäche“[6] und des „zahnlosen Mund[es]“[7] hervorgerufen. Außerdem sagt sogar der Vater selbst, dass er im Geschäft nicht mehr die starke Führungsrolle von früher spielt und „nicht mehr kräftig genug“[8] ist. Hier scheinen auch leichte Vorwürfe gegenüber Georg bezüglich dessen Einbeziehung des Vaters im Geschäft, das ja schließlich noch dem Alten gehört, durch. Der Leser kann auch schon vermuten, dass die Schwäche des alten Bendemann hier nicht die ganze Realität ist. Georg denkt bei sich, dass sein Vater „noch immer ein Riese“[9] ist und seine Wahrnehmung des Vaters wirkt auf ihn doch auch beunruhigend, wenn er sieht, „wie er hier breit sitzt und die Arme über der Brust kreuzt“.[10]

[...]


[1] Vgl. Binder, Harmut: Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München: Winkler Verlag 1975. S. 123

[2] Vgl. Speirs, Ronald: „Das Urteil“ oder die Macht der Schwäche. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband Franz Kafka. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik 1994. S. 96

[3] Gray, Richard T.: Das Urteil. Unheimliches Erzählen und die Unheimlichkeit des bürgerlichen Subjekts. In: Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Hrsg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam Verlag 1994 (Universal-Bibliothek Nr. 8811). S. 18

[4] Ebd. S. 18-19

[5] Kafka, Franz: Das Urteil. In: Erzählungen. Hrsg. von Max Brod. 5. Auflage. Berlin: S. Fischer Verlag 1980 (= Franz Kafka / Gesammelte Werke). S. 45

[6] Ebd. S. 47

[7] Ebd. S. 48

[8] Ebd. S. 48

[9] Ebd. S. 47

[10] Ebd. S. 47

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Gestalt des Vaters in Franz Kafkas "Das Urteil"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V75055
ISBN (eBook)
9783638695145
ISBN (Buch)
9783656647911
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestalt, Vaters, Franz, Kafkas, Urteil
Arbeit zitieren
Ole Wagner (Autor), 2003, Die Gestalt des Vaters in Franz Kafkas "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75055

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