Der Zirkelverdacht im dritten Abschnitt von Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"


Essay, 2007

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Zirkelverdacht im dritten Abschnitt der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
1. Der Zirkelverdacht
2. Die Auflösung des Zirkelverdachts

Literaturverzeichnis

Der Zirkelverdacht im dritten Abschnitt der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Immanuel Kant beschreibt im dritten Abschnitt der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten unter der Überschrift „Von dem Interesse, welches den Ideen der Sittlichkeit anhängt“ den Schluss von der Freiheit des Menschen auf die Autonomie seines Willens und von dieser Autonomie auf das Unterworfensein der Menschen unter das Sittengesetz, den kategorischen Imperativ. Kant weist darauf hin, dass man beim Verständnis dieser beiden Schlüsse den Verdacht eines Zirkels, d.h. einer zirkulären Begründung, hegen könne. Sollte sich dieser Zirkelverdacht bestätigen, wäre das Unterworfensein der Menschen und aller anderen vernünftigen Wesen unter sittliche Gesetze nicht dargelegt worden und man könnte von vernünftigen Wesen nur deren Anerkennung der sittlichen Gesetze erbitten. Kant möchte allerdings diesen Zirkelverdacht ausräumen. In meinem Text versuche ich, den vermeintlichen Zirkel und die Auflösung des Zirkelverdachts darzulegen.

1. Der Zirkelverdacht

Kant führt im Abschnitt „Von dem Interesse, welches den Ideen der Sittlichkeit anhängt“ zunächst ein Resultat des vorhergehenden Abschnittes des dritten Teils der Grundlegung an. Der „bestimmte Begriff der Sittlichkeit“ war auf „die Idee der Freiheit“ zurückgeführt worden. Kant hatte geschlossen, dass ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei seien. Diese Rückführung sah wie folgt aus: Unter einem freien Willen könne man nur einen autonomen Willen verstehen, d.h. einen solchen, der sich selbst ein Gesetz ist. Der Satz, dass der Wille sich selbst ein Gesetz sei, bezeichne aber nichts anderes als „das Prinzip, nach keiner anderen Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz zum Gegenstande haben kann.“[1]. Diese Bezeichnung wiederum sei nichts anderes als das Prinzip der Sittlichkeit und die Formel des kategorischen Imperativs. Daher sei ein freier Wille identisch mit einem autonomen Willen. Setzt man nun einen freien Willen voraus, lässt sich aus diesem die Sittlichkeit und ihr „Prinzip, nach keiner anderen Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz zum Gegenstände haben kann.“[2], begrifflich ableiten.

Die Rückführung des bestimmten Begriffs der Sittlichkeit auf „die Idee der Freiheit“ war aber nur unter der Voraussetzung dieser Freiheit, d.h. der Freiheit des Willens, zustande gekommen. Die Wirklichkeit dieser Freiheit des Willens konnte aber nicht gezeigt werden. Kant weist daraufhin, dass sich angesichts seiner bisherigen Argumentation ein Zirkelverdacht aufdrängt. Es könne sein, dass „(wir) die Idee der Freiheit nur um des sittlichen Gesetzes willen zum Grunde legten, um dieses nachher aus der Freiheit wiederum zu schließen, mithin von jenem gar keinen Grund angeben könnten, sondern es nur als Erbittung eines Prinzips, das uns gutgesinnte Seelen wohl gerne einräumen werden, welches wir aber niemals als einen erweislichen Satz aufstellen könnten.“[3] Der Zirkel bestünde darin, dass einerseits die Freiheit des Willens angenommen wird, um sich vernünftige Wesen als sittlichen Gesetze unterworfen zu denken, und dass dieses Unterworfensein vernünftiger Wesen durch die Freiheit des Willens begründet wird. Freiheit und eigene Gesetzgebung des Willens sind für Kant allerdings „Wechselbegriffe“. Sie können nicht dazu verwendet werden, sich gegenseitig zu erklären oder zu begründen. Wenn die Wirklichkeit dieses Zirkels eingeräumt werden müsste, dann hätte man keine Begründung des Sittengesetzes gegeben. Man könne von „gutgesinnten Seelen“ die Anerkennung des Sittengesetzes nur erbitten, aber ihnen nicht begründen, weswegen das Sittengesetz einen Satz darstellt, der sich erweisen lässt. Die im zweiten Absatz dieses Abschnittes aufgestellte Frage, „warum (...) ich mich überhaupt diesem Prinzip unterwerfen (soll) und zwar als vernünftiges Wesen überhaupt, mithin auch durch dadurch alle andere(n) mit Vernunft begabte(n) Wesen“[4] [5], könnte nicht beantwortet werden. Weder die Realität und die objektive Notwendigkeit des Sittengesetzes, noch die subjektive Notwendigkeit, diesem unterworfen zu sein, könnte demnach bewiesen werden.

2. Die Auflösung des Zirkelverdachts

Um den Zirkelverdacht zu entkräften, weist Kant darauf hin, dass eine besondere „Auskunft“3 noch gegeben werden müsste. Die bisherige Untersuchung wird um die Frage erweitert, ob sich die Menschen, wenn sie sich „durch Freiheit als wirkende Ursachen denken, nicht einen anderen Standpunkt einnehmen, als wenn (sie sich selbst) nach ihren Handlungen als Wirkungen, die (sie vor ihren) Augen sehen, vorstellen“[6]. Kant räumt genau diese beiden unterschiedlichen Standpunkte für den Menschen ein: Der Mensch kann sich einerseits als ein der Verstandeswelt zugehöriges Wesen betrachten und andererseits als ein der Sinnenwelt zugehöriges Wesen betrachten. Diese Möglichkeit erweist sich dem Menschen dadurch, dass er unterschiedliche Arten von Vorstellungen hat. Einerseits hat er solche, die er selbst hervorbringt, und solche, die er von „anders woher“ bekommt. Auch „dem gemeinsten Verstande“ ist es nach Kant vermutlich möglich, den Schluss zu fällen, dass man sich bezogen auf die Erscheinungen der Sinnenwelt zurechnet und bezogen auf das, was „reine Tätigkeit ist“ und was „unmittelbar zum Bewusstsein gelangt“, der Verstandeswelt. Der Mensch findet nun nach Kant „wirklich“ ein Vermögen, durch das er sich „von allen anderen Dingen“ und auch von sich selbst als sinnlich affiziertes Wesen unterscheiden kann und das ist die Vernunft[7] [8]. Weil die Vernunft eine reine Spontaneität zeigt und „in ihrem vornehmsten Geschäfte“ dafür sorgt, dass Sinnenwelt und Verstandeswelt unterschieden werden, muss sich ein vernünftiges Wesen als Intelligenz betrachtet der Verstandeswelt zurechnen und nicht der Sinnenwelt. Dadurch ergeben sich die beiden Standpunkte, von denen aus der Mensch und ebenso jedes andere vernünftige Wesen sich selbst betrachten und „Gesetze des Gebrauchs seiner Kräfte, folglich aller seiner Handlungen, erkennen kann“. Zu diesen Gesetzen gehören sowohl die Naturgesetze als auch die sittlichen Gesetze, die der Vernunft entstammen. Als der Verstandeswelt angehörig kann sich nach Kant der Mensch „die Kausalität seines eigenen Willens niemals anders als unter der Idee der Freiheit denken; denn Unabhängigkeit von den bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt ist Freiheit“5. Mit dieser Idee der Freiheit ist der Begriff der Autonomie verbunden. Weil sich der Mensch dementsprechend als willensfrei denkt, versetzt er sich in die Verstandeswelt und erkennt so die Autonomie des Willens. Mit diesem Begriff der Autonomie wiederum ist das Prinzip der Sittlichkeit verbunden und liegt als Idee allen Handlungen zu Grunde wie „die Naturgesetze allen Erscheinungen“[9]. Es folgt für den Menschen somit das Unterworfensein unter moralische Gesetze, das er als Freiheit betrachtet, sofern er sich als der Verstandeswelt zugehörig betrachtet, und als ein Verpflichtetsein, sofern er sich als zur Sinnenwelt und zur Verstandeswelt zugehörig betrachtet. Der Zirkelverdacht kommt nur dann auf, wenn nicht eingeräumt wird, dass es möglich ist, dass der Mensch diese beiden unterschiedlichen Standpunkte einnehmen kann. Es ist also diese Auskunft über die Möglichkeit, dass der Mensch zwei unterschiedliche Standpunkte einnimmt, der den Zirkelverdacht ausräumt. Da sich der „nachdenkende Mensch“ als beiden Welten zugehörig denkt, erweist sich der scheinbare Zirkel nicht als ein wirklicher.

Literaturverzeichnis

Immanuel Kant, GrundlegungzurMetaphysik derSitten, FelixMeiner Verlag, 1998 Immanuel Kant, GrundlegungzurMetaphysik derSitten, Suhrkamp Verlag, 2007 (herausgegeben und zusätzlich kommentiert von Christoph Horn, Corinna Mieth und Nico Scarano)

Dieter Schönecker, Grundlegung III. Die Deduktion des kategorischen Imperativs, Karl Aber Verlag, München / Freiburg, 1999

[...]


[1] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 447

[2] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 447

[3] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 453

[4] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 449

[5] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 450

[6] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 450

[7] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 452

[8] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 452

[9] Immanuel Kant, Akademie Ausgabe (AA), Bd. 4, S. 453

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Der Zirkelverdacht im dritten Abschnitt von Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
7
Katalognummer
V75091
ISBN (eBook)
9783638695596
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zirkelverdacht, Abschnitt, Kants, Grundlegung, Metaphysik, Sitten
Arbeit zitieren
Carsten Herkenhoff (Autor), 2007, Der Zirkelverdacht im dritten Abschnitt von Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75091

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