Die Geldnachfrage lässt sich theoretisch aus den Funktionen des Geldes herleiten. Dabei
handelt es sich um die Funktion als Recheneinheit, Tauschmittel und Wertaufbewahrungsmittel.
In der vorliegenden Arbeit wenden wir uns vor allem den Funktionen des Geldes als
Transaktions- und Wertaufbewahrungsmittel zu. Die Funktion des Transaktionsmittels stellt
die Quantitätsgleichung (1) des Geldes dar. Sie gibt den Zusammenhang zwischen der Anzahl
wirtschaftlicher Transaktionen und der Geldnachfrage wieder.
M *V = P*T (1)
Die rechte Seite der Gleichung T * P kann auch als das Bruttosozialprodukt (BSP)
beschrieben werden. Bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes führt ein Anstieg des
BSP zu einem Anstieg der Geldnachfrage. Das ist auch der Grund warum sich die Vorgaben
der EZB für das Geldmengenwachstum am erwarteten Wachstum des BSP orientieren. Das
vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist die Gewährleistung der
Preisniveaustabilität in der Eurozone (Anstieg des Verbraucherpreisindex von unter, aber
nahe bei 2% gegenüber dem Vorjahr). Ein weiteres Ziel ist die Unterstützung der
Wirtschaftspolitik mit dem Ziel eines hohen Beschäftigungsniveaus und dauerhaften
Wachstums, soweit dies ohne Gefährdung der Preisstabilität möglich ist. Die
Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes ist jedoch genauso wichtig wie die
Transaktionsfunktion. Die Nachfrage nach Geld hängt vor allem von den Opportunitätskosten
ab, also den alternativen Anlagemöglichkeiten. Die Opportunitätskosten steigen mit der
Verzinsung i der alternativen Anlagen, was bedeutet dass die Geldnachfrage abnimmt. Aus
der Wertaufbewahrungs- und der Transaktionsfunktion des Geldes lassen sich also zwei
wesentliche Determinanten der Geldnachfrage ableiten. Das ist zum einen das
Bruttosozialprodukt T * P und zum anderen der nominale Zinssatz nom i . Die nominale
Geldnachfragefunktion (2) lautet demnach:
( , ) nom
nom nom L = L BSP i (2)
In realen Größen ergibt sich die reale Geldnachfragefunktion (3) als Funktion des realen
Einkommens Y und dem realen Zinssatzes i zu:
L = L(Y , i) = ( , )
M
f Y i
P
= (3)
Der Ausgleich von Geldangebot und Geldnachfrage erfolgt über das Preisniveau. Ist das reale
Geldangebot größer als die reale Nachfrage (z.B. aufgrund eines niedrigeren BSP als
erwartet) so steigt der Preis, bis beide Größen wieder ausgeglichen sind. Es erfolgt also ein
inflationärer Prozess, denn im Gleichgewicht muss gelten:
3
nom
M
L
P
= (4)
Ein zu hohes Geldangebot führt also zu Inflation, während ein zu geringes Geldangebot nur
einen eingeschränkten Konsum und Investition ermöglicht (also schlechtes Wachstum). Um
so wichtiger ist es für die EZB die richtige reale Geldnachfrage zu schätzen um eben solchen
wachstumshämmenden bzw. inflationären Risiken entgegenzuwirken. Damit sie dies kann
muss sie jedoch genaue Kenntnis der Geldnachfragefunktion und deren Determinanten haben.
Die folgenden Ausführungen werden sich eingehender mit der Schätzung einer geeigneten
europäischen Geldnachfrage beschäftigen. In Abschnitt 2 wird näher auf die Wahl der
relevanten Determinanten und die Schätzung der europäischen Geldnachfragefunktion
eingegangen um schließlich in Abschnitt 3 die Stabilitätseigenschaften der Determinaten zu
diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Determinaten einer europäischen Geldnachfragefunktion
2.1 Wahl und Spezifikation der Determinanten
2.2 Schätzung einer europäischen Geldnachfragefunktion
3.Stabilitätseigenschaften der Determinaten
3.1 Einkommenelastizität der Geldnachfrage
3.2 Zinselastizität der Geldnachfrage
3.3 Inflationselastizität der Geldnachfrage
4.Fazit
5.Anhang
5.1 Tabellen
5.2 Abbildungen
6.Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den theoretischen Grundlagen und der empirischen Schätzung von Geldnachfragefunktionen für den Euroraum. Ziel ist es, die zentralen Determinanten der Geldhaltung – insbesondere Transaktions- und Wertaufbewahrungsfunktionen – zu analysieren, um ein Verständnis für die Stabilität der Geldnachfrage zu gewinnen, welches für die geldpolitische Strategie der Europäischen Zentralbank von entscheidender Bedeutung ist.
- Theoretische Herleitung der Geldnachfrage aus den Funktionen des Geldes
- Methodische Aspekte der Spezifikation und ökonometrischen Schätzung
- Analyse der Einkommens-, Zins- und Inflationselastizitäten
- Bedeutung der Geldnachfragefunktion für die Preisniveaustabilität
- Diskussion von Stabilitätseigenschaften und langfristigen Gleichgewichtsbeziehungen
Auszug aus dem Buch
2.1 Wahl und Spezifikation der Determinanten
Die Basis für die meisten Geldnachfragefunktionen ist eine einfache Strukturgleichung welche die Ergebnisse der Geldnachfragetheorien wiederspiegelt. Für moderne Geldnachfragemodelle wird meist das weite Geldmengenaggregat M3 verwendet, jedoch kann die geeignete Geldmengenvariable auch für eine enge Geldmenge M1 oder auch M2 definiert werden. Die Wahl eines weiten M3 Geldaggregates liegt darin begründet, dass die EZB in ihrer Strategie ebenfalls ein weites M3 als Indikator in ihre geldpolitische Strategie einbezieht. Anderere Gründe sind laut Christian Müller (2003, S.14) technische Erneuerungen und finanzielle Deregulierungen, die durch sinkende Transaktionskosten und leichtere Fälligkeitstransformationen immer mehr liquide Mittel in „financial tools“ fließen lassen. Das dynamische Effekte innerhalb des weiten M3 Geldmengenaggregates vernachlässigt werden stellt laut Christian Müller (2003, S.14) jedoch einen Nachteil der Verwendung des weiten M3 dar. In der empirischen Literatur wird in der Regel die Geldnachfrage durch eine reale Geldnachfrage M/P für die Geldmenge M3 ausgedrückt. Diese definiert sich dementsprechend als die Differenz zwischen M3 und dem Preisniveau (p). Laut der Studie von Elke Hahn und Christian Müller (2000, S.5) gibt es zwei Gründe weshalb eine reale Geldnachfrage einer nominalen vorzuziehen ist: Erstens wird angenommen, dass Geld langfristig neutral ist und demnach auf lange Sicht Preishomogenität besteht. Zweitens bringt die Verwendung eines realen Geldmengenaggregates eine technische Erleichterung mit sich. Da es für ökonometrische Untersuchungen und die Modellierung der Geldnachfragefunktion leichter ist mit I(1) Variablen umzugehen, ist ein reales Geldmengenaggregat von Vorteil, da es diese Bedingung erfüllt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Funktionen des Geldes ein und leitet aus der Transaktions- und Wertaufbewahrungsfunktion die zentralen Determinanten der nominalen und realen Geldnachfrage ab.
2.Determinaten einer europäischen Geldnachfragefunktion: Der Abschnitt erläutert die Auswahl des Geldmengenaggregats M3 und diskutiert methodische Herausforderungen bei der Schätzung der Geldnachfragefunktion unter Berücksichtigung von Stabilität und Stationarität.
3.Stabilitätseigenschaften der Determinaten: Hier werden die Elastizitäten der Geldnachfrage in Bezug auf Einkommen, Zinsen und Inflation detailliert analysiert und deren Auswirkungen auf das langfristige Gleichgewicht und die Umlaufgeschwindigkeit dargestellt.
4.Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zur Stabilität der Geldnachfrage im Euroraum zusammen und warnt vor Risiken durch die Beschleunigung des M3-Wachstums für die Preisniveaustabilität.
5.Anhang: Dieser Teil enthält ergänzende statistische Daten, Tabellen zu Kointegrationstests und Parameter-Schätzungen sowie relevante Abbildungen zur geldpolitischen Analyse.
6.Literaturverzeichnis: Hier werden alle in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen, Working Papers und EZB-Berichte aufgelistet.
Schlüsselwörter
Geldnachfragefunktion, Euroraum, M3 Geldmengenaggregat, EZB, Preisniveaustabilität, Einkommenselastizität, Zinselastizität, Inflationselastizität, Umlaufgeschwindigkeit, Kointegration, Stabilität, Geldpolitik, Opportunitätskosten, Finanzmärkte, Ökonometrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Eigenschaften der Geldnachfrage im Euroraum, insbesondere im Hinblick auf die Determinanten, die das Verhältnis zwischen Geldmenge, Einkommen und Zinsen bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Spezifikation von Geldnachfragemodellen, die Analyse von Elastizitäten sowie die Frage nach der Stabilität der Geldnachfrage für das Aggregat M3 im Kontext der europäischen Geldpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein fundiertes Verständnis der Geldnachfragefunktion zu erlangen, um die geldpolitische Steuerung der EZB und deren Auswirkung auf die Preisstabilität empirisch einordnen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Auswertung ökonometrischer Studien, die mit Verfahren wie OLS-Schätzungen und Kointegrationsanalysen arbeiten, um langfristige Gleichgewichtsbeziehungen zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Spezifikationswahl, die methodische Schätzung unter Berücksichtigung stationärer Variablen sowie die detaillierte Untersuchung der Einkommens-, Zins- und Inflationselastizitäten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Geldnachfrage, Euroraum, M3, Preishomogenität, Fehlerkorrekturmodell und Stabilität der Geldnachfrage.
Warum ist das Geldmengenaggregat M3 für die EZB so relevant?
M3 dient der EZB als wichtiger Indikator in ihrer geldpolitischen Strategie, da eine stabile Beziehung zwischen dieser Geldmenge und dem Preisniveau angestrebt wird.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung bezüglich der Stabilität?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Geldnachfrage im Euroraum weitgehend stabil ist, jedoch neuere Entwicklungen wie das beschleunigte M3-Wachstum Risiken für die Preisniveaustabilität darstellen.
- Quote paper
- Steffen Hoffmann (Author), 2006, Eigenschaften europäischer Geldnachfragefunktionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75174