Der tote Gott - Ernesto Sabato und die Heimatlosigkeit in der modernen Welt


Hausarbeit, 2005

19 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorrede

2. Die Entdeckung des Bösen. Auf dem Weg zu einem neuen Menschenbild.

3. Der Verlust.

4. Die Blinden.

5. Drachen am Horizont? Wege ins Licht.

6. Bibliographie

1. Vorrede

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse

Eine Reise in den Untergrund anzutreten bedeutet, sich aufs Ungewisse einzulassen – man kann nicht wissen, auf was man stoßen wird, was man ausgraben, was man untergraben wird. Viele sind diesen Weg gegangen und, – wenn sie zurückkehrten – so waren sie oft von Grund auf verwandelt, sprachen eine Sprache, die so unzugänglich und verbergend war wie der Weg, den sie zurückgelegt hatten. Wer ihnen nachfolgt, stößt auf viele Schatten, Gestalten, ein Flüstern liegt in der Luft..., eine Frage: Was ist der Mensch? Ob es eine Antwort gäbe? Folgen wir den Geistern, die uns vorangingen, lauschen wir ihrem Flüstern...

2. Die Entdeckung des Bösen. Auf dem Weg zu einem neuen Menschenbild.

Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum gewesen ist, nämlich Plato’s Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten an sich.

Friedrich Nietzsche

Um Ernesto Sabato zu verstehen, muß man denen folgen, die ihm vorangingen. Die Fragen stellen, die zu dem Weg führen, an dessen Ende der Bericht der Blinden steht.

Was ist der Mensch? Diese Frage begleitet uns vom Anbeginn unserer Existenz. Und doch – die Antworten haben sich seit dem Herandämmern der Aufklärung sehr gewandelt. Während noch Pico von einer göttlichen Natur des Menschen ausgeht, in der seine tiefe Würde zu finden ist: „invadat animum sacra quaedam ambitio, ut mediocribus non contenti anhelemus ad summa adque illa (quando possumus si volumus) consequenda totis viribus enitamur[1]“ und seine Bestimmung nur das Göttliche sein kann, denn, so Pico unter Bezugnahme auf Assaph: „Dii estis et filii excelsi omnes[2]“, verändert sich diese Sichtweise in der frühen Neuzeit allmählich.

Zwar existiert das Böse im Menschen bereits bei Pico – „id est homo, variae ac multformis et desultoriae animal[3]“ – aber es ist im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich, weil es der menschlichen Anlage widerspricht: „Si quem enim videris deditum ventri humi serpentem hominem, frutex est, non homo, quem vides; si quem in phantasiae quasi Calypsus vanis praestigiis caecutientem et subscalpenti delinitum illecebra sensibus mancipatum, brutum est, non homo, quem vides.[4]

In der frühen Neuzeit geriet diese Weltsicht durch Reformation, Aufklärung und das Zerfallen der alten Ordnungen in eine tiefe Krise. Wo früher feste Autoritäten herrschten – sei es Gott, sei es ein gottgewollter Fürst, fand sich der Mensch zunehmend allein. Diese Einsamkeit äußerte sich in einer Orientierungslosigkeit, wie man sie etwa in der Literatur der Romantik zunehmend findet. Für Sabato spielen insbesondere die russischen Autoren eine wichtige Rolle – zu Beginn dieser Reihe steht Michail Jurjewitsch Lermontow, dessen Roman Ein Held unserer Zeit sich nahezu ausschließlich um die Psychologie seines „Helden“ dreht[5]. Hier wird ein Typus geschaffen, der quasi der Urtypus von Gestalten wie Fernando Vidal Olmos aus Sabatos Romanen darstellt: Petschorin „ist zum Prototyp einer ganzen Folge von fragwürdigen, „überflüssigen“ Menschen geworden, deren zynische Übersättigung an flüchtigen Erlebnissen zum sumpfigen, gedehnten, jeden Sinn ableugnenden Nihilismus ausartet“[6].

Von größerer Bedeutung für Sabato ist allerdings Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, auf den er auch mehrfach verweist[7]. Dies dürfte vielerlei Gründe haben – neben der psychologischen Dichte und Thematik seiner Romane dürfte sich Sabato auch von Dostojewskijs Biographie angezogen gefühlt haben: Dostojewskij wurde aufgrund seiner politischen Tätigkeit für etwa zehn Jahre nach Sibirien deportiert – er berichtet darin in Aus einem Totenhaus; für Sabato ist der Widerstand gegen die unmenschliche Gesellschaft eines der zentralen Themen[8], in den achtziger Jahren übernahm Sabato schließlich den Vorsitz einer Kommission, die das Schicksal der Verschwundenen während der Militärdiktatur in Argentinien klären sollte.

Dostojewskijs Anspruch ist es, seine Figuren in ihrer ganzen triebhaften und dämonischen Komplexität zu zeigen. Exemplarisch geschieht dies in Der Doppelgänger. Die Abenteuer des Herrn Goljadkin, ein Roman, der gleichsam in einer surrealen Nebenwelt spielt und deren Protagonist angesichts seiner menschenfeindlichen Umwelt in den Wahnsinn getrieben wird und sich schließlich einen Doppelgänger als ideales Selbst schafft, an den er seine eigene Identität verliert. Die Frage nach der Identität bleibt für Dostojewskij bestimmend: Mit Stavrogin schafft Dostojewskij in den Dämonen einen Charakter, der durch Nihilismus und Gottesferne sein Menschsein gleichsam verliert. Ihm gegenüber stehen Gestalten wie der „Idiot“ Fürst Myschkin, die der menschlichen Gesellschaft schon beinahe enthoben sind (sowohl seine epileptischen Anfälle als auch sein geradezu unschuldiges Wesen grenzen Myschkin von der übrigen Welt ab und machen ihn doch zu ihrem Zentrum). Doch auch Myschkin geht unter in einer Gesellschaft, die unter ihren selbstzerstörerischen Trieben leidet und nur so eine Selbstbestätigung finden kann. Benjamin schreibt über die Gestalten des Romans: „Verletzte Kindheit ist das Leid dieser Jugend […]. An der fehlenden Sprache des Kindes zersetzt sich gleichsam das Sprechen der dostojewskischen Menschen und in einer überreizten Sehnsucht nach Kindheit – im modernen Sprachgebrauch: in Hysterie – verzehren sich vor allem die Frauen dieses Romans […]. Die gesamte Bewegung des Buches gleicht einem ungeheuren Kratereinsturz. Weil Natur und Kindheit fehlen, ist das Menschentum nur in einer katastrophalen Selbstvernichtung zu erreichen.“[9]

Dies zeigt deutlich, daß Dostojewskijs Zielsetzung über die Schilderung von psychischen Nöten hinausgeht. Es geht ihm eben nicht „um selbstzweckhafte psychologische Analysen und Sensationen“, eigentlich „überhaupt nicht um Literatur, sondern um eine Wertsetzung und um eine Heilslehre: seine Bücher sind religiöse Botschaften. Sie sprechen aber zu Menschen einer intellektuellen Epoche; deshalb führen ihre Schilderungen in psychische Tiefen: in die bestürzenden Erfahrungen von der Bewußtseinsspaltung und der Doppelwertigkeit der Gefühle.“[10]

Dostojewskij glaubt, daß der Mensch seine Identität nur finden kann im Einklang mit der Welt und in der Liebe zu Gott: „das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines Volkes. Jedes Volkes. Und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach seinem Gott.“[11]

Hier knüpft Sabato an. Für ihn macht es gleichfalls keinen Sinn, „noch eine Fiktion mehr zu schreiben [...]. Jetzt hatte er das Gefühl, daß etwas anderes notwendig war, etwas wie eine Fiktion in der zweiten Potenz.“[12] So kommt es, daß seine Figuren in der Anlage mit denen Dostojewskijs durchaus zu vergleichen sind; Sabatos Ziel ist es „einen Roman [zu] schreiben über diese Suche nach dem Absoluten, über den Wahnsinn von Adoleszente, aber auch von Erwachsenen, die nicht aufhören können oder wollen, Adoleszente zu sein: Wesen, die inmitten des Schlammes und des Mistes Schreie der Verzweiflung ausstoßen oder sterben beim Werfen von Bomben in irgendeiner Ecke der Welt.“[13] Und doch ist Sabatos Welt eine ganz andere als die Dostojewskijs; in Sabatos Welt ist die Rettung, die der Mensch in Gottes Liebe findet, nicht mehr möglich. Denn für seine Welt gilt, „daß Gott nicht existieren kann. Wenn er dennoch existiert, so geht uns das nichts mehr an.“[14]

[...]


[1] „Es befällt unsere Sinne nämlich ein geradezu heiliger Ehrgeiz, daß wir uns mit dem Mittelmäßigen nicht zufrieden nach dem Höchsten streben und dies (denn wir können dies, wenn wir nur wollen) mit allen Kräften verfolgen.“ Pico della Mirandola, Giovanni: Oratio de hominis dignitate, Seite 12 (Übersetzung: J.S.)

[2] Pico bezieht sich hier auf Ps. 82. VI.: „Ich habe wohl gesagt: Ihr seyd Götter, und allzumal Kinder des Höchsten“ (zitiert nach: Die Bibel, oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, nach der deutschen Uebersetzung D. Martin Luthers. Stuttgart, 1838)

[3] „Dies ist der Mensch, ein Lebewesen von verschiedener, vielgestaltiger und sprunghafter Natur“ Pico della Mirandola, Giovanni: Oratio de hominis dignitate, Seite 12 (Übersetzung: J.S.)

[4] „Denn wenn du einen Menschen siehst, der seinem Bauch ergeben auf dem Boden dahinkriecht – es ist ein Gewächs, kein Mensch, was Du siehst; und wenn er in der Phantasie lebt, als wenn er von dem eitlen Blendwerk der Kalypso verlockt und von den Verführungen der Wollust unterworfen Sklave seiner Sinne ist, so ist er stumpfsinnig, aber kein Mensch.“ Ebd., Seite 10 (Übersetzung J.S.)

[5] Sabato setzt ein Zitat dieses Romans an den Anfang von Abaddon. Hier heißt es auf dem Vorsatz: „Es ist möglich, daß ich morgen sterbe, und auf der Erde wird niemand zurückbleiben, der mich ganz und gar verstanden hätte. Die einen werden mich für schlimmer und andere für besser halten, als ich bin. Einige werden sagen, ich sei ein anständiger Mensch gewesen; andere, eine Kanaille. Aber beide Ansichten werden gleich irrig sein.“ (Aus: Lermontow: Ein Held unserer Zeit. Zitiert nach: Sabato, Ernesto: Abaddon. Frontispiz.)

[6] Laaths, Erwin: Geschichte der Weltliteratur. Seite 660

[7]

[8] Vgl. die Figur des Marcelo Carranza in Abaddon, die, neben dem Autor selbst, eine zentrale Figur des Romans darstellt und einen der drei Themenblöcke konstituiert; im selben Buch läßt Sabato auch seine Bewunderung für Che Guevara mehrfach aufscheinen.

[9] Benjamin, Walter: „Der Idiot“ von Dostojewskij. In: Benjamin, Walter. Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2. Seite 188f.

[10] Laaths, Erwin: Geschichte der Weltliteratur. Seite 667

[11] Ebd., Seite 668

[12] Sabato, Ernesto: Abaddon. Seite 38

[13] Ebd., Seite 15

[14] Ebd. Seite 347

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der tote Gott - Ernesto Sabato und die Heimatlosigkeit in der modernen Welt
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V75231
ISBN (eBook)
9783638737227
ISBN (Buch)
9783638770262
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Dozent begründete die Notengebung mit "brillante Themaverfehlung" (ich sollte eine literaturtheoretische Arbeit über Sabatos Romantheorie schreiben)
Schlagworte
Gott, Ernesto, Sabato, Heimatlosigkeit, Welt
Arbeit zitieren
Jan Schenkenberger (Autor:in), 2005, Der tote Gott - Ernesto Sabato und die Heimatlosigkeit in der modernen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75231

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