Um Ernesto Sabato zu verstehen, muß man denen folgen, die ihm vorangingen. Die Fragen stellen, die zu dem Weg führen, an dessen Ende der Bericht der Blinden steht.
Was ist der Mensch? Diese Frage begleitet uns vom Anbeginn unserer Existenz. Für Sabato spielen insbesondere die russischen Autoren eine wichtige Rolle – zu Beginn dieser Reihe steht Michail Jurjewitsch Lermontow, dessen Roman Ein Held unserer Zeit sich nahezu ausschließlich um die Psychologie seines „Helden“ dreht; von größerer Bedeutung für Sabato ist allerdings Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, auf den er auch mehrfach verweist. Die Arbeit leistet eine Einbindung Sabatos in die europäische Geistesgeschichte, die seine Grundlage bildet.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorrede
2. Die Entdeckung des Bösen. Auf dem Weg zu einem neuen Menschenbild.
3. Der Verlust.
4. Die Blinden.
5. Drachen am Horizont? Wege ins Licht.
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische und literarische Auseinandersetzung Ernesto Sabatos mit der existentiellen Heimatlosigkeit und der Krise des modernen Menschen. Im Zentrum steht dabei die Analyse, wie Sabatos Werk, insbesondere unter Rückgriff auf Dostojewskij und existenzphilosophische Motive, die Sinnsuche und den Verlust einer gottgegebenen Ordnung thematisiert.
- Die Krise des humanistischen Menschenbildes und die Folgen der Aufklärung
- Die Rolle Dostojewskijs als literarischer und philosophischer Bezugspunkt für Sabato
- Die Metaphorik des Sehens und der Blindheit als Ausdruck der menschlichen Existenz
- Die Bedeutung von Mythos, Traum und Sprache als Wege zur Weltbewältigung
- Die Spannung zwischen rationaler Weltdeutung und irrationaler, dämonischer Selbsterfahrung
Auszug aus dem Buch
3. Der Verlust.
Schon bei Dostojewskij steht der Kampf um die menschliche Selbstidentität im Zentrum, doch gibt es für Dostojewskij noch eine Lösung. Schon wenige Jahre später ist die „Krisis der Intelligenz, genauer gesagt, des humanistischen Freiheitsbegriffs“ schon so weit fortgeschritten, daß dieser Weg nicht mehr gangbar scheint. Zu sehr ist der Fortschritt zum Selbstzweck geworden, der nicht mehr hinterfragt wird. Damit werden die Grenzen, die in der griechischen Tragödie noch die conditio humana definieren, immer weiter ausgedehnt und schließlich irrelevant.
Der Mensch, der zur Allmacht gekommen ist, und gerade deshalb tiefer fallen kann als jemals zuvor: aus dem Rahmen des Rechts, aus der Gesellschaft, aus allen sozialen Banden. Rilke formuliert dies in einem Brief an Lotte Hepner so: „Der sogenannte Fortschritt wurde zum Ereignis einer in sich befangenen Welt, die vergaß, daß sie, wie sie sich auch anstellte, durch den Tod und durch Gott von vorneherein und endgültig übertroffen war.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorrede: Einleitende Reflexion über die menschliche Einsamkeit und die Ungewissheit bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Menschen.
2. Die Entdeckung des Bösen. Auf dem Weg zu einem neuen Menschenbild.: Untersuchung der historischen Wandlung des Menschenbildes von der Renaissance bis in die Moderne, unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse Dostojewskijs auf Sabatos Werk.
3. Der Verlust.: Analyse der Krise des modernen Freiheitsbegriffs und der damit einhergehenden existentiellen Orientierungslosigkeit des Menschen nach dem Verlust fester Ordnungssysteme.
4. Die Blinden.: Auseinandersetzung mit der Metapher der Blindheit als inhärente Eigenschaft des Menschen und als symbolische Ausdrucksform menschlicher Fiktionen und Abgründe.
5. Drachen am Horizont? Wege ins Licht.: Betrachtung der apokalyptischen Visionen Sabatos und der Suche nach Wegen, durch Glaube, Liebe und schöpferisches Handeln wieder zu einer menschlichen Identität und Sinnhaftigkeit zu finden.
Schlüsselwörter
Ernesto Sabato, Fjodor Dostojewskij, Existentialismus, Heimatlosigkeit, Moderne, Menschenbild, Blindheit, Nihilismus, Gott, Identität, Sprache, Mythos, Freiheit, Krisis, Surrealismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Werk des argentinischen Autors Ernesto Sabato und dessen Auseinandersetzung mit der existenziellen Krise des modernen Menschen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen der Verlust traditioneller moralischer und religiöser Bindungen, die Bedeutung des Nihilismus und die Suche nach einer neuen Sinnstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die philosophischen Hintergründe von Sabatos Romanfiguren zu beleuchten und aufzuzeigen, wie er das Menschsein in einer entfremdeten Welt darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche und geistesgeschichtliche Analyse, wobei der Fokus auf dem Vergleich mit anderen Autoren und philosophischen Strömungen liegt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der literarischen Aufarbeitung der Moderne, der Rolle des Bösen und dem Scheitern des Fortschrittsglaubens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text?
Zentrale Begriffe sind Identität, Heimatlosigkeit, die Metaphorik der Blindheit und das Streben nach dem Absoluten.
Welchen Einfluss hat Dostojewskij auf die Argumentation des Autors?
Dostojewskij dient als zentraler Vergleichspunkt, um die psychologische Dichte und die religiöse Komponente in Sabatos Werk zu interpretieren.
Wie interpretiert der Autor den Begriff der "Blindheit" bei Sabato?
Blindheit wird hier als grundlegender menschlicher Zustand gedeutet, der die Trennung zwischen innerer und äußerer Realität sowie das Wirken unbewusster Mächte versinnbildlicht.
Welche Rolle spielen Mythen und Träume?
Sie werden als Wege zur Entschlüsselung der integralen menschlichen Realität verstanden, die über die rein rationale Erfassung hinausgeht.
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- Jan Schenkenberger (Author), 2005, Der tote Gott - Ernesto Sabato und die Heimatlosigkeit in der modernen Welt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75231