Ist Willensschwäche möglich? Zur metaethischen Konzeption Richard M. Hares


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Universeller Präskriptivismus
1.1. Hares Metaethik als Ansatz analytischer Moralphilosophie
1.2. Kritik an rein deskriptiven und emotivistischen Moraltheorie
1.3. Präskriptivität
1.4. Universalisierbarkeit

2. Moralische Schwäche und Willensschwäche in Freiheit und Vernunft
2.1. Moralische Schwäche
2.2. Willensschwäche

3. Willensschwäche in Moralisches Denken
3.1. Intuitive und kritische Ebene des moralischen Denkens
3.2. Willensschwäche

4. Hares Konzeption der Willensschwäche im Vergleich mit Handeln wider besseres Wissen bei Sokrates

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Mit dem Phänomen der Willensschwäche bzw. Handeln wider besseres Wissen ist wohl jeder in seiner alltäglichen Erfahrung schon einmal konfrontiert worden. Als „willensschwach“ bezeichnet man im Allgemeinen jemanden, der weiß bzw. zu wissen glaubt, was zu tun gut und richtig ist, es aber nicht tut, obwohl er es tun könnte.

Philosophisch betrachtet wirft Willensschwäche damit eine Reihe von Problemen auf: Ist es überhaupt möglich (und wenn ja, wie ist es möglich?), eine Handlung als gut bzw. richtig zu beurteilen und diesem Urteil trotzdem entgegen zu handeln?

Seit dem platonischen Sokrates ist Willensschwäche immer wieder Gegenstand philosophischer Untersuchungen. Sokrates hatte die Existenz des Phänomens im Ganzen zurückgewiesen, da man stets nach dem Guten strebe und das Wissen darum, was das Gute für einen selbst ist, sehr eng mit dem entsprechenden Handeln verknüpft sei. Nach Sokrates handelt jemand, der etwas Schlechtes tut, nicht dem eigenen besseren Wissen zuwider, sondern er handelt aus Unwissenheit.

Der US-amerikanische Moralphilosoph Richard M. Hare nähert sich im Zuge seiner metaethischen Konzeption des universellen Präskriptivismus dem Problem der Willensschwäche. Er beschäftigt sich dabei mit einer Teilmenge der Phänomene, die unter diesem Begriff subsumiert werden, nämlich mit Fällen, in denen jemand scheinbar einem Moralurteil zustimmt, jedoch nicht diesem Moralurteil gemäß handelt. Da moralische Urteile aufgrund der in ihnen enthaltenen moralischen Wörter wie „sollen“, „gut“ usw. universell präskriptiv, also handlungsanleitend sind, folgt aus „sollen“ bei aufrichtiger Zustimmung zu einem Moralurteil „können“ und die entsprechende Handlung wird auch ausgeführt.

In der vorliegenden Arbeit werde ich zeigen, dass Willensschwäche in der getroffenen Definition mit Hares metaethischer Theorie moralischen Handelns unvereinbar ist. Ich werde zuerst auf die Konzeption des universellen Präskriptivismus eingehen und dann vor diesem Hintergrund seine Ausführungen zur Willensschwäche in den Werken „Freiheit und Vernunft“ und „Moralisches Denken. Seine Ebenen, seine Methoden, sein Witz“ diskutieren.

Abschließend werde ich seine Theorie mit der Konzeption der Willensschwäche bei Sokrates vergleichen und zeigen, dass trotz einiger inhaltlicher Unterschiede Hare Sokrates doch in wesentlichen Punkten folgt.

1. Universeller Präskriptivismus

1.1. Hares Metaethik als Ansatz analytischer Moralphilosophie

Hare bestimmt in seiner Konzeption einer Metaethik die Grundlagen moralischer Urteile. Er stellt die rationale Begründbarkeit moralischer Normen dar und verfolgt damit den Anspruch, die Grundprinzipien moralischen Denkens aufzuzeigen, die alle Menschen, (die über alle relevanten Fakten in einem bestimmten Fall moralischen Urteilens verfügen und klar denken), auf die gleichen Konklusionen festlegen.[1]

Hare steht mit seiner Theorie in der Tradition analytischer Philosophie, die im Zusammenhang mit dem linguistic turn entstand und das Nachdenken über Sachprobleme methodisch als Reflexion über die menschliche Sprache als Grundlage des Denkens begreift. Sachfragen werden in Begriffsfragen transformiert. Auf dem Gebiet der Metaethik steht damit die Analyse von Ausdrücken im Vordergrund, die in moralischen Urteilen verwendet werden.[2] Hare untersucht insbesondere, welche Bedeutungen Ausdrücke wie „gut“, „sollen“, „richtig“ usw. innerhalb moralischer Urteile haben. Metaethik ist ein normativ neutraler Teilbereich der Ethik, der der normativen bzw. angewandten Ethik vorgelagert ist.

1.2. Kritik an rein deskriptiven und emotivistischen Moraltheorien

Hare entwirft mit seinem Konzept des universellen Präskriptivismus eine eigene Moraltheorie, die er scharf von naturalistischen bzw. intuitionalistischen Theorien abgrenzt. Der Naturalismus geht davon aus, dass moralische Sätze in semantisch-logischer Hinsicht gänzlich mit empirischen Sätzen überein stimmen. Damit wären moralische Ausdrücke wie „ist gut“ vollständig auf empirische Ausdrücke wie „ist nützlich“ usw. rückführbar. Sie bezeichnen also „natürliche Eigenschaften“, die auf „natürliche“ Tatsachen rekurrieren.[3] Hare erhebt gegen diese Theorien den Vorwurf des naturalistischen Fehlschlusses, da sie behaupten, moralische Aussagen durch empirische vollständig analysieren zu können.

Theorien des Intuitionismus versuchen, moralische Aussagen in Rekurs auf andere als „natürliche“ Tatsachen zu begründen. Moralische Sätze sind hier Aussagen über spezifische moralische Tatsachen, denen nicht weiter analysierbare Eigenschaften des „Guten“, des „Richtigen“ usw. sui generis zugrunde liegen. Diese Tatsachen sind aufgrund von moralischer Intuition zugänglich, die als ein spezifisches moralisches Erkenntnisvermögen beschrieben wird.[4]

Die deskriptivistischen Theorieansätze von Naturalismus und Intuitionismus werden von Hare entschieden zurück gewiesen. Beide konstatieren, dass die Bedeutung moralischer Ausdrücke vollständig durch ihre Wahrheitsbedingungen festgelegt wird. Er streitet die Annahme ab, dass moralische Sätze und Urteile allein mit Hilfe von Tatsachen begründet werden können, denn sie besitzen eine Dimension, die über den rein beschreibenden (deskriptiven) Charakter moralischer Sätze hinausgeht.

Emotivistische Theorien vertreten einen nicht-deskriptiven Charakter moralischer Aussagen, diese können jedoch nicht rational begründet werden. Moralische Ureile äußern sich hier als expressive Gefühlsausdrücke, deren Bedeutung durch kausale Einwirkung auf potentielle Adressaten konstituiert wird. Die Beeinflussung Anderer gehört also wesentlich zur Bedeutung moralischer Sätze, die nicht auf rationalen Grundlagen fußen. Auch dieser Ansatz wird von Hare zurück gewiesen: “Hares Hauptargument gegen den Emotivismus lautet, daß dieser das nicht-deskriptive Element in moralischen Aussagen falsch bestimmt und infolgedessen keine klare Grenze zwischen moralischem Argumentieren und bloßem Manipulieren mehr ziehen kann.”[5]

Hare selbst vertritt eine nicht-deskriptivistische, aber rationale Theorie des universellen Präskriptivismus. Die Bedeutungsregeln und damit die Begründbarkeit moralischer Sätze werden durch die logischen Regeln für den Gebrauch moralischer Wörter wie “gut”, “sollen” usw. bestimmt und führen zusammen mit umfassendem Faktenwissen in Bezug auf ein spezifisches moralisches Problem zur Festlegung auf bestimmte normative Positionen.

1.3. Präskriptivität

Moralische Ausdrücke (und damit moralische Urteile, in denen diese Ausdrücke verwendet werden) haben vorschreibenden Gehalt und dadurch empfehlenden Charakter. Somit haben moralische Urteile, in denen moralische Ausdrücke enthalten sind, Einfluss auf die Präferenzbildung in Wahlsituationen. Die Bewertung eines bestimmten Objektes als “gut” würde also dazu führen, dass dieses Objekt innerhalb einer Klasse von Objekten aufgrund dieser Bewertung vor den übrigen bevorzugt und ausgewählt würde. “Wer aufrichtig einem Werturteil zustimmt, stimmt damit einer Handlungsanweisung zu, d.h. er legt sich […] darauf fest, in einer Wahlsituation eine bestimmte Handlungsweise zu wählen bzw. zu wollen, dass andere in dieser Wahlsituation entsprechend wählen.”[6] Hallich konstatiert, dass für Hare ein interner Zusammenhang zwischen einem moralischen Urteil und der entsprechenden Handlungsmotivation besteht.[7] Dies ist insbesondere für das Problem der Willensschwäche von großer Bedeutung, da die internalistische Position dem akratischen Phänomen prima facie zu widersprechen scheint.

Bei dem Wort “sollen” kommt der direkte Bezug zwischen Urteil und Handlung durch seine grammatische Struktur besonders deutlich zum Vorschein: es erfordert neben einem Subjektausdruck immer einen Infinitiv. Der Sprecher bezieht sich auf ein bestimmtes Tun, wenn er “sollen” präskriptiv verwendet: Ich soll X tun. Das impliziert, dass er das Gesollte in einer Wahlsituation auch anderen Optionen vorzieht.

Moralische Ausdrücke haben dennoch auch eine deskriptive Bedeutungsdimension, die der präskriptiven meist untergeordnet ist. Sie variiert entsprechend der in einem sozialen Gefüge geltenden Anwendungsbedingungen für Ausdrücke wie “gut“, “sollen“, “richtig” usw. und legt die Wahrheitsbedingungen dieser Ausdrücke fest, die sozial bedingten Veränderungen unterworfen sind. Durch Präskriptivität bleibt daneben stets eine konstante, immer gültige Bedeutung moralischer Wörter erhalten, die interkulturell verständlich ist, auch bei grundverschiedenen jeweils gültigen deskriptiven Anwendungskriterien. Hares Moraltheorie wendet sich somit gegen jeden Kulturrelativismus.[8]

Die Verwendung moralischen Vokabulars erschöpft sich nicht in der Verwendung entsprechend geltender Anwendungskriterien, sondern erfordert die freie Entscheidung zugunsten präskriptiver Prinzipien: “Moralische Reife und Autonomie erlangt erst, wer - in einer Weise, die ihn selbst auf die Wahl bestimmter Handlungskriterien festlegt - moralische Sätze verwendet, um damit zu empfehlen, nicht nur, um ihren deskriptiven Gehalt wiederzugeben.”[9]

1.4. Universalisierbarkeit

Aus dem singulären, veränderlichen deskriptiven Gehalt moralischer Aussagen leitet sich die Universalisierbarkeit moralischer Aussagen ab. Deskriptive Ausdrücke sind generell universalisierbar. Wenn ein Gegenstand beispielsweise als “blau” gekennzeichnet wird, so trifft diese Bezeichnung auch auf alle anderen Gegenstände mit vergleichbaren ähnlichen Eigenschaften zu. Ebenso legt das Fällen eines moralischen Urteils darauf fest, dieses präskriptive Urteil auch für alle anderen Situationen zu akzeptieren, die ähnliche universell-deskriptive Eigenschaften aufweisen: “Es ist aus logischen Gründen ausgeschlossen, die These vertreten zu können, Moralurteile seien zwar deskriptiv, aber nicht universalisierbar.”[10] Wenn man also eine Sache als “richtig” beurteilt, muss man auch alle anderen Sachen, die diesem in wesentlichen Eigenschaften ähneln, als “richtig” bezeichnen. Universalität moralischer Aussagen wird somit rein logisch und nicht normativ-moralisch begründet.

Innerhalb dieser kohärenten Theorie des universellen Präskriptivismus scheint Willensschwäche prima facie unvereinbar zu sein. Hare schreibt: “Es ist tautologisch, daß wir einem an uns gerichteten Befehl in der zweiten Person nicht aufrichtig zustimmen können, wenn wir ihn nicht zur gleichen Zeit ausführen, vorausgesetzt, daß jetzt die Gelegenheit zu seiner Ausführung gegeben ist und daß es (physisch wie psychisch) in unserer Macht steht, ihn auszuführen.”[11]

Die Diskussion psychischer Unfähigkeit spielt eine große Rolle in Hares Konzeption von Willensschwäche.

2. Moralische Schwäche und Willensschwäche in Freiheit und Vernunft

Hare definiert Willensschwäche zu Anfang seiner Diskussion des Phänomens so, dass der Willensschwache einem Moralurteil zustimmt und diesem trotzdem zuwiderhandelt.[12]

Spitzley macht darauf aufmerksam, dass Hare das Phänomen der Willensschwäche nicht wie Sokrates, Aristoteles und Davidson im Bereich jeglichen Handelns wider besseres Wissen verortet, sondern dass Willensschwäche hier auf moralisches Handeln wider ein Moral urteil beschränkt wird.

Die getroffene Definition scheint mit dem universellen Präskriptivismus zunächst unvereinbar zu sein. Hare betrachtet diesen Einwand aber gerade als Stütze seiner Theorie, denn Moralurteile sind durch ihren präskriptiven Charakter mit Imperativen verwandt, der impliziert, dass aus “sollen” stets “können” gefolgert werden kann. “Als typische Fälle von Willensschwäche werden sich im Folgenden gerade diejenigen herausstellen, bei denen jemand nicht tun kann, wovon er glaubt, dass er es tun sollte […]“[13] Wären moralische Urteile rein deskriptiv, würde aus dem Wort “sollen” kein “können” folgen und das Problem der Willensschwäche würde nicht auftreten. Zugleich muss Hare aber auch eingestehen, dass es durchaus deskriptive (naturalistische) Moraltheorien gibt, die das Phänomen Willensschwäche durchaus problematisieren, er bezieht sich hierbei auf Aristoteles und Thomas von Aquin. “Es gebe […] ein Naturgesetz, (eine universelle Proposition, die wahr und zudem synthetisch ist), nach welchem alle Dinge tatsächlich das Gute suchen und das Böse meiden.”[14] Somit besteht auch innerhalb dieser Theorien das empirische Phänomen, nachdem einige diesem Naturgesetz zuwiderhandeln. Auch wenn Hare die naturgemäße Notwendigkeit ablehnt und die Bedeutung von „gut” logisch durch seine präskriptive Bedeutungsdimension erklärt, widerlegt er seine eigene These, wonach die Existenz des Phänomens der Willensschwäche im Gegensatz zu rein deskriptiven Ansätzen die Theorie des universellen Präskriptivismus stärkt. Das Problem taucht innerhalb von beiden Konzeptionen auf. Zudem ist es in meinen Augen tautologisch, den universellen Präskriptivismus durch das Auftauchen des Problems der Willensschwäche stützen zu wollen, das selbst mit dieser Theorie prima facie unvereinbar ist.

[...]


[1] Hallich, Oliver: Richard Hares Moralphilosophie. Metaethische Grundlagen und Anwendung. Freiburg, München, 2000, S. 15

[2] ebd. S. 16f.

[3].ebd. S. 22

[4] Hallich, Oliver: Richard Hares Moralphilosophie. Metaethische Grundlagen und Anwendung. Freiburg, München, 2000, S. 24 f

[5] ebd., S. 35

[6] ebd., S. 53f

[7] ebd.,. S. 54

[8] ebd., S. 48 f

[9] ebd., S. 72

[10] Hare, Richard M.: Freiheit und Vernunft. Frankfurt/Main 1983, S. 31

[11] Hare, Richard M.: Die Sprache der Moral, Frankfurt/Main 1972, S. 40

[12] Hare, Richard M.: Freiheit und Vernunft. Frankfurt/Main 1983, S. 84

[13] ebd., S. 85

[14] ebd., S. 86f

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ist Willensschwäche möglich? Zur metaethischen Konzeption Richard M. Hares
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V75240
ISBN (eBook)
9783638797900
ISBN (Buch)
9783638822596
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willensschwäche, Konzeption, Richard, Hares
Arbeit zitieren
Vera Ohlendorf (Autor), 2007, Ist Willensschwäche möglich? Zur metaethischen Konzeption Richard M. Hares, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75240

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