Wer suchet, der findet? Die Suche nach Glück als zentrales Thema in Judith Hermanns "Sommerhaus, später"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Martin Seels Versuch über die Form des Glücks
2.1 Episodisches und übergreifendes Glück
2.2 Teleologisches, ästhetisches und prozessuales Glück
2.2.1 Teleologisches Glück
2.2.2 Ästhetisches Glück
2.2.3 Prozessuales Glück

3 Judith Hermanns Sommerhaus, später
3.1 Hurrikan (Something farewell)
3.2 Sommerhaus, später
3.3 Bali-Frau
3.4 Sprache und Erzählstil

4 Resümee

Bibliographie

1 Einleitung

Judith Hermanns Erstlingswerk Sommerhaus, später, das im September 1998 erschien, wurde im Folgemonat im Literatischen Quartett besprochen und aufs Höchste gelobt. Es war ein Übernachterfolg für die damals 28jährige, in Berlin lebende Autorin. Ihre Art zu Schreiben und die im Erzählband heraufbeschworene Atmosphäre wurden von Hellmuth Karasek als „Sound einer neuen Generation“ bezeichnet.

Judith Hermann schreibt im Gegensatz zu vorhergehenden Generationen weder vom Leben im Nachkriegsdeutschland noch feministische Bekenntnisliteratur; ihre Geschichten sind weit entfernt von politischem, kämpferischem oder geschichtlichem Schreiben. „Judith Hermann“, so Markus Schlette, „[…] will nicht berichten, sondern erzählen. Dabei geht es ihr nicht um die Aufzeichnung einer Wirklichkeit, sondern um deren Verwirklichung in der Sprache, nicht um das Zeigen von Lebensstilen, sondern um die Evokation des Lebensgefühls, das solchen Lebensstilen zugrunde liegt.“[1] Dieses Lebensgefühl verbindet die Erzählungen in Sommerhaus, später sowie deren zentrale Figuren, und lässt sich am ehesten als melancholisch bezeichnen – eine Melancholie, die sich darin äußert, dass alle Protagonisten das Gefühl haben, etwas zu entbehren oder verloren zu haben, nach dem sie fortwährend suchen. „Die Protagonisten in Judith Hermanns Erzählungen sind auf der unbestimmten Suche nach etwas, das sie selbst nicht genau benennen können, das sich jedoch im Text auf indirekte Weise mitteilt: die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach der wahren Liebe, nach einem sicheren Wissen um die eigene Identität“[2]. Dieses Etwas nach dem alle Charaktere suchen und dass die neun Erzählungen thematisch miteinander verbindet, ist Glück. „The prominent motif linking all the stories“, schreibt Anke Biendarra, „is the search for happiness“[3].

Wie sich die Glücksthematik in den Erzählungen zeigt, wie die Protagonisten zum Thema Glück stehen und nach welcher Art von Glück sie suchen, soll im Laufe dieser Arbeit dargestellt werden. Da es für die Beschäftigung mit einem Thema wie Glück nötig ist, sich darüber im klaren zu sein, wovon man spricht – von welcher Art von Glück also – wird zuerst Martin Seels Ansatz einer Glückstheorie kurz dargelegt. Diese Herangehensweise ermöglicht einen präziseren Umgang mit der Thematik und verhindert Verständnisschwierigkeiten, die sich durch einen umgangssprachlichen Gebrauch des Begriffs einschleichen könnten.

Anschließend werden anhand dreier Erzählungen – Hurrikan (Something farewell), Sommerhaus, später und Bali-Frau – die wichtigsten Charakteristika Hermanns Debüts im Hinblick auf die Lebensführung der Protagonisten und deren Verhältnis zu Glück herausgearbeitet. Abschließend soll näher auf die sprachlichen Mittel und den Erzählstil Judith Hermanns eingegangen und untersucht werden, wie dieser zur Atmosphäre des Erzählbandes beiträgt.

2 Martin Seels Versuch über die Form des Glücks

In seinem Versuch über die Form des Glücks unterscheidet Martin Seel zwei Grundformen von Glück: episodisches Glück und übergreifendes Glück[4]. Beide Formen des Glücks spielen, laut Seel, eine unverzichtbare Rolle im Leben eines Menschen, da sie miteinander im Wechselspiel stehen und sich gegenseitig bedingen.

Weiterhin zeigt Seel verschiedene Auffassungen von Glück auf – teleologisches, ästhetisches und prozessuales Glück – und bewertet sie im Hinblick auf ihre Brauchbarkeit für das Erreichen bzw. Erleben übergreifenden Glücks.

2.1 Episodisches und übergreifendes Glück

Wie oben bereits erwähnt unterteilt Seel Glück in zwei Grundformen: Episodisches Glück und übergreifendes Glück, das er auch als gutes, gelingendes Leben bezeichnet. Ein gutes, gelingendes Leben findet laut Seel dann statt, wenn ein Mensch schon während seines Lebens auf mehr Momente des (episodischen) Glücks als Momente des Unglücks zurückblicken kann.[5]

Unter episodischem Glück versteht Seel eine „glückhafte[…] Situation oder ein[en] glücklichen Abschnitt“, eine „Episode oder Periode“ im Leben, die der Betroffene in seiner subjektiven Wahrnehmung als glücklich empfindet.[6] Diese Art des Glücks, „gibt es nur im Kontext einer (wie immer unsicheren) Aussicht auf ein gelingendes Leben“[7]. Nur wenn ein Mensch darauf hoffen kann, dass sein Leben im Großen und Ganzen positiv verlaufen wird, ist er empfänglich für episodisches Glück. Diese Hoffnung auf ein gutes, gelingendes Leben ist begründet, wenn ein Mensch zumindest sicher, gesund und frei ist.[8] „In einer Lebenswirklichkeit, in der diese Umstände momentan gegeben sind, da ist episodisches Glück möglich“, so Seel, „wo sie darüber hinaus (einigermaßen) kontinuierlich gegeben sind, da ist ein gelingendes Leben möglich, oder genauer und vorsichtiger: da ist ein solches Leben nicht schon durch die äußere und innere Wirklichkeit ausgeschlossen“[9].

Seels Glücksbegriff ist ein dynamischer, der sich nicht auf die momentane Situation eines Menschen beschränkt, sondern immer die Ganzheit seines bisherigen Lebens sowie seine Zukunftsaussichten mit einbezieht.

2.2 Teleologisches, ästhetisches und prozessuales Glück

Nach seiner Unterscheidung der Formen von Glück, beschäftigt sich Seel mit unterschiedlichen Ansätzen zur Erreichung dieses Glücks. Es stellt sich die Frage, was Menschen im Allgemeinen unter Glück verstehen und wann sie sich glücklich fühlen. Hier erläutert er drei Ansätze des Glücksverständnisses näher – teleologisches, ästhetisches und prozessuales Glück – und zeigt auf welchen er im Hinblick auf ein gutes, gelingendes Leben als am sinnvollsten erachtet.

2.2.1 Teleologisches Glück

Ein teleologisches Glücksverständnis ist eines, das das Erreichen von Wünschen als Glück definiert. „Glück und gutes Leben, im teleologischen Verständnis, sind gegeben, wenn sich das erfüllt, was sich jemand vernünftigerweise wünscht“[10]. Das Ziel ist eine „möglichst positive Bilanz in Sachen episodischen Glücks und Unglücks“[11], also eine möglichst häufig eintretende Wunscherfüllung in der Gegenwart um die Erfahrung episodischen Glücks zu maximieren.

Das Problem, das sich laut Seel aus diesem Glücksverständnis für den Menschen ergibt, ist folgendes:

Das im vollen gute Leben ist eines, in dem alle wesentlichen Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Der Glücksbegriff dieser Theorie […] ist allein für Ziele, nicht aber für Wege konzipiert: für Zustände episodischen Glücks, verstanden als Situationen der (wie immer komplexen) Wunscherfüllung.[12]

Der Mensch, der in einer teleologischen Glücksvorstellung verhaftet ist, strebt demnach stets nach dem Zustand, in dem alle seine Wünsche erfüllt sind. Da dieser Zustand – beinahe ausnahmslos – unerreichbar bleibt, befindet sich der Betroffene fortwährend in einer Situation der Unzufriedenheit. Sollte er allerdings an seinem Ziel ankommen und alle seine Wünsche in Erfüllung gegangen sein, so wäre er dennoch unglücklich, vielleicht sogar noch unglücklicher als der Unzufriedene, weil in seinem Leben nichts mehr wäre, auf das er noch hoffen oder das er sich noch wünschen könnte.

2.2.2 Ästhetisches Glück

Ein weiteres Verständnis von Glück ist das Glück des erfüllten Augenblicks – das ästhetische Glück. Diese Form des Glücks lässt sich nicht bewusst erstreben, da sie stark mit einem Zufallsmoment verknüpft ist. Ästhetisches Glück zeigt sich unvermutet und eröffnet dem, der es erfährt, „eine Situation plötzlich eintretender Erfüllung“[13]. Ein ästhetisch gelingendes Leben wird an der Armut oder dem Reichtum erfüllter Augenblicke bemessen, die allerdings, wie oben bereits erwähnt, nicht kalkulierbar sind.[14] Aus diesem Grund eignet sich dieser Glücksbegriff auch nicht, um ihn als Basis für ein gutes, gelingendes Leben heranzuziehen. „Da sich das Augenblicksglück weder erstreben noch auf Dauer stellen läßt, ist es sinnlos, in ihm ein höchstes Ziel eines bewußten Lebens zu sehen. Der erfüllte Augenblick ist kein höchstes Ziel, sondern lediglich ein höchst bejahenswerter Zustand[15].

In eben diesem Zustand sieht Seel außerdem die Gefahr des ästhetischen Glücks liegen: Er bezeichnet es als die „berauschendste Form episodischen Glücks“[16], weil es aufgrund seiner Intensität einen ekstatischen Charakter besitzt, der weit über die bisherigen Wünsche des Individuums hinausgeht. „[…D]ieses Glück sprengt unsere Vorstellung vom und unsere Erwartung an Glück und enthält insofern leicht eine Tendenz zur Zerstörung der existentiellen Orientierungen, die uns bis dahin geleitet haben“[17]. Das Glück des Augenblicks birgt die Gefahr, dass das Individuum, das es erfährt, sein bisheriges Selbstbild und seine bisherige Lebensplanung und damit auch seine Orientierung im Leben verliert.

2.2.3 Prozessuales Glück

Wie oben gezeigt, eignen sich weder der teleologische noch der ästhetische Glücksbegriff um ein gutes, gelingendes Leben zu führen. Beide bergen Gefahren, die den Menschen unglücklich werden lassen oder – im schlimmsten Fall – aus der Bahn werfen können. Dennoch kann man beide Aspekte verbinden und zu einem, im Hinblick auf übergreifendes Glück fruchtbaren, Glücksbegriff zusammenführen, indem man ihnen den Aspekt der Selbstbestimmung hinzufügt. Ein Mensch braucht ein Ziel, das er anstrebt und das als Orientierung dient (teleologische Sicht), ebenso wie spontan eintretende Glückserlebnisse, die sein Leben bereichern (ästhetische Sicht); er muss aber auch stets Herr der Lage bleiben und durch Vernunft und Überlegung sein Leben gemäß seines Lebensplanes fortführen können, ohne sich von Perioden ekstatischen Glücks oder Unglücks vom angestrebten Lebensweg abbringen zu lassen.[18] Daraus ergibt sich, dass Seel „[u]nter einem im ganzen guten Leben … ein Dasein versteh[t], das sich durch Situationen schwankenden episodischen Glücks hindurch in der Balance einer zwanglos selbstbestimmten Lebensführung hält“[19]. Es handelt sich hier um einen prozessualen Glücksbegriff, da sich das Glück eines guten, gelingenden Lebens weder ausschließlich aus dem erfüllten Moment noch aus den zu erreichenden Zielen ergibt, sondern während der Vollzugs einer Lebensführung, die den erfüllten Augenblick genießen und dennoch die großen Ziele im Auge behalten kann.

[...]


[1] Schlette, S. 87.

[2] Burtscher, S. 81.

[3] Biendarra, S. 221.

[4] Vgl. Seel, S. 62.

[5] Ein Mensch muss demnach nicht zu jeder Zeit glücklich sein um ein gutes, gelingendes Leben zu haben, doch müssen die positiven Episoden überwiegen.

[6] Vgl. ibid., S. 62. Episodisches Glück ist hier nicht gleichzusetzen mit einer Art von Wohlergehen, da Wohlergehen nicht zwangsläufig mit glücklich sein verbunden ist, genauso wenig wie finanzielles oder körperliches Leiden zwangsläufig zu einem Gefühl des unglücklich seins führt (vgl. Seel, S.66).

[7] Ibid., S. 83.

[8] Diese Zustände sind natürlich relativ zu sehen und jeweils auf den kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund eines Menschen bezogen (vgl. Seel, S. 83-87).

[9] Ibid., S. 83.

[10] Ibid., S. 95.

[11] Ibid., S. 89.

[12] Ibid., S. 100.

[13] Ibid., S. 102.

[14] Vgl. ibid., S. 104.

[15] Ibid., S. 108.

[16] Ibid., S. 107.

[17] Ibid., S. 107.

[18] Vgl. ibid., S. 114-125.

[19] Ibid., S. 121.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Wer suchet, der findet? Die Suche nach Glück als zentrales Thema in Judith Hermanns "Sommerhaus, später"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Fräuleinwunder"
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V75322
ISBN (eBook)
9783638786157
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suche, Glück, Thema, Judith, Hermanns, Sommerhaus, Hauptseminar, Fräuleinwunder
Arbeit zitieren
Andrea Rollig (Autor), 2006, Wer suchet, der findet? Die Suche nach Glück als zentrales Thema in Judith Hermanns "Sommerhaus, später", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75322

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