Die tragische Rolle des Leo Trotzki in seinem späten Exil


Seminararbeit, 2006

36 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografischer Hintergrund

3. Exilbedingungen 1929 - 1940 für Trotzki

4. Überlegungen zu Trotzkis Denken und Entscheiden unter den Bedingungen des Exils 1929- 1940
4.1 Trotzkis Auseinandersetzung mit der Feindbildkonstruktion Stalins
4.2 Die sozialgeschichtliche Situation in der Sowjetunion der 30er Jahre und Trotzkis Analyse dazu
4.3 Trotzki als Gefangener im eigenen ideologischen Netz

5. Schlussfolgerungen

6. Literatur

1. Einleitung

Die Freiheit des Menschen ist ein schönes Ziel.

Nach dem Verständnis von Franz Neumann fällt es dem Intellektuellen zu, das kritische Gewissen einer Gesellschaft im Ringen um die Freiheit des Menschen zu sein. “In einem bestimmten Sinn ist er deswegen ein Geächteter, denn das Gewissen ist immer unbequem, besonders in der Politik.“[1]

Leo Dawidowitsch Bronstein, der sich später Leo Trotzki nannte, war geächtet, vertrieben, verleumdet, verfolgt und wurde vernichtet als Verteidiger eines unbequemen Gewissens.

Welche Idee von Freiheit vertrat er?

Den Menschen sollte ein würdiges Lebensniveau gesichert sein, die Entwicklungen im nachrevolutionärem Russland solle „ihnen gleichzeitig das kostbare Gefühl der Freiheit ihrer eigenen Wirtschaft gegenüber verleihen. Der Freiheit in zweierlei Beziehung: erstens wird der Mensch nicht mehr gezwungen sein, der physischen Arbeit den Hauptteil seines Lebens zu widmen. Zweitens wird er nicht mehr von den Gesetzen des Marktes abhängen, das heißt von den blinden und finsteren Kräften, die sich hinter seinem Rücken herausbilden. Er wird seine Wirtschaft frei, d.h. nach einem Plan, mit dem Zirkel in der Hand aufbauen.“[2]

Diese Gedanken äußerte Leo Trotzki 1932 in seiner Kopenhagener Rede, mit der er um Verständnis zur Russischen Revolution wirbt.

Dem Leidensweg vieler Intellektueller folgend, die politische Gegner des Herrschaftssystems in ihrem Land waren oder, die dazu gemacht wurden, - zu letzteren zählt Trotzki - lebte Leo Trotzki zu diesem Zeitpunkt bereits das 4. Jahr im Exil und wird es bis zu seinem gewaltsamen Lebensende tun.

An das Jahr 1932 wird er sich später genauestens erinnern müssen. Aus tatsächlichen und erdachten Handlungen Leo Trotzkis, aus Trotzkis tatsächlichen und erfundenen Begegnungen und Gesprächen im Jahr 1932 wird Stalin das Feindbild des Trotzkismus stricken, und Trotzki wird zum Hauptangeklagten des Moskauer Prozesses von 1936.

Leo Trotzki, neben Lenin, Denker, Begründer und Leiter der revolutionären Bewegung in Russland wird zum Hauptfeind Russlands erklärt.

Diese Arbeit stellt das Leben und Wirken des politischen Intellektuellen Leo Trotzki im Exil in den Mittelpunkt und untersucht verschiedene Konstellationen, die sich aus dem Exil ergeben.

Das Interesse orientiert sich an der Frage: Welchen Einfluss haben die Bedingungen des Exils auf die Denk- und Entscheidungsprozesse Trotzkis?

Wie kann ein Berufsrevolutionär fern von seiner Wirkbasis, zum Teil isoliert, in feindlicher Umgebung, mit nur mühsam erhaltenen Kontakten, die Lage analysieren und Schlussfolgerungen für die nächsten Schritte ziehen ?

Aus unserer Sicht wird der scharfsinnige Denker Leo Trotzki unter den Bedingungen des Exils zur tragischen Figur, die Fehlentscheidungen trifft.

Bei den Recherchen zur Arbeit erwiesen sich Fred. E. Schraders Untersuchungen in

„Der Moskauer Prozess 1936,Zur Sozialgeschichte eines politischen Feindbildes“ und die Schrift „Trotzki- der gescheiterte Stalin“ von Willy Huhn neben Trotzkis Werken als interessant. Aus Trotzkis Werken wurden die Schriften “Die Russische Revolution“ (Kopenhagener Rede, 1932), „Die verratene Revolution“ (1936) und „Ihre Moral und unsere“ ( 1938 ) zur Bearbeitung gewählt.

Hauptansätze dieser Arbeit orientieren sich an Fred. E. Schraders komplexen Untersuchungen zum Moskauer Prozess 1936, weil hier Hintergründe, Geschehnisse und Trotzkis Reaktionen darauf detailliert erfasst wurden und der Prozess in einer sozialgeschichtlichen Lesart gesehen wird, was Trotzki so im Exil nicht erfahren konnte und ihn zur tragischen Figur werden lässt.

Überprüft wird auch, inwieweit Trotzki unter den Bedingungen des Exils, Gefangener seiner eigenen Dogmen bleiben musste.

2. Biografischer Hintergrund

„Dreiundvierzig Jahre meines bewussten Lebens bin ich Revolutionär gewesen; zweiundvierzig Jahre habe ich unter dem Banner des Marxismus gekämpft. […]

Ich werde als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und folglich als unversöhnlicher Atheist sterben.“[3]

An dieser Selbstauskunft Trotzkis lässt sich nicht zweifeln, betrachtet man seinen Lebensweg.

1879 wird Leo Trotzki als Leo Dawidowitsch Bronstein in Janowka (Ukraine) geboren.

Er ist das fünfte Kind des jüdischen Landwirts David Bronstein und seiner Frau Anna.

Recht bald in seiner Jugendzeit erwacht sein politisches Interesse. 1896 geht

L. D. Bronstein nach Nikolajew, um dort das Abitur zu machen. In Nikolajew hat er erste Berührungen mit revolutionären Zirkeln, gründet 1897 den „Südrussischen Arbeiterbund“ und gibt eine eigene handschriftlich geschriebene Zeitschrift heraus.

Von nun an ist sein Leben geprägt von einem leidenschaftlichen Kampf gegen das zaristische Russland.

Verhaftung, Verurteilung, Verbannung nach Sibirien und Flucht über Irkutsk nach London folgen. Die Zeit im Gefängnis und in der Verbannung nutzt Bronstein zum intensiven Studium marxistischer Schriften. Für die Flucht erhält Bronstein falsche Papiere, für die er den Namen Leo Trotzki wählt, den er bis zu seinem Lebensende beibehalten wird.

In London begegnet er erstmalig Lenin. Eine spannungsvolle Beziehung entwickelt sich zwischen beiden. Im Kreis russischer Emigranten in London erweist sich der junge Trotzki als glänzender Redner und schlagfertiger Debattierer und als solcher wird er auf eine Rundreise nach Paris, Brüssel, in die Schweiz und nach Deutschland geschickt, um dort unter Landsleuten für das russische Blatt „ Iskra“ zu sprechen.

Herausragender Lehrmeister in Trotzkis politischer Bildung wird der marxistische Theoretiker Alexander Israel Helphand, besser bekannt unter dem Pseudonym

„Parvus“.

Nach der ersten Kunde vom Petersburger Aufstand im Jahre 1905 reist Trotzki illegal nach St. Petersburg, wo er sofort eine führende Rolle und den Vorsitz des ersten Sowjets übernimmt. Sein Auftreten in dieser Zeit findet großen Anklang unter den Menschen. Im Dezember des gleichen Jahres wird Trotzki erneut verhaftet und der Sowjet aufgelöst.

1906 erfolgt der Richterspruch zu lebenslanger Verbannung nach Sibirien. Doch wieder gelingt Trotzki die Flucht nach Westeuropa und es beginnt ein rastloses politisches Leben in der Emigration. Er schreibt für verschiedene Zeitungen, gibt in Wien die Zeitschrift “Prawda“ heraus, die man in Russland gern liest.

1912 geht Trotzki als Kriegsberichterstatter auf den Balkan. Seine Berichte erregen international Aufsehen.

Mit seiner Reise nach dem Balkan beginnt ein „neuer Abschnitt in seinem Leben, der als der ‚eigentliche’, ihm vom Schicksal und der Geschichte vorgezeichnete betrachtet werden muss. Wie die Arbeit im „Südrussischen Arbeiterbund“ und die erste Verbannung nach Sibirien als seine politischen Lehrjahre bezeichnet werden können, die Zeit bis 1905 als seine Gesellenjahre, so weisen für seine Anhänger sein Wirken als Vorsitzender im Petersburger Sowjet und sein mutiges Auftreten im Gerichtssaal ihn als den großen revolutionären Führer und Meister aus.

Als solcher wird er von Lenin überschattet. Doch unbestreitbar einmalig sind seine historischen Leistungen als Generalissimus der Roten Armee, obwohl er in seiner Jugend nie als Soldat Dienst leistete, nie eine Kriegsschule besuchte und sich bis dahin nie mit militärischen Dingen beschäftigte. Nach Serbien und Bulgarien ging er als Journalist.

Seine Berichte vom Schauplatz des Balkankrieges von 1912 stellten ihn in die erste Reihe der Kriegsberichterstatter, aber in der an der Front verbrachten Zeit und in den Jahren 1915 und 1916 in Paris wurde auch der spätere Feldherr Leo Dawidowitsch Trotzki geboren, dessen strategisches Genie in dreizehn Feldzügen alte kriegserfahrene zaristische Generale besiegte.“[4]

Weitere Jahre der Emigration führen ihn durch verschiedene Länder Europas und letztendlich landet er im Dezember 1916 in New York, schifft sich aber im März 1917 auf einem norwegischen Dampfer zur Heimkehr nach Russland ein, nachdem er erste Nachrichten vom Umsturz in St. Petersburg erhält. Nach unfreiwilligen Zwischenstopps kommt er im Mai 1917 in Petrograd an, wo er stürmisch begrüßt wird.

Im berühmten Oktober 1917 wird Trotzki wieder Vorsitzender des Petersburger Sowjets, organisiert gemeinsam mit Lenin, mit dem er jahrelange Richtungsstreitigkeiten im Interesse sachdienlicher Zusammenarbeit beilegen konnte, die Oktoberrevolution, formiert die militärischen Kampfverbände der Roten Garde und wird nach Machtübernahme der Bolschewiki Volkskommissar für Äußeres. In letztgenannter Funktion ist er Leiter der russischen Delegation zu den im Dezember 1917 beginnenden Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk. Mitte März 1918 wird Trotzki Präsident des Obersten Kriegsrates ( Oberbefehlshaber der Armeen ). 1918 bis 1920 ist er als Kriegskommissar in seinem legendären

“Kommandozug“ im Land unterwegs und leitet die Truppen der Roten Armee im Kampf gegen die gegenrevolutionären Kräfte. Mit blutiger Gewalt beendet er 1921 auch mehrere Bauernaufstände und den Matrosenaufstand in Kronstadt.

1924 erhält Trotzki im Kaukasus, wo er sich zur Erholung befindet, die Nachricht vom Tod Lenins. Stalin informiert ihn nicht richtig über den Begräbnistag. Das ist der Auftakt des Machtkampfes Stalins gegen Trotzki. Im weiteren Verlauf der Geschehnisse isoliert Stalin Trotzki in der Partei der Bolschewiki, der beide angehören, eröffnet am 2. November 1924 die Kampagne gegen Trotzki, die dazu führt, dass im Januar 1925 die Leningrader Parteiorganisation den Ausschluss Trotzkis aus der Partei fordert. Am 17. Januar 1925 wird Trotzki vom Plenum des ZK der Partei von seinem Posten als Kriegskommissar abberufen und damit entmachtet.

1926 scharen sich Oppositionelle um Trotzki gegen Stalins Kurs.

Am 25.Oktober 1926 wird Trotzki aus dem Politbüro ausgeschlossen.

Im März 1927 greift Trotzki Stalins China-Politik an und besiegelt die tödliche Feindschaft zwischen ihnen.

1927 erfolgt der Ausschluss Trotzkis aus der KPdSU und 1928 die Verbannung nach Sibirien.

Nicht genug damit, im Dezember 1928 fordert Stalin Trotzkis Ausweisung vom Territorium der SU.

1929 wird Trotzki in Begleitung seiner Frau Natalia Sedowa und seines ältesten Sohnes Leo Sedow zwangsweise in die Türkei verschifft. Ein Leidensweg sondergleichen hatte begonnen. Stalin focht seinen Feldzug nicht nur gegen Trotzki persönlich, sondern auch gegen dessen Familie. Mitglieder der Familie, die in Russland zurückgeblieben waren, starben auf merkwürdige Weise oder wurden deportiert. Später werden Stalins Schergen auch für den Tod Leo Sedows in Paris und 1940 dann für Trotzkis Tod in Mexiko sorgen.

Das Leben des vertriebenen Trotzki war das eines Verfolgten.

Sein erstes Asyl findet er auf der türkischen Insel Prinkipo. Im Juli 1933 trifft er von dort aus in Frankreich ein. Im April 1934 aus Frankreich ausgewiesen, muss er aber noch im Land bleiben, weil kein anderes Land ihn aufnimmt. Im Juni 1935 trifft er in Norwegen ein. Bald kommt die Zeit der Moskauer Schauprozesse, in denen er mit einem Berg von Verleumdungen überhäuft wird.

Der Kreml übt immer stärkeren Druck auf die sozialdemokratische norwegische Regierung aus und droht mit Konsequenzen für die Handelsbeziehungen, wenn sie nicht endlich energisch gegen den „Spion“ und „Terroristen“ Trotzki vorgehe. Im September 1936 werden er und seine Frau interniert. Im Dezember desselben Jahres bewilligt ihnen die Regierung des mexikanischen Präsidenten Cárdenas ein Visum. Trotzki wird bis zum Ende seines Lebens in Mexiko bleiben und in Coyoacán leben, einem Vorort von Mexiko-Stadt.

Am 21. August 1940 stirbt Leo Trotzki an den Folgen eines brutalen Mordanschlags.

[...]


[1] Neumann, Franz L.: Intellektuelle Integration und Sozialwissenschaft, in: Wirtschaft, Staat, Demokratie; Aufsätze 1930-1954, Frankfurt/M.,1978, S. 402.

[2] Trotzki, Leo: Kopenhagener Rede, S. 24f.

[3] Trotzki, Leo: Testament.

[4] Wilde, Harry: Leo Trotzki in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1969.S. 74.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die tragische Rolle des Leo Trotzki in seinem späten Exil
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,6
Autor
Jahr
2006
Seiten
36
Katalognummer
V75360
ISBN (eBook)
9783638786324
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Trotzki, Exil
Arbeit zitieren
Anne Piegert (Autor), 2006, Die tragische Rolle des Leo Trotzki in seinem späten Exil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75360

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