Historische, biografische und soziologische Voraussetzungen zum Verständnis von Hans Falladas Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“


Magisterarbeit, 2005
78 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie Rudolf Ditzen
2.1. Biografen Rudolf Ditzens und ihre Werke
2.2. Kindheit und Jugend
2.3. Rudolstadt und Tannenfeld
2.3.1. Literarische Versuche in Tannenfeld
2.4. Ausbildung und Anstellungen
2.5. Aus Rudolf Ditzen wird Hans Fallada
2.6. Gefängnisaufenthalte
2.7. Rudolf Ditzen in Neumünster und Hamburg
2.8. Die Entstehung eines Romans

3. Bauern, Bonzen und Bomben
3.1. Historischer und soziologischer Hintergrund
3.1.1. Die Weimarer Republik
3.1.2. Schleswig Holstein
3.1.3. Entwicklung der Landwirtschaft
3.2. Die Bauern
3.2.1. Landwirtschaft und Soziologie
3.2.2. Wirtschaft und Politik
3.3. Die Landvolkbewegung
3.3.1. Die Anfänge
3.3.2. Radikalisierung
3.3.3. Die Zeitung „Das Landvolk“
3.3.4. Die Reaktion der Behörden
3.4. Die politischen Folgen

4. Der Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“
4.1. Die Protagonisten
4.1.1. Max Tredup
4.1.2. Stuff
4.1.3. Bürgermeister Gareis
4.1.4. Die Bauern

5. Rezeption des Romans
5.1. Zeitgenössische Kritik
5.1.1. Kritik von links
5.1.2. Kritik von rechts
5.2. „BAUERN, BONZEN UND BOMBEN“ in der DDR
5.3. „BAUERN, BONZEN UND BOMBEN“ in der Bundesrepublik Deutschland
5.4. „BAUERN, BONZEN UND BOMBEN“ seit 1990
5.4.1. „BAUERN, BONZEN UND BOMBEN“ in den USA
5.4.2. Die Hans-Fallada-Gesellschaft in Carwitz

6. Zum Stellenwert von „Bauern, Bonzen und Bomben“ im Gesamtwerk Hans Falladas

7. Hat Fallada mit „Bauern, Bonzen und Bomben“ einen politischen Roman geschrieben ?

8.Schlusswort

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Hans Falladas Werk „Bauern, Bonzen und Bomben“ sowie den historischen, biografischen und soziologischen Voraussetzungen zum Verständnis des Romans. Konzeptionell hat mich die 1978 erschienene Materialsammlung von Dieter Mayer „Hans Fallada: ‚Kleiner Mann - was nun ?’. Historische, soziologische, biografische und literaturgeschichtliche Materialien zum Verständnis des Romans[1]“ inspiriert, da mir seine Methode, neben der unmittelbaren Text- und Autorenbezogenheit auch die Stellung des Romans in seinem geschichtlichen und sozialen Kontext zu berücksichtigen, vorbildlich erscheint. Natürlich ist dieses Werk inhaltlich, nach 27 Jahren, nicht mehr auf dem neusten Forschungsstand, so dass ich – zumal es sich bei meiner Arbeit auch um einen anderen Roman Falladas handelt – hier auf neuere Veröffentlichungen zurückgreife. Insbesondere die von der Hans-Fallada-Gesellschaft in Carwitz herausgegebenen Jahrbücher und Mitteilungsblätter, die regelmäßig über die neuesten Ergebnisse der Falladaforschung berichten, waren hierbei eine große und unentbehrliche Hilfe. Leider war es mir aus zeitlichen Gründen nicht möglich, im umfangreichen Fallada-Archiv zu arbeiten.

Als erstes stelle ich die biografischen Eckpunkte im Leben von Rudolf Ditzen, welcher sich als Autor Hans Fallada nannte, dar. Sofern es sich um das private Leben handelt, werde ich Fallada mit seinem bürgerlichen Namen Rudolf Ditzen benennen. In den Kapiteln, welche sich mit seinem literarischen Schaffen befassen, nenne ich ihn bei seinem Schriftstellernamen Hans Fallada.

Zunächst werde ich die veröffentlichten Biografien Hans Falladas und ihre Autoren kurz vorstellen, um einen Überblick über die unterschiedlichen Sichtweisen und Arbeitsmethoden in diesen Werken zu geben. Dann folgt eine ausführliche Darstellung seines Lebens bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Bauern, Bonzen und Bomben“. Der Werdegang Rudolf Ditzens dient nur zum Verständnis des Entstehens seines Romans, psychoanalytischer Rückschlüsse enthalte ich mich, weil meiner Meinung nach der Erkenntniswert für das Verständnis des Romans spekulativ sein müsste. Die Zeit bis zu seinem Tode werde ich nicht darstellen, da sie für den Roman nicht weiter relevant ist.

Des weiteren gebe ich einen ausführlichen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe sowohl der Weimarer Republik im Allgemeinen als auch Schleswig-Holsteins im Besonderen, um die Romanhandlung zu verdeutlichen. Hierbei wird Entstehen und Verlauf des sogenannten Landvolkaufstandes detailliert dargestellt, basierend auf der Entwicklung der Landwirtschaft und der konkreten wirtschaftlichen Situation auf dem Lande und in Kleinstädten wie Neumünster.

Hier werde ich die soziologischen Hintergründe zum Verständnis des Romans verdeutlichen, denn die Protagonisten und ihre Handlungen sind besser zu verstehen, wenn man den Kontext ihres Handelns im Rahmen der damaligen Situation kennt.

Nach diesen Ausführungen gehe ich auf den Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ ein, indem ich die Entstehungsgeschichte und Rezeption beschreibe und auf seine Protagonisten Tredup, Gareis und Stuff eingehe. Weitere Personen des Romans werde ich nur insofern behandeln, als sie entweder real existierenden Personen nachempfunden sind oder aber soziologische Verhaltensweisen dieser Zeit reflektieren. Auf eine inhaltliche Zusammenfassung verzichte ich, da ich diese als bekannt voraus setze.

Die Rezeption des Romans teile ich in vier Abschnitte auf: Erstens behandle ich die zeitgenössische Kritik und Aufnahme des Romans in der Weimarer Republik. Des weiteren die Rezeption sowohl in der Literaturkritik der DDR als auch die in der Bundesrepublik Deutschland, schliesslich die Aufnahme im wiedervereinten Deutschland und im Ausland ab 1990. Da es in den USA ein von deutschen Literaturwissenschaftlern umstrittenes Essay zur „politischen Korrektheit“ von „Bauern, Bonzen und Bomben“ gibt, werde ich mich auch darauf beziehen.

Des weiteren beschreibe ich kurz die Hans-Fallada-Gesellschaft in Carwitz sowie den heutigen Stand der Forschung.

Die Bedeutung des Romans „Bauern, Bonzen und Bomben“ im Gesamtwerk Hans Falladas werde ich kurz analysieren. Abschließend widme ich mich der Frage, ob Hans Fallada mit seinem Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ einen politischen Roman geschrieben hat.

Im Schlusswort befasse ich mich noch einmal mit der Themenstellung dieser Arbeit und mit den besonderen Umständen bei meiner Bearbeitung dieses Romans.

2. Biografie Rudolf Ditzen

Die hier dargestellte Biografie Rudolf Ditzens soll zum Verständnis seines Werdegangs führen, ohne jedoch auf die Motive seines literarischen Schaffens in Bezug auf seine mögliche psychische Verfassung einzugehen. Auch wenn davon auszugehen ist, dass aufgrund seiner kindlichen Sozialisation und seiner pubertären Erfahrungen viele Verhaltensweisen Ditzens erklärbar sind, enthalte ich mich einer psychoanalytischen Beurteilung, da diese zum einen nicht relevant für meine Themenstellung ist und zum anderen ich mich nicht kompetent fühle in, medizinisch-psychologischen Kriterien zu urteilen.

Hier stimme ich Gunnar Müller-Waldeck zu, der bemerkte: „Zugestanden sei, dass die Biographie Falladas sicher manchen verlockt zu psychoanalytischer Literaturbetrachtung: War das nicht ein Mann, der lediglich seine Neurosen zu Papier gebracht und daraus Bücher entwickelt hat ? Ich denke, die Warnung vor solchem Denkmodell kann nicht kräftig genug ausfallen: Die Kompliziertheit der vielfältigen Vermittlungen zwischen Biographie und literarischem Schaffen ist eminent – generell und bei jedem Autor natürlich – und gehört zu den riskantesten Forschungsfeldern überhaupt.“[2]

2.1. Biografen Rudolf Ditzens und ihre Werke

Über Hans Fallada/ Rudolf Ditzen sind seit seinem Tode einige bedeutende Biografien geschrieben worden. Er selbst schrieb die autobiografisch geprägten Schriften „Damals bei uns daheim“ und „Heute bei uns zu Haus“, welche allerdings als gesicherte Grundlage für eine Biografie nicht zuverlässig genug sind. Allein der Untertitel beider Werke deutet darauf hin: „Erfahrenes und Erfundenes“[3].

Biografen wie Manthey, Crepon und Liersch haben jedoch Darstellungen aus Ditzens <Erinnerungen> unbesehen übernommen. So wurde zum Beispiel die Selbsteinschätzung Ditzens, dass er „ein geborener Pechvogel war“[4] übernommen. Ditzen stellt sich mit dieser Aussage als unfallgefährdet oder als vom Missgeschick verfolgt dar. „(...). Mit diesem bequemen Etikett wird ein Individuum unter Umgehung jeder weiteren Erörterung einem wiedererkennbaren <Typus> zugeordnet. Über den Betroffenen ist damit jedoch herzlich wenig ausgesagt, zudem sind alle anderen Menschen ihrer Verantwortung in dieser Angelegenheit entbunden.“[5]

Nachfolgend stelle ich die wichtigsten Werke und die Autoren der Fallada-Biografien vor und begründe, weshalb ich mich hauptsächlich auf die Biografie „Mehr Leben als eins. Hans Fallada“[6] von Jenny Williams stütze.

In der 1963 erschienenen Biographie von Jürgen Manthey wird Ditzen als Opfer einer autoritären, repressiven Erziehung angesehen, die in ihm Schuldgefühle und das Verlangen nach Selbstzerstörung weckte.[7] Allerdings werden kritiklos Elemente aus „Damals“ übernommen.

1972 erscheint das Werk Alfred Gesslers „Hans Fallada. Sein Leben und Werk“[8] in der DDR. Gessler sieht Fallada als Aussenseiter, der die in der Gesellschaft wirkenden Kräfte nicht verstand, aber das Bild des Kleinbürgers getreulich nachzeichnen konnte. Hier liegt nach seiner Meinung Falladas Erfolg begründet.[9]

Tom Crepon bezeichnet sein 1978 in der DDR erschienenes Werk „Leben und Tode des Hans Fallada“ im Vorwort nicht „als wissenschaftliche Monographie, sondern als Lebensbericht, in dem das Authentische überwiegt, als Versuch, dem Lebensweg Rudolf Ditzens nachzuspüren, Situationen, Schauplätze und Gespräche nachzuempfinden, die diesen Weg markieren.“[10]

Crepon beschreibt Hans Falladas Leben im wesentlichen wohlwollend, allerdings füllt er die in den Quellen auftretenden Lücken mit freien Rekonstruktionen.

Werner Liersch veröffentlichte 1981 in der DDR die Biografie „Hans Fallada. Sein großes kleines Leben“[11]. Von seinem marxistischen Standpunkt aus, sieht er Rudolf Ditzen als von einer besonderen sozio-historischen Situation geprägt an. Gesellschaftliche und historische Einflüsse sind seiner Meinung nach für die Krankheiten und das Suchtverhalten Ditzens verantwortlich und nicht genetische oder psychische Faktoren.

Sowohl Crepon als auch Liersch wollen kein Urteil abliefern, sondern eine neue Grundlage für eine Beschäftigung mit Fallada geben.

1997 erschien die Biografie von Cecilia von Studnitz: „Es war wie ein Rausch. Fallada und sein Leben“[12]. Ihre Darstellung stützt sich weitgehend auf Zitate aus Ditzens Werk und auf bereits veröffentlichte Biografien, insbesondere auf die von Liersch.[13] Obwohl sie Ereignisse wie zum Beispiel die Ausschreitungen der sowjetischen Armee 1945, von denen Falladas Familie betroffen war, beschreibt, welche Liersch nicht aufnahm, ist eine starke Orientierung an seiner Falladabiografie festzustellen; beispielsweise beginnt sie sechs von den einundzwanzig Kapiteln ihres Buches, indem sie Quellen aufgreift, die sie bei Liersch gefunden hat.

In einer vernichtenden Literaturkritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung urteilt Thomas Rietzschel über von Studnitz: „So beherzt, wie sie in früheren Büchern über Gorki und Raabe schrieb, fabuliert die Biographin nun über den <armen Fallada>. Alles weiß sie zu verbinden, alles steht ihr zu Gebote. Noch wo es um die Hintergründe geht, die der Historiker forschend aufklären sollte, kompiliert sie mit Geschick, was andere vor ihr herausgefunden haben.“[14]

Die irische Germanistin Jenny Williams veröffentlichte 1998 die erste englische Fallada-Biografie „More lives than one“. 2002 erschien die überarbeitete deutsche Fassung „Mehr Leben als eins“, in welcher neueste Forschungserkenntnisse eingereiht wurden. Williams wertete für diese Biografie sehr viele bisher unveröffentlichte Quellen aus, mit dem Anspruch, <die differenzierte Beurteilung eines Schriftstellers, der in turbulenten Zeiten ein turbulentes Leben führte> abgeben zu können.[15]

Sie lehnt die Benutzung des Erinnerungsbandes ab, da nach ihrer Meinung Fallada darin viel Fiktives hat einfließen lassen. Durch den Einsatz der unterschiedlichsten Quellen erreicht sie eine hohe Perspektivenvielfalt.[16]

Während ältere Biografien unter dem Aspekt zu betrachten sind, wie sie Fallada vereinnahmten oder ablehnten, ist mit Jenny Williams’ auf akribischem Quellenstudium basierender Biografie zum ersten Mal ein differenzierter Blick auf das Leben (und Werk) Falladas möglich.

Nicht nur die Tatsache, dass Jenny Williams’ Biografie die am besten recherchierte ist, auch die Aktualität dieses Werkes führt dazu, dass ich mich hauptsächlich darauf beziehe. Den vorher genannten Biografien möchte ich damit nicht ihren Wert absprechen, da zu berücksichtigen ist, zu welchen Zeiten und unter welchen politischen Umständen die Werke entstanden sind sowie welches Material zu diesen Zeiten zugänglich war.

2.2. Kindheit und Jugend

Am 21. Juli 1893 wurde Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen als erster Sohn und drittes von vier Kindern von Elisabeth (geborene Lorenz) und Wilhelm Ditzen in Greifswald geboren. Wilhelm Ditzen hatte dort vier Monate vor Rudolfs Geburt eine Stelle als Richter am Landgericht angenommen.

Im März 1899 ging Wilhelm Ditzen mit seiner Familie nach Berlin. Er war zum Rat am Berliner Kammergericht berufen worden.

Rudolf Ditzens entscheidende Entwicklung seiner Persönlichkeit zwischen dem 6. und 15. Lebensjahr fiel in die Zeit, die er in Berlin verbrachte. Zu Ostern 1901 wurde er am Prinz-Heinrich-Gymnasium eingeschult, einem Jungengymnasium in welchem die Söhne der preußischen Beamten- und Offiziersschicht zur Schule gingen. Manthey zufolge hatte Rudolf Ditzen <auch hier gleich wieder Pech>, allerdings ist dieses weniger kindliches <Pech> zu nennen, als eher mangelndes Urteilsvermögen der Eltern. Diese Schule war für jemanden wie Rudolf Ditzen, der in Greifswald eine eher beschauliche und wohlbehütete Kindheit verbracht hatte nicht die richtige Entscheidung.[17]

Seinen Eltern fehlte das nötige Verständnis und Einfühlungsvermögen, was sich besonders in der Pubertät als problematisch erwies. Rudolf Ditzen entsprach nicht den Erwartungen, die seine wilhelminisch geprägte Umgebung, also Eltern, Schule und Kirche in ihn setzten. Er entwickelte sich zur „Leseratte“, die Welt der Fantasie faszinierte ihn, und er nutzte sie zur Flucht aus der ihn bedrängenden Realität.[18]

Unmittelbar nach seiner Konfirmation im Berliner Dom zog die Familie im März 1909 nach Leipzig, wo der Vater an das Reichsgericht berufen worden war.

Nach einem schweren Fahrradunfall nahm Rudolf Ditzen erst ab August 1909 am Unterricht im Königin-Carola-Gymnasium teil.

Seine Verbindungen nach Berlin reißen durch den Umzug nicht ab. Im März 1910 besucht er einen Schulfreund und lernt bei dieser Gelegenheit den ein Jahr jüngeren Hanns Dietrich von Necker kennen, der das „Fridericianum“ in Rudolstadt besucht. Es entwickelt sich ein reger Briefwechsel und eine enge Freundschaft.

Rudolf Ditzen ist nun aktives Mitglied der „Literarischen Gesellschaft“ und schwärmt für die Werke Oscar Wildes. Er nennt sich nach der Hauptfigur in Wildes’ „Das Bildnis des Dorian Gray“ „Harry“ Ditzen.

Im Sommer 1910 fährt er mit einer Wandervogelgruppe nach Holland, danach leidet er an einer Thyphus-Infektion. Er beginnt stark zu rauchen und zu trinken. Gegenüber seiner Tante Ada spricht er das erste mal davon Schriftsteller werden zu wollen.[19]

Im Herbst 1910 äußert er erstmals Selbstmordgedanken – ein Phänomen, das Teil einer großen Selbstmordwelle in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland ist. Nachdem Rudolf Ditzen 1911 als Verfasser obszöner Briefe entdeckt wird, droht er erneut mit Selbstmord.

2.3. Rudolstadt und Tannenfeld

Da Rudolf Ditzen den Wunsch äußert Leipzig zu verlassen, wohl vor allem, um den Problemen mit seinen Eltern zu entgehen, kommt er mit 18 Jahren an das Fürstliche Gymnasium nach Rudolstadt. Hier soll er mit dem Abitur seine Schulzeit erfolgreich abschliessen.

Pubertäre Probleme verstärken seine Neigung zur Introversion und Depression. Seine einzige Hoffnung, seine literarischen Versuche, war ohne Anerkennung geblieben. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, besonders durch übermäßiges Rauchen und Trinken.[20]

Mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschließt er im Oktober 1911 Doppelselbstmord zu begehen. Dieser soll als Duell getarnt werden, eine im wilhelminischen Deutschland durchaus ehrenwerte Weise sein Leben zu beenden. Die Absicht ist, den Familien einen Skandal zu ersparen. Beim Schusswechsel stirbt Hanns Dietrich von Necker, Rudolf Ditzen überlebt schwer verletzt.

Gegen ihn wird ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen und im November 1911 kommt er zunächst in die Psychiatrische Klinik der Universität Jena. Im Dezember 1911 zeigt das Gutachten auf, dass Rudolf Ditzen zum Zeitpunkt der Handlung nicht zurechnungsfähig war. Dieses Gutachten ermöglichte es, sich auf den Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches zu berufen und auf Strafunmündigkeit aufgrund von verminderter Zurechnungsfähigkeit zu plädieren.

Es ist anzunehmen, dass Rudolf Ditzens Familie mit diesem gesellschaftlich akzeptableren Zustand besser umgehen konnte, als mit einem Gefängnisaufenthalt.

Bis Februar 1912 verbleibt Rudolf Ditzen in der Psychiatrischen Klinik der Universität Jena, dann wird er in die „Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke“ Tannenfeld eingewiesen, zunächst in die geschlossene Abteilung des von Dr. Tecklenburg geleiteten Privatsanatoriums.

Hier betreut ihn seine Tante Adelaide („Ada“), die Schwester seines Vaters.

2.3.1. Literarische Versuche in Tannenfeld

Adelaide Ditzen war eine Verfechterin der Frauenemanzipation. Ihr Vorbild war Malwida von Meysenburg, die die Frauen über Bildung zu mehr Selbstachtung und materieller Selbstständigkeit und darüber hinaus zu voller gesellschaftlicher und politischer Gleichstellung führen wollte, und die sie von 1889-1891 in Rom besuchte. Hier begegnete Adelaide Ditzen auch dem französischen Schriftsteller Romain Rolland, was sich für Rudolf Ditzen später als nützlich erweisen sollte.[21]

Nach intensivem Sprachunterricht durch Tante Ada in Englisch und Französisch in Tannenfeld wendet sich Rudolf Ditzen im Herbst 1912 an Romain Rolland mit der Bitte, zwei seiner Bücher ins Deutsche übersetzen zu dürfen. Die Übersetzungsrechte waren aber schon vergeben, auch weitere Versuche übersetzerisch tätig zu werden scheitern. Trotzdem profitiert Rudolf Ditzen von dem im Oktober 1912 einsetzenden Briefwechsel mit Romain Rolland. Die literarische Übersetzertätigkeit entspricht wohl am ehesten den Vorstellungen Adelaide Ditzens für die Zukunft ihres Neffen.[22]

Über die Beschäftigung mit Sprachen lernt Rudolf Ditzen die soliden Grundlagen literarischer Gestaltung. Seine Tante weckt seinen Sinn für die Leistung eines Schriftstellers, bis in den einzelnen Satz und das treffende Wort.

Endlich beginnt Rudolf die Weltliteratur nicht nur als ein unerschöpfliches Reservoir für seine Traumwelt anzusehen, sondern sie in Bezug zu setzen zur gesellschaftlichen Realität seiner Zeit. Für diese hatte er bis dahin kaum eine Wahrnehmung. Er lernt daraus Kreativität zu schöpfen und sich auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren.

Der klinische Befund in Tannenfeld bessert sich so stark in dieser Zeit, dass darin kaum noch Vermerke über anormales Verhalten zu finden sind.[23]

2.4. Ausbildung und Anstellungen

Nach seiner Entlassung aus Tannenfeld soll Rudolf Ditzen auf Empfehlung der Anstaltsleitung eine handwerkliche Ausbildung absolvieren, um durch die Beschäftigung mit praktischen Dingen die Weltabgewandtheit zu überwinden.

Er beginnt ab 1. August 1913 als Eleve auf dem Rittergut Posterstein und lässt sich zum Landwirt ausbilden. Rudolf Ditzen eignet sich fundierte Kenntnisse in Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft an. Wichtiger ist jedoch, dass er die Isolation und Ich-Bezogenheit seiner Jugendjahre ablegt, maßgeblich beeinflusst durch den vielfachen Kontakt mit Menschen.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 herrscht in Deutschland fast uneingeschränkte Kriegsbegeisterung. Auf einer Welle des Nationalismus melden sich Hunderttausende als Kriegsfreiwillige, so auch der Schwager und der jüngere Bruder Rudolf Ditzens. Daraufhin entsteht auch bei ihm der Wunsch Soldat zu werden. Nach mehreren erfolglosen Versuchen stellt sich heraus, dass der leitende Arzt von Tannenfeld bereits seine dauernde Wehruntüchtigkeit bei den Militärbehörden veranlasst hat.

Trotzdem gelingt ihm im September 1914, wohl durch die Vermittlung seines Vaters, der Eintritt in das 19. Sächsische Trainbataillon in Leipzig. Die Ausbildung besteht vorrangig aus dem Dienst in den Pferdeställen. Schon am 22. September 1914 wird Rudolf Ditzen als untauglich für jede Art von Militärdienst wieder entlassen.

Er kehrt zunächst zu den Eltern zurück und setzt dann seine Ausbildung in Posterstein fort. Am 10. August 1915 schließt er seine Lehre erfolgreich ab.

Danach bekommt er eine Anstellung als 2. Inspektor und Rechnungsführer auf Gut Heydebreck bei Plathe in Hinterpommern. Rudolf Ditzen hat die Hoffnung, zum Anfang des Jahres 1916 zum 1. Inspektor aufzurücken. Jedoch hält seine Begeisterung für die praktische Arbeit nicht lange vor. Ein drückendes Arbeitspensum und mangelnde Ernährung beeinträchtigen seine Gesundheit, und so tritt er am 1. März 1916 eine Bürostelle als Assistent der Landwirtschaftskammer von Stettin an.[24] Hier ist er mit der Organisation der Lebensmittelproduktion beschäftigt und lernt Johannes Kagelmacher kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet.

Im Oktober wechselt Rudolf Ditzen aber nach Berlin zur neugegründeten Kartoffelanbaugesellschaft mbH, wo er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig ist.

2.5. Aus Rudolf Ditzen wird Hans Fallada

In Berlin schreibt Rudolf Ditzen Gedichte, findet aber, wohl auch kriegsbedingt, keinen Verleger.[25]

Wahrscheinlich Ende August 1917 begegnet er erstmals dem Ehepaar Seyerlen. Anne Marie Seyerlen ermutigt Rudolf Ditzen, sich an einem Roman zu versuchen. Ditzen beginnt mit seiner Arbeit am Roman „Der junge Goedeschal“.

Dies wird in der Forschung als einer der ersten ernsthaften erzählerischen Versuche Falladas bewertet.[26] Später gibt er an, dass er seine ersten beiden Romane nur auf Anregung, ja fast Befehl von Anne Marie Seyerlen geschrieben habe.[27]

1918 scheidet er aus der Kartoffelanbaugesellschaft aus. Ditzen hatte seinen Vater überredet, ihm ein schriftstellerisches Versuchsjahr zu finanzieren, da er sich vollkommen der Schriftstellerei widmen wolle. Unter den Bedingungen, dass er sich aus Berlin zurückziehe und auf dem Land lebe, und dass er seine Arbeiten unter einem Pseudonym veröffentlichen würde, willigen die Eltern ein.

Nach Abschluss der Arbeiten am Roman lebt Ditzen weiterhin – gegen den Willen des Vaters – in Berlin. Durch den Tod des Bruders in den letzten Kriegswochen in Frankreich und das Leben im unruhigen „Nachkriegsberlin“ wird er von Morphium abhängig, mit dem er aufgrund von Magengeschwüren behandelt wurde.

„Der Tod seines Bruders, die Novemberrevolution und eine erste Periode der Drogenabhängigkeit – dies waren Rudolf Ditzens Lebensumstände in der ersten Hälfte seines <schriftstellerischen Versuchsjahres>, als er seinen Debütroman abschloss.“[28]

Durch Egmont Seyerlen kam Ditzen mit Ernst Rowohlt in Kontakt und im April 1919 erhält er Bescheid, dass „Der junge Goedeschal“ zur Veröffentlichung angenommen wurde.

Kurz darauf begibt sich Rudolf Ditzen freiwillig zur Entziehungskur vom Morphinismus nach Tannenfeld, die er im September 1919 in Carolsfeld bei Halle fortsetzt. Danach wird er Gutsrendant bei seinem Freund Johannes Kagelmacher auf Rügen.

1920 unterzieht er sich zwei weiteren Drogentherapien und arbeitet als Rechnungsführer bis 1923 auf verschiedenen Gütern in Mecklenburg, Pommern und Westpreußen.

Der Roman „Der junge Goedeschal“ erscheint unter dem Pseudonym Hans Fallada, welches Rudolf Ditzen auch für alle folgenden Werke verwenden wird. 1923 erscheint sein zweiter Roman „Anton und Gerda“ im Rowohlt-Verlag. Beide Romane sowie ein weiterer Roman „Im Blinzeln der Großen Katze“ (1924) und die drei Texte „Die Kuh, der Schuh und dann du“ (1920), „Die große Liebe“ und „Der Apparat der Liebe“ (beide 1925) lassen sich insgesamt dem Expressionismus zuordnen.[29]

Sie gelten als Misserfolge ihres Autors und Fallada hat sich später von ihnen distanziert. Jedoch waren sie Wegbereiter für eine später sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Ernst-Rowohlt-Verlag.[30]

Rudolf Ditzen ist ein Landwirt wider Willen. Seine Leidenschaft gilt der Literatur, aber hier bietet seine Tätigkeit ihm keine Kontaktfläche. Gerade in den „goldenen“ zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als sich besonders in Berlin die sogenannte Bohème, zu der literarische Künstlerkreise gehörten, in den Cafes trifft, hat er kaum Gelegenheit, Autoren- und Künstlerfreundschaften anzuknüpfen.

Die Episode Seyerlen in Berlin ist hierbei eine Ausnahme. Seine einzige Verbindung zur Literaturszene ist sein Verleger Ernst Rowohlt. Auch in späteren Jahren hat Fallada kaum Kontakt zu anderen Künstlern.

2.6. Gefängnisaufenthalte

Wegen Unterschlagung auf seiner letzten Arbeitsstelle – das Motiv war Geldbeschaffung für seine Drogensucht - wird Ditzen 1923 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Auf die Haft bereitet er sich bei seinem Freund Johannes Kagelmacher auf Rügen intensiv vor, indem er zunächst seinen ausschweifenden Tabak- und Alkoholkonsum reduziert. Er lernt Rilkes umfangreiches Gedicht „Der Gefangene“ auswendig und liest Wildes „Zuchthausballade“ . Kagelmacher ist ihm Gesprächspartner und Berater.[31]

Johannes Kagelmacher rät ihm auch, ein exaktes Tagebuch zu führen, um den Freiheitsentzug und die daraus entstehende Depression leichter zu ertragen. Seine Strafe sitzt er von Juni bis Oktober 1924 in seiner Geburtsstadt Greifswald ab.

Nach seiner Entlassung findet Rudolf Ditzen erneut Anstellungen auf verschiedenen Gütern und kommt 1925 als Rendant zu einer Gutsverwaltung nach Neuhaus in Holstein. Als er einen Scheck nach Kiel bringen soll, lässt er sich diesen privat auszahlen und unterschlägt so ca. 10.000 Reichsmark, wiederum vorwiegend zur Drogenbeschaffung. Nachdem er sich selbst gestellt hatte und in Berlin in Untersuchungshaft saß, wird er im März 1926 in Kiel als Vorbestrafter wegen Unterschlagung in vier Fällen zu einer Strafe von zweieinhalb Jahren Gefängnis unter Anrechnung der sechs Monate Untersuchungshaft verurteilt, die er in Neumünster absitzt.

[...]


[1] Siehe: Mayer, Dieter: „Hans Fallada: ‚Kleiner Mann - was nun ?’. Historische, soziologische, biografische und literaturgeschichtliche Materialien zum Verständnis des Romans. Literatur und Geschichte; Unterrichtsmodelle. Frankfurt am Main, Berlin, München: Diesterweg, 1978.

[2] Siehe: Müller-Waldeck; Gunnar: Fragen um Hans Fallada. In: Hans Fallada. Beiträge zu Leben und Werk, Rostock 1993, S. 10.

[3] Siehe: Fallada, Hans: Damals bei uns daheim.

[4] Vgl.: Fallada: Damals, S. 332.

[5] Siehe: Williams, S. 25.

[6] Williams, Jenny: Mehr Leben als eins. Hans Fallada. 1. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag, 2004.

[7] Siehe: Williams, S. 13.

[8] Gessler, Alfred: Hans Fallada. Leben und Werk. A.a.O.: 1972.

[9] Vgl.: Williams, S. 11.

[10] Vgl: Crepon, Tom: Leben und Tode des Hans Fallada. a.a.O.: 1978, S. 5.

[11] Siehe: Liersch, Werner: Hans Fallada. Sein großes kleines Leben. a.a.O.: 1981.

[12] Siehe: Von Studnitz, Cecilia: Es war wie ein Rausch. Fallada und sein Leben. A.a.o.: 1997.

[13] Siehe: Williams, S. 16.

[14] Vgl.: Rietzschel, Thomas: Feinfühlig im Dauerrausch. Rezension Es war wie ein Rausch – Fallada und sein Leben. Cecilia von Studnitz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.1997, Nr. 159/ S. 32.

[15] Rietzschel, Thomas: Auflehnung und Kotau. Jenny Williams porträtiert Hans Fallada. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2002, S. 46.

[16] Vgl.: Blanck, Kerstin: Wirklichkeit und Fiktion in Fallada-Biografien..., In: Hans-Fallada-Jahrbuch (im Weiteren als HF-Jahrbuch abgekürzt) Nr. 3, herausgegeben von der Hans-Fallada-Gesellschaft e.V. etc. S. 120.

[17] Siehe: Williams, S. 26.

[18] Siehe: Williams: Mehr Leben als eins. S. 29.

[19] Vgl.: Williams, S. 34.

[20] Vgl.: Williams, S. 43.

[21] Siehe: Williams, S. 21.

[22] Siehe: Williams, S. 54ff.

[23] Siehe: Crepon, Tom: Literarisches Schaffen in äußerer Isolation. In: Hans Fallada. Werk u. Wirkung, hrsg. von Rudolf Wolff. a.a.O.: 1983, S. 20ff.

[24] Vgl.: Williams, Jenny: Mehr Leben als eins. A.a.O.:, S. 62.

[25] Vgl.: Williams, S. 66ff.

[26] Vgl.: George, Marion: Falladas frühe Prosa. In: HF-Jahrbuch Nr. 4, S. 182.

[27] Vgl.: Williams, Jenny: Mehr Leben als eins. A.a.O.: S. 69.

[28] Siehe: Williams, Jenny: Mehr Leben als Eins. A.a.O.: S.75.

[29] Vgl.: George, Marion: Fallada frühe Prosa. In: HF-Jahrbuch Nr. 4, S. 174.

[30] Vgl.: Eissfeldt, Kurt H.: Fatalismus und Hoffnung. A.a.O.: S. 17.

[31] Siehe: Crepon/ Dwars: An der Schwale A.a.O.: S. 15.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Historische, biografische und soziologische Voraussetzungen zum Verständnis von Hans Falladas Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
78
Katalognummer
V75366
ISBN (eBook)
9783638737012
ISBN (Buch)
9783638742405
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische, Voraussetzungen, Verständnis, Hans, Falladas, Roman, Bonzen, Bomben“
Arbeit zitieren
Antje Dietz (Autor), 2005, Historische, biografische und soziologische Voraussetzungen zum Verständnis von Hans Falladas Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75366

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