Ingeborg Bachmanns Werk ist mit dem Aufkommen der feministischen Literaturwissenschaft seit den 1970er Jahren vollständig neu interpretiert worden. Die Affinität ihres Werkes zu Feminismus und Gender-Forschung ist deshalb nahe liegend, weil Bachmanns literarisches Schaffen in hohem Maße von einer Kritik der bestehenden Geschlechterordnung geprägt ist. Diese Kritik steht aber letztlich stellvertretend für die akuten Missstände in der Zivilisation schlechthin.
Allerdings wird man Ingeborg Bachmanns Texten nicht gerecht, wenn man bei einer Deutung ausschließlich diese kritisch-pessimistische Sicht auf die Welt zugrunde legt. Denn ihr Werk wäre nicht denkbar ohne einen utopischen Grundton, der – mal stärker, mal schwächer – immer wieder zu vernehmen ist. Andererseits wird die Verwirklichung dieser Utopien immer wieder ins Reich des Unmöglichen verwiesen, und es ist letztlich diese Spannung zwischen dem Festhalten an einer Utopie und dem zugleich fehlenden Glauben an ihre (gesellschaftliche) Realisierung, die charakteristisch ist sowohl für ihre Gedichte als auch für ihre Prosatexte und Hörspiele.
Letztlich dürfte es – im „dreißigsten Jahr“ nach ihrem frühen Tod – bei der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Bachmanns Werk darum gehen, sowohl ihre Verwurzelung im historischen Kontext – also vor allem Kriegs- und Nachkriegszeit sowie politische Restaurationsphase – als auch ihre individuell ausgeprägte Sichtweise auf ihre (öffentliche und private) Umwelt gleichermaßen zu berücksichtigen.
In der vorliegenden Untersuchung der Erzählung „Undine geht“ wird deshalb davon ausgegangen, dass der Liebesverrat von zentraler Bedeutung ist, dass eine rein existentialistische Erklärung für die zyklische Handlungsstruktur aber ebenso zu kurz greift wie eine Überbetonung der Verbindung zwischen Bachmanns Werk und der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer.
Vielmehr wird zunächst einmal dezidiert untersucht, wie Bachmann das Geschlechterverhältnis darstellt und welche Konsequenzen diese Darstellung für den Handlungsverlauf hat. Dann wird – ausgehend von der Titelfigur – analysiert, welche Rolle der Utopie in der Erzählung zukommt, welchen Stellenwert die Autorin in diesem Zusammenhang der Literatur und dem Schriftsteller beimisst und in welcher Weise sie sich dabei auf die literarische Tradition bezieht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: zyklische Erzählstruktur und Existentialismus
2 Bachmanns Diskurskritik: Zum Umgang mit Dichotomien
2.1 „von mir, der anderen, dem anderen“: Zur Dichotomie „Subjekt – Objekt“
2.2 „Ich gehe ja schon“: Zur Dichotomie „aktiv – passiv“
2.3 „Die Kunst, ach die Kunst“: Undine als Produkt männlicher Phantasie
3 „(K)ein Tag wird kommen“: Utopie und Grenzüberschreitung
3.1 „Die nasse Grenze zwischen mir und mir“: Trennung von Hans und Undine
3.2 „Komm. Nur einmal. Komm“: Grenzüberschreitung?
4 „Denn wir wollen alle sehend werden“: Utopie und Poesie
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ hinsichtlich ihrer Diskurskritik und der Darstellung des Geschlechterverhältnisses. Ziel ist es, die zyklische Erzählstruktur und die Rolle der Utopie und Poesie zu analysieren, um das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Missständen und der Möglichkeit von Grenzüberschreitungen aufzuzeigen.
- Bachmanns Diskurskritik und der Umgang mit binären Dichotomien.
- Die Figur der Undine als Allegorie der Kunst und männliche Projektionsfläche.
- Die zyklische Struktur und das Motiv des Liebesverrats.
- Utopie, Poesie und die Frage nach der Grenzüberschreitung.
Auszug aus dem Buch
„(K)ein Tag wird kommen“: Utopie und Grenzüberschreitung
Aus den bisherigen Ausführungen sollte deutlich geworden sein, dass das Verhältnis zwischen Undine und Hans geprägt ist von jenen Dichotomien, die dem patriarchalen Diskurs zuzuschreiben sind. Einmal abgesehen davon, dass die traditionellen Zuweisungen kritisch betrachtet und teilweise unterlaufen werden, bleibt letztlich doch festzuhalten, dass die polaren Gegensätze nicht aufgelöst werden. Ist Undine auch als Kunstprodukt nicht mit „der Frau“ gleichzusetzen, so besteht dennoch zwischen ihr und Hans ein Spannungsverhältnis, das zugleich die herrschende Geschlechterhierarchie widerspiegelt. Andererseits ist möglicherweise gerade die Tatsache, dass sie als Verkörperung der Kunst eigentlich eine Konstruktion bzw. eine Projektion der Männer darstellt, der Grund dafür, dass die traditionellen Zuweisungen zum Teil revidiert werden: Undine wäre dann – komplementär zu Hans – eine Seite eines übergeordneten Ich.
Dies würde bedeuten, dass innerhalb einer einzigen Person eine strikte Grenze existierte, die Undine und Hans voneinander trennt. Diese Grenze wird im Text auch ausdrücklich identifiziert, nämlich als die Wasseroberfläche, jene „nasse Grenze zwischen mir und mir“ (254). Dies wäre die Erklärung dafür, warum Undine nicht nur Eigenschaften zugeschrieben werden, die als traditionell „männlich“ gelten, und warum andererseits Hans auch insofern „weibliche“ Züge trägt, als er überhaupt empfänglich ist für Undines Ruf und weiß, was er bedeutet. Dennoch wird dadurch die eigentliche Trennung zwischen „dem Männlichen“ und „dem Weiblichen“ nicht aufgehoben, ja sie wird sogar noch besonders betont. Vor diesem Hintergrund drängt sich fast folgerichtig die Frage auf, ob es im Text Hinweise dafür gibt, dass diese Grenze überschritten werden kann. Um diese zentrale Frage zu behandeln, ist es notwendig, das Ende der Erzählung einmal genauer zu untersuchen. Die letzte Passage des Textes ist kontrovers gedeutet worden, und in der Tat scheint es nicht möglich zu sein, zu einer Lösung zu gelangen, die andere Deutungen plausibel ausschließen könnte. Doch genau dieser Befund ist es letztlich, der zu einer angemessenen Sicht auf die Erzählung führen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: zyklische Erzählstruktur und Existentialismus: Einführung in Bachmanns Werk und die Verknüpfung von Geschlechterkritik mit einer umfassenden Gesellschaftskritik unter Berücksichtigung existenzieller Fragestellungen.
2 Bachmanns Diskurskritik: Zum Umgang mit Dichotomien: Analyse wie Bachmann patriarchale Dichotomien wie Subjekt-Objekt oder aktiv-passiv thematisiert, kritisiert und durch die Figur der Undine neu kontextualisiert.
3 „(K)ein Tag wird kommen“: Utopie und Grenzüberschreitung: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen der rigiden Trennung von Undine und Hans und der Frage nach einer möglichen Überwindung dieser Grenzen durch Poesie.
4 „Denn wir wollen alle sehend werden“: Utopie und Poesie: Erörterung der Rolle der Poesie als utopisches Medium, das zwar gesellschaftliche Missstände aufzeigen kann, jedoch in Bachmanns Erzählung an der realen Unmöglichkeit der Synthese scheitert.
5 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass Bachmanns Kritik keiner festen Doktrin folgt, sondern das Schreiben als poietischen Akt begreift, um gesellschaftliche Verdrängung zu durchbrechen.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Undine geht, Geschlechterverhältnis, patriarchaler Diskurs, Dichotomien, Utopie, Poesie, Existentialismus, Grenzüberschreitung, Liebesverrat, Literaturwissenschaft, Gesellschaftskritik, zyklische Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ hinsichtlich ihrer Kritik am patriarchalen Diskurs und der Darstellung geschlechtsspezifischer Rollenbilder.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Dekonstruktion von binären Dichotomien, die Funktion von Kunst und Poesie als utopische Gegenentwürfe sowie die zyklische Natur des Liebesverrats.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, wie Bachmann die herrschende Geschlechterordnung hinterfragt und ob eine Grenzüberschreitung zwischen den Geschlechtern in der Erzählung möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung folgt einem literaturwissenschaftlichen Ansatz, der Textstellen eng analysiert und diese in den Kontext von Bachmanns übrigen Werken sowie literarischer Traditionen stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Untersuchung der Diskurskritik anhand verschiedener Dichotomien und der Analyse des utopischen Potenzials der Poesie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Keywords wie Geschlechterverhältnis, Utopie, Poesie, Diskurskritik und zyklische Erzählstruktur fassen die Schwerpunkte der Analyse zusammen.
Wie deutet der Autor das Ende der Erzählung?
Das Ende wird als offen und spannungsreich zwischen der Unerfüllbarkeit der utopischen Vision und der poietischen Notwendigkeit des Schreibens gedeutet.
Welche Bedeutung hat die Figur des Hans?
Hans verkörpert die rationale, ordnungsorientierte Seite, die das "Andere" (Undine/Kunst) zwar braucht, aber zugleich verrät und unterdrückt.
Warum wird Undine als „Kunstprodukt“ bezeichnet?
Die Arbeit legt dar, dass Undine keine Frau im klassischen Sinne ist, sondern eine Allegorie für die Poesie, die durch männliche Phantasie definiert und begrenzt wird.
- Quote paper
- M.A. Mario Paulus (Author), 2003, „Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen“: Liebe, Utopie und Grenzüberschreitung in Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75431