Geschichte, Kultur und Literatur der Mexican-Americans


Seminararbeit, 2002
33 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserläuterungen

3. Geschichte
3.1 Das präkolumbianische Zeitalter
3.2 Die Kolonialzeit
3.3 Mexikanische Unabhängigkeit und der baldige Verlust an Land
3.4 Emanzipation im XX. Jahrhundert

4. Kultur
4.1 Kunst
4.2 Die Familie
4.3 Religion
4.4 Bildung
4.5 Die Identitätsproblematik

5. Chicana-Literatur
5.1 Von 1848 bis 1910
5.2 Von 1910 bis 1960
5.3 Von 1960 bis in die Gegenwart
5.3.1 Drama
5.3.2 Prosa
5.3.3 Lyrik

6 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im Rahmen des Proseminars Ethnic Women Writers of the American Southwest

soll diese Hausarbeit dem Leser einen Überblick über Geschichte, Kultur und Literatur der in den USA lebenden Frauen mexikanischen Ursprungs verschaffen. Während ich im Kapitel Kultur nur wenige geschlechtsspezifische Betrachtungsschwerpunkte setzen werde und im Kapitel Geschichte gar keine, wird sich das Augenmerk bezüglich der Literatur so gut wie ausschließlich auf das von Frauenhand Verfasste richten. Um die Literatur der hier behandelten Minderheit verstehen zu können, ist ein tieferer Einblick in ihre neue wie ferne Geschichte und Kultur unumgänglich. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit Geschichte und Kultur der gleiche Platz eingeräumt werden wie der Literatur. Es ist nicht immer leicht, einzelne Punkte einer der drei genannten „Kategorien“ einzuordnen, da sie miteinander verwoben sind, sich überschneiden und ineinander übergehen.

Um Verwechslungen oder Unklarheiten vorzubeugen, als auch um den späteren Textfluss nicht durch Erklärungen zu stören, erläutert Kapitel 1 zentrale Begriffe, grenzt sie ab oder definiert sie.

2. Begriffserläuterungen

Mexican-American oder Chicano:

Beide Begriffe bezeichnen einen entweder in den USA oder in Mexiko geborenen, jedoch in den USA lebenden, Menschen mexikanischer Abstammung, darüber herrscht Einigkeit. Wenn es jedoch um Konnotationen, deren Stärke und die Akzeptanz von Begriffen geht, so wird man auf immense Ansichtsunterschiede innerhalb der einschlägigen Literatur treffen. Ich persönlich habe mich in meiner Arbeit für den Begriff Mexican-American entschieden, da er mir nach Betrachtung der Umstände, unter denen sich die für diese Arbeit gelesenen Autoren entweder für Mexican-American oder für Chicana/o entschieden haben, als der weniger politische und allgemein wertneutralere erschien. Nur in Passagen, in denen abwechselnd von weiblichen und männlichen Mexican-Americans die Rede ist, habe ich der Einfachheit halber den Begriff Chicana/o gewählt.

Chicano:

Uneinigkeit herrscht bereits bei der Frage nach dem Ursprung des Wortes: in den meisten Büchern ist zu finden, dass sich der Begriff Chicano erst in den Sechziger Jahren des XX. Jahrhunderts verbreitet habe oder, wie eine Minderheit meint, gar erst entstanden sei. Unter anderem vertreten Francisco A. Lomelí, Carl R. Shirley, Irene Blea, Renate von Bardeleben, Carlos Muñoz, Francisco H. Vázquez und Julie Catalano eine jene Ansicht. Letztere fügt hinzu, dass Chicano ein gegen Mexican-Americans gerichtetes rassistisches Schimpfwort gewesen sei bevor es von Führern des Chicano Movement mit Stolz benutzt worden sei (Catalano 62). Ysidro Ramón Macías hingegen vertritt eine von den genannten Autoren abweichende Theorie zur Entstehung des Begriffes, nämlich dass der Begriff in Chihuahua entstanden sei. Deren Einwohner hätten das "Chi" von Chihuahua mit "cano" von Mexicano verbunden. Auch in der Datierung weicht er von der gängigen Meinung ab: der Begriff sei in den USA seit den Dreißiger Jahren gängig (er fügt allerdings noch ein "perhaps" hinzu) und ihn gebe es schon länger als Mexican-American (Macías 41). Fest jedoch steht, dass der Begriff in den Sechziger Jahren durch das Movimiento Chicano aufgegriffen, ideologisiert und mit neuen Konnotationen versehen verbreitet wurde. Damals war das Wort Chicana/o eindeutig politisch sowie ideologisch gefärbt (Muñoz 7), es betonte gemeinsame Kultur, Erfahrung, soziale und politische Einstellungen (Blea XI). Für Muñoz hat der Begriff seine Konnotationen verloren, ebenso für Renate von Bardeleben (von Bardeleben xxi). Francisco A. Lomelí und Carl R. Shirley dagegen stufen den Begriff keinesfalls als wertneutral ein:

For many, the designation Chicano has become a source of pride, while other people (...) resent the label, still viewing it as pejorative or as linking them to a political movement with which they do not wish to be identified (Lomelí/Shirley xv).

Irene Blea bestätigt diese Ansicht: dass sich auch andere Latinos/as absichtlich Chicano bzw. Chicana zu nennen begännen zeige, dass der Begriff eine bestimmte Ideologie verkörpere (Blea xi). Macías zufolge steht der Begriff Chicano für folgende Ideologie: Die absolute Bejahung der eigenen Kultur. Ein Chicano weigere sich, seine Kultur zugunsten der anglo-amerikanischen aufzugeben. Er pflege seine Sprache, Werte und Mentalität und vergesse nicht die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten, unter denen die Mexican-Americans durch die Anglo-Amerikaner gelitten hätten und immer noch litten. Er arbeite für die Chicano-Gemeinschaft und für seine Familie (vgl. Macías 42-43). Rosa Linda Fregoso und Angie Chabran nennen außerdem noch die Bejahung von "working class and indigenous origins" (zit. nach Libretti 202) als dem Begriff Chicano enthaltene Ideologie.

In der Einführung zu dem von ihnen herausgegebenen Buch The Chicano Experience bemerken Stanley A. West und June Macklin, dass die meisten Autoren des genannten Werkes die Bezeichnungen Chicano, Mexican-American und Mexican in Abhängigkeit von Größen wie Klassenzugehörigkeit, Gegend, Staat, Generation oder politischer Rolle abwechselnd verwenden.

Soweit man chicano ethymologisch zurückverfolgen kann, ist des Wortes Ursprung mexica („meshica“ gesprochen1 ), so nannten sich die Azteken selber (vgl. Catalano 17 Daraus leitete sich mexicano ab und daraus wiederum chicano. 1

Chicana: Es handelte sich zunächst um eine Parallelerscheinung zum Begriff Chicano. Der Begriff entsprang dem Movimiento Chicano, bzw. Chicano Movement der Sechziger Jahre des XX. Jahrhunderts. Es handelt sich um einen ideologischen Begriff der eine bestimmte Art des Denkens, Glaubens und Handelns ausdrückte. Heutzutage begleiten dieses Wort meist feministischen Konnotationen, es kann aber auch schlicht und einfach das Geschlecht bezeichnen (vgl. Blea xi). Vor den Sechziger Jahren begleiteten das Wort negative Konnotationen. Dies ist zwar nicht mehr der Fall, doch die mit dem Wort Chicana verbundene Stereotypisierung2 hält manche Frauen davon ab, dieses Wort für sich zu gebrauchen/auf sich zu beziehen (Blea 91).

Verschiedene Erfahrungen, Sichtweisen und Empfindungen entscheiden darüber, ob ein in den USA lebender Mensch mexikanischen Ursprungs Chicana/o oder aber Mexican-American genannt werden will (West/Macklin 4). Die diese zwei Worte begleitenden Konnotationen variieren sehr stark und könnten unterschiedlicher nicht ausfallen. Sehr deutlich zeigt dies der Vergleich des oben wiedergegebenen Abschnittes aus dem Vorwort Lomelís und Shirleys mit dem Vorwort Renate von Bardelebens: Lomelí und Shirley verbinden das Wort Chicano mit (subjektiv) Negativem und dem Wort pejorative. Renate von Bardeleben hingegen schreibt im Vorwort zu Missions in Conflict - Essays on U.S.-Mexican Relations and Chicano Culture, " a pejorative meaning" (von Bardeleben xxi) dem Wort Mexican-American, und gerade nicht dem Wort Chicana/o zu. Ysidro Ramón Macías geht gar noch weiter: "[...] the term Mexican-American is repugnant to Chicanos [...]" (Macías 39). Der Begriff sei von Anglos erfunden worden und den Chicanos einfach übergestülpt worden und er sei nicht richtig: Obgleich US-Amerikaner nur ihresgleichen als Americans verstünden, seien auch alle anderen Völker des amerikanischen Kontinents, wie die Mexikaner, ebenso Amerikaner. Deshalb sei Mexican-A merican im Gegensatz zu beispielsweise Italian-America n semantisch falsch.

Nebst den oben genannten, am weitesten verbreiteten Begriffen, gibt es noch einige andere Worte, um die hier behandelte Minderheit zu bezeichnen: Cholos, Pochos, Pachucos, Chicanos, Mexicanos, Hispanos, Spanish Americans, Spanish-surnamed people (Romano 60) . Die Bezeichnungen für die in den Vereinigten Staaten lebenden Menschen mexikanischen Ursprungs variiert auch stark regional, so spricht man beispielsweise in New Mexico von Hispanos oder Spanish Americans, in Los Angeles überwiegend von Mexicans oder Chicanos (Moore/Pachon 19) und Mexican-Americans nennen in Texas geborene Landsleute Tejanos (West/Macklin 4).

Latino oder Hispanic: Die Mexican-Americans gehören zur „Gruppe“ der Latinos. Während sich Hispanic auf Menschen spanischer Sprache und Kultur bezieht, aus Mexiko Stammende, sowie Menschen aus Mittel- und Lateinamerika jedoch nicht unbedingt mit einschließt, schließt Latino die Mexican-Americans immer mit ein (Blea xii). In Hispanics in the United States liest man auf Seite 1 jedoch, dass eine US- Studie von 1985 ergab, dass die Hälfte aller in den USA lebenden Hispanics mexikanischer Abstammung sei, also werden die Mexican-Americans auch offiziell zur Gruppe der Hispanics gezählt. Während Außenstehende1 hier oft nicht differenzieren, ist sich der Mexican-American des Unterschiedes bewusst. In keinem der Aufsätze aus The Chicano Experience spricht ein Autor von Latinos oder Hispanics wenn er nicht gleichzeitig auch andere Spanisch-sprachige Gruppen in seine Rede mit einbezieht (vgl. Stanley/Macklin 4).

3. Geschichte

In diesem Kapitel stellt sich zunächst die Frage, wie bei der Wiedergabe der Geschichte eines jeden Volkes, ab wann und wo man sie beginnen lässt und weshalb. Hier soll sie bis zu dem Zeitpunkt zurückverfolgt werden, ab dem es für das Verständnis von Kultur und Literatur der Mexican-Americans unentbehrlich ist: also bis in die Zeit der Azteken zurück.

3.1 Das präkolumbianische Zeitalter

Im XV. Jahrhundert gelang es den Azteken, die restlichen Stämme Mittel- und Südamerikas zu unterwerfen (Catalano 17). Sie nannten ihr riesiges Herrschaftsgebiet Aztlán (Paredes/Paredes 4). Von ihrer 1325 gegründeten Hauptstadt Tenochtitlán aus, in der Kakaobohnen als Währung dienten, kontrollierten sie ihr riesiges Gebiet und trieben von den unterjochten Stämmen Steuern ein (Blea 24). Unter dem Aztekenkönig Montezuma2 (1480 – 1520) sollte ihr Reich mit Hilfe des Zufalls verschwinden: denn 1519 erreichte der spanische Eroberer Hernán Cortés (1485-1547) die Azteken just zu der Zeit, in der Montezuma den hellhäutigen und bärtigen Schlangengott Quetzalcoatl erwartete. Montezuma beschenkte die vermeintlichen Götter mit Gold um sie zu besänftigen, doch der den Spaniern dargebotene Reichtum verfestigte nur das Streben, die in ihren Augen unheimlich reiche Hauptstadt Tenochtitlán einzunehmen. Zu dem „Vorteil“ als Gott zu gelten kamen handfestere Vorteile wie modernere Waffen und Rüstungen, die Unterstützung anderer zuvor von den Azteken unterdrückter Stämme und die Tatsache, dass die Mexicas, wie die Azteken sich selber nannten, an von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten starben (´vgl. Catalano 17-23). 1520 wurde Montezuma gefangen genommen und von den Spaniern ermordet. Neuer Aztekenkönig wurde Cuauhtémoc, der sich Cortés jedoch nur noch ein Jahr widersetzen konnte (Shirley 296).

1521, nur zwei Jahre nach seiner Ankunft, hatte Cortés die Azteken besiegt und schloss Mexiko unter dem Namen Nueva España der Spanischen Krone an (vgl. Catalano 17-23). Die tragischen Figuren Montezuma, Cuauhtémoc, Cortés und auch das mythische Aztlán, in dem der Río Grande keine Grenze darstellte, tauchen immer wieder in der Chicana/o-Literatur auf.

3.2 Die Kolonialzeit

Da Thron und Kirche eng miteinander verbunden waren, wurden die Indianer von Anfang an zum Katholischen Glauben gezwungen. Viele konvertierten auch freiwillig, da sie die ohne Folgen bleibende Zerstörung ihrer Tempel und Heiligtümer als göttliche Billigung spanischer Herrschaft interpretierten. Doch obgleich sie zum katholischen Glauben konvertierten, war das Ergebnis ein Hybrid aus christlichen und indianischen Geschichten, Ritualen und Figuren (vgl. Catalano 21). Den Indianern wurden zwar fremde Kultur, Sprache, Religion und neue Werte übergestülpt, doch die Spanier übernahmen auch selbst kulturelle Elemente, so dass in Mexiko eine Mischung beider Kulturen entstand (vgl. Shirley 297).

Von der Krone dazu bemächtigt, "nutzte" der Klerus, so wie Siedler und Eroberer, den Indianer als Sklaven. In Mexiko entstand eine dreistufige Gesellschaftsstruktur. Ganz oben in der Hierarchie standen die in Spanien geborenen peninsulares, darauf folgten die criollos, bereits in Mexiko geborene Spanier und am Ende der Hierarchie standen, zusammen mit den afrikanischen Sklaven, die mexikanischen Indianer. Zwar sollte ein System namens encomienda dafür sorgen, dass die Siedler ihre Arbeitskräfte mit ausreichend Essen und Kleidung versorgten, eine Unterkunft boten und sich um ihre Gesundheit kümmerten, doch die Realität sah anders aus, so dass bis zum Ende des XVI. Jahrhunderts über zwei Drittel der indianischen Bevölkerung an Krankheit, Misshandlung oder Vernachlässigung gestorben waren (vgl. Catalano 19-23).

3.3 Mexikanische Unabhängigkeit und der baldige Verlust an Land

Auch in den USA feiern Mexican-Americans immer noch den 16. September und in manchen Städten des Südwestens der USA ist er sogar ein offizieller Feiertag. An jenem Tag des Jahres 1810 rief der Geistliche Miguel Hidalgo y Costilla im berühmten Grito de Dolores zu den Waffen gegen die Spanier auf (Shirley 297). Er wurde 1811 zwar Opfer seines Rebellionsgedanken, doch 1821 gab Spanien unter dem Druck der sich ausbreitenden Unzufriedenheit nach und Mexiko erlangte unter dem Konservativen Augustín de Iturbide seine Unabhängigkeit (Catalano 25-26).

In den Dreißiger Jahren des XIX. Jahrhunderts lebten in Texas 30 000 Amerikaner, auf 1 Mexikaner kamen damit 6 Amerikaner. An diesem Ungleichgewicht trug Mexiko teilweise selbst die Schuld: um gegen den in Texas bestehenden Bevölkerungsmangel anzukämpfen, hatte Mexiko den Siedlern Land zugesichert (Catalano 28). Zu diesem verlockenden Angebot kam noch die Doktrin des Manifest Destiny3, welche Amerikaner ermunterte, westwärts in den Osten Texas zu ziehen. Mexikos Regierung war mit anderen politischen Fragen zu beschäftigt, erkannte den Ernst der Lage nicht und ignorierte wiederholt texanische Unabhängigkeitspetitionen. Nach nur zwei Kämpfen erklärte Texas am 2. März 1836 seine Unabhängigkeit, würde aber nur neun Jahre später von den USA annektiert werden. (vgl. Shirley 298). Catalano spricht im Gegensatz zu Shirley von einem freiwilligen Beitritt der Texaner: In Mexiko war Sklaverei verboten, Texas ignorierte dies jedoch. Der amerikanische Süden, der die im Norden immer stärker werdende abolition-Idee 4 fürchtete, sympathisierte daher mit Texas. Als das House of Representatives Texas anbot, es als Staat aufzunehmen, nahm Texas an. 1846 kündigten amerikanische Siedler die Unabhängigkeit Kaliforniens an, was die amerikanisch-mexikanischen Beziehungen verschlechterte, bis schließlich nach neuen Grenzstreitigkeiten Krieg ausbrach. Innerhalb eines Jahres wurde Mexiko auf die Hälfte seiner bisherigen Größe verkleinert, es verlor Kalifornien, Nevada, Utah, New Mexico, Colorado, Wyoming, und Teile Arizonas an die USA. Die dort lebenden Mexikaner wurden vor die Wahl gestellt entweder US-Bürger zu werden und damit bleiben zu dürfen oder nach Mexiko zu emigrieren; 80% blieben (vgl. Catalano 31-32). Ihre Kultur und Sprache wurde untergraben, teilweise gar verboten und die ehemaligen Mexikaner wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht. Auch privilegierte Mexikaner, welche die Amerikaner einst willkommen geheißen hatten, verloren bald ihren sozialen Status und jeglichen politischen Einfluss (Muñoz 19). Neben Enteignungen waren das Lynchen von Mexikanern und andere gewaltsame Arten der Diskriminierung an der Tagesordnung (vgl. Moore/Pachon 20). Obwohl den Mexican-Americans durch den Treaty de Guadalupe Hidalgo alle Rechte eines US-Bürgers zugesichert wurden, wurden diese Rechte nicht respektiert und der Staat bemühte sich nicht, daran etwas zu ändern (Shirley 298). Dass dieses von den Mexican-Americans als Betrug empfundene Handeln unvergessen bleibt, spiegelt sich in der Literatur wider und in der Tatsache, dass die meisten Mexican-Americans noch heute über den Treaty de Guadalupe Hidalgo bescheid wissen (Shirley 298).

3.4 Emanzipation im XX. Jahrhundert

Bereits im XIX. Jahrhundert organisierten sich Mexican-Americans in Arbeiterbewegungen um gegen schlechte Bezahlung und miserable Arbeitsbedingungen zu protestieren. Vereinzelt führten sie auch erfolgreiche Streiks durch, doch erst in den Sechziger Jahren gelang es dem 1927 geborenen César Chávez, Arbeiter aus Florida und Kalifornien unter der United Farmworkers Union zu vereinigen. Er schaffte es, durch Streiks staatenübergreifend wirtschaftlichen Druck auszuüben und gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit der Medien und damit der Gesellschaft auf sich zu ziehen. Chávez wurde zu einem Helden der Mexican-Americans und ihm war es zu verdanken, dass ihre Herkunft viele Mexican-Americans mit Stolz zu erfüllen begann (vgl. Catalano 60-61). Zeitgleich entstand, angespornt von den Erfolgen des black civil rights movements und anderen Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegungen, El Movimiento, das Chicano Movement. Getragen wurde es zunächst von der jungen Mittel-Klasse (vgl. Muñoz 6), unter ihnen befanden sich viele Studenten, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Wandel einsetzten (Shirley 302). Doch die zentrale Frage war eine die Identität bzw. "the politics of identity" (Muñoz 8) betreffende. Es bildete sich eine Vielzahl an Gruppierungen heraus, auch radikale wie die Alianza Federal de Mercedes. Catalano merkt allerdings an, dass sich die Mehrheit der Mexican-Americans von solch radikalen Gruppen distanzierte (Catalano 63).

Die Sechziger Jahre mit ihren Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegungen war auch die Zeit der Entstehung feministischer und politischer Chicana-Bewegungen wie dem Chicana Feminist Movement oder dem Chicana Rights Movement. Eine frühe Forderung war Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, des weiteren prangerten sie Rassismus und Sexismus an und traten für das Recht zur Abtreibung und gegen Armut ein (vgl. Blea 5-7). Der Protest gestaltete sich schwer, denn einerseits richtete er sich gegen die Stellung des Chicano, gegen Besonderheiten der eigenen Kultur, Familie und Gemeinschaft, andererseits wollten sie ihre eigene Kultur (deren Wurzel die Familie war und ist) verteidigen und stärken, was nicht selten zu einem Dilemma führte (The Oxford Companion to Women´s Writing 176). Sie trafen also nicht nur auf US-amerikanischen Widerstand, sondern auch auf "inneren" Widerstand, der übrigens nicht ausschließlich von der Männerwelt ausging. Sie verstießen sowohl gegen "Anglo"-Norm als auch gegen die Normen ihresgleichen und wurden deshalb auch von ihrer eigenen Gemeinschaft verstoßen und endeten nicht selten entwurzelt (vgl. Blea 9-11).

Kultur

[...]


[2] Moore und Patchon übernehmen aus dem Werk Social Psychology von Alfred R. Lindesmith und Anselm L. Strauss fogende Definition von stereotype: "Stereotypes are assumptions that allow a society to classify individuals into groups. These beliefs then support, justify, and determine the character of interracial relationships"(zit. nach Moore/Patchon 3)

[1] damit sind Nicht-Latinos zu verstehen. Nicht-Latinos benutze ich bewusst anstatt des in der Literatur beinahe ausschließlich anzutreffenden Anglos, da Anglos in Hinblick auf die Vielzahl verschiedener in den USA lebenden ethnischen Gruppen und Nationalitäten eine grobe Verallgemeinerung darstellen würde.

[2] bei Shirley findet man Moctezuma statt Montezuma

[3] Erläuterung von Manifest Destiny: "(...) a belief that Providence intended that the United States should settle and control the entire landmass between the Atlantic and the Pacific oceans." (Shirley 297)

[4] hier: abolition of slavery

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Geschichte, Kultur und Literatur der Mexican-Americans
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar: Ethnic Women Writers of the American Southwest
Note
1,2
Autor
Jahr
2002
Seiten
33
Katalognummer
V7544
ISBN (eBook)
9783638147729
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung der Professorin: Sehr guter Aufbau, Gliederung, Themenwahl und Literaturauswahl. Sprachliche Schwächen (Tempus, wissenschaftlicher Ausdruck).
Schlagworte
Präkolumbianisches Zeitalter, Chicana Literature, Kolonialzeit, Chavez, mexikanische Unabhängigkeit, Emanzipation, Religion, Familie, Bildung, Identitätsproblematik
Arbeit zitieren
Elisa Bürkle (Autor), 2002, Geschichte, Kultur und Literatur der Mexican-Americans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7544

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