Die soziale und kulturelle Situation der indigenen Bevölkerung Kolumbiens (1970 - 2007)


Bachelorarbeit, 2007
66 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die indigene Bevölkerung Kolumbiens
2.1 Demografische und kulturelle Fakten
2.2 Indigene Organisationen
2.2.1 Organisationsstruktur des Consejo Regional Indígena del Cauca

3. Autonomiebestrebungen
3.1 Territoriale Autonomie
3.2 Indigene Lebensproduktion
3.3 Indigene Bildung und Bildungsarbeit

4. Indigene als politischer Akteur
4.1 Die Voraussetzungen in der Verfassung von 1991
4.2 Politische Partizipation
4.3 Hindernisse und Herausforderungen

5. Die Realität des Bürgerkrieges
5.1 Beeinträchtigungen der indigenen Organisationsprozesse
5.2 Die Rolle des Staates
5.3 Indigene Initiativen zur Friedensschaffung

6. Schlussbetrachtung

Bibliographie

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Mit dem Einzug der spanischen Kolonialmacht Anfang des 16. Jahrhunderts in Kolumbien begann ein bis heute anhaltender Prozess der indigenen Bevölkerung im Kampf um Emanzipation. Infolge von Unterwerfung, Ausbeutung und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage sank die in Kolumbien lebende indigene Bevölkerung rapide. Während der Kolonisierung trieb die spanische Krone die Eliminierung der Urbevölkerung voran, bis sie verstand, dass sie damit nützliche Arbeitskräfte verlor. Die darauffolgenden Gesetze erkannten erstmals die traditionellen, gemeinschaftlichen Territorien und Verwaltungsformen der Indigenen an.[1]

Im Zuge der Unabhängigkeit Kolumbiens 1819 wurde der zum Ende der Kolonisierung gemäßigtere Kurs durch eine Assimilierungs- und Integrationspolitik weitergeführt. Von der Prämisse ausgehend, dass alle Menschen gleich sind, strebte die Regierung eine Nation der Mestizen an.[2] Die indigene Kultur, welche sich aus Sicht der republikanischen Regierung im Bezug auf den Fortschritt des Landes eher regressiv verhielt, behinderte den Kurs Kolumbiens zu einer Gestaltung des Landes nach europäischem Vorbild. Durch das Fehlen eines indigenen Elementes in dieser Ideologie blieben nur zwei Möglichkeiten zur Lösung der indigenen Frage: die Integration der Urbevölkerung oder ihre Eliminierung. Doch die Indigenen wehrten sich in gleichem Maße wie sie sich gegen die Unterdrückung durch die spanischen Invasoren aufgelehnt hatten nun gegen die staatlichen Integrationsversuche.[3]

Die Geschichte des indigenen Widerstandes in Kolumbien begann folglich vor mehr als 500 Jahren mit der aufkommenden Verteidigung gegen die spanischen Eindringlinge. Die neuere indigene Bewegung Kolumbiens hat ihren Ursprung jedoch in den 1970er Jahren, einer Zeit, in der die indigene Bevölkerung aufgrund ihrer Integration und Eliminierung in dem nationalen kolumbianischen Bewusstsein als etwas sich allmählich Auflösendes existierte. Umso überraschter registrierte die nationale Presse Anfang der 1970er Jahre, dass die Indigenen im öffentlichen Leben wieder eine rege Präsenz zeigten. Mit Märschen und Versammlungen waren sie wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.[4]

Bis in die 1970er Jahr wurde davon ausgegangen, dass sich die Frage nach der Stellung der indigenen Bevölkerung innerhalb der nationalen Gesellschaft mit dem Eintritt in die moderne Gesellschaft von selbst lösen würde, d.h. sich die Indigenen an die neuen Gegebenheiten anpassen würden. Diese Angelegenheit hatte sich entgegen den Vermutungen anders entwickelt: Der kolumbianischen Gesellschaft standen selbstbewusste Akteure der indigenen Bevölkerung gegenüber, die begannen eigene Organisationsformen zu entwickeln, um für ihre Rechte und Normen zu kämpfen.[5]

Der Organisationsprozess setzte mit der Gründung einer vom Staat unabhängigen Vereinigung ein, der sogenannten Consejo Regional Indigena del Cauca (CRIC). Er stellte sich zur Aufgabe für die Rechte der indigenen Gemeinschaften im Cauca zu kämpfen. Bis heute haben sich sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene verschiedene Organisationen, Vereinigungen und Parteien gegründet, die für den Schutz und die Anerkennung von Besonderheiten der indigenen Kultur eintreten. Seit mehr als 30 Jahren streben die Indigenen eine ihrer Kultur angemessene, eigenständige Entwicklung innerhalb der Grenzen der kolumbianischen Nation an. Neben der Anerkennung ihrer Selbstorganisation fordern sie in gleichem Maße von der Regierung, die rechtlichen Konditionen zur Verwirklichung einer angestrebten Autonomie zu schaffen. Seit den 1990er Jahren verfolgt die indigene Bevölkerung auch ein weiteres Ziel: eine größere Repräsentanz und damit verbunden Partizipationsmöglichkeiten auf politischer Ebene.

In der Arbeit werden die genannten Ziele der indigenen Bewegung Kolumbiens in dem Zeitraum von 1970 bis heute näher betrachtet. Der Beginn der Arbeit um 1970 begründet sich mit der zu dieser Zeit einsetzenden Formierung der indigenen Bevölkerung in einer Organisation, um Anspruch auf ihre Rechte zu erheben. Die zentrale Frage lautet, ob bzw. wie weit die Indigenen ihre Realität autonom gestalten und inwiefern eine politische Partizipation innerhalb der Grenzen und Strukturen des kolumbianischen Staates möglich ist. Im Zusammenhang mit dieser Thematik werden eventuelle Faktoren diskutiert, welche die Bestrebungen begünstigen oder hemmen. Außerdem wird untersucht, ob die Autonomiebestrebungen der Indigenen mit ihrem Ziel erweiterter, politischer Repräsentanz vereinbar sind. Die wichtige Rolle des Staates in dem zu führenden Diskurs ist als wesentlicher Bestandteil zu betrachten und wird daher den Bestrebungen der indigenen Bevölkerung gegenüber gestellt. Es wird daher der Frage nachgegangen, welchen Raum er den Indigenen gibt ihre Forderungen in die Tat umzusetzen und somit die Anerkennung ihrer Kultur fördert.

Zur Erörterung der Fragestellung wurde wie folgt vorgegangen. Um eine Basis für die weiteren Untersuchungen zu schaffen werden im einleitenden Teil Grundlagen wie demografische Lage, Kultur und Lebensweise der indigenen Bevölkerung Kolumbiens und ihre indigenen Organisationen erläutert. Infolgedessen werden im dritten Kapitel die jüngste Geschichte und die aktuellen Bestrebungen der Indigenen nach mehr Autonomie an einigen Beispielen erläutert. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Integration der indigenen Bewegung in das politische Leben des Landes auf lokaler und nationaler Ebene.

Der seit mehr als 40 Jahren andauernde bewaffnete Konflikt beherrscht Kolumbien und beeinflusst das Leben seiner Bürger. Um eine umfassende Betrachtung der Thematik zu gewährleisten, musste dieser temporäre Faktor in die Untersuchungen der Arbeit mit einbezogen werden. Im fünften Kapitel soll deshalb festgestellt werden, inwieweit der im Land herrschende Krieg, die in den vorhergehenden Kapiteln ausgeführten Bestrebungen der Indigenen beeinflusst.

Im letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse des Diskurses zusammengefasst.

Die wissenschaftlichen Schriften Theodor Rathgebers, der während mehrerer Aufenthalte in Kolumbien zum Thema Autonomie kleinbäuerlicher und indigener Gemeinschaften forschte und seit 1990 Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ ist, sind für diese Arbeit von großer Bedeutung. Vor allem in seiner 1993 abgelegten Dissertation beschreibt er am Beispiel des Consejo Regional Indígena del Cauca den Versuch einer Wahrung der indigenen Identität durch Abnabelung von staatlichen, zurück zu den traditionellen kollektiven Organisationsstrukturen.

Das Vorhandensein mehrerer gegenwartsnaher Werke ermöglichte einen Bezug auf aktuelle Forschungsergebnisse. So ist die im Jahr 2002/2003 abgelegte Dissertationsarbeit von Frank Semper ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit. Semper befasst sich in seiner Studie mit dem Indigenenrecht in Kolumbien und diskutiert die Divergenz zwischen Recht und der indigenen Lebenswirklichkeit. Die Untersuchungen zur Realität der politischen Partizipation stützen sich vor allem auf Virginie Laurent. Sie trug mit ihren Forschungen im Rahmen ihrer Doktorarbeit wichtige Daten und Reflexionen zur indigenen politischen Erfahrung besonders in Bezug auf die Wahlen bei. Die Ausführungen über die Rolle des Bürgerkrieges beziehen sich besonders auf das von William Villa und Juan Houghton vorgelegte Werk, welches Tabellen, Daten als auch Auswertungen zur Problematik der politischen Gewalt an der indigenen Bevölkerung Kolumbiens präsentiert.

2. Die indigene Bevölkerung Kolumbiens

2.1 Demografische und kulturelle Fakten

Bevor die indigene Bevölkerung durch Eroberung und Kolonisierung dezimiert wurde, befanden sich auf dem Territorium des heutigen Kolumbiens etwa 10 Mio. indigene Einwohner.[6] Heute schätzt man sie auf 700.000 bis 800.000 Personen, einem Anteil der ca. 2% der nationalen Bevölkerung entspricht. Das nationale Statistikinstitut DANE[7] ermittelte in einer Erhebung im Jahr 2001 die Zahl 785.356 Indigener in Kolumbien (1,83% der Gesamtbevölkerung).[8] Dagegen bestimmte eine nationale Volkszählung von 1993 nur 523.233 Indigene.[9] Diese unterschiedlichen Ergebnisse lassen sich vor allem darauf zurückführen, dass die Volkszählung nicht die in den Städten lebenden Indigenen berücksichtigte. Außerdem unterscheiden sich die Studien, da sie auf verschiedenen Definitionsansätzen zur Indigenität beruhen. Während manche Quellen nur die traditionelle Bevölkerung oder diejenigen, die noch ihre ursprünglichen Sprachen beherrschen, als indigen betrachten, erfassen andere wiederum auch die Indigenen, welche sich einer kleinbäuerlichen Lebensweise angepasst haben und nicht mehr imstande sind ihre Sprache zu sprechen.[10]

Diese Zahlen scheinen im Vergleich zu den prozentualen Anteilen Indigener an der Gesamtbevölkerung anderer lateinamerikanischer Länder sehr gering (Bolivien 71%, Guatemala 66%, Peru 47%, Ecuador 43%).[11] Offiziell wurden der indigenen Bevölkerung jedoch 25% des staatlichen Territoriums zugestanden. Die Mehrheit davon besteht aus feucht-tropischen Wäldern, vor allem in den Regionen des Amazonas, Orinoquía, Darién, den Anden und der Sierra Nevada de Santa Marta.[12]

Die große Biodiversität, bedingt durch die unterschiedlichen Höhenstufen und Klimazonen, die den Übergang und Kontakt zwischen der Amazonasregion und den Anden einschließen, hat auch zur Entstehung einer Vielzahl indigener Völker mit unterschiedlichen Lebensweisen beigetragen.[13] Insgesamt geht man von 81 verschiedenen Stämmen[14] mit 64 verschiedenen Sprachen aus. Allein im Amazonasbecken und dem Savannengebiet leben 56 verschiedene Ethnien.[15] In einigen Regionen, wie dem Departement Cauca, in dem 190.069 der insgesamt 1,2 Mio. Einwohner Indigene sind, bilden die indigenen Gemeinschaften[16] die Mehrheit in einigen municipios (Kreisbezirke). Danach folgen, mit dem größten prozentualen Anteil an der gesamten indigenen Bevölkerung des Landes, die Departements La Guajira (20%), Nariño (11%), Caldas (6%) und Chocó (5%).[17] Die Gemeinschaften mit den meisten Angehörigen sind die Wayúu auf der Halbinsel Guajira, die Nasa (früher Páez) im Süden Kolumbiens und die Embera im Nordosten des Landes.[18]

Für das weitere Verständnis der Arbeit genügt es, einen Einblick in die unterschiedlichen Lebensweisen der indigenen Völker zu bekommen. Dazu lässt sich eine Unterteilung Kolumbiens in drei Regionen vornehmen, an denen Unterschiede der dort lebenden indigenen Bevölkerung verdeutlicht werden können. Die Regionen sind der tropische Regenwald (Amazonasbecken und Pazifikküste), die Savanne (Llanos Orientales) und die Anden.[19]

Der Regenwald ist, bedingt durch sein feucht-tropisches Klima, einer der Wälder mit der reichsten Vielfalt an Flora und Fauna der Erde. Dank seiner weitläufigen Fläche, den schwierigen klimatischen Bedingungen und dem erschwerten Zugang, genossen die verstreut lebenden indigenen Stämme in diesem Teil des Landes bis ins 18. Jahrhundert eine relative Isolation. Diese fand ein jähes Ende als die spanischen Invasoren die Goldvorkommen in den Anden erschöpft hatten und sich, auf der Suche nach mehr Gold, weiter ausbreiteten.[20]

Noch heute leben die indigenen Völker des tropischen Regenwaldes vereinzelt in kleinen Gruppen und betreiben Landwirtschaft, ergänzt durch Jagd, Fischfang und dem Sammeln von Wildfrüchten. Einige Stämme spezialisierten sich auf die Herstellung von bestimmten Gegenständen, um sie mit anderen Gemeinschaften austauschen zu können. Die Stämme der Curripaco und der Puinave produzierten Reiben für Yucca, die sie wiederum gegen die von den Macú oder Desano gefertigten Körbe eintauschen konnten. Außerdem wurden in diesem Gebiet Bündnisse unter den verschiedenen Stämmen geschlossen, die einen Austausch von Arbeitskräften begünstigen. So wurden z.B. die besten Landarbeiter und Fischer zum Arbeitseinsatz zeitweilig an andere Stämme „verliehen“.[21] Durch die relativ lange Abgeschiedenheit vom Rest der Nation konnten in der Region des Regenwaldes die traditionellen Lebensweisen und Produktionssysteme am besten erhalten bleiben.[22]

Die indigenen Gemeinschaften im Savannengebiet bestreiten, ähnlich wie die Völker des tropischen Regenwaldes, ihren Lebensunterhalt durch Sammeln, Jagen, Fischen und Brachewirtschaft. Da sie jedoch näher an den von den Kolonisatoren ergründeten Gebieten befanden und außerdem in größeren Zusammenschlüssen lebten, waren die Gemeinschaften leichter der Einflussnahme der Invasoren ausgesetzt.[23]

Die Anden gehören zu einem Gebiet, dass wegen seiner guten klimatischen Bedingungen, seinem hohen Anteil indigener Bevölkerung und seinen Goldvorräten von Anfang an von Interesse für die Kolonisatoren war.[24] Nichtsdestotrotz sahen sich die conquistadores mit dem hartnäckigen Widerstand der indigenen Völker konfrontiert. So gelang es einigen Stämmen, wie im Falle der Nasa, die Unterwerfung durch die spanischen Eindringlinge zu verhindern und weitestgehend ihre kulturelle Einheit zu bewahren.[25] Helden im indigenen Widerstandskampf des Volkes der Nasa sind La Gaitana und Juan Tama. La Gaitana war eine Frau, die um 1539 alle Völker der Region versammelte und mit diesem Heer die spanischen Invasoren verjagen konnte. Juan Tama gelang es um 1700 in Verhandlung mit Kolonisatoren und mehreren Kaziken[26] zu treten. Ihm sind einerseits die Anerkennung der indigenen Organisationsformen innerhalb der resguardos, die durch Kolonisatoren eingerichteten Schutzgebiete für die indigene Bevölkerung, zu verdanken. Andererseits konnte er bedeutende indigene Führer zusammenbringen und das Volk der Nasa überzeugen ihr Territorium gemeinsam gegen die spanischen Eindringlinge zu verteidigen. Die Nasa haben seit jeher Widerstand geleistet und gehören bis heute zu den Anführern der indigenen Bewegung.[27]

Die indigene Bevölkerung im Andenraum versorgte sich ehemals durch die Jagd, das Sammeln von Wildfrüchten und den Ackerbau. Nach der Invasion durch die Kolonisatoren wurden sie jedoch einer Parzellenwirtschaft und der Fronarbeit unter einem Großgrundbesitzer unterworfen, so dass sich bis heute eine kleinbäuerliche Wirtschaftsform erhalten hat. Seit den 1970er Jahren versuchen sie jedoch verstärkt zu ihren traditionellen Konzepten der Lebenshaltung zurückzukehren.[28]

2.2 Indigene Organisationen

Die Indigenen Kolumbiens haben seit jeher ihre Territorien gegen Eindringlinge verteidigt. Beeinflusst durch die ländlich-bäuerliche Bewegung und ihren Kampf gegen die Radikalisierungen der Agrarreform und für die Demokratisierung der Gesellschaft, tauchte 1971 die erste indigene Organisation im Cauca auf.[29] Die Bewegung die in diesen Jahren geboren wurde, der Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC), ist seitdem entscheidender Motor für die Mobilisierung der Indigenen in Kolumbien.[30]

Mit der spanischen Unabhängigkeit und der Gründung der kolumbianischen Republik begann eine Privatisierung der resguardos. Damit wurde den Indigenen der Status von Kleinbauern zugestanden. Im Zuge der Landreform erkannten sie, dass sie die gleichen wirtschaftlichen Interessen und Probleme wie die Kleinbauern vertraten, schlossen sich ihnen an und traten schließlich auch der Asociación Nacional de Usarios Campesinos (ANUC)[31] bei. Bald mussten sie jedoch feststellen, dass die Allianz mit den Bauern im Kampf um Land zum Scheitern verurteilt war. Sie vertraten zwar die gleichen Standpunkte, unterschieden sich jedoch deutlich durch ihr kulturelles und religiöses Leben sowie durch die jahrhundertlange Erfahrung ihrer kolonialen Unterdrückung. So verließen die Indigenen die ANUC und gründeten eine Organisation zur Vertretung ihrer spezifischen Interessen.[32]

Der CRIC legte auf seinem zweiten Gründungstreffen in Toribío im Jahr 1971 ein Grundsatzprogramm, eine sogenannte plataforma de lucha fest, welche die Leitlinien und die grundlegenden Ziele der Organisation bestimmen sollte. Oberste Priorität hatte dabei die Rückeroberung des Territoriums als Grundlage für alle weiteren identitätsstiftenden Prozesse.[33] So sind die ersten vier der insgesamt neun Punkte der Wiedergewinnung der Territorien, der Ausweitung des indigenen Landes, der resguardos, und der territorialen Autonomie gewidmet. Der fünfte Punkt fordert die Bekanntmachung und die gerechte Anwendung der indigenen Gesetze. In den nächsten beiden Punkten wird das Ziel der kulturellen Autonomie definiert, d.h. die wichtigsten Güter, auf denen die indigene Kultur basiert, die Geschichte, die Sprache und die indigenen Traditionen sollen bewahrt werden. Als Mittel um diese Traditionen, besonders die Sprache zu schützen, wird in der nächsten Aufforderung die Ausbildung von indigenen Lehrern hervorgehoben. Die letzten beiden Punkte, die im Laufe der Jahre noch zu den ursprünglichen sieben Punkten der plataforma de lucha hinzugefügt wurden, benennen die Ziele der Gründung gemeinschaftlich geführter Wirtschaftsunternehmen und den Schutz der natürlichen Ressourcen der indigenen Gemeinschaften.[34] Heute ist der CRIC einer der indigenen Organisationen des Landes und vertritt ca. 182.000 Indigene.[35]

Nach Vorbild des CRIC gründeten sich weitere regionale Organisationen, die sich für die Belange der Indigenen einsetzten. Die auf Departements-Ebene agierenden Vereinigungen erhielten mit der 1982 gegründeten Organización Nacional Indígena de Colombia (ONIC) einen Dachverband, der die Interessen der unterschiedlichen Gruppierungen koordinierte und sie auf nationaler Ebene vertrat. Auf dem Gründungstreffen in Bogotá wurden die verschiedenen Ziele und Strategien im Kampf um die Rechte der Indigenen festgelegt. Heute repräsentiert die ONIC 90% der regionalen, indigenen Organisationen, von der in jedem Departement mindestens eine vorzufinden ist.[36]

Seit ihrer Gründung hat sich die ONIC als Organisation gesehen, welche die regionalen Vereinigungen unterstützen und stärken will. So setzt sie sich als Ziel die indigene Bevölkerung Kolumbiens zu repräsentieren, ohne dabei eine zentrale Machtrolle zu übernehmen. Dabei sollen Praktiken der regionalen Organisationen respektiert und gefördert werden, aber auch eigene Strategien und Taktiken entwickelt werden, die auf die Probleme der einzelnen Regionen zugeschnitten sind. Die Organisation setzt sich das Ziel unbeeinflusst vom Staat zu agieren und somit auch nicht seine Position einzunehmen.[37] Den Hauptleitfaden formuliert die Organisation auf ihrer Internetseite in vier knappen Wörtern: „unidad“, „tierra“, „cultura“ und „autonomía“.[38] Dabei ist die Einheit als der Zusammenhalt zwischen den indigenen Gemeinschaften zu sehen, der sie stärkt und in ihrem Kampf für ihre Rechte unterstützt. Das Land ist die Basis und das wichtigste Element, um die Entwicklung der Indigenen zu fördern. Durch ihre Kultur unterscheiden sie sich von den Nicht-Indigenen und fördern folglich mit der Stärkung dieser auch die Bejahung der indigenen Identität. Das letzte Element, welches die Vorraussetzung ist, um die vorher genannten Prinzipien durchsetzen zu können, ist die Autonomie. Nur durch die Ausübung der eigenen Autorität können die indigenen Gemeinschaften ihr Land selbst verwalten, ihre Kultur zurückgewinnen und zu einer Einheit gelangen.[39]

Neben der ONIC spricht man von drei weiteren indigenen Organisationen, die auf nationaler Ebene wirken. Diese agieren im Gegensatz zur ONIC in der politischen Arena: die Autoridades Indígenas de Colombia (AICO), die Alianza Social Indígena (ASI) und die Movimiento Indígena de Colombia (MIC).

Die Organisation Autoridades Indígenas de Colombia (AICO) erschien 1977 unter dem Namen Gobernadores en Marcha als eine Abspaltung des CRIC. Die Erschaffung einer neuen Vereinigung sei nach Meinung der Gründer nötig gewesen, da der hohe Anteil an nicht-indigenen Beratern im CRIC der Organisation geschadet hätte. Nach einer ersten Namensänderung in Autoridades Indígenas del Sur Occidente, erhielt zur Teilnahme an der verfassungsgebenden Versammlung von 1990 schließlich ihren heutigen Namen. Sie agiert vorwiegend in den Departements Cauca, Nariño und Sierra Nevada de Santa Marta, aber erhebt für sich den Anspruch alle Indigenen Kolumbiens zu vertreten.[40] Das Programm der Organisation AICO will die indigenen Völker im Kontext des Landes stärken und legt, wie der Name schon verrät, großen Wert auf die Verteidigung der traditionellen Autoritäten und die Weitergabe des Wissens der Ahnen.[41]

Die Alianza Social Indígena (ASI) wurde 1991 mit dem Ziel der Teilnahme an den Wahlen dieses Jahres aus indigenen, aber auch anderen Organisationen, die sich für die Belange von Minderheiten einsetzten, gegründet. Regional stützt sich die ASI auf die Departements Cauca, Tolima, Antioquia, Santander und Chocó.[42] Die politische Bewegung setzt sich das Ziel die Rechte der indigenen Gemeinschaften zu verteidigen, versucht aber auch andere marginalisierte Gruppen, wie die schwarze Bevölkerung oder Bauern, zusammenzubringen. Mit ihrer erweiterten Vision, die sich nicht nur auf die indigene Bevölkerung des Landes beschränkt, versucht die ASI eine Gesellschaft mitzugestalten, die den nationalen Pluralismus in Kolumbien anerkennt und diesen von der Basis aus verteidigt.[43]

Die Movimiento Indígena de Colombia (MIC), die wie die politische Organisation ASI vorher dem Dachverband ONIC angehörte, versucht vor allem gegen die monopolartige Stellung der traditionellen Parteien anzukämpfen. Dabei legt die Bewegung besonderen Wert auf den Schutz und die zweckmäßige Nutzung der natürlichen Ressourcen, eine soziale und wirtschaftliche Entwicklung, die eine Verbesserung des Lebensstandards für die Bevölkerung mit sich bringt, und besteht darauf, dass alle Bevölkerungsteile Kolumbiens, unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht, Bildung und politischer Richtung, am Demokratieprozess teilnehmen. Mit dem Bedürfnis die Rechte derjenigen zu stärken, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind, kämpft die MIC von der Basis aus mit und für die Unterstützung der Klassen und Ethnien Kolumbiens.[44]

Wenn in dieser Arbeit von indigenen Bewegungen bzw. von indigenen Organisationen in allgemeiner Form gesprochen wird, soll dies nicht heißen, dass man die Diversität der verschiedenen Ethnien vereinheitlicht. Es dient jedoch vielmehr der Unterscheidung und Abgrenzung von den nicht-indigenen Akteuren in der kolumbianischen Gesellschaft.

2.2.1 Organisationsstruktur des Consejo Regional Indígena del Cauca

Da die indigene Bewegung des Cauca, der CRIC, die älteste und auch heute noch bedeutendste indigene Organisation Kolumbiens ist, sollen die Organisationsstruktur und Arbeitsweise einer indigenen Bewegung näher an diesem Beispiel erläutert werden.

Der CRIC versucht nach Vorbild der traditionellen, indigenen Organisationsformen eine Struktur zu schaffen, welche die direkte und praktische Teilnahme der Gemeinschaften als Grundvoraussetzung und Basis aller Organisationsprozesse ermöglicht. Soziale Prozesse sollen von der indigenen Bevölkerung angeschoben und mit Hilfe der vom CRIC geschaffenen, transparenten und basisdemokratischen Institution geplant und durchgeführt werden. Die Arbeit und Legitimität der Organisation basiert auf den Einrichtungen resguardo und cabildo, deren Vertreter die wichtigsten Entscheidungen treffen. Um die Gemeinschaften zu erreichen, initiiert oder unterstützt die Organisation Projekte, Mobilisierungen und Einzelaktionen. Dabei setzt sie sich nicht über die indigenen Autoritäten, die cabildos, hinweg und versucht sie so gut wie möglich bei der Auswahl und Planung jeglicher Projekte mit einzubeziehen.[45]

Die Organisation setzt sich aus einer Leitungskommission (junta directiva), einem Exekutivkommitee (comité ejecutivo), einem Mitarbeiterstab und Aktiven zusammen.[46]

Die junta directiva beschließt die Ziele und politischen Leitlinien bzw. Strategien des CRIC. Pro cabildo werden drei Delegierte in die junta directiva entsendet, die dort über richtungsweisende Programmpunkte abstimmen oder einfach nur als Berater fungieren. Die Anzahl der teilnehmenden cabildos an den Versammlungen hat sich in den letzten Jahren ständig erhöht, was auf eine breite Akzeptanz der Organisation CRIC und ihrer Arbeit in den unterschiedlichen Gemeinden schließen lässt. Nahmen im Jahr 1981 nur 36 cabildos teil, waren es im Jahr 1988 schon 54, die sich an den Kongressen des CRIC beteiligten. Die junta directiva besitzt eine Schlüsselrolle in der Aufwertung der indigenen Autoritäten (cabildos) gegenüber den Gemeinschaften und verkörpert die ständige Rückkoppelung zwischen dieser Instanz und der Basis.[47]

Das Exekutivkomitee ist für die Ausarbeitung, Organisation und Durchführung der CRIC-Programme und Aktivitäten zuständig und wird dabei von den Beratern (asesores) unterstützt. Da das von der junta directiva gewählte Komitee die organisatorische Gewalt in den Händen hält, wird es als Antriebsmotor in der Bewegung gesehen. Um einem Missbrauch dieser Macht vorzubeugen, wird es von der junta directiva kontrolliert und muss einen Rechenschaftsbericht anfertigen.[48]

Der Mitarbeitstab des CRIC besteht aus Fachkräften, die insbesondere für die Arbeitsschwerpunkte zuständig sind. Seit 1975 gibt es auf den Kongressen jene Arbeitsgruppen, die sich spezifischer mit bestimmten Themen, wie z.B. der Rekonstruierung indigener Territorien oder der Rechtslage der Indigenen befassen. Innerhalb der Organisation erfüllen sie eine beratende Funktion. So unterstützen sie u.a. das Exekutivkomitee bei der Organisation und Durchführung von Projekten, sind aber auch wichtige Schnittstelle zwischen Komitee und cabildo, mit dem sie die praktische Durchführung der Projekte besprechen. In dieser Instanz zeigt sich jedoch auch, wie die Mitarbeiter durch ihr Fachwissen die Einflussnahme verändern können. Teilweise verselbständigen sich die Mitarbeiter in der Planung eines Projektes und beziehen die Gemeinschaften kaum ein. Als wichtige Instanz bringen sie so die basisdemokratische Idee, auf der die Organisation fußt, zum Schwanken. Das erstarkte Selbstbewusstsein, die Zunahme der Kompetenz seitens der Gemeinschaften sowie Aussprachen wirken dem jedoch entgegen.[49]

[...]


[1] Roldán (2000), S. 8ff.

[2] Fischer (1997), S. 64.

[3] Padilla (1995), S. 81f.

[4] Findji (1992), S. 113.

[5] Semper (2003), S. 27.

[6] Arango/Sánchez (2004), S. 32.

[7] Departamento Administrativo Nacional de Estadistica.

[8] ibid. S. 40.

[9] ibid. S. 37.

[10] ibid. S. 5.

[11] ibid. S. 5.

[12] Peñeranda (2005), S. 93.

[13] Semper (2003), S. 57.

[14] Diese Information beruht auf der Erhebung von 2001 des Institutes DANE. Aber auch hier gibt es ja nach Quelle unterschiedliche Angaben. Dies geht teilweise auf die Berücksichtigung verschiedener Untergruppierungen der Völker als einzelne Stämme zurück. DANE unterteilt z.B. die Embera in die einzelnen Stämme der Embera Chamí, Embera Katío und Embera Siapidara, wogegen andere Studien diese als einen Stamm zählen. (Arango/Sánchez (2004), S. 47ff.)

[15] Rathgeber (2000/2001), S. 163.

[16] Unter indigener Gemeinschaft wird in der Arbeit die territoriale und administrative Einheit verstanden, in der sich ein Großteil der indigenen Bevölkerung Kolumbiens vereint.

[17] Arango/Sánchez (2004), S. 40ff.

[18] Rathgeber (2000/2001), S. 163.

[19] ibid. S. 163ff.

[20] Arango/Sánchez (1998), S. 192f.

[21] Arango/Sánchez (1998), S. 135f.

[22] Rathgeber (2000/2001), S. 163f.

[23] ibid. S. 164.

[24] Arango/Sánchez (1998), S. 159f.

[25] Semper (2003), S. 66.

[26] Die cacicazgos waren die vorkolonialen Häuptlingstümer der Indigenen.

[27] Piñacué (1993), S. 23.

[28] Rathgeber (2000/2001), S. 164f.

[29] Avirama/Márquez (1995), S. 84.

[30] Findji (1992), S. 113.

[31] Die ANUC wurde 1970 unter der Regierung Carlos Lleras Restrepo als staatliches Element gegründet um die in den 60er Jahren verabschiedeten Landeverteilungsgesetze zu überwachen. Auf ihrer zweiten Versammlung im Jahr 1972 entschied sich die Behörde unabhängig vom Staat zu werden. (Jackson (2002), S. 269)

[32] Jackson (2002), S. 268f.

[33] Hernández (2004), S. 86.

[34] Rathgeber (1994), S. 185f. (vollständige plataforma de lucha des CRIC siehe Anhang (1))

[35] Stahn (2001), S. 36.

[36] Laurent (1997), S. 66

[37] Avirama/Márquez (1995), S. 86.

[38] ONIC <http://www.onic.org.co/nuevo/quienes.shtml> (21.12.06).

[39] ONIC <http://www.onic.org.co/nuevo/quienes.shtml> (21.12.06).

[40] Avirama/Márquez (1995), S. 87.

[41] Laurent (2005), S. 168.

[42] Laurent (1997), S. 68.

[43] Avirama/Márquez (1995), S. 86f.

[44] Laurent (1997), S. 69.

[45] Rathgeber (1994), S. 194ff.

[46] ibid.

[47] Rathgeber (1994), S. 202ff.

[48] ibid. S. 201ff.

[49] ibid S. 205f.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Die soziale und kulturelle Situation der indigenen Bevölkerung Kolumbiens (1970 - 2007)
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophische Fakultät II – Institut für Romanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
66
Katalognummer
V75469
ISBN (eBook)
9783638696357
ISBN (Buch)
9783638714587
Dateigröße
4668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Situation, Bevölkerung, Kolumbiens, Indigene
Arbeit zitieren
Manuela Paul (Autor), 2007, Die soziale und kulturelle Situation der indigenen Bevölkerung Kolumbiens (1970 - 2007), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75469

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