Der französische Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille beschrieb im Buch „L‘Erotisme“ (dt. Die Erotik) 1957 seine Vorstellung von Erotik als eine innere Erfahrung, die dem Prinzip von Verbot und Überschreitung folgend ihrem ekstatischen Charakter gerecht wird.
Angesichts der ständigen Präsenz von Sexualität in der modernen (Medien)- Gesellschaft, in der ehemalige Grenzen, Verbote und Tabus stetig überschritten werden, liegt die Vermutung nahe, dass erotische Sensationen im Sinne von Bataille heute nicht mehr möglich sind und folglich keine Erotik mehr existiert. Dennoch kann wohl kaum jemand von sich behaupten, nicht schon die eine oder andere praktische ekstatische Erfahrung gemacht zu haben. Wie lässt sich dieser Widerspruch theoretisch erklären? Gibt es heute noch eine Erotik im Bataillischen Sinne?
Um diesen Fragen nachzugehen, werden im Folgenden zunächst die Konzeption der Erotik Batailles dargestellt und anschließend gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Bezug auf die Sexualität beschrieben. Am Ende soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob und wo Erotik, wie Bataille sie definiert, in der modernen Gesellschaft noch zu finden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1. Georges Bataille: Verbot und Überschreitung in der Erotik
2.1.1. Die Natur des Menschen
2.1.2. Verbot und Überschreitung
2.1.3. Die Erotik und ihre Funktion
2.2. Sexualität in der modernen Gesellschaft
2.2.1. Die neosexuelle Revolution
2.2.1.1. Dissoziation der alten sexuellen Sphäre
2.2.1.2. Dispersion der Sexuellen Fragmente
2.2.1.3 Diversifikation der Intimbeziehungen
2.2.1.4 Bestandsaufnahme: Nach der neosexuellen Revolution
2.2.2. Moderne Beziehungen
3. Fazit: Bataille’s Erotik heute
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Erotik-Theorie von Georges Bataille, die auf den Prinzipien von Verbot und Überschreitung basiert, auf die gegenwärtige moderne Gesellschaft. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob in einer Zeit der medialen Enttabuisierung und sexuellen Liberalisierung noch eine Erotik im Sinne Batailles existieren kann.
- Die theoretische Konzeption der Erotik nach Georges Bataille.
- Die Transformation der Sexualität durch die "neosexuelle Revolution".
- Die Dissoziation und Diversifikation sexueller Lebensformen.
- Die Rolle individueller Aushandlungsprozesse in modernen Paarbeziehungen.
- Das Verhältnis von Rationalisierung und dem Bedürfnis nach Grenzerfahrungen.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Verbot und Überschreitung
Jene Regelsysteme, durch welche eine menschliche Gesellschaft produktiv und überlebensfähig wird, sind organisiert nach verschiedenen Ge- und Verboten. Es handelt sich gewissermaßen um Handlungsanweisungen für die Gesellschaftsmitglieder, was zu tun und was nicht zu tun ist. Durch Verbote soll der Konflikt zwischen den beiden Teilen des menschlichen Selbst aufgelöst werden, indem sie Grenzen zur Welt der Gewaltsamkeit ziehen.
Jede Gesellschaft verfügt über eine Vielzahl von Verboten, welche die verschiedensten Lebensbereiche organisieren und die sich von denen anderer Gesellschaften aufgrund von Differenzen im kulturgeschichtlichen Hintergrund oft deutlich unterscheiden. Nach Bataille lassen sich alle Verbote in allen Gesellschaften jedoch von bestimmten allgemeinen, universellen Verboten ableiten. Diese Universalverbote wiederum leiten sich aus der menschlichen Natur an sich ab, und sind deshalb in allen menschlichen Gesellschaften anzutreffen.
Die Universalverbote beziehen sich in jeder Gesellschaft auf die Bereiche Tod und Sexualität, jene Bereiche, in denen der Mensch am stärksten mit seiner gewaltsamen Natur konfrontiert wird. Der Mensch kann die Natur noch so perfekt nach seinen Vorstellungen verändern und kontrollieren, im Tod ist er doch wieder der Gewaltsamkeit der Natur unterworfen. Allein der Anblick des Todes und der mit ihm einhergehenden Verwesung bzw. Auflösung des Individuums erinnert den Menschen unangenehm an seine Ohnmacht gegenüber der Natur und geht mit einer starken Tabuisierung dieses Teils des Lebens einher. So ist beispielsweise in allen Gesellschaften der Welt das Bestreben erkennbar, den Tod dem Anblick zu entziehen und Leichen entweder zu verbrennen oder zu vergraben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Theorie Batailles ein und stellt die Frage, ob erotische Grenzerfahrungen in der heutigen, sexualisierten Gesellschaft überhaupt noch möglich sind.
2.1. Georges Bataille: Verbot und Überschreitung in der Erotik: Dieses Kapitel erläutert die anthropologischen Grundlagen Batailles, insbesondere die Trennung zwischen Mensch und Tier sowie die Notwendigkeit von Verboten zur Zügelung der animalischen Triebe.
2.2. Sexualität in der modernen Gesellschaft: Der Hauptteil analysiert die Transformationen der Sexualität in den letzten Jahrzehnten unter dem Begriff der neosexuellen Revolution und untersucht moderne, verhandlungsorientierte Beziehungsmodelle.
3. Fazit: Bataille’s Erotik heute: Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass Erotik im Bataillischen Sinne zwar durch gesellschaftliche Rationalisierung gefährdet ist, aber in der privaten Aushandlung von Intimität und neuen, individuellen Verboten fortbestehen kann.
Schlüsselwörter
Georges Bataille, Erotik, Verbot, Überschreitung, Moderne Gesellschaft, Neosexuelle Revolution, Intimbeziehungen, Grenzerfahrung, Sexualität, Selbstverlust, Kontinuität, Diskontinuität, Verhandlungsmoral, Paarbildung, Tabubruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht, ob die philosophische Konzeption von Erotik nach Georges Bataille – basierend auf Verbot und Überschreitung – auf die heutige moderne Gesellschaft übertragbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der anthropologischen Erotik-Theorie, der Analyse der "neosexuellen Revolution" und der Veränderung moderner Partnerschaftsmodelle im Hinblick auf Sexualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, ob in einer Zeit, in der fast alle sexuellen Tabus gefallen sind, noch "echte" erotische Grenzerfahrungen im Bataillischen Sinne stattfinden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer und sexualwissenschaftlicher Literatur, insbesondere auf den Schriften von Georges Bataille sowie zeitgenössischen Forschern wie Volker Sigusch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Bataillischen Theorie, eine detaillierte Betrachtung der Transformation sexueller Sphären durch die neosexuelle Revolution und eine Untersuchung moderner Paarstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Verbot, Überschreitung, Erotik, Sexualität, Grenzerfahrung und die Transformation von Intimität.
Wie definiert Bataille die Natur des Menschen im Kontext der Erotik?
Bataille unterscheidet zwischen der Welt der Arbeit und Vernunft einerseits und der Welt der Gewaltsamkeit und Triebe andererseits, wobei der Mensch ständig zwischen diesen Polen vermitteln muss.
Was versteht man unter dem Begriff "neosexuelle Revolution"?
Der Begriff beschreibt den Wandel von einer durch Reproduktion und Ehe geprägten Sexualität hin zu einer individualisierten, kommerzialisierten und durch Selbstoptimierung gekennzeichneten "Selfsex"-Kultur.
Können in der modernen "reinen Beziehung" noch Grenzerfahrungen gemacht werden?
Ja, laut der Argumentation der Autoren können auch in modernen Beziehungen neue, individuell ausgehandelte Grenzen entstehen, deren heimliche Überschreitung ähnliche Sensationen auslösen wie die klassischen Verbote.
Was bedeutet die "Verhandlungsmoral" für die Erotik?
An die Stelle von allgemeingültigen gesellschaftlichen Verboten tritt ein Aushandlungsprozess zwischen Partnern, der neue, individuelle Rahmenbedingungen schafft, innerhalb derer Sexualität stattfindet.
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- M.A. Jan Küver (Author), Jana Pajonk (Author), 2003, Batailles Erotik und die moderne Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75479