Arnold Bergstraesser zur Krise der Weimarer Republik - Autokratie vs. Demokratie


Seminararbeit, 2004
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsstand

2 Arnold Bergstraessers Vorstellungen von der „fortschrittlichen“ Organisation der gesellschaftlichen Kräfte
2.1 Die geistigen Wurzeln Deutschlands zwischen Tradition und Moderne in Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Krise – Ein Balanceakt?
2.2 Die Bedeutung der Wirtschaft nur als Substitut der Politik?
2.3 Die besondere Rolle der Erziehung – Schulung der Jugend als Vorbedingung für den idealen Staat?

3 Zusammenfassung und Bewertung

4 Literaturverzeichnis
4.1 Selbstständig erschienene Literatur
4.2 Unselbstständig erschienene Literatur

1 Einleitung

Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Untergang des Deutschen Kaiserreiches barg für die am 9. November 1918 ausgerufene Republik unterschiedliche Krisenherde für ihr dauerhaftes Bestehen. Der Krieg und die Niederlage bewirkten in der deutschen Gesellschaft, die nunmehr aus zwei Parallelgesellschaften, der der Soldaten an den Fronten und der in der Heimat verbliebenen, zusammengefügt wurde, das Aufkeimen verschiedenster geistiger, sich häufig in der Politik artikulierender Strömungen gegen die sich konstituierende Demokratie. Diese umfassten ein breites ideologisches Spektrum, nicht nur von links nach rechts, sondern auch innerhalb der jeweiligen „Seite“. Nationalistische, revanchistische, antisemitische, monarchistische, anarchistische und sozialistische Kräfte kämpften um die Deutungshoheit in der von allen gleichermaßen aber in unterschiedlicher Form und Intensität verworfenen Republik.

Die Aufgabe der folgenden Arbeit soll es sein, einen Vertreter weder genau der einen noch der anderen Seite vorzustellen, sondern einen solchen, dessen Einordnung in ein statisches Links-Rechts-Schema ebenso schwierig erscheint, wie die eindeutige Herausstellung seiner Positionen zu Demokratie, Parlamentarismus und Republik, wenngleich sich im seinerseits verfassten zeitspezifischen Schrifttum bemerkenswerte Hinweise und deutliche Ansätze für die Präferenz bestimmter staatskonstituierender bzw. – tragender Aspekte ausmachen lassen.

Die Rede ist von Arnold Bergstraesser. Der spätere Staatswissenschaftler wurde 1896 in Darmstadt geboren, studierte Nationalökonomie, Geschichte, Soziologie und öffentliches Recht in Tübingen, München und Heidelberg und promovierte 1923 mit der Schrift „Die wirtschaftlichen Mächte und die Bildung des Staatswillens nach der deutschen Revolution“. 1924 übernahm er die Geschäftsführung des Akademischen Austauschdienstes (AAD), aus dem später der DAAD hervorging. Weiterhin engagierte sich Bergstraesser ausgiebig in der Jugendbewegung, nicht zuletzt an den Hochschulen. In den 1920er Jahren kam parteipolitisches Engagement hinzu; die DDP bot ihm die Kandidatur für ein Reichstagsmandat an, welche an der nicht erfolgten Beurlaubung durch die Universität in Heidelberg nicht erfolgte. Ebendort habilitierte sich Bergstraesser in der Nationalökonomie bei Alfred Weber 1927, woraufhin er im darauffolgenden Jahr den Lehrstuhl für Auslandskunde übernahm, den er bis zu seiner Entlassung 1935 innehatte. Zur Jahreswende 1932/ 1933 war Bergstraesser kurzzeitig als Berater von Reichskanzler Kurt von Schleicher tätig. Im Jahr 1937 emigrierte Arnold Bergstraesser in die USA, von wo er erst 1954, nach kurzzeitigen Gastlehraufenthalten in der Bundesrepublik seit 1950, zurückkehrte. 1964 starb Arnold Bergstraesser in Freiburg/ Breisgau.

1.1 Fragestellung

Die folgende Arbeit widmet sich drei wesentlichen Kategorien im Denken Arnold Bergstraessers bezüglich eines funktionierenden staatlichen Gemeinwesens, die allesamt ihre grundsätzliche Ausprägung und den Anlass für ihre spätere Forcierung im Erleben des Ersten Weltkrieges fanden bzw. durch diesen und dessen Ausgang und Folgen maßgebliche Beeinflussung erhielten.

Folgende Fragen gilt es nach Auffassung des Autors exemplarisch zu stellen: Welche Staats- und/ oder Regierungsform, wenngleich nicht direkt von Bergstraesser thematisiert, so doch in deutlich kontextualisierender Form, sollte seiner Meinung nach ein stabiles Deutschland annehmen? Von welchen Vorbildern sollte es sich leiten lassen – strukturell wie ideell? Welche Rolle spielte hierzu nach seiner Meinung die nationale Vergangenheit und die damit verbundenen Erfahrungen?

Ein weiterer zentraler Punkt in den Ausführungen Bergstraessers dieser Zeit war die Bedeutung der Ökonomie im Spiel der gesamtgesellschaftlichen Kräfte. Welches Verhältnis sollte diese zur Politik einnehmen, welche Funktionen erfüllen? Worin bestand nach Bergstraesser der Zweck ökonomischen Handelns und wo lagen dessen institutionell zu bekräftigende Grenzen?

Abschließend problematisieren die Überlegungen, gefasst in den nachfolgenden Zeilen, die Maßgeblichkeit der Erziehung, vornehmlich der Jugend, in einem neuen nachmonarchistischen deutschen Staat. Arnold Bergstraesser räumt der Jugend aufgrund ihrer Formbarkeit und mangels eigener wesensprägender Erfahrungen für das Gelingen eines neuen Staatswesens große Bedeutung ein. Wie sich uns diese darstellt, soll Inhalt und Anspruch des letzten Teilkapitels des Hauptteils sein. Welche Position nimmt Bergstraesser hierbei im Vergleich zu in der Weimarer Republik gängigen Auffassungen ein und wie begründet er sie? Bevorzugt er tendenziell liberale oder konservative, neuartige oder traditionelle Erziehungsmuster und welchen Institutionen möchte er die Jugend seiner Zeit bezüglich des Aspekts der Erziehung anvertraut wissen?

Sämtliche voranstehende Fragestellungen stehen im Kontext von Bergstraessers Beurteilung des republikanischen Deutschlands zum Zeitpunkt der Krise am Vorabend des nationalsozialistischen Erfolges, weshalb vornehmlich die Schriften dieser Zeit aus seiner Feder hier Berücksichtigung finden.[1]

1.2 Aufbau

Zunächst widmet sich die Arbeit knapp dem gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema und bezieht dabei die Schriften Bergstraessers, die Kommentierung derselben sowie die der Geistesströmungen der Weimarer Republik im Allgemeinen mit ein (Kapitel 1.3), um die Bedeutsamkeit von Arnold Bergstraesser als für die Zeit und eine bestimmte Denkrichtung nicht untypisch zu konturieren, wenngleich sich, wie zuvor bereits angedeutet, dessen Überlegungen nicht eindeutig bestimmten ideologischen Gruppierungen zuordnen lassen.

In Kapitel 2 unternimmt der Autor den Versuch, Arnold Bergstaessers Einschätzung des politischen Systems (Kapitel 2.1) nachzuzeichnen sowie seine Kritik an demselben zu extrapolieren. Ziel der Untersuchung soll es dabei sein, dessen Präferenzen zwischen autokratischem und demokratischem System herauszustellen.

Kapitel 2.2 untersucht Bergstraessers Haltung zum wirtschaftlichen Gefüge Weimars und hat den Anspruch, nachzuzeichnen, welche Rolle ökonomische Aspekte in einem Gesellschaftssystem seiner Meinung nach ausfüllen dürfen bzw. sollten.

Kapitel 2.3 legt den Fokus auf die Bedeutung der gesamtgesellschaftlichen Erziehungsarbeit eines Gemeinwesens und dessen Ort. Arnold Bergstaesser äußerte sich dazu, selbst aus der Jugend- und Studentenbewegung[2] stammend, mehrfach[3].

Kapitel 3 hat die Aufgabe, neben einer Zusammenfassung der voranstehenden Ausführungen, auch eine Bewertung derselben vorzunehmen.

Kapitel 4 ist ein ausführliches Literaturverzeichnis der in der Arbeit Anwendung gefundenen Schriften zu entnehmen.

1.3 Forschungsstand

Während sich die Literaturlage, die eine Bewertung von Arnold Bergstraessers Schriften[4] der Zeit der Weimarer Republik vornimmt, insbesondere der Phase der Krise zwischen 1929 und 1933, als überaus dünn erweist, liegen Ausarbeitungen zu den Geistesströmungen dieser Zeit im Allgemeinen[5] zahlreich vor, besonders solche, die sich der sogenannten „Konservativen Revolution“[6], die allerdings in ihrer Aktion nicht auf die Krisenjahre der Republik beschränkt blieb, widmen.

2 Arnold Bergstraessers Vorstellungen von der „fortschrittlichen“ Organisation der gesellschaftlichen Kräfte

2.1 Die geistigen Wurzeln Deutschlands zwischen Tradition und Moderne in Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Krise – Ein Balanceakt?

Aus dem Titel des Unterkapitels geht bereits hervor, dass nach Auffassung des Autors Arnold Bergstraesser eine der parlamentarischen Demokratie, zumindest unter den Bedingungen der Weimarer Republik, die nicht zuletzt durch wirtschaftliche Rezession und hohe Reparationsverpflichtungen gegenüber den Siegermächten der Entente gekennzeichnet waren, wenigstens zurückhaltende, eher ablehnende Haltung einnahm. In der 1930 entstandenen Schrift „Deutschland und die europäische Politik“[7] konkretisiert Bergstraesser eindruckvoll deutlich, inwiefern sich für ihn und wodurch die parlamentarische Demokratie seit 1918/ 1919 diskreditiert oder wenigstens als ineffektiv für die praktische Politik erwiesen habe. Er schreibt, dass sich „Zugleich ... des zu Ende gehenden Jahres erwiesen [habe], daß die deutsche parlamentarische Demokratie der Aufgabe bisher nicht gewachsen war oder gewachsen sein konnte, die ihr durch die Parlamentarisierung des Regimes gestellt war: Regierungswahl und Interessenvertretung in der selben Körperschaft durchzuführen.[8] “ Er sieht das Parlament in seinen Fähigkeiten überfordert, wenn es sowohl der Interessenvertretung wie der Regierungswahl nachzukommen habe. Bergstraesser verwirft den Pluralismus der Meinungen und Interessengruppen, welche die Arbeit des Parlaments zu beeinträchtigen drohen. Ihm missfällt die Vielstimmigkeit in der deutschen Innenpolitik, die durch die Krisenzeit vor und während der Weltwirtschaftskrise noch verstärkt festzustellen war und mit deren Bewältigung sich der deutsche Parlamentarismus als zu lösen unfähig erwies. Dies führe seiner Meinung nach zur Verhinderung eines kraftvollen Auftretens Deutschlands nach außen. Er sieht das Reich zumindest innereuropäisch ins Hintertreffen geraten.

[...]


[1] Die Arbeit nimmt ausschließlich zu folgenden Schriften Bergstraessers Stellung bzw. bezieht diese in die Überlegungen zu o.a. Fragestellungen ein: Bergstraesser, Arnold: Die geistigen Grundlagen des Nationalbewusstsein in der gegenwärtigen Krise, Stuttgart/ Berlin 1932; Bergstraesser, Arnold: Nation und Wirtschaft, Hamburg 1933; Bergstraesser, Arnold: Deutschland und die europäische Politik; in: Neue Blätter für den Sozialismus, Heft 12, Jg. 1930, S. 529-535; Bergstraesser, Arnold: Erinnerungen des deutschen Krieges; in: Europäische Revue, Jg. 1929, S. 145-150; Bergstraesser, Arnold: Jugendbewegung und die Universität; in: Bergstraesser, Arnold/ Hermann Platz: Jugendbewegung und Universität. Vorträge auf der Tagung deutscher Hochschullehrer in Weimar 1927, Karlsruhe 1927, S. 1-27 (mit einem Nachwort von Arnold Bergstraesser, S. 37-39); Bergstraesser, Arnold: Landwirtschaft und Agrarkrise in Frankreich; in: Schmollers Jahrbuch, Jg. 1928, S. 77-129; Bergstraesser, Arnold: Sinn und Grenzen der Verständigung zwischen den Nationen; in: Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte IX, Altenburg 1930, S. 7-91; Bergstraesser, Arnold: Staat und Erziehung; in: Hochschule und Ausland, Heft 9, Jg. 1933, S. 6-10; Bergstraesser, Arnold: Staat und Wehrverbände; in: Europäische Revue, Jg. 1927, S. 300-302.

[2] Mit dem Terminus „Studentenbewegung“ bezieht sich der Autor keineswegs auf in dieser Weise bezeichnete Entwicklungen der 1960er Jahre, sondern auf zeittypische Organisationsformen der Weimarer Republik, die ihre Ursprünge meist in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches (1871-1918) gefunden hatten, allerdings ebenfalls durchaus politischen Charakter trugen.

[3] U.a.: Bergstraesser, Arnold: Jugendbewegung und die Universität; in: Bergstraesser, Arnold/ Hermann Platz: Jugendbewegung und Universität. Vorträge auf der Tagung deutscher Hochschullehrer in Weimar 1927, Karlsruhe 1927, S. 1-27 (mit einem Nachwort von Arnold Bergstraesser, S. 37-39); Bergstraesser, Arnold: Staat und Erziehung; in: Hochschule und Ausland, Heft 9, Jg. 1933, S. 6-10.

[4] Mit deutlichen Einschränkungen für die zeitspezifische Analyse: Oberndörfer, Dieter (Hrsg.): Arnold Bergstraesser. Weltpolitik als Wissenschaft, Band 1, Opladen 1965.

[5] Besonders sei auf folgende Schriften verwiesen: Bracher, Karl Dietrich: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert, München 1985; Gurian, Waldemar (unter dem Pseudonym Walter Gerhart): Um des Reiches Zukunft, Freiburg i. Br. 1932; Klemperer, Klemens v.: Konservative Bewegungen. Zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, Wien 1957; Lenk, Kurt u. a.: Vordenker der Neuen Rechten, Frankfurt 1997; Schulze, Hagen: Vom Scheitern einer Republik; in: Bracher, Karl Dietrich u.a. (Hrsg.): Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, 3. Auflage, Bonn 1998, S. 617-626; Sontheimer, Kurt: Die politische Kultur der Weimarer Republik; in: Bracher, Karl Dietrich u.a. (Hrsg.): Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, 3. Auflage, Bonn 1998, S. 454-464; Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, 4. Auflage, München 1994; Tyrell, Albrecht: Auf dem Weg zur Diktatur. Deutschland 1930 bis 1934; in: Bracher, Karl Dietrich u.a. (Hrsg.): Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, 2. Auflage, Bonn 1993, S. 15-31.

[6] Beispielhaft: Eickhoff, Volker/ Ilse Korotin (Hrsg.): Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe. Der Geist der Konservativen Revolution, Wien 1997; Martin, Alfred v.: Der heroische Nihilismus und seine Überwindung. Ernst Jüngers Weg durch die Krise, Krefeld 1948; Sieferle, Rolf Peter: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Frankfurt/ M. 1995; Werth, Christoph H.: Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945, Opladen 1996.

[7] Vgl. Bergstraesser, Arnold: Deutschland und die europäische Politik; in: Neue Blätter für den Sozialismus, Heft 12, Jg. 1930, S. 529-535.

[8] Ebenda, S. 529.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Arnold Bergstraesser zur Krise der Weimarer Republik - Autokratie vs. Demokratie
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Fachbereich Politikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V75540
ISBN (eBook)
9783638800426
ISBN (Buch)
9783638803120
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arnold, Bergstraesser, Krise, Weimarer, Republik, Autokratie, Demokratie
Arbeit zitieren
M.A. Michael Kunze (Autor), 2004, Arnold Bergstraesser zur Krise der Weimarer Republik - Autokratie vs. Demokratie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75540

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